04.02.2013

TIEREKiller mit Kulleraugen

Weltweit treibt ein Raubtier sein Unwesen, das zum Spaß tötet und nur davon lebt, dass Menschen es lieben, schützen und füttern. Für Singvögel ist die Katze zu einer der größten Gefahren geworden. Wer geht gegen die Vierbeiner vor?
Wo ist der Kaka geblieben? Wo der Weka, der Kokako und wo der Kiwi? Existenzbedroht sind sie alle, wie so viele der einzigartigen Vögel Neuseelands, denn allzu oft landen sie im Maul des wohl mörderischsten Raubtiers auf diesem Planeten.
Dieser Fleischfresser sieht nicht entfernt so todbringend aus wie der Weiße Hai, so muskulös wie der Grizzlybär oder so gefräßig wie Tyrannosaurus rex. Doch niemand sollte ihn unterschätzen. Felis catus, so heißt die Hauskatze mit wissenschaftlichem Namen, ist ein nach Hunderten von Millionen zählender Killer mit Kulleraugen.
Mit seinem Charme hat er es geschafft, sich ins Herz des Menschen zu schleichen und sich ihn untertan zu machen. Er lässt sich vom Homo sapiens rundumversorgen - nahrungstechnisch, medizinisch, bestandspolitisch. Daheim spielt er die Rolle des eigenwilligen Schmusetiers. Vor der Türe aber lebt er seine wahre Natur aus: Da ist er nichts anderes als ein durchs Gebüsch marodierender Attentäter, ohne Gnade, ohne Einsicht. Therapie zwecklos.
"Katzen müssen weg", sagt Gareth Morgan, 59, ein Geschäftsmann, der sich jetzt als reicher Philanthrop versucht. Seine augenblickliche Mission aber rückt ihn in den Mittelpunkt eines globalen Shitstorms. Dabei ruft Morgan gar nicht auf zur Katzentötung - obwohl auch dies "eine Option" sei, wie er sagt. Mit der "Cats to Go"-Kampagne bittet er seine Landsleute lediglich, ihre Miezen mit Rücksicht auf die bedrohte Tierwelt nicht mehr zu ersetzen, sobald diese das Zeitliche segnen.
Ohne die flauschigen Räuber, da ist Morgan sicher, wäre Neuseelands Natur besser dran. Vogellieder erfüllten die Städte; Pinguine trotteten angstfrei über den Strand; der Kiwi, nicht der Kater, streifte durch die Gärten. Die Evolution hat für Neuseeland keine Landraubtiere vorgesehen - und darum sind die dort beheimateten Arten der Katze schlicht nicht gewachsen. Dennoch zählen die Neuseeländer zu den katzenliebsten Völkern der Welt. Fast die Hälfte der 1,7 Millionen Haushalte päppelt mindestens einen Stubentiger.
Wie schlimm die Katzenplage aber wirklich ist, das enthüllte vergangene Woche eine Studie aus den USA. Demnach töten die Samtpfoten weitaus mehr Federtiere, als Experten bisher befürchtet hatten. US-Vögel kommen zwar zu Millionen um, weil sie gegen Fensterscheiben prallen, weil die Rotorblätter von Windkraftanlagen sie erschlagen, weil Pestizide sie vergiften, weil Autos sie überfahren. Weitaus größer aber ist für Vögel eine andere menschengemachte Gefahr: die Vorstadt-Guerilla der Miezekatzen.
Biologen um den Forscher Scott Loss vom renommierten Smithsonian Conservation Biology Institute analysierten alle einschlägigen Studien zum Thema. Dann rechneten sie hoch. Das schockierende Ergebnis, veröffentlicht in der Online-Publikation "Nature Communications": 84 Millionen US-Hauskatzen plus mehr als 30 Millionen streunende Artgenossen bringen in den USA jedes Jahr mindestens 1,4 Milliarden Vögel um, vielleicht sogar bis zu 3,7 Milliarden Stück.
Zuvor waren Biologen von einer Opferzahl ausgegangen, die im Bereich von Hunderten Millionen lag. "Wir sind vollkommen überrascht von diesem Resultat", sagte Peter Marra, einer der beteiligten Forscher, der "New York Times".
Außerdem befördern die Katzen jährlich mindestens 6,9 Milliarden, möglicherweise sogar bis zu 20,7 Milliarden Säugetiere ins Jenseits, darunter Maulwürfe, Karnickel, Ziesel und Grauhörnchen. Katzen töten, was sich bewegt und kleiner ist als sie, selbst vor Giftschlangen und Skorpionen schrecken sie nicht zurück.
Der Großteil der Wilderei geht auf das Konto von verwilderten Katzen, stellen die Forscher fest. Aber auch die Freigänger im Privatbesitz seien verantwortlich für "eine substantielle Wildtier-Mortalität", wie es in der Studie heißt. Die Forscher fordern deshalb einschneidende Maßnahmen, etwa Hausarrest für Katzen zur Brutzeit.
Auch britische Forscher sorgen sich wegen zweier Trends. Die Zahl der Katzen dort hat sich seit 1965 verdoppelt - und gleichzeitig nahm die Zahl etwa der Stare und Spatzen in den Städten ab. Wer einen Zusammenhang nahelegt, wird nicht selten massiv angefeindet von der mächtigen Lobby der Katzenfreunde.
In Großbritannien drängen sich mitunter tausend Samtpfoten pro Quadratkilometer im besiedelten Gebiet. Das ist abstrus: Nicht einmal in der Serengeti könnte eine Raubtierart jemals eine solche Dichte erreichen, schließlich müssen wilde Raubtiere von dem leben, was sie erlegen. Katzen nicht. Sie töten, ihrem Jagdtrieb folgend, zum Zeitvertreib. Gegessen wird daheim.
Womöglich, darauf weisen die Briten hin, ist das Katzenproblem sogar noch dramatischer, als es scheint. Denn Katzen bringen den Tod selbst dann, wenn sie gar nicht töten. Es reicht, dass sie da sind.
In einem katzenverseuchten Revier, so haben die Forscher um Andrew Beckerman von der University of Sheffield vorgerechnet, herrscht eine "Ökologie der Angst". Die Vögel stehen permanent unter Stress. Elterntiere richten ihre Aufmerksamkeit nicht auf den Nachwuchs, sondern auf die Räuber, sie können sich nicht mit voller Kraft auf die Fütterung konzentrieren. Im Extremfall sinkt ein Vogelbestand um bis zu 95 Prozent.
Längst wird die Hauskatze auf der Liste der 100 weltweit gefährlichsten invasiven Arten geführt. Eigentlich stammt sie aus dem Nahen Osten, wo es ihr als Kammerjäger schon vor Jahrtausenden gelungen ist, sich unter Menschen beliebt zu machen. In seinem Schutz ist sie sodann vorgedrungen bis in die letzten Winkel der Erde.
Vor allem auf Inseln trägt die Katze neben den Ratten zu wahren Ökokatastrophen bei. Der Guadalupe-Karakara hat das Zusammentreffen mit ihr nicht überstanden, ebenso wenig die Hawaii-Ralle. Auf Inseln waren Katzen bisher 22-mal am Aussterben von Vögeln beteiligt.
Die amerikanischen Ergebnisse seien "alarmierend" und "sicher auch auf Deutschland übertragbar", urteilt Axel Hirschfeld vom "Komitee gegen den Vogelmord" in Bonn. Er will die neue Studie zum Anlass nehmen, beim Deutschen Tierschutzbund auf eine Aufklärungskampagne für Katzenbesitzer zu drängen.
Das einzig Positive sieht Hirschfeld darin, "dass die Katzen ihre Opfer nicht nach der Roten Liste aussuchen". Die mindestens acht Millionen deutschen Hauskatzen begnügen sich bei den Federtieren zumeist mit Amseln, Spatzen, Rotkehlchen und Kohlmeisen. Bedrohte Arten erwischen sie eher selten - denn die kommen kaum vor in der Gartenlandschaft der Vorstadt, dem ureigentlichen Aufmarschgebiet der Miau-Fraktion.
Nur selten regt sich hierzulande der Widerstand - wie etwa in Neu Wulmstorf bei Hamburg, wo die Gemeinde zum Schutz des stark gefährdeten Wachtelkönigs vor anderthalb Jahren eine Barriere aus Ultraschallkanonen errichtet hat. Das für Menschen nicht hörbare Signal soll Katzen abschrecken, im nahe gelegenen Naturschutzgebiet auf Beutezug zu gehen.
Ansonsten aber schweigt man in Deutschland das Thema tot. Das Bundesamt für Naturschutz interessiert sich für Kreuzottern, Wölfe und Zwerglibellen, nicht aber für die Opfer des erfolgreichsten Raubtiers in deutschen Landen. Für Hauskatzen würden in bundesweiten Monitoringprogrammen keine Daten erhoben, räumt eine Sprecherin ein.
Aus Gründen des Vogelschutzes machen deutsche Behörden den Gartenbesitzern strenge Vorschriften, wann sie ihre Hecken und Gebüsche abschneiden dürfen und wann nicht. Doch nirgendwo in Deutschland ist es Katzenbesitzern verboten, ihre Raubtiere zur kritischen Zeit zwischen März und August vor die Tür zu lassen. Abermillionen Jungvögel fallen ihnen darum jedes Jahr zum Opfer, oft nur Stunden nachdem sie das Nest verlassen haben.
Dann hopsen die Flattertiere unbeholfen auf dem Boden umher, kaum flugfähig und zu unerfahren, die Warnrufe ihrer Eltern richtig zu interpretieren - für Katzen eine leichte Beute. Da hilft auch das Glöckchen wenig, das manche einsichtige Katzenbesitzer ihren mordenden Schützlingen umbinden.
Das Problem der obdach- und herrenlosen Katzen nimmt auch in Deutschland stetig zu. Rund 40 000 freilebende Katzen werden in Köln vermutet, bis zu 100 000 in Berlin, zwei Millionen sollen es insgesamt sein. Gut geht es ihnen nicht. Wohlmeinende Tierfreunde fangen sie ein und lassen sie kastrieren oder sterilisieren, damit nicht noch mehr von ihnen auf die Welt kommen. Doch dann werden die Kastraten wieder entlassen in ihr Wildererdasein - zum Nachteil der Vogelwelt.
"Man muss sich mal unterhalten über die Zahl der Katzen", sagt ganz vorsichtig Andreas von Lindeiner vom bayerischen Landesbund für Vogelschutz. "Es könnten schon ein paar weniger sein."
Allerdings ist es ein vertracktes Problem, den Vierbeiner kriminologisch zu überführen. Zwar nehmen die Bestände vieler Arten ab, etwa die des Haussperlings. Vielleicht sind Katzen dafür mitverantwortlich. Dem Zilpzalp jedoch ergeht es prächtig, obwohl auch er oben auf der Todesliste der Felltiere steht. Die Zahl der Amseln wiederum sinkt in manchen Regionen - doch ist die Ursache hier eine andere: Das aus Afrika stammende Usutu-Virus wütet in ihren Reihen und bringt Hunderttausende um.
"Den Faktor Katze", sagt Lindeiner, "können wir nicht quantifizieren." Natürlich spielt er eine Rolle im täglichen Sterben; wie schicksalhaft er aber ist für die weiteren Aussichten einer Art, das bleibt ein Rätsel.
Auch Hans Schmid von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach hegt manchen Verdacht. Die Singdrossel wird im nördlichen Mitteleuropa häufiger - nicht aber in der Alpenrepublik und im Süden. Die Schuld dafür vermutet Schmid bei den rund 1,4 Millionen Büsis, wie die geliebten Beutegreifer in seinem Land heißen. Arten, die ohnehin Probleme hätten, etwa der Gartenrotschwanz, erlitten wegen der Katze zusätzliche Verluste, was ihre Situation erschwere. Doch den gerichtsverwertbaren Beweis gegen die Räuber vermag auch er nicht zu führen.
Das Argument, dass die Krallentiere doch ohnehin nur Vögel rissen, die krank oder schwach seien, hält der Experte jedenfalls für "Mumpitz". Auch kerngesunde Vögel verendeten massenhaft in den Fängen der Pelztiere. Schmid spricht die unangenehme Wahrheit aus: "Die Katzendichte ist einfach zu hoch."
Jeden Tag liefern besorgte Bürger bei Vogelfreunden wie Schmid verletzte Vögel ab, in der Hoffnung, dass die Katzenopfer genesen könnten. Doch das gelingt nur sehr selten. Die Katze treibt ihre Zähne tief hinein in das Gewebe. Stirbt der Vogel nicht an der Wunde, rafft ihn wenig später die Infektion dahin.
Die Lösung für das Raubtierproblem ist zumindest für den Aktivisten Gareth Morgan aus Neuseeland ganz einfach: "Wer seine Katze liebt, der behält sie im Haus." Und außerdem: "Sorgen Sie dafür, dass diese Katze Ihre letzte ist."
Von Evers, Marco

DER SPIEGEL 6/2013
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