04.02.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Paul und der liebe Pic“

Die französische Journalistin Anne Sinclair geriet zuletzt wegen ihres Ehemanns Dominique Strauss-Kahn in die Schlagzeilen. Nun hat sie ein Buch über ihren Großvater, den jüdischen Kunsthändler Paul Rosenberg, geschrieben.
Sinclair ist die Enkelin von Paul Rosenberg (1881 bis 1959), der als Händler, Sammler und Entdecker in die Kunstgeschichte einging. Der Krieg zwang die jüdische Familie 1940 zur Flucht aus Paris in die USA. Hunderte Gemälde, die Rosenberg zurücklassen musste, wurden von den Nazis geraubt. Sinclair, 1948 in New York geboren, war eine der populärsten TV-Journalistinnen Frankreichs. Seit 1991 ist sie mit dem Politiker Dominique Strauss-Kahn verheiratet; das Ehepaar hat sich im vergangenen Jahr getrennt. Ihre Familiengeschichte erscheint am 12. Februar auf Deutsch(*).
SPIEGEL: Madame Sinclair, in Frankreich sind Sie ein Fernsehgesicht, das jeder kennt. Und Sie sind die Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn, den eine Sex- und Justizaffäre in New York vor knapp zwei Jahren in den Abgrund riss. Jetzt veröffentlichen Sie ein Buch, in dem Sie sich auf die Spuren Ihres Großvaters begeben. Der floh 1940 nach New York ins Exil. Schließt sich da in einer bösen Ironie ein dramatischer Kreis Ihrer Familiengeschichte?
Sinclair: Ich habe das Buch über meinen Großvater 2010 angefangen, bevor diese leidvolle Episode in New York über mich hereinbrach. Ich hatte vor, es im Herbst 2011 zu veröffentlichen. Als ich mit dem Buch begann, wusste ich nicht, wie weit es mich forttragen würde.
SPIEGEL: Im Mai 2011 wurde Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds und Anwärter auf die französische Präsidentschaftskandida-
tur, aus dem Flugzeug heraus festgenommen, weil ihm vorgeworfen wurde, ein Zimmermädchen vergewaltigt zu haben.
Sinclair: Es war ein sonderbares, unwirkliches Gefühl, unter diesen Umständen nach New York zurückzukehren. Ich sah mich wegen schmerzlicher Umstände wieder gezwungen, in der Stadt zu leben, in der ich geboren bin und in der ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe, gewissermaßen eine Gefangene Amerikas. Das ist eine andere Geschichte als die meines Großvaters, gewiss.
SPIEGEL: Aber eben auch eine dramatische Leidensgeschichte, eine schmerzhafte Prüfung, wie die einer Verfolgten?
Sinclair: Ich war nicht darauf gefasst, dass diese Seiten meiner Erinnerung, die in Frankreich begannen, mit einem traurigen Zwangsaufenthalt in den USA enden würden. Nicht auf den Zusammenprall der Bilder von damals mit dem Chaos der Wirklichkeit. Ich befand mich plötzlich in einer ganz anderen Umgebung als in der Stadt meiner Jugend. New York war die Stadt, die mir als Kind verzaubert erschienen war - Ferien, Weihnachten, Schnee im Central Park, Schule schwänzen -, und nun wurde sie für mich und die Meinen, zur Zeit der von Ihnen erwähnten Ereignisse, auf einmal gleichbedeutend mit Gewalt und Ungerechtigkeit. Doch das ist heute überwunden.
SPIEGEL: Während sie für Ihren Großvater 1940 Zuflucht und Schutz vor dem Unrecht bedeutet hatte.
Sinclair: Ich wollte mit meinem Buch zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herpendeln. Nun ging die Reise vorwärts und zurück von New York nach New York. Die Stadt kann nichts dafür. Sollte ich dem Land und der Metropole, die meinen Großeltern erlaubt hatten, ihre Würde wiederzugewinnen, nunmehr böse sein, weil ich dort schreckliche drei Monate durchmachen musste, die auch meine Würde auf die Probe stellten?
SPIEGEL: Geriet die Konfrontation mit der Vergangenheit zu einer Art Katharsis? Warum haben Sie so lange gezögert, Ihre Familienchronik zu erzählen?
Sinclair: Es kam mir einfach nicht in den Sinn. Ich wusste natürlich, dass mein Großvater ein bedeutender Entdecker gewesen war, ein begnadeter Sammler und Kunstexperte, der Impresario so herausragender Maler wie Pablo Picasso, Henri Matisse, Georges Braque und Fernand Léger. Aber das war nicht meine Welt. Mich interessierte die Politik, der Journalismus, die reale Welt der Gegenwart, nicht die der Bilder, obwohl ich damit aufgewachsen war. Ich wollte mich nicht in dieses niedere familiäre Milieu einfügen.
SPIEGEL: Hatten Sie den Wunsch, sich als Erbin einer Familientradition, die auch eine Last sein kann, von der Vergangenheit zu befreien?
Sinclair: Eine große Tradition kann die Nachgeborenen sehr klein machen. Ich wollte unbedingt mein eigenes Leben führen.
SPIEGEL: Sie hätten Grund gehabt, stolz auf Ihre Familie zu sein. Anders als die Kinder von Kollaborateuren mussten Sie sich nicht gegen die Schatten der Vergangenheit stellen.
Sinclair: Trotzdem hielt mich eine gewisse Geniertheit zurück. Ich sah mein Leben nicht als das einer Erbin. Der größte Teil der Kunstsammlung meines Großvaters ist aufgelöst oder verschwunden. Ich besitze keine verborgenen Schätze. Auch hat mich das Wort Händler lange gestört, es schien irgendwie anrüchig und weckte schmutzige Assoziationen.
SPIEGEL: Sie hatten das Bild vom Händler vor Augen, der armen, verkannten Künstlern ihre Werke billig abkauft und sie mit großem Gewinn veräußert?
Sinclair: Die Vorstellung war mir suspekt. Hätte mein Großvater Weizen oder Ölsardinen verkauft, hätte mir das keinen Widerwillen eingeflößt. Aber ein Vermögen mit Kunstgegenständen zu machen, seltenen und schönen Dingen, das verströmte in meiner Jugend für mich einen Schwefelgeruch wie heute die Spekulation des Bankers.
SPIEGEL: Was hat Sie bewogen, sich doch auf Ihre Wurzeln zu besinnen?
Sinclair: Nun ja, die Reife des Alters. Wenn man die sechzig überschritten hat, kann einen das Bedürfnis ergreifen, einen Blick zurückzuwerfen. Nachdem meine Mutter Micheline vor fünf Jahren gestorben war, begann ich irgendwann, ihren Nachlass, die Papiere, Briefe und Fotoalben zu sichten. Reliquien aus einer versunkenen Welt. Sie hatte nach 1940 in New York als Generalsekretärin von France Forever gearbeitet, einer Organisation, die bei den Amerikanern Sympathie für die Résistance und das "Freie Frankreich" auslösen wollte. Sie hatte alle Schriften und ein Foto von General de Gaulle mit Widmung aufbewahrt.
SPIEGEL: Das hat Sie gerührt?
Sinclair: Und zugleich ein schlechtes Gewissen geweckt. Als Kind stand ich emotional immer auf der Seite meines Vaters, der ein echter Widerstandsheld gewesen war. Ihm verdanke ich meinen Namen. Er hieß eigentlich Robert Schwartz. Weil die deutschen Besatzer die Familiennamen der französischen Offiziere und Soldaten kannten, die mit de Gaulle im Exil kämpften, musste er seinen Namen ändern, um seine Angehörigen in Frankreich zu schützen. Er wollte dieselben Initialen behalten, schlug das New Yorker Telefonbuch beim Buchstaben S auf und fand den Namen Sinclair.
SPIEGEL: Der auch im Französischen gut klingt und nichts Jüdisches an sich hat. War er auf seine Tätigkeit im Widerstand so stolz, dass er diesen Decknamen nach dem Krieg beibehielt?
Sinclair: Ja, aber er wollte wohl auch, nach den gemachten Erfahrungen und unter dem Eindruck des Holocaust, seinen Nachkommen die Gefahren ersparen, die ein jüdischer Name über seine Familie gebracht hatte. Ich war ihm ein bisschen böse, ich habe diesen Namenswechsel immer als eine Art Verleugnung empfunden. Im Original meiner Geburtsurkunde steht: Anne-Elise Schwartz, genannt Sinclair.
SPIEGEL: Dann haben Sie sich doch auf die Suche nach diesem Großvater gemacht, der zwischen den zwei Weltkriegen der wichtigste Kunsthändler in Paris und Europa gewesen war.
Sinclair: Marie Laurencin, die Muse des Dichters Apollinaire, war die erste Malerin, die er 1913 exklusiv unter Vertrag nahm. 1918 kam Picasso hinzu, 1923 Braque, 1926 Léger und 1936 Matisse. Die Galerie Rosenberg in der Rue La Boétie 21, die mein Großvater 1910 eröffnet hatte, war die Adresse für alle, die sich für die Entwicklung und die Arbeit der Neuerer interessierten. Die zeitgenössischen Maler hingen im Erdgeschoss, die älteren darüber. Besucher, die unten mit Braque oder Léger nichts anfangen konnten, wurden nach oben gebeten, wo Degas, Renoir oder Monet hingen.
SPIEGEL: Woher kam diese ästhetische und künstlerische Instinktsicherheit?
Sinclair: Meine Mutter und meine Großeltern erzählten mir, dass er bis 1925 keinen einzigen Picasso verkauft hatte. Die erste Picasso-Ausstellung in der Galerie Rosenberg fand 1919 statt, 167 Zeichnungen. Die Leute lachten, sie zeigten auf die Kritzeleien und höhnten. Auch ein Teil der Kritik reagierte verständnislos, sogar feindselig, schäumte gegen die Malerei aus dem Irrenhaus. Entartete Kunst war nicht nur ein deutscher Begriff.
SPIEGEL: Werke der sogenannten entarteten Kunst, die die Nazis auf dem Weltmarkt anboten, vor allem über die Schweiz, mied Ihr Großvater. Er versuchte sogar, als Präsident der französischen Kunsthändler, einen Boykott gegen diesen Ausverkauf zu organisieren.
Sinclair: Vergeblich, dieses Geschäft mit den Nazis war sehr lukrativ. Die Aufgeschlossenheit meines Großvaters für die Moderne hatte freilich auch Grenzen. Die Surrealisten zum Beispiel mochte er überhaupt nicht. Salvador Dalí sprach ihn einmal in einem Restaurant an und bat ihn, von der Galerie Rosenberg vertreten werden zu dürfen. Mein Großvater wies ihn zurück: In seiner Galerie sei kein Platz für Clowns. Mit den modernen Amerikanern nach dem Krieg oder mit Damien Hirst, Jeff Koons, geschweige denn Andy Warhol hätte er nichts anfangen können. Damals blieb der Geschmack der Masse hinter der Avantgarde zurück. Heute ist das Gegenteil der Fall. Man springt auf alles, was nach Avantgarde aussieht, aus Angst, zu spät zu kommen.
SPIEGEL: Paul Rosenbergs Idol blieb zeit seines Lebens Picasso.
Sinclair: Ja, der liebe Pic, wie mein Großvater Picasso nannte, und der liebe Rosi, so der Spitzname, den Picasso meinem Großvater gab. Der Maler und der Galerist haben sich gegenseitig "gemacht", wie der Kunsthistoriker Pierre Nahon schrieb. Im Herbst 1919 überredete Paul ihn, in das Haus neben seiner Galerie zu ziehen, Nummer 23, das Ehepaar Picasso bewohnte dort fortan zwei Etagen.
SPIEGEL: Die fast körperliche Nähe eines unzertrennlichen Paars - Paul und Pic?
Sinclair: Sie hatten sich im Sommer 1918 in Biarritz kennengelernt. Picasso brauchte damals Geld und war auf der Suche nach einem neuen Händler. Paul verfiel sofort dem Genie des Malers. Er sah sich wohl als Picassos Bruder im Geiste. Picasso pflegte ihm durch das Küchenfenster über den Innenhof hinweg die Leinwand zu zeigen, an der er gerade arbeitete. Entweder kam dann Picasso zu ihm rüber, oder mein Großvater schaute bei Picasso vorbei. Paul schrieb von 1918 bis zu seinem Tod 214 Briefe an Picasso.
SPIEGEL: Bekam er Antworten?
Sinclair: Picasso schrieb selten. Die wenigen Briefe von ihm, die es gegeben haben muss, sind während des Kriegs verlorengegangen. Paul schrieb meistens, wenn er auf Reisen oder in den Ferien in Deauville war. Manchmal schickte er eine kurze Notiz von Nachbar zu Nachbar und fügte hinzu: "Antworten Sie bitte durchs Fenster." Ab und zu beklagte er sich auch, wenn Picasso nicht lieferte wie bestellt: "Sie sind weggefahren, ohne mir meinen Harlekin zu geben, Sie sind schrecklich!"
SPIEGEL: Das Verhältnis zwischen Künstler und Händler stellt man sich gern spannungsgeladen vor.
Sinclair: Davon ist erstaunlich wenig zu spüren. Bei meinem Großvater dominiert die Faszination. Er hatte verstanden, dass ein großer Künstler materielle Sicherheit braucht, um sich konzentrieren zu können. Alte Rechnungen zeigen, dass er Picasso für ein großes Gemälde in den Anfangsjahren 50 000 Francs zahlte, für ein Aquarell 12 000. In heutige Euro umgerechnet, bleiben sich diese Beträge praktisch gleich. Dann verdoppelte Picasso im Oktober 1923 seine Preise, mein Großvater musste es wohl oder übel hinnehmen. Er hätte Picasso am liebsten auf die eine Wange geküsst und in die andere gebissen, wie er später erzählte.
SPIEGEL: Eine seltsame Symbiose. Beide waren völlig gegensätzliche Charaktere.
Sinclair: Paul bestellte bei Picasso manchmal 100 Bilder am Stück, wie der Besitzer eines Modesalons, der seine neue Kollektion einkauft. Und doch begrüßte er jeden Stilwandel, er wusste genau, dass er einen der größten zeitgenössischen Künstler vor sich hatte, der alle Regeln umstürzte und immer wieder über Grenzen hinausging. Ich glaube, dass in der Bewunderung auch Komplexe steckten. Paul war kein Schöpfer, wäre aber gern einer gewesen.
SPIEGEL: Die familiäre Nähe ging so weit, dass Picasso 1918 ein Porträt von Madame Rosenberg und ihrer Tochter, also von Ihrer Großmutter und Ihrer Mutter, malte, das dem Pariser Picasso-Museum gehört.
Sinclair: Ich habe es dem Museum nach dem Tod meiner Mutter geschenkt, um die Erbschaftsteuer auf diese Weise zu bezahlen. In Frankreich ist das möglich. Ich hätte es für sehr viel Geld in die USA verkaufen können. Aber ich finde, es gehört hierher, nach Paris.
SPIEGEL: Haben Sie eine bleibende persönliche Erinnerung an Picasso?
Sinclair: Ich erinnere mich vor allem an seinen durchdringenden Blick. Wenn wir ihn in seinem Haus in Mougins besuchten, beeindruckte mich das Chaos, die Farbflecken auf dem Parkett, das Durcheinander - alles, was bei uns zu Hause verboten war. Als Kopfstütze für sein Bett benutzte er eines seiner Gemälde, das er mit der Leinwand nach vorn gegen die Wand stellte, die Kissen lehnte er gegen den Keilrahmen. Wenn er das Bild verkaufte, nahm er einfach ein anderes. Und dann gibt es die lustige Anekdote, wie ich mich selbst um die Chance für ein eigenes Picasso-Porträt brachte.
SPIEGEL: Erzählen Sie.
Sinclair: Ich war 14 Jahre alt, und Picasso schlug meiner Mutter vor, mich zu malen. "Ich sehe", sagte er, "dass sie überall Augen hat!" Darüber erschrak ich so, dass ich heulend davonlief, diesem Gesichterdieb wollte ich auf keinen Fall Modell sitzen. Ich hatte Angst, "mit verrutschter Visage" gemalt zu werden, wie ich damals sagte, so wie Picassos Geliebte Dora Maar, deren Porträts ich gar nicht mochte. Man kann nicht sagen, dass ich den Kunstsinn meines Großvaters geerbt hätte.
SPIEGEL: Wissen Sie, warum Picasso während des Kriegs in Paris blieb? Als Gegner Francos, als spanischer Republikaner und Maler des Anti-Kriegs-Bildes "Guernica" war er doch gefährdet.
Sinclair: Man überwachte ihn genau, aber die Deutschen trauten sich nicht. Picasso hat sich in keiner Weise kompromittiert, anders als zum Beispiel Cocteau oder Derain. Einmal sollen deutsche Uniformierte zu ihm ins Atelier gekommen sein und ihn nach "Guernica" gefragt haben: "Haben Sie das gemacht?" Darauf habe er geantwortet: "Nein, das waren Sie!" Das ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Die im besetzten Paris verbliebenen Maler waren durchweg keine Helden der Résistance, aber auch keine Kollaborateure. Braque immerhin hat sich geweigert, ein Emblem für das Vichy-Regime des Marschalls Pétain zu entwerfen.
SPIEGEL: Der Krieg erzwang vier Jahre Schweigen zwischen Ihrem Großvater und Picasso.
Sinclair: Danach war es schwierig, zu der einstigen Nähe zurückzufinden. Nach 1945 sah Paul Picasso nur noch einmal im Jahr, im Sommer an der Côte d'Azur. Picasso nahm nach dem Krieg seine 1914 unterbrochene Beziehung zu Daniel-Henry Kahnweiler, dem anderen großen Kunsthändler der Zwischenkriegszeit, wieder auf. Kahnweiler betreute Picasso dann bis zu dessen Tod 1973.
SPIEGEL: Was ist Ihnen von der Sammlung Ihres Großvaters geblieben?
Sinclair: Er hatte schon vor 1940 eine Reihe von Bildern nach London und New York verfrachtet. Daraus baute er den Fundus für seine neue Galerie in Manhattan auf. In Frankreich waren bei der Flucht der Familie etwa 400 Bilder zurückgeblieben, die gestohlen wurden. 60 davon sind bis heute verschwunden, die übrigen konnte mein Großvater eins nach dem anderen zurückbekommen. Entgegen allen möglichen Gerüchten sind mir aus dem Erbe meiner Mutter nur vier Bilder geblieben.
SPIEGEL: Welche sind das?
Sinclair: Das sage ich Ihnen nicht. Das ist privat.
SPIEGEL: Das lässt erahnen, dass es sich um große Werke handelt. Vielleicht ein Querschnitt des berühmten Rosenberg-Quartetts: ein Picasso, ein Matisse, ein Braque, ein Léger?
Sinclair: Geben Sie's auf. Es geht niemanden etwas an. Die Herrlichkeit der Sammlung ist dahin. Sie hat sich aufgelöst in der Zeit. Meine Mutter und mein Vater, meine Tante und mein Onkel konnten davon sehr gut leben, so viel stimmt.
SPIEGEL: Auch Sie verfügen über ein beachtliches Vermögen aus der Hinterlassenschaft Ihres Großvaters.
Sinclair: Ich habe schon gesagt, dass ich stets einen Widerwillen dagegen empfunden habe, als Erbin definiert zu werden. Mein Großvater konnte in Wohlstand leben. Aber ich glaube, dass er ein ewig Unzufriedener blieb, einer, der immer schwarzsah und einem existentiellen Zweifel ausgeliefert war. Er litt unter einem Schuldkomplex, dem Gewissensbiss desjenigen, der den schrecklichen Dramen des Krieges in Europa entgangen war. Diese Generation blieb für den Rest ihres Lebens kriegsversehrt.
SPIEGEL: Tragen Sie auch etwas von dieser tragischen Zerrissenheit in sich?
Sinclair: Meine jüdische Identität ist mir sehr wichtig, obwohl ich nicht sonderlich religiös bin, genauso wenig, wie mein Großvater es war.
SPIEGEL: In New York vor zwei Jahren an der Seite von Dominique Strauss-Kahn waren die Blicke der ganzen Welt auf Sie gerichtet. Hat diese Zurschaustellung ein Ressentiment in Ihnen geweckt, ein Hadern mit dem Schicksal?
Sinclair: Ich habe mich gefangen gefühlt: mein Mann unter Hausarrest, draußen 350 Journalisten, die Jagdmeute.
SPIEGEL: Das Verfahren gegen Dominique Strauss-Kahn wurde eingestellt.
Sinclair: Die amerikanische Justiz ist brutal, aber wenn sie sich geirrt hat, gibt sie offen zu, dass sie sich geirrt hat. In Frankreich geht man behutsamer vor, aber die Verfahren nehmen kein Ende. Heute ist das alles hinter mir, ich habe das Erlebnis auf allen Ebenen bewältigt, persönlich und kollektiv. Punkt und Schluss.
SPIEGEL: Als Journalistin könnten Sie vielleicht darüber schreiben, eines Tages.
Sinclair: Ich könnte es. Aber so, wie ich Ihnen das jetzt gesagt habe, ist es nur eine Pirouette - ich könnte es, doch ich werde es nicht tun.
SPIEGEL: Madame Sinclair, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Anne Sinclair: "Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine? Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg". Kunstmann-Verlag, München; 208 Seiten; 19,95 Euro. Das Gespräch führte der Redakteur Romain Leick.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 6/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Paul und der liebe Pic“

  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen
  • Bastler-Tuning auf russisch: Das rollende Auto
  • "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera