26.08.1996

„Wer nichts wird, wird virtuell“

SPIEGEL: Deutschlands TV-Macher surfen auf der Internetwelle: Ob "Lindenstraße", "Harald-Schmidt-Show" oder "Arabella Night", fast jede Fernsehsendung ist ins Netz gegangen. Sogar die gute alte "Tagesschau" zeigt zur Fanfare die eigene Internet-Adresse. Was treibt die Sender in den Cyberspace?
Küppersbusch: Das frage ich mich auch und wünsche den Kollegen viel Glück. Aber viel mehr als Marketing spielt sich da noch nicht ab.
SPIEGEL: Sie sind doch auch seit knapp einem Jahr unter der Internetadresse http://www.wdr.de/tv/zak auf Zack.
Küppersbusch: Gegen meinen ausdrücklichen Wunsch. Einige schicken uns Briefe, andere wollen endlich mal meine Moderation richtig verstehen. Ich hätte für die 40 000 Mark, die wir per anno für ein Internet-Angebot ausgeben, lieber vier gute Filmreportagen in der Sendung.
SPIEGEL: Warum so fortschrittsfeindlich?
Küppersbusch: Ich weiß, ich stehe auf verlorenem Posten. Bald wird ja wohl ne-
ben jeder Fernbedienung eine Computermaus liegen, und mit der kann man dann Herrn Küppersbusch auf die Glatze klicken, um Informationen über Haarwuchsmittel zu bekommen.
SPIEGEL: Ist das nichts?
Küppersbusch: Für Werbung und Dienstleistungen mag das Netz nützlich sein, es hat aber kein fernsehtaugliches Gesicht. Für mich ist das eher ein Fortsetzungsroman als eine originäre Kunstform.
SPIEGEL: Warum mimen Sie den Spielverderber? Ihre Kollegen vom Südwestfunk suchen bereits nach neuen Sendeformen.
Küppersbusch: Die haben mit "Nachtfieber" aus einer Wohnung gesendet, die virtuell auch über das Internet zu betreten war. Da trafen sich dann immer viele Zuschauer auf der Toilette, weil es hieß, da sei eine Dame raufgegangen. Für mich war das Ganze nicht viel mehr als die Neuerfindung des Telefons, jetzt mit Bild und Datenleitung.
SPIEGEL: Sie könnten doch die Zuschauer zu sinnvollen Diskussionen herausfordern.
Küppersbusch: Vielleicht so wie Bettina Rust in ihrer Nachttalkshow? Die haben die Meinung der Zuschauer per Btx eingeblendet, mußten das Demokratische daran aber sofort beschneiden, weil die Hälfte der Beiträge sich mit dem Brustumfang von Frau Rust beschäftigte.
SPIEGEL: Wir haben grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit.
Küppersbusch: Nach meiner Erfahrung ist das Gequatsche im Internet nichts anderes als der CB-Funk der siebziger Jahre. Mein Nachbar funkte mir immer in die Stereoanlage: "Die Alpha ist auf zwei Meter." Geil, dachte ich, ein Geheimcode, da mußt du dabeisein. Dann fand ich heraus, daß es nur um seine Gattin ging, die sich schon zu Bett begeben hatte.
SPIEGEL: Wer redet, ist nicht tot. Aktive Zuschauer sind besser als passive.
Küppersbusch: Es gab schon in den besten Zeiten des CB-Funks viele Leute, die waren unheimlich stolz, daß sie Kontakt mit Tokio bekamen. Und wenn man die dann fragte, worüber sie so reden, dann sagten sie: "Darüber, daß wir jetzt so prima miteinander reden können."
SPIEGEL: Warum stellen Sie nicht einfach frische und provokante Beiträge ins Netz, unzensiert vom Proporz öffentlich-rechtlicher Anstalten?
Küppersbusch: Weil sich das Netz völlig zerfasert hat. Wenn Sie heute auf dem Klo sitzen und reißen das letzte Blatt ab, sind Sie doch enttäuscht, wenn da nicht eine Internetadresse draufsteht und Sie zum Klopapier vertiefende Informationen anfordern können. Das Internet mag als Immobilienmarkt eine Zukunft haben, für Kleinanzeigen und von mir aus auch für die Recherche. Wenn ich während der Tagesthemen Wickert anklicke, bekomme ich seine Biographie, klicke ich eine Schlagzeile an, den Hintergrundbericht. Doch bis Fernsehen und Internet verschmolzen sind, dauert es noch mindestens zehn Jahre.
SPIEGEL: Interaktivität gibt's bereits.
Küppersbusch: Im Fernsehen kennt man das doch schon seit den siebziger Jahren unter dem Motto "Sie können uns anrufen!" Das Internet kommt in dem Punkt zwei Jahrzehnte zu spät.
SPIEGEL: Und warum sind dann Millionen Menschen auf der ganzen Welt vom Cyberspace fasziniert?
Küppersbusch: Schauen Sie sich an, was die Leute im Internet eigentlich machen. Die begnügen sich damit, im Netz herumzuwuseln. Und wenn sie wieder nichts von dem finden, was sie suchen, kommen sie mit der buddhistischen Erkenntnis nieder, daß der Weg das Ziel ist. Die Konsumhaltung ist viel zu ausgeprägt. Aktive Anfragen gibt es nur selten.
SPIEGEL: Das Internet ist doch gerade deshalb erfolgreich, weil es Kreativität zuläßt. Musikbegeisterte veröffentlichen elektronische Fanmagazine, Film- und Kunststudenten ihre Arbeiten für ein globales Publikum.
Küppersbusch: Aber vieles im Netz ist genauso kreativ wie der Spoilerhändler hier in Dortmund, der junge halbnackte Damen über seine Karossen klettern läßt, und es stehen dann 300 Männer mit 300 Kameras drumherum, die hinterher 300mal denselben Film zum Entwickeln bringen.
SPIEGEL: Wollen Sie der Zensor sein, wenn manchem der Internet-Sex gefällt?
Küppersbusch: Selbst wenn irgendwann auch Bildtelefone dazugehören: Ich tausche mich gerne mit anfaßbaren Menschen aus Fleisch und Blut aus. Und ich habe auch kein Bedürfnis, mit jemandem zu flirten, der sich anschließend als Mann entpuppt. Nur wer nichts wird, wird virtuell. Das Internet ist ein tolles Spielzeug, das aber wie alle entwickelten Massenmedien nur zur Vereinzelung beiträgt.
SPIEGEL: Vielleicht gehören Sie mit Ihren 35 Jahren schon zu der Generation, die den Anschluß verpaßt hat?
Küppersbusch: Sicher ist, daß ich mir die Baseball-Kappe nicht falsch herum aufsetzen werde. Schon weil in mir ein Pressesprecher des westfälisch-lippischen Landwirtschaftsverbandes lebt, der den Trecker erst feiert, wenn er läuft. Bisher läuft er noch nicht.
SPIEGEL: Geben Sie dem Internet denn überhaupt eine Chance?
Küppersbusch: Das Netz hat eine Chance, weil es einen Dialog ermöglicht, während das Fernsehen zum Begleitmedium verkommen ist. Wir machen ja kaum mehr als Radio, bei dem du bequem bügeln kannst, ohne etwas zu verpassen. Bisher ist die Utopie, daß viele für viele senden, immer gescheitert. Von der Brechtschen Radiotheorie - jeder ein Sender, jeder ein Empfänger - ist Talk-Radio übriggeblieben, und der Offene Kanal hier in Dortmund sendet ein durchaus ansehnliches selbstgestricktes Sportstudio. Der Moderator macht es nicht schlechter als Günther Jauch. Aber eben auch nicht anders. Warum sollte es also im Internet klappen?
SPIEGEL: Spricht hier der technikfeindliche deutsche Intellektuelle?
Küppersbusch: Nein, ich habe nur keinen Bock, in Enttäuschungen reinzulaufen, die ich mit 15 hatte. Als ich gedacht habe, wenn ich eine Schülerzeitung gründe, dann könnten 1500 Schüler mitmachen. Mit einer Jugendtalkshow habe ich das später noch einmal versucht. Die Leute hatten alle Möglichkeiten und haben nichts draus gemacht. Den Frust hol' ich mir nicht jede Woche.

DER SPIEGEL 35/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wer nichts wird, wird virtuell“

  • Wilderer in Kamtschatka: Jagd aufs rote Gold
  • Vermisster Fußballer: Mahnwachen für Emiliano Sala
  • Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund
  • Amateurvideo aus Russland: Betrunkener versucht, Flugzeug zu entführen