04.02.2013

SYRIENIn der Höhle des Löwen

Damaskus ist zum Schlachtfeld geworden: Assads Getreue tun so, als könnten sie noch gewinnen. Und die Menschen in der Hauptstadt versuchen nur, irgendwie zu überleben.
Der General sagt: "Mit denen sind wir bald fertig." Sein Unterkiefer ist breit, das graue Haar liegt wie ein dichter Kranz um sein Haupt.
Der General könnte vom Dach seines Militärgebäudes hinter dem Umajjaden-Platz von Damaskus die Rauchschwaden über dem Vorort Daraja aufsteigen sehen, in dem die Rebellen gegen seine Soldaten kämpfen. Er sitzt in seinem Zimmer im dritten Stock hinter einem monströsen Holzschreibtisch vor den Porträts des Dynastiegründers Hafis al-Assad und seines Sohnes Baschar.
Der General ist Anfang fünfzig, Infanterie, auf der Schulter den syrischen Falken und die gekreuzten Schwerter in Gold, er gehört zur Militär-Elite. Sein Leben lang diente er dem Assad-Regime.
Es seien nicht mehr viele "Terroristen" in Daraja, behauptet der General, noch ein paar "Nester" hier und da, sie versteckten sich in Kellern "wie die Ratten", sie bauten Tunnel oder hingen in den Wasserkanälen. "Das ist ihr ganzer jämmerlicher Widerstand", sagt er.
Der Name des Generals steht groß an der Eichentür, er ist eingraviert in ein Stück glänzendes Metall. Aber nein, sagt der General, sein Name dürfe nicht genannt werden. Das Militär, die Geheimdienste, der syrische Sicherheitsapparat, niemand spricht hier öffentlich.
Die Rebellen sind gefährlich nahe an die Altstadt von Damaskus gekommen, und womöglich sind die Tage des Generals schon bald gezählt. Seit 23 Monaten tobt der Bürgerkrieg in Syrien, mehr als 60 000 Menschen sind bislang gestorben. Die Rebellen kämpfen sich voran, quälend langsam, mit vielen Rückschlägen, immer wieder stehen sie und die Armee sich in zermürbenden Schlachten gegenüber. Assads Militär hält sich vor allem in den Städten, das Land dazwischen beherrscht das Regime nicht mehr, es ist oft gesetzloser Raum. Die Rebellen haben viele Nachschubwege abgeschnitten, in manchen Außenposten hungern die Soldaten und müssen sparsam umgehen mit den Patronen.
"Assad" heißt "Löwe", Damaskus, die Hauptstadt, ist zur Höhle des Löwen geworden. Hier hat Baschar al-Assad sich verschanzt, die Kräfte der Armee sind hier zusammengezogen, Damaskus wird vom Militär verteidigt, um jeden Preis. Aber die Rebellen in Vororten wie Duma oder Daraja setzen dem Regime seit sechs Monaten furchtbar zu. Manchmal finden die Gefechte nur 600 Meter Luftlinie entfernt von der Altstadt statt.
Deshalb wirken manche Straßen in Damaskus heute so gespenstisch: Außenwände zerstörter Häuser ragen in den Winterhimmel, immer wieder donnern Mörser, rattern Maschinengewehre. Und wenige hundert Meter weiter haben die Geschäfte geöffnet, auf den Basaren kann man DVDs und Schmuck, Koffer und Kleidung kaufen. Regierungsleute gehen ihren Geschäften nach, als wäre alles ganz normal - fast wie früher, im Jahr 2000, als Baschar al-Assad die Macht nach dem Tod seines Vaters Hafis übernahm, als Damaskus auf rasche Modernisierung hoffte, mitten im zerrissenen Nahen Osten.
Assad wirkte frisch damals, er hatte in England gelebt. Das korrupte Syrien seines Vaters sollte in die Zukunft katapultiert werden.
Es gab plötzlich Mobiltelefone, bald Internet und Shopping-Malls, man investierte in Universitäten und Luxushotels. Der Präsident und seine kosmopolitische, schöne Frau Asma flanierten durch die Altstadt, trafen sich zum Lunch mit Hollywood-Star Angelina Jolie. Die Polit-Aktivistin aus den USA logierte in Zimmer Nummer 5 des Boutique-Hotels Talisman, und das Reisemagazin der "New York Times" wählte Damaskus zu einer der wichtigsten Destinationen der Welt.
Aber hinter dem jungen Präsidenten stand noch immer der alte Apparat des Vaters, ein paar Millionen Profiteure gehörten dazu, auch viele Alawiten, Mitglieder jener den Schiiten nahen Sekte, zu der die Assads gehören. Warum sollten sie Interesse haben an Reformen?
Anders als Vater Hafis, der die Sicherheitsdienste mit eiserner Faust regierte, wurde der viel weichere Baschar nie wirklich Alleinherrscher. Die Männer seines Vaters regieren bis heute mit.
Die Angst schützte dieses Regime; jetzt aber scheint die Angst die Seiten zu wechseln, sogar in der Hauptstadt. Es trifft nun Armeeoffiziere, wenn sie mit dem Bus vom Dienst nach Hause fahren, oder Ministerialbeamte, Geschäftsleute, jene, die reich sind oder im Verdacht stehen, loyal zum Regime zu sein: Sie werden von Bewaffneten verschleppt, in Kellern eingesperrt, manchmal wochenlang. Die Täter behaupten oft, sie seien Rebellen von der Freien Syrischen Armee, manche Opfer werden mit brennenden Zigaretten traktiert oder im Schnee ausgesetzt, nur mit einer Unterhose bekleidet, nachdem Lösegeld bezahlt wurde.
Ob die Täter aber für ein freies Syrien kämpfen oder ob es sich um gewöhnliche Kriminelle handelt, wer weiß das schon immer?
Im Westen von Damaskus, im Viertel mit dem Namen Mezze 86, leben fast nur Alawiten. Mezze 86 ist die Heimat von bescheidenen Profiteuren des Regimes, die Heimat der Mitläufer. Die Menschen hier arbeiten im Wirtschaftsministerium, bei der Polizei oder der Armee.
Als Beamte verdienen sie zwischen 10 000 und 30 000 Syrische Pfund im Monat, 100 bis 300 Euro. Die meisten hier bauten ihre kleinen Häuser aus Beton vor 20 Jahren, an jeder Kreuzung hängen Plakate von Baschar al-Assad. Der studierte Augenarzt, der nur eine sehr oberflächliche Armeeausbildung erhielt, versuchte furchterregend auszusehen, als er für diese Plakate fotografiert wurde, mit dunkler Sonnenbrille, Generalsuniform, finsterem Blick.
Anfang Oktober explodierte die erste Autobombe in Mezze 86. Am 5. November riss eine große Explosion eine ganze Ladenreihe weg, mindestens elf Menschen starben, Dutzende wurden verwundet.
Hassan Chudirs Häuschen steht nicht weit von dort, er ist Beamter im Transportministerium, trägt Kordsakko und Krawatte, auch zu Hause, im kleinen Wohnzimmer. Aber der Alawit ahnt, dass sein geordnetes altes Leben vorbei ist. Chudir, seine vier Kinder, die Frau, sie müssen die Rache der Rebellen fürchten: "Wir sterben, alle, ohne Versöhnung."
Aber auch die Rebellen in Damaskus sind vom Tod bedroht, wie die drei jungen Frauen im Hinterzimmer eines Damaszener Cafés: Sie tragen weiße Hidschabs, mit denen sie Haar und Hals bedecken, ihre langen Mäntel wollen die Studentinnen nicht abstreifen. Sie seien traditionelle Musliminnen, sagen sie. Sie kommen mit zwei jungen Männern.
Alle fünf arbeiten für "Enab Baladi", eine Untergrundzeitung und Website aus der Rebellenhochburg Daraja, nur vier Kilometer von Mezze 86 entfernt. "Enab Baladi" heißt "Trauben meines Landes", der Name soll an die süßen Früchte erinnern, die früher in den Gärten von Daraja wuchsen.
Seit einem Jahr dokumentieren die Autoren von "Enab Baladi", was in Daraja geschieht, die Vernichtung, seit die Armee den Vorort im Sommer als Terror-nest ausmachte. Sie schreiben, sie fotografieren, sie filmen: wie Kampfjets ihre tödliche Fracht über Daraja abladen, wie Panzer durch die Siedlung rollen und wahllos in Häuser schießen, wie die Armee am 25. August 2012 von Haus zu Haus ging, wie sie die Unterstützer der Revolte aus den Kellern zog und sie an die Wand stellte. Hunderte wurden an diesem Tag erschossen, sagen die Gründer von "Enab Baladi".
Das Video, das die Frauen als Beispiel mitgebracht haben, ist verwackelt. Zu erkennen sind die Trümmer eines Hauses, "Allahu akbar", sagt eine ängstliche Stimme, "Allahu akbar". Der Kameramann drückt die Pforte des bombardierten Hauses ein, er steigt über umgestürzte Tische und Kommoden. Eine Gestalt liegt auf dem Rücken mit angewinkelten Beinen, tot, der Mann war Mitte vierzig. "Allahu akbar", schluchzt der Kameramann. Er eilt ins Bad, am Boden ein weiteres Opfer, insgesamt drei Leichen finden die Kameraleute hier. "Allahu akbar", weinen sie.
Mit der Formel "Allahu akbar - Gott ist groß" stärkte der Prophet Mohammed vor fast 1400 Jahren angeblich die Kampfmoral seiner Krieger. Muslimische Kämpfer nutzen sie bis heute, auch al-Qaida-nahe Gruppen wie al-Nusra. Sind die Widerständler von Daraja also Extremisten, wie der General sagt?
"Enab Baladi" ist die Stimme der Überlebenden aus Daraja. Wo früher ihr Leben war, ihre Schulen, die Post, Krankenhäuser, sind heute nur Ruinen.
Wie radikal seid ihr?
"Anfangs demonstrierten wir mit Blumen für Reformen. Die Regierung lud zu einem Runden Tisch, danach kannten sie unsere Anführer, sie haben sie verhaftet. Wir sind konservativ, aber wir wollen kein Kalifat. Wir sehnen uns nach Demokratie, nach Menschlichkeit."
Entführen eure Verbündeten Menschen?
"Ja, wir müssen unsere Verwandten und Freunde austauschen, die noch immer im Gefängnis sind."
Kämpfen Extremisten an eurer Seite?
"Wie können wir wählerisch sein? Wir sind Opfer, wir sterben, wir greifen nach jedem Strohhalm."
Wie soll ein freies Syrien aussehen, das mit Hilfe von Islamisten der Gruppe al-Nusra errungen wurde?
"Wenn das Regime fällt, kämpfen wir gegen al-Nusra, das ist hier nur der Anfang eines langen Prozesses."
Die Beiträge auf "Enab Baladi" sind erstaunlich nüchtern, selbst wenn, wie an diesem Tag, einer der Mitgründer der Zeitung im Auto von einem Schrapnell tödlich getroffen wird. Doch 23 Monate Krieg haben auch die Herzen der Oppositionellen vergiftet.
Der Kampf gegen eine Armee, die ihr eigenes Land zerstört und die Bitterkeit darüber, dass die westliche Welt sie alleingelassen hat, haben auch bei den Besten die inneren Grenzen verschoben. "Ja, das ist aus uns geworden", sagt einer von den beiden Männern, ein Informatikstudent, beschämt.
Anfangs waren es allein die Armee und die Schlägertrupps der Assads, vor allem die Schabiha, arabisch die "Geister", von denen die Brutalität ausging. Die Schabiha-Milizen bestehen aus Kriminellen, Radikalen, aufgehetzt und bezahlt vom Sicherheitsapparat. Sie kommen ursprünglich aus dem alawitischen Hinterland der Küste von Latakia und Tartus, der Heimat der Assads. Die Schabiha erledigen in Assads Sicherheitsapparat die Schmutzarbeit.
Ihren Namen tragen die Killer, seit kriminelle Mitglieder des Assad-Clans in den siebziger Jahren den damals beliebten Mercedes Benz 600 stahlen, sobald sich ein Besitzer eines solchen Autos in ihr Revier wagte. Wegen seiner opulenten Scheinwerfer sollen sie diesen Mercedes-Typ "Geist", Schabah, genannt haben. Die "Geister" in diesem Krieg ziehen mordbrennend durch die Dörfer des Widerstands, manchmal gemeinsam mit der Armee, sie morden und rauben.
Beide Seiten, die Rebellen und das Regime, sind Werkzeuge eines großen Kräftemessens geworden: Russland, China und Iran auf der einen, Saudi-Arabien, Katar, die Türkei, die USA mit Europa auf der anderen Seite.
Die Saudi-Araber mit ihren Verbündeten würden Syrien gern aus der schiitischen Achse - Iran, Hisbollah - herausreißen. Die meisten Syrer sind Sunniten, nur wurden sie bislang beherrscht von dem alawitischen Clan der Assads. Saudi-Araber und Türken möchten den Einfluss der Sunniten in der Region vergrößern.
Die Gegenseite, allen voran die Russen, wollen die Dominanz des Westens im Nahen Osten begrenzen, sie wollen ihre alten Pfründen sichern, zum Beispiel die einzige russische Marinebasis im Mittelmeer, Tartus.
"Dieser Aufstand ist zum großen Teil von außen organisiert, von außen bezahlt", behauptet Faisal Mikdad, Assads Vizeaußenminister. Er war viel unterwegs in den letzten Wochen: in Russland, Iran, China. Ein unscheinbarer Mann, blauer Anzug, einfarbige Krawatte, aber er organisiert die Außenpolitik des Regimes, er ist dankbar, dass die letzten Freunde bisher auf Linie der Regierung bleiben.
Die Rebellen erhielten "Milliarden US-Dollar aus den Golf-Staaten", behauptet er in seinem riesigen Büro im Damaszener Außenministerium. "Das ist ein weltweites Söldnergeschäft." Besonders die Saudi-Araber und die türkischen Nachbarn würden mitmischen. Mit Hilfe religiöser Gruppen wolle Ankaras Premier Recep Tayyip Erdogan "ein neues osmanisches Imperium errichten". Dabei sei die Regierung Assad im Weg, deshalb unterstütze die Türkei die Aufständischen.
Die Informationen über den Kampf der Rebellen laufen heute zentral zusammen in den sogenannten Lokalen Koordinationskomitees in Idlib und Aleppo, Homs und Hama. Doch keineswegs alle Revolutionäre hören auf ein gemeinsames Kommando. Splittergruppen kämpfen irgendwo für irgendetwas. Dilettanten neben Profis, es gibt desertierte Soldaten, Dschihadisten aus Libyen, Tunesien, sogar Australien und die Extremisten von al-Nusra. Es geht um den Sturz des Regimes, den wollen alle, jetzt. Doch wenn Assad wirklich fällt, dürften die Gemeinsamkeiten schnell zu Ende sein.
Dabei leiden die Zivilisten. Auch in Damaskus ist das Überleben schwieriger geworden und das Alltagsleben hart. Es gibt nur stundenweise Strom. Gas und Diesel sind rationiert, und auf dem Schwarzmarkt kostet Brennstoff fünfmal so viel wie vor der Krise, deshalb backen die Bäckereien manchmal kein Brot. Ein Hotelangestellter von Angelina Jolies ehemaliger Luxusherberge Talisman sitzt heute mit seinen Kollegen im einzigen warmen Zimmer um einen Bullerofen. Es gibt keinen Strom und natürlich keine Gäste.
Nicht weit davon hetzt etwas später eine junge Frau durch die Gassen des Christenviertels. Sie hat sich die Haare gefärbt, um nicht erkannt zu werden, hellblond, sie hat die Kapuze des Mantels tief ins Gesicht gezogen. Sie ist auf der Suche nach einem Ort, an dem die Wände keine Ohren haben, sie flüstert, wie es ihr oft geht in diesem Krieg: "Ich liege im Bett, das Haus ist kalt und dunkel, das Telefon tot, ich heule."
Sie gehört zu einer kleinen Gruppe von Oppositionellen, die versucht, Verschwundene aufzuspüren oder wenigstens zu zählen. Denn der Staat ist zwar längst ausgehöhlt, aber noch bäumt er sich auf. Die Geheimdienstler fangen Menschen wie sie ab, foltern, das Übliche: fensterlose Massenzellen, Aufhängen an den Händen, Schläge auf die Waden, bis sie dunkelblau sind, Schläge auf den Rücken, bis die Haut platzt.
Stimmt gar nicht, sagen die Regierenden in Damaskus. Der Parlamentspräsident ist ein unglücklich dreinblickender Herr im schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte. Er hat einen schmalen Mund, einen blonden Schnauzbart. Ein Kommando der Rebellen hat im November seinen Bruder erschossen, als dieser auf dem Weg zur Arbeit war.
Mohammed Dschihad al-Laham sitzt im schwer gesicherten Abgeordnetenhaus, sein Stuhl ist mit Perlmutt-Intarsien geschmückt, dahinter ragt eine verschwenderische Gold-Schmuckwand auf, mit dem Konterfei von Baschar al-Assad.
"Was will diese Opposition eigentlich?", fragt Laham, theatralisch hebt er die Hände: "Zerstören!"
Präsident Assad habe die Forderungen der Demonstranten doch gehört. Ja, sie seien legitim gewesen, und Assad habe alles geändert, wie gewünscht: Die Notstandsgesetze seien aufgehoben worden, eine Einheitspartei gebe es nicht mehr, die Parlamentswahl habe stattgefunden, die Gründung von Parteien sei jetzt erlaubt. "Was noch?", bebt Laham. "Wir wollen Verhandlungen, mit allen Seiten, wir schließen niemanden aus, wir geben Sicherheitsgarantieren", sagt der Parlamentschef.
Was ist jetzt mit der Folter?
Der Jurist bestreitet erst gar nicht. Laham ist auch Präsident der syrischen Juristengewerkschaft, mit Misshandlungen kennt er sich aus.
Folter, das habe man hier so gemacht, früher, aber jetzt dürfe ein Untersuchungshäftling nur noch 60 Tage im Gefängnis gehalten werden, behauptet er. Falls gefoltert werde, habe der Häftling neuerdings das Recht, einen Arzt zu sehen: "Ist das Geständnis durch Folter erzwungen, verwenden wir es nicht bei Gericht."
Draußen hat die Menschenrechtsaktivistin ein ruhiges Café gefunden. Sie sagt, sie spüre den Unglücklichen in den Verliesen der Geheimdienste nach, etwa im berüchtigten Chatib-Gefängnis. Mal helfen ihr persönliche Kontakte, mal geben ihr Männer im Sicherheitsapparat heimlich Hinweise. Mindestens 60 000 Menschen seien landesweit inhaftiert, sagt sie. Eine Mitstreiterin wurde gerade verhaftet, eine Anwältin. Die Aktivistin hat Angst, sie will trotzdem ausharren in Damaskus. "Es können nicht alle fortgehen", sagt sie.
Aber Damaskus, die biblische Stadt mit ihren prächtigen Gärten, in der sich die Religionen friedlich begegneten, gibt es so längst nicht mehr. Niemand sitzt nachts noch in den Bars und Restaurants der Altstadt. Jetzt sind die Flüchtlinge aus Aleppo hier, aus Idlib, aus Duma und Daraja, die Armen betteln auf der Straße, sie kriechen in den Häusern von Verwandten unter.
Die Strippen am Fahnenmast vor der verlassenen deutschen Botschaft im Stadtteil Malki hängen lose herab. Die Fensterläden der niederländischen Botschaft sind verrammelt, die mit Stacheldraht gesicherte US-Vertretung ist ebenfalls geschlossen. Die Saudi-Araber haben das Licht angelassen.
Die reichen Syrer haben sich in die USA oder nach Paris abgesetzt, dort haben viele von ihnen Häuser. Wer kann, der geht wenigstens in den Libanon oder nach Jordanien, die Alawiten gehen nach Tartuz oder Latakia. Aber wer Daraja, den umkämpften Vorort von Damaskus, bis jetzt nicht verlassen hat, wird es wohl nicht mehr können.
Die Armee behauptet, sie habe Daraja eingekesselt, die Tunnel, die den Ort noch mit der Außenwelt verbanden, seien enttarnt und verschlossen. "Wir haben 90 Prozent der Terroristen vernichtet", so ein Armeesprecher vergangene Woche im Fernsehen.
Die 26-jährige Marjam ist eine der "Enab Baladi"-Autoren aus Daraja, im Café öffnet sie ihren Laptop, noch ein Video, diesmal vom Bombeneinschlag in das Haus eines Mitstreiters der Zeitung. Und dann die Bergung von 15 Leichen aus dem Geröll, das war seine Familie. "Was haben wir noch?", fragt die junge Frau, sie lacht bitter.
Wie lange kann das so weitergehen? Manche in Damaskus sagen, Assad könne noch bis 2014 durchhalten, er will sich dann durch Wahl als neuer Präsident legitimieren. Ein saudi-arabischer Geheimdienstmann ist sicher, dass Assad spätestens in sechs Monaten Geschichte sein wird. Vielleicht werde ihn jemand aus den eigenen Reihen ermorden, viele im inneren Kreis seien bestechlich, alles eine Frage des Preises, sagt er. Dann könne vielleicht bald ein Frieden zwischen den Parteien verhandelt werden.
"Pralinen?", fragt der General hinter seinem großen Holzschreibtisch. Er versucht ein Lächeln. "Wie könnten wir so köstliche Schokolade produzieren, wenn wir tatsächlich schon am Ende wären?"
Von Koelbl, Susanne

DER SPIEGEL 6/2013
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