26.08.1996

DDR-UnrechtWoodstock des Ostens

Die SED hatte die Weltjugendfestspiele 1973 fest im Griff. Potentielle Störer wurden vorsorglich in den Knast oder die Psychiatrie gesteckt.
Die Stimmung im Politbüro war glänzend. Die ostdeutschen Einheitssozialisten feierten den "großen politischen, ideologischen und organisatorischen Erfolg" der X. Weltjugendfestspiele im August 1973, ausgerichtet vom Parteinachwuchs, der "Freien Deutschen Jugend".
Der Arbeiter-und-Bauern-Staat hatte sich unter dem neuen Parteichef Erich Honecker so tolerant gezeigt wie nie zuvor. Neun Tage lang durfte die Ostjugend mit Gleichaltrigen aus Bruderländern wie auch aus dem kapitalistischen Ausland sprechen, tanzen und amouröse Solidarität pflegen, so daß der Berliner Volksmund von "Feldbettspielen" sprach.
Die schönen Tage hatten einen hohen Preis. Hinter dem vermeintlichen Woodstock des Ostens stand die größte Polizeiaktion seit der Niederschlagung des Volksaufstandes im Juni 1953 und dem Mauerbau 1961. Aus Akten in ehemaligen DDR-Archiven ergeben sich jetzt bislang unbekannte Details der Sicherheitshysterie. Honecker persönlich hatte den "Plan der Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit während der X. Weltfestspiele" unterzeichnet. Oberstes Ziel des Generalsekretärs war der "störungsfreie Verlauf" der sozialistischen Jubelveranstaltung. Ängstlich um das internationale Ansehen der DDR bemüht, gab Staatssicherheitsminister Erich Mielke die Generallinie aus: "Keinen Einsatz von unseren Kräften nötig werden lassen".
27 000 Stasi-Mitarbeiter und 24 100 Volkspolizisten patrouillierten auf den Straßen der DDR-Hauptstadt, um möglichst diskret auf die 19 136 Delegierten aus aller Welt und die ostdeutschen Festivalbesucher aufzupassen. Man müsse, meinte Mielke, "sich als Tschekist diesmal wie die drei Affen verhalten und trotzdem sehen, hören und richtig und konsequent handeln".
Vorbeugend griffen Honeckers Häscher schon vor dem Fest zu. 23 532 kritische Geister und "kriminell gefährdete Personen" zitierte die Volkspolizei auf die Dienststuben zum "Gespräch zwecks Verhinderung einer Einreise in die Hauptstadt der DDR, Berlin". Einigen hundert nahmen sie anschließend den Personalausweis weg - in der DDR gleichbedeutend mit Ortsarrest.
Wer die "ununterbrochene Sauberkeit auf Straßen und Plätzen" (Honecker) zu bedrohen schien, wurde verhaftet und im Schnellverfahren abgeurteilt. Zackig meldete die Hauptabteilung Kriminalpolizei, dank ihrer "hohen und ständig steigenden Anstrengungen" sei es gelungen, allein in Berlin und dem märkischen Umland 2073 "Asoziale" festzunehmen. Als asozial galt schon, wer nicht regelmäßig arbeiten wollte - im Arbeiterparadies DDR ein Straftatbestand.
In der Festspielwoche erreichte der Sicherheits- und Ordnungswahn seinen Höhepunkt. Stolz meldeten die Staatsschützer Vollzug: Sie hätten "Aktivitäten entwickelt", um 604 Menschen in psychiatrische Einrichtungen einzuweisen. Mielke hatte Anweisung gegeben, die "operative Kontrolle" auch auf "zurechnungsunfähige Personen" auszudehnen. Polizei und Amtsärzte erwiesen sich meist als willige Komplizen.
Ein Mitarbeiter der Abteilung Inneres "kam mit einer Liste zu mir", erinnert sich beispielsweise Walter Lotze, damals stellvertretender Amtsarzt des Stadtbezirks Berlin-Treptow. Die meisten Fälle kannte der ausgebildete Sozialhygieniker bereits: "Manisch Depressive, Schizophrene und Alkoholiker". Doch stationär behandelt werden mußte von ihnen niemand, räumt Lotze ein. Die Liste zeichnete er trotzdem ab, das Entlassungsdatum der zwangsweise eingelieferten Patienten wußte er schon vorher: am 6. August, einen Tag nach dem Ende der Festspiele.
Auch Wolfgang Spinner damals Chef des psychiatrischen St.-Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee, bekam Besuch. Amtsarzt Werner Kasperski, von der Stasi jahrelang als Inoffizieller Mitarbeiter unter dem sinnigen Decknamen "Librium" geführt, teilte dem Klinikchef mit: "Man erwartet, daß es keine Störung gibt. Am besten ist es, die Kranken gar nicht herauszulassen."
Der Volkspolizei in Weißensee gab Kasperski Blankoformulare für Sofort- einweisungen. So konnten die Vopos selbst entscheiden, wen sie während der Weltfestspiele in ihre Zellen steckten oder lieber in der Klinik ablieferten.
"Es wurden diejenigen herausgesucht, die politisch unliebsame Dinge gesagt hatten", berichtet Wolfgang Wehrmeister, damals Sachbearbeiter bei der Magistrats-Verwaltung von Berlin. Bei einer Frau genügte es, daß "sie in letzter Zeit durch lautes und aggressives Verhalten in der Öffentlichkeit auffällig geworden" war. "Zum Schutz ihrer Gesundheit" landete sie für elf Tage im Krankenhaus.
Das, so Sonja Süß, Mitglied der vom Berliner Senat eingesetzten "Kommission zur Aufklärung von Mißbrauch in der Ost-Berliner Psychiatrie", war "ein Mißbrauch auch nach DDR-Gesetzen".
Der willfährige Ex-Amtsarzt Lotze mag das Unrecht nicht einsehen. Ihm, meint er treuherzig, sei es nur um "Sicherheit und Ordnung gegangen" - ganz im Sinne der Partei. In seinem Abschlußbericht zum Festival vermerkte das Politbüro, "feindliche und negative Handlungen" seien "Einzelerscheinungen" gewesen.
* Mit dem 1. Sekretär des Zentralrates der FDJ, Günther Jahn, bei der Eröffnung der Weltjugendfestspiele 1973.

DER SPIEGEL 35/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 35/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DDR-Unrecht:
Woodstock des Ostens

  • Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet
  • Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen
  • Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen