26.08.1996

„Die haben uns erpreßt“

Im Zollgrenzörtchen Haren-Erika an der holländischen Grenze sind die Straßen wie mit dem Lineal gezogen. Die Bewohner dulden kein Unkraut in ihren Rosenbeeten, und die Zierzäune vor ihren Haustüren sind immer frisch gelackt.
Auffallend ist auch ein Kruzifix aus massivem Stein, das sich vor dem Gehöft des Bauern Josef Bonnarens erhebt. Bonnarens ist ein handfester Anfangsfünfziger im karierten Baumwollhemd und zählt zu den Dorfpatriarchen von Haren-Erika. Er gehört zu den Schlüsselfiguren einer Tragödie, die fast zehn Jahre unter Verschluß gehalten wurde und die die rund 1000 Erikaner nun doch mit voller Wucht getroffen hat.
Jahrelang hatte der Dorfpfarrer der Marienkirche ihm anvertraute Kommunionskinder und Meßdiener sexuell mißbraucht. Bonnarens war schon früh über einen der ersten Fälle informiert.
Doch der Mann schwieg. Und er schweigt bis heute. Wie er schweigt das ganze Dorf.
Die Bürger von Haren-Erika wünschen sich, daß diese furchtbare Geschichte nicht wahr ist, obwohl der Täter gestanden hat. Sie wollen nicht glauben, daß vorgefallen ist, wofür ihr ehemaliger Gemeindepfarrer Alois Bruns, 64, am vergangenen Mittwoch zu - überaus milden - zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde: Von 1987 bis 1995 hat der Geistliche 14 Jungen aus dem Ort 227mal sexuell bedrängt, hat sie unsittlich berührt und gestreichelt. Und das, was vor Gericht verhandelt wurde, ist nur ein Teil der Vorgänge in Haren-Erika, wie aus der Anklageschrift hervorgeht.
Zunächst offenbarten sich über 20 Geschädigte, doch dann war ein Teil der Eltern plötzlich "nicht mehr an Strafverfolgung interessiert", heißt es bei der Polizei. Die gläubigen Bürger von Haren-Erika hatten am Ende doch mehr Respekt vor ihrer Kirche, die den Geistlichen schützen wollte, erklärt Friedrich Lücken, Anwalt betroffener Eltern, den Mechanismus. Das alles sei doch "aufgebauscht", lautet nun die gängige Formel im Ort.
Es fing an im April 1987. Die Nachricht erreichte Bonnarens, damals noch stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes, telefonisch: Ein achtjähriger Junge war vom Pfarrer der Marienkirche mißbraucht worden und sei nun völlig verstört, erklärte eine Verwandte des Buben. Der Priester hatte das Kind nach dem Kommunionsunterricht dabehalten, es auf seinen Schoß gesetzt, Hose und Unterhose heruntergezogen und sein Geschlechtsteil betastet.
"Überlegen Sie sich das gut mit der Anzeige, wenn Sie in Zukunft friedlich in Erika leben wollen", rieten Bonnarens und der Kirchenvorstandsvorsitzende den Eltern unmißverständlich. "Die haben uns erpreßt", sagt die Mutter heute.
Auch der Hausarzt der Familie spielte die Sache herunter. Zwar diagnostizierte er Rötungen am Geschlechtsteil des Kindes. Aber damit, erklärte der Arzt, könne man den Pfarrer doch "nicht festnageln".
In Haren-Erika ist jeder irgendwie mit jedem verbandelt. Da nehmen die Bürger untereinander Rücksicht auf ihre Interessen. Auch die Politik wird weniger im Gemeinderat gemacht als beim Frühschoppen nach der Kirche bei "Taxi-Krüssel". "Die Querverbindungen", so Anwalt Lücken, "sind der Schlüssel zum System." Nur durch sie sei es möglich gewesen, ein Wissen, das gerüchteweise langsam in fast alle Haushalte sickerte, systematisch zu unterdrücken.
Noch heute würden kirchentreue Eltern ihre Kinder in die scheinheilige Kommunionsstunde des Pfarrer Bruns geben, hätte sich nicht eine Mutter an den Meppener Kinderschutzbund gewandt.
Bald standen die Anschuldigungen in der örtlichen Presse, und über ein Dutzend Erikaner Kinder und Jugendliche berichteten beim zuständigen Polizeirevier über Mißbrauchserlebnisse im Pfarrhaus. Im Juni letzten Jahres wurde Bruns schließlich vorzeitig pensioniert.
Rasch sandte die Kirche einen Psychologen des Bistums, der die gerade etwas selbstbewußter gewordenen Eltern bearbeiten sollte. "Der kam vor allem, um uns auszuhorchen", sagt eine Mutter. Die Familie hat längst die Konsequenzen gezogen und ist in das nächstgelegene Städtchen übergesiedelt: "Wir konnten die Falschheit nicht mehr ertragen."
Die übrigen Betroffenen, die in Haren-Erika wohnen blieben, müssen sehen, wie sie mit den Folgen des Schrecklichen fertig werden: Nur Indizien wie schlechte Schulnoten, Verschlossenheit oder finstere Zeichnungen deuten auf die Nöte ihrer Kinder hin.
Priester Bruns dagegen wird unbehelligt seinen Lebensabend verbringen. Und in Haren-Erika pflegt man weiter das Prinzip des Schweigens: Auch der neue Pfarrer möchte sich "weder über Vergangenheit noch Zukunft" der Gemeinde äußern. Und da ist er ganz einig mit einem, der dies schon lange mit Erfolg praktiziert: Josef Bonnarens. Der führt mittlerweile den Vorsitz im Kirchenvorstand.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 35/1996
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