26.08.1996

AntiquitätenDavids Harfe

In Israel kommt das legendäre „Siena Piano“ unter den Hammer. Das Holz des Klaviers soll aus Salomos Tempel stammen.
An der Vorderseite ziehen trunkene Putten ihren feisten Oberengel in einem Karren Richtung tiefes C. Allerlei geschnitzte Amphoren und Rankwerk zieren die Seitenpartien des Instruments. Eingerahmt von hölzernen Löwen und Drachen muß sich der Pianist, der auf ihm zu spielen wagt, vorkommen wie in einer bizarren Menagerie.
Liszt hat auf diesem Trumm musiziert, Brahms und Saint-Saëns ebenfalls. Modernere Künstler wie Glenn Gould und Arthur Rubinstein haben die seltsame Truhe geliebt, Karl Rankl gar fand den Klang "außergewöhnlich phonogen".
Am 7. September wird das als "Siena Piano" bekannte Instrument im Tel Aviver Vorort Herzlija versteigert. Das Auktionshaus Tirosch hofft, "eine glatte Million Dollar" eintreiben zu können; es liege schon ein 700 000-Dollar-Gebot vor - von Japanern.
Das barocke Äußere kann den Preis kaum rechtfertigen. Auch der Klang wirkt gegenwärtig etwas brüchig - das Musikmöbel stand die letzten 22 Jahre weitgehend ungenutzt in einem staubigen Salon. Alte Schellack-Platten mit Konzerteinspielungen offenbaren allerdings Erstaunliches - ein Timbre wie von Cembalo und Harfe, ähnlich dem eines frühen Pianofortes.
Der Kult um das Instrument erklärt sich aus der Legende, die das "unsterbliche Klavier" umspielt: Sein sagenhafter Klang soll von 3000 Jahre altem Holz herrühren; das Klavier befand sich schon in der Obhut diverser Könige und des deutschen Generalfeldmarschalls Erwin Rommel.
Sicher ist, daß Sebastiano Marchisio, ein begnadeter Cembalobauer aus dem Piemont, um 1800 einen Tonkörper schuf, der die reiche Klangfarbe des Cembalos mit der Dynamik des Pianofortes vereinen sollte. Jahrelang hatte der Meister vergebens an einem geeigneten Resonanzboden gebastelt, bis er in den Ruinen einer Kirche in Siena, die ein Erdbeben zerstört hatte, endlich auf das heilige Holz stieß - und auf dessen sagenhafte Herkunft.
Der römische Feldherr Titus soll im Jahre 70 zwei mächtige hölzerne Säulen aus Salomos Tempel als Beute aus dem geschleiften Jerusalem nach Rom verschleppt haben. Dort hätten sie zunächst einen heidnischen Tempel getragen, bis sie - in Siena - zu Stützen einer katholischen Kirche wurden.
Alle späteren Besitzer des Klaviers glaubten die Geschichte gern. Vorsichtshalber hat bis heute niemand das Alter des Holzes wissenschaftlich prüfen lassen. Immerhin scheint es sich um Zedernholz zu handeln, einen biblisch verbürgten Baustoff.
Ein Kritiker in Paris, wo das Siena-Klavier 1867 ausgestellt wurde, verglich den Klang mit Davids Harfe. Wenig später schenkte die stolze Stadt Siena dem italienischen König Umberto I. das Prunkstück. Jahrzehnte danach versteckte ein besorgter Kustos es vor den deutschen Besatzern in einem Palast von Monza.
Offenbar vergebens - jedenfalls gelangte "Davids Harfe" auf unbekanntem Weg zu Rommels Afrikakorps, wo es vermutlich als Bierorgel mißbraucht wurde; britische Soldaten erbeuteten es nach der Schlacht von El-Alamein. Allerdings hatte es inzwischen sein Aussehen so sehr verändert, daß ein Minenräumkommando zunächst an eine diabolische Waffe der Nazis dachte - das Meisterstück war rundum in Gips gekleidet. Erst prüfende Sondierungen mit dem Stemmeisen offenbarten das Innere.
So fand es der jüdische Klavierbauer Avner Carmi 1947 bei Tel Aviv, als er in einem Depot der britischen Mandatstruppen für Palästina stöberte. Für Carmi wurde die Entdeckung zur Obsession. Er brachte insgesamt drei Jahre Arbeit auf, um das Klavier endgültig aus dem Gipskorsett zu befreien. Auf Forschungsreisen nach Siena und Rom versuchte er, das ganze Drama seines Fundes zu dokumentieren. 1953 schleppte er das Instrument in die USA, auf der Suche nach einem reichen Sponsor, der ihm ermöglichen sollte, das legendäre Instrument nachzubauen.
Carmi schreinerte wie besessen, baute einen Flügel und ein Klavier nach seinem Vorbild, doch der himmlische Klang des alten Kastens wollte sich nicht einstellen. Meister Marchisio hatte offenbar, wie einst Stradivari, das Geheimnis seines Klangwunders mit ins Grab genommen. Carmi starb verarmt.
Seine Tochter Smira Borochowicz, 68, die das Stück nun versteigern läßt, trennt sich "ohne jede Sentimentalität" vom Erbe. Die "fixe Idee" ihres Vaters habe die Familie nur in Not gebracht.
Die Aussicht, daß das heilige Holz aus Salomos Tempel nun aus jüdischer Hand in japanischen Besitz übergehen könnte, schreckt sie nicht: "Hauptsache weg!"

DER SPIEGEL 35/1996
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