26.08.1996

Missionare„Wer andern hilft, fühlt Liebe“

Mutter Teresa, 85, vom Orden der "Missionarinnen der Nächstenliebe", wurde vorige Woche schwer herzleidend in ein Krankenhaus von Kalkutta gebracht. Die Friedensnobelpreisträgerin war 1948 nach Indien gegangen, um sich der Armenpflege zu widmen.
SPIEGEL: Mutter Teresa, Sie wurden zuletzt beschuldigt, Not und Armut zu Ihrem Ruhm zu nutzen. In Ihren Heimen würden die Menschen nicht die angemessene medizinische Pflege finden. Hat diese Kritik Sie getroffen?
Mutter Teresa: Solche Gehässigkeiten sind normal. Sogar Jesus ist angegriffen worden. Das gehört zum Leidensweg.
SPIEGEL: Trifft es denn zu, daß in Ihren Hospizen Liebe wichtiger ist, als es Medikamente sind?
Mutter Teresa: Unsere Heime sind keine üblichen Krankenhäuser. Sie sind Zufluchtsorte für Menschen, die niemand haben möchte. Wir geben diesen Verlassenen das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören und geliebt zu werden.
SPIEGEL: Sie sagten einmal, daß Sie sich für die Kirche entscheiden würden, wenn Sie zwischen der Kirche und Galilei zu wählen hätten. Doch die Wissenschaft ist der Glaube der modernen Welt. Lassen sich die meisten Probleme nicht doch mit Hilfe der Wissenschaft lösen?
Mutter Teresa: Weshalb läßt die moderne Welt dann zu, daß Menschen auf der Straße sterben? In New York, überall brauchen wir Armenküchen, um Hungrige zu speisen. Wir geben den Menschen Essen und Kleider, vor allem aber geben wir ihnen Liebe. Schlimmer, als hungrig und krank zu sein, ist niemanden zu haben. Das ist eine der größten Nöte der heutigen Welt.
SPIEGEL: Man hat Sie als die mächtigste Frau der Welt bezeichnet, weil Sie Präsidenten und Regierungschefs beeinflußten. Sie konnten an jeden appellieren und erhielten Millionenspenden.
Mutter Teresa: Ich gebe den Menschen eine Chance, ihre Liebe zu Gott zu zeigen. Wenn sie mir helfen, helfen sie den Armen. Aber ich nehme kein Geld, an das Bedingungen geknüpft sind.
SPIEGEL: Wieviel nimmt Ihre Organisation im Jahr ein?
Mutter Teresa: Was hereinkommt, wird ausgegeben. Wir müssen das Geld in alle Welt senden. Über 3600 Schwestern führen fast 600 Heime in 122 Ländern. Jedes Heim sorgt für Hunderte, ja Tausende Menschen.
SPIEGEL: Als Katholikin lehnen Sie Geburtenkontrolle ab. Aber weshalb haben Sie Abtreibung als größte Bedrohung des Weltfriedens bezeichnet?
Mutter Teresa: Weil Abtreibung teuflisch ist. Wenn eine Mutter ihr Kind umbringen kann, was kann uns dann davon abhalten, daß wir einander umbringen?
SPIEGEL: Wie werden Sie mit der Übervölkerung fertig, eine Hauptursache für die Leiden, die Sie mildern wollen?
Mutter Teresa: Darüber entscheiden nicht wir. Leben ist etwas Heiliges, es muß gerettet werden. Natürliche Familienplanung ist in Ordnung. Abtreibung aber bedeutet, ein Kind zu töten, das bereits empfangen wurde. Ich bekämpfe die Abtreibung durch Adoption. Ich habe über 4000 Kindern Adoptiveltern gegeben. Alle wären sonst getötet worden.
SPIEGEL: Sie haben oft die "große geistige Armut" unserer Zeit beklagt. Glauben Sie, daß die Kraft des Geistes über den Materialismus triumphieren kann?
Mutter Teresa: Ich bin kein Optimist. Ich glaube, daß Gott den Menschen geschaffen hat, um größere Dinge zu vollbringen. Aber viele von uns denken nur an sich selbst und tun das Falsche. Das bedeutet aber nicht, daß nicht jedes menschliche Wesen tief in seinem Herzen weiß: Es wurde geschaffen, um zu lieben und geliebt zu werden. Leider vergessen wir das, und dann kommt das Böse. Ich glaube, daß wir die Welt ändern können, wenn wir das Gebet zurück in die Familie bringen.
SPIEGEL: Sie sind für viele junge Menschen Vorbild, besonders für solche aus dem Westen. Sie kommen nach Kalkutta und arbeiten in Ihren Heimen. Was zieht sie an?
Mutter Teresa: Die wunderbare Arbeit, die hier geleistet wird. Wer andern hilft, fühlt Liebe. Ich habe einmal einen Mann aufgenommen, der schrecklich an Würmern litt. Er sagte: Auf der Straße habe ich wie ein Tier gelebt, aber jetzt werde ich wie ein Engel sterben. Als er starb, schenkte er mir ein wunderschönes Lächeln. Dieses Lächeln belohnte mich. Und diese tätige Liebe ist es, die so viele Freiwillige hierherbringt.
SPIEGEL: Kalkutta ist voller Elend und Leiden. Manchem scheint es, als ob Gott die Stadt geschaffen habe, um zu beweisen, daß er gleichgültig ist ...
Mutter Teresa: ... nein, nein. Kalkutta ist die Stadt der Glückseligkeit. Kalkutta ist großartig.
SPIEGEL: Als Missionarin ist die Bekehrung von Andersgläubigen ein Teil Ihrer Arbeit. Das mißfällt den Hindus und Moslems. Besonders hier in Indien wirft man Ihrem Orden vor, Menschen zum Christentum zu pressen.
Mutter Teresa: Ich brachte niemals jemanden mit Druck dazu, Christ zu werden. Wenn ein Hindu oder Moslem stirbt, helfe ich ihm einfach, zu Gott zu beten, seinem Gott. Ich spreche meine Gebete, er spricht die seinen. Wenn allerdings jemand sagt, daß er getauft werden möchte, können wir nicht nein sagen. Dann öffnen wir ihm das Tor zu unserem Glauben. Es liegt an ihm, ob er eintreten will.
SPIEGEL: Hatten Sie jemals Zweifel an Ihrem Glauben und an Ihrer Arbeit?
Mutter Teresa: Wenn man sein Leben Gott gewidmet hat, kann es keine Zweifel mehr geben. Denn er bestimmt über alles. Das Leben ist Liebe, und die Frucht dieser Liebe ist Frieden. Das ist die einzige Lösung für alle Probleme der Welt.
SPIEGEL: Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie gern noch erreicht hätten?
Mutter Teresa: Ich hätte gern eines unserer Häuser in China eröffnet.
SPIEGEL: Sie waren in der Volksrepublik, trafen dort den behinderten Sohn Deng Xiaopings ...
Mutter Teresa: ... ich war in Schanghai, weil ich gebeten wurde, mich um die verkrüppelten Kinder dort zu kümmern - bislang haben die Chinesen aber ihre Zustimmung zu unserer Arbeit verwehrt. Ich denke, eines Tages werden wir dort Fuß fassen.
SPIEGEL: Wie wird die Zukunft Ihres Ordens ohne Sie aussehen?
Mutter Teresa: Die Zukunft liegt nicht in meinen Händen. Gott wird entscheiden. Er hat mich ausgewählt, er wird einen anderen auswählen, um die Arbeit fortzuführen - seine Arbeit.
SPIEGEL: Fürchten Sie sich vor dem Tod?
Mutter Teresa: Warum? Ich habe den Tod mein ganzes Leben lang gesehen. Niemand um mich herum starb schlecht.
* Bei einem Hospiz-Besuch.

DER SPIEGEL 35/1996
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