09.09.1996

KriminalitätDas Phantom der Göhrde

Zwei mysteriöse Doppelmorde im niedersächsischen Staatsforst Göhrde innerhalb weniger Wochen im Sommer 1989 beschäftigen noch immer die Kriminalpolizei in Lüchow-Dannenberg. Sieben Jahre nach den Verbrechen sind sie für drei Polizeibeamte zum Fall ihres Lebens geworden, über den Mörder ist kaum etwas bekannt.
Es war ziemlich heiß an jenem Donnerstag und deshalb anstrengend, sich durch den dichten Forst einen Weg zu kämpfen, immer mit Blick auf den Boden, um bloß nichts zu übersehen. Die Polizisten wußten natürlich, wonach sie an diesem Tag im Staatsforst Göhrde zwischen Lüneburg und Dannenberg zu suchen hatten. Und sie wußten auch, daß die beiden Toten, deren Picknickkorb, Ausweise, Schlüssel, Fernglas sie finden sollten, brutal ermordet worden waren.
Für die Geschichte der Göhrde-Morde ist es unwichtig, wie die Polizisten hießen, denen plötzlich ein paar Meter links vom breiten Weg entfernt im Waldstück Jagen 147 Verwesungsgeruch in die Nase stieg. Wichtig ist, was sie entdeckten, und sie zumindest werden das nie vergessen. Im Innern einer Schonung, unter Tannenzweigen, lagen zwei Tote, ein Mann und eine Frau, und der Anblick der beiden Leichen war nicht schön.
Auch nicht so schön, daß man nur fünfzehn Tage nach der zufälligen Entdeckung eines ersten Doppelmordes kaum 800 Meter entfernt vom Fundort nun auf zwei weitere Opfer stieß. Immerhin waren sie im Gegensatz zu den ersten noch erkenntlich und bekleidet.
Fast sechs Jahre vergingen, aber den Mörder hatten sie immer noch nicht, als die beiden Kriminaloberkommissare Dieter Weihser und Horst Göbel im Sommer vergangenen Jahres beauftragt wurden, sich noch einmal um den berühmten Fall zu kümmern, sozusagen von Anfang an, als seien die Morde erst gestern passiert. Ein Fall fast für zwei: den großen, bärenruhig-unerschütterlichen Dieter Weihser, nach Abitur, Bundeswehr und Fachstudium schon lange in dem Beruf, der ihn noch nie gelangweilt hat, und Horst Göbel, quirlig und wie immer auf der Lauer, der nur dann Anflüge von Depression zeigt, wenn sein Verein Werder Bremen verliert. Hätte es nicht sein können, daß ein anderer Blick andere Einblicke bringt? Deshalb haben sie neben ihren kriminalistischen Routineaufgaben noch einmal Tag für Tag die Akten genau gele-sen, die Zeugenaussagen, Ermittlungsergebnisse, aber nach einigen Monaten feststellen müssen, daß fast alle Spuren totermittelt waren, also ausrecherchiert mit negativem Ergebnis.
Genau eintausendneunhundertundelf Hinweise gab es im Laufe der Jahre, seitdem im Sommer 1989 in der Göhrde die vier Menschen entdeckt worden waren, deren Mörder kaum eine Spur hinterlassen hat. Man nannte schon bald den Wald den "Totenwald" und den Täter "Göhrde-Mörder", denn das war nicht nur richtig, sondern klang auch ganz gut, und der so informierte Bürger konnte sich deshalb schaurig fühlen, wenn er die B 216 zwischen Lüneburg und Dannenberg verließ und in den Wald der Toten einbog.
Daß man ihren Forst so nennt, hat die in der Göhrde nicht gefreut, deren Geschäft der Tourismus ist. Also wünschen sie sich heute, inzwischen sieben Jahre nach der Tat, daß man entweder den Mörder doch noch findet oder daß die ganze Geschichte bei denen von außerhalb, die so gern in der Göhrde bessere Luft schnappen wollen, endlich vergessen ist.
Finden wollen ihn Dieter Weihser, 45, und Horst Göbel, 40, auch - falls das nicht unmöglich ist, weil der Täter beispielsweise schon längst tot ist, was keiner ausschließen kann, denn man weiß ja fast nichts von ihm. Und was man über ihn weiß, mühsam zusammengefügt aus eben jenen eintausendneunhundertundelf Hinweisen, ist zwar neunzigprozentig wahrscheinlich, aber halt immer doch nur Annäherung.
Vergessen werden sie ihn aber selbst dann nicht, falls sie ihn nie finden. Das ist keine Frage der Ehre, das ginge ihnen ganz simpel gegen den Strich. Es ist nun mal ihr Beruf, dafür zu sorgen, daß Mörder nicht frei herumlaufen. Selbst in diesen Zeiten, da sogenannte Bullen entweder als Ausländer schlagende Dumpfköpfe vorgeführt werden oder als hilflos der Bürokratie ausgelieferte Zyniker oder als Büttel profilneurotischer Politiker, schlecht bezahlt und schlecht motiviert und besonders schlecht ausgestattet, retten sie ihr Selbstbewußtsein ohne große Worte in das Bewußtsein ihrer absoluten Professionalität. Das gibt ihnen innere Sicherheit, wenn über Innere Sicherheit debattiert wird.
Aber die Göhrde-Morde sind kein Fall wie die anderen, selbst wenn beide bemüht sind, professionell und kühl auch diese Taten als irgendwann zu lösende Aufgabe, also als Pflicht und nicht als Kür zu sehen. Es ist ja schließlich nicht so, daß man nichts anderes zu tun hätte: Dieter Weihser in Lüneburg untersucht Tötungs- und Waffendelikte, Brandstiftungen, Sittlichkeitsvergehen. Für Horst Göbel von der Kripo in Lüchow im Castor-Land, früher, vor der Einheit, am Arsch der Welt, heute mittendrin, sind es Autodiebstähle, Einbrüche und immer wieder Brände.
Daß die beiden ein Team in Sachen Göhrde geworden sind, ist Ergebnis verschiedener Polizeireformen und Zufall. Wer ist frei? Wer hat einen Bezug zur Gegend und zum Fall? Wer kann besonders gut ermitteln? Wer ist fähig zur Teamarbeit? Deshalb blieb ihnen der Fall erhalten, den ihr Kollege Horst Michaelis, 59, begonnen hat, der jetzt bald in Pension geht und den es nicht besonders freut, daß er den Mörder nicht mehr erwischte, der aber "seinen" Mörder nie vergessen hat.
Göbel und Weihser waren - mit 37 anderen Beamten - unter der Leitung von Horst Michaelis in der Sonderkommission damals in der heißen Phase nach der Entdeckung der Morde dabei; und sie wissen, wie wenig man hat an verwertbaren Indizien, aber die kennen sie auswendig.
Damit sie auch nichts vergessen, hat Michaelis zum Abschied aus der Mordkommission über 200 Seiten eines höchst subjektiven Sachstandsberichts geschrieben, sozusagen sein Vermächtnis für die Kollegen, die weitermachen.
"Damals", erzählt er, und er würde bestreiten, daß er dabei ein wenig wehmütig klingt, "dachte ich nur noch an den Göhrde-Mörder, und damals wohl habe ich mir angewöhnt, immer einen Zettel auf dem Nachttisch zu haben, damit ich auch nachts eine Ermittlungsidee aufschreiben konnte, die ich sonst am anderen Morgen vergessen hätte."
"Natürlich kümmern wir uns um andere Delikte auch", sagt Weihser, es gibt nicht einen Mann für einen Fall, das gibt es nur im Krimi oder für gewisse Zeitspannen in der Großstadt. Außerdem soll man bloß nicht glauben, sie hätten wenigstens während der ersten Monate intensiver Suche andauernd Columbo in der Provinz gespielt.
Eher langweilig notwendige Basisarbeit, ganz normale Ermittlungen halt: beispielsweise mit einer Phantomzeichnung in der Hand und fünf, sechs Hinweisen von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, "an jedem Laternenpfahl geschnüffelt", wie Göbel sagt, und immer wieder abgehakt, nee, ist nichts, war falscher Alarm. Sie hoffen, daß vielleicht bei ganz anderen Ermittlungen, und nicht nur bei ihnen in Niedersachsen, plötzlich etwa ein olivfarbenes Fernglas Steiner Commander II 7X5o S auftaucht, das identisch ist mit dem, das dem Opfer im ersten Fall gehörte und nie gefunden wurde. Oder daß jemand eine Sofortbildkamera Image System der Marke Polaroid entdeckt, wie sie der andere Ermordete aus Jagen 147 besaß, denn auch die ist seit dem Mord verschwunden.
Die reinen Tatsachen der beiden Fälle kann man sich verhältnismäßig einfach merken, weil es so wenige sind. Das Ehepaar Ursula und Peter Reinold aus Hamburg ist zwar am 21. Mai 1989 ermordet worden, aber schon wie das geschah, ist nicht sicher, denn die Leichen waren "stark mumifiziert und größtenteils skelettiert", als sie von drei Blaubeersammlern am 12. Juli 1989 im Jagen 138 des Staatsforstes Göhrde entdeckt wurden.
Die alarmierten Kriminalbeamten wußten nach entsprechenden Untersuchungen zwar bald, daß der Fundort nicht der Tatort sein mußte -"wir haben den Boden bis in 30 Zentimeter Tiefe abgetragen, auch die Leichenteile auf eine Plane gelegt und alles auf der Suche nach Projektilen und so ausgekoffert, durchs Sieb geschüttelt", erinnert sich Michaelis.
Aber sie konnten angesichts der verwesten Leichen nicht mehr klären, ob das Ehepaar erschossen, erschlagen, stranguliert wurde, und das schafften die Gerichtsmediziner, die gleich mit am Fundort waren, auch später im Labor nicht. So ist zum Beispiel bis heute nicht sicher, ob die Verletzungen am Kehlkopf des 51jährigen Peter Reinold vom Mörder stammen, der ihn strangulierte, oder ob ein Wildschwein, von denen es hier im Wald viele gibt, draufgetreten ist.
Immerhin hatten sie am Abend dieses Tages, an dem die Toten gefunden wurden, eine erste mögliche Täterbeschreibung. Den Beerensammlern war auf ihrem Weg zum Revierförster, wo sie ihren grausigen Fund melden wollten, ein Mann aufgefallen: kräftig, braunes Haar, einen dunklen Beutel in der Hand, der nicht leer gewesen ist. Viel mehr wußten sie nicht zu berichten, zu groß war der Schock. Aber es reichte später für ein erstes Phantombild.
Vom ebenfalls grauenvollen Sterben des anderen Paares - kein Ehepaar, sondern ein Liebespaar mit einem jeweils ahnungslosen Partner - ahnen die Ermittler ein bißchen mehr, weil die beiden vor ihrer völligen Verwesung gefunden wurden: Kopfschuß, schwere Strangulierungen, Schädelbrüche.
Geschehen ist die Tat genau zu der Zeit, an dem Tag, als die ersten beiden Opfer entdeckt wurden, was sich rekonstruieren ließ. Falls er sie erschossen haben sollte, das haben sie getestet an den beiden Fundorten, hätte man den Schuß von Jagen 147 in der Senke von Jagen 138 nicht hören können, wo gerade die Untersuchungen des ersten Mordes begonnen hatten. Und daß der, den sie seitdem jagen, zum Beispiel die Funksignale und das Piepen ihrer Walkie-talkies gehört und deshalb schnell entschlossen gemordet hat, ist auch nur eine Vermutung.
Entweder, sagen Weihser und Göbel, hat der Mörder eine schwere Macke und in seinem gerade ausgelösten Vernichtungswillen gar nicht mitbekommen, daß nur ein paar hundert Meter von ihm entfernt die Polizei seine ersten Opfer untersuchte. Oder aber er ist so kaltblütig, daß ihm das einen besonderen Kick gab und er die Tat dennoch beging, sogar die Frau noch mit Leukoplast an den Füssen fesselte, allerdings keine Zeit mehr hatte, diese Ermordeten so sorgfältig zu verstecken wie die anderen.
Unentdeckt raus aus dem Wald, und mehr als zwei Kilometer sind es ja nicht bis zur Hauptstraße, kam er mit einem eigentlich nicht ganz unauffälligen Toyota Tercel. Daß der am Rande der kleinen Straße hinter dem Forsthaus Röthen an der Schneise stand und er ihn bei seinem Einsatz dort gesehen hatte, fiel einem Beamten erst auf, als er in seinem Urlaub in der Zeitung das Foto des Pkw sah.
Gemeldet hat er sich nach seiner Rückkehr, da war es dann natürlich zu spät, aber auch hier kann man eigentlich keinem einen Vorwurf machen: Der zweite Mord war ja noch nicht entdeckt, als die Polizisten in den Wald gingen, um nach Spuren des ersten Mordes zu suchen. Also war das Auto am Waldesrand ein Auto wie jedes andere auch. Und nicht das Auto, mit dem Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping in den Wald fuhren, wo möglicherweise irgendwo auf einem Hochsitz der Mörder saß und sie beobachtete, als sie ausstiegen und in den Forst gingen.
Der muß Köpping nach der Tat den Schlüssel abgenommen haben und mit seinem Auto geflüchtet sein. Wie man später ermittelte, ist er noch etwa eine Woche damit herumgefahren, bevor er ihn in der Nähe der Kurklinik Bad Bevensen abstellte und abschloß. So wie er auch kaltblütig den Honda der Reinolds als Fluchtwagen benutzte und 300 Meter entfernt vom Bahnhof Winsen (Luhe) parkte.
Der Hochsitz, auf dem der Mörder vielleicht saß, liegt heute zerbrochen am Fuße einer Fichte, die inzwischen gewachsen ist. Nichts ist mehr, wie es damals war. Im Forsthaus Röthen wohnt eine andere Familie, die Leute, die da im Sommer 1989 lebten, sind fortgezogen, nicht nur aus Furcht, sondern auch, weil der Förster, das ist kein Geheimnis in der Gegend, damals zu denen gehörte, die man überprüfte.
Zwar gab es nach den Ermittlungen keinen Anhaltspunkt für einen begründeten Verdacht gegen ihn, aber das bedeutet gar nichts in der Göhrde. Denn unter den eintausendneunhundertundelf Hinweisen waren auch ein paar ganz üble Denunziationen.
"Weil grundsätzlich nichts unmöglich ist, auch wenn es noch so schwachsinnig klingt", sagt Weihser, "mußten wir uns auch um solche Hinweise kümmern." Einfach um ganz sicher zu sein, daß wirklich nichts dran ist.
Gefühle wie Frust oder Resignation erlauben sich Göbel und Weihser aber nicht. Obwohl das verständlich wäre, denn die vielen Hinweise führten lediglich zu drei Männern, bei denen die Ermittlungen einen so konkreten Verdacht ergaben, daß der jeweilige Verdächtige der Mörder hätte sein können, also der Amtsrichter aufgrund der zusammengetragenen Indizien bereit war, einen Durchsuchungsbeschluß auszustellen.
Bei einem, und das war immerhin erst vier Jahre nach der Tat, klang ein Hinweis aus der Nachbarschaft nicht so beknackt wie die Briefe des Rentners aus Dingsda, der immer Mörder mit genauer Adresse samt nicht so höflicher Bitte um Überweisung der ausgelobten 50 000 Mark Finderlohn durchgab, wenn er wieder mal Stimmen aus dem Jenseits gehört hatte.
Diesmal war es richtiges Diesseits, eine mögliche Affäre, wie sie in Niedersachsen ja häufiger vorkommt. Zufällig hatte jemand die Drohung eines Gehörnten belauscht, die Gattin solle mal die Göhrde-Morde nicht vergessen, so könne es auch ihr ergehen, wenn sie es weiterhin so triebe wie bisher: Ein Anruf kurz nach der Tagesschau bei der örtlichen Polizeidienststelle in Sachen Göhrde, bald sei doch wieder wie beim ersten Mord Vollmond und Mai, und man habe da einen speziellen Verdacht. Ein wacher Diensthabender auf diesem Revier, der diesen seltsamen und endlich mal nicht anonymen Hinweis an die richtigen Leute weitergab. Ein erstes Treffen mit dem Anrufer und die plötzlich greifbare Möglichkeit, der Mann, den der im Auge hat, der könnte es sein: Im Besitz eines Kleinkalibergewehrs war er, 5,6 Millimeter, und mit einem solchen war höchstwahrscheinlich Bernd-Michael Köpping erschossen worden.
Das Foto in der Akte auf dem Paßamt, das sich die Beamten anschauten, glich einer auf Zeugenaussagen beruhenden Phantomzeichnung, braunhaarig der Mann, fliehende Stirn, die üblichen stechenden Augen. Die Größe kam auch etwa hin, 175 bis 180 cm, und am wichtigsten: Der Verdächtige kannte sich in der Göhrde aus - denn ohne genaue Ortskenntnis hätte der Mörder dort nie zuschlagen können.
So einfach mal zu ihm hinfahren und guten Tag, wir kommen von der Kriminalpolizei, und wo waren Sie eigentlich am 21.5.89 und am 12.7.89, geht natürlich nicht. Worüber zum Beispiel soll man ihn belehren - über seine Rechte als Zeuge oder über seine Rechte als Beschuldigter? Klingt banal, aber ein guter Anwalt dreht aus dem Unterschied dann den Strick, mit dem er einen vor Gericht in Verfahrensfehlern fesselt.
Und wie vermeiden, daß der Verdächtige von den Recherchen erfährt? Man kann ja nicht so nebenbei im Bekanntenkreis oder beim Schlachter oder in der Kneipe herumfragen, denn die Gefahr ist zu groß, daß sich einer verplaudert, Mensch, sach mal, neulich haben sich zwei Kriminalbeamte nach dir erkundigt ... Also einen ganz großen Kreis um den Verdächtigen ziehen und sehr vorsichtig in diesem Kreis herumschnüffeln und unauffällig observieren und die winzigsten Hinweise sammeln.
Nach fünf Monaten endlich hat Dieter Weihser genug zusammen, um in seinem Bericht an den zuständigen Staatsanwalt dem zu empfehlen, einen Durchsuchungsbeschluß zu beantragen. Der Jurist ist von den Argumenten der Ermittler überzeugt und stellt beim Amtsrichter den entsprechenden Antrag.
Die Hausdurchsuchung bei dem Krankenpfleger dauert einen ganzen Tag, nicht nur die üblichen Schubladen werden geöffnet, auch die Asche im Herd untersucht, sogar Dielenbretter des Bauernhauses werden aufgestemmt und anschließend sorgfältig wieder vernagelt.
Die Vernehmung des Verdächtigen beginnt um 11.46 Uhr und endet um 17.20 Uhr, parallel dazu wird die Ehefrau verhört. Doch beide Gespräche bringen keine neuen Hinweise, im Hause des Verdächtigen wird nichts Verdächtiges entdeckt, die Untersuchung seines Autos ergibt nicht eine einzige Faser, die zur Kleidung oder den Resten der Kleidung der Opfer passen würde oder zu denen, die man in den Pkw der Opfer gefunden hat. Das Alibi des überprüften Mannes ist wasserdicht, die Spur ist totermittelt, die Akte kann geschlossen werden. Wieder nichts.
Dabei paßte anfangs vieles von dem wenigen, was die Fahnder über ihren Täter wissen: Er muß sich gut auskennen im Staatsforst Göhrde. Er muß Autorität ausgestrahlt haben, sonst hätte er sich den beiden Paaren nicht so einfach nähern können. Und er muß vor allem groß und kräftig sein, sonst hätte er die Leichen nicht unter Zweige und in die Schonung zerren können. Solche starken Typen braucht man zum Beispiel als Krankenpfleger in geschlossenen Anstalten.
Das Phantom der Göhrde ist möglicherweise ein Frauenhasser, der durch die Paare erregt wurde, auf jeden Fall hat er eine sexuelle Störung, die plötzlich im Jagen 147 ausgelöst wurde. Er ist brutal, er ist aggressiv, er ist ein Einzelgänger, er kann sich seine Zeit selbst einteilen, wird also nirgends am Arbeitsplatz vermißt, falls er mal nicht da ist. Er ist Nichtraucher, denn in den Autos der Opfer, die er fuhr, wurden keine Kippen gefunden - was natürlich auch die Vorsichtsmaßnahme eines in Wahrheit kettenrauchenden Mörders gewesen sein kann. Und angesichts der Brutalität der Morde muß man davon ausgehen, daß er sexuell gestört ist, psychisch krank.
Der von der Mordkommission beauftragte Psychologe umschreibt das in seinem natürlich auch nur auf Vermutungen beruhenden Täterprofil mit "sexuellen Entwicklungsdefiziten" und dem daher kommenden Drang des Mörders, seine "sexuellen Impulse durch Aggressivität auszuleben".
Wenn sich mal ein Hinweis vielversprechend las, haben die Beamten das, was sie ermittelt hatten, verglichen mit dem Psychogramm des Psychologen und mit ihren wenigen Zeugenaussagen: cholerisch ist der Verdächtige, brutal, überkorrekt, introvertiert et cetera. Wenn es viele Übereinstimmungen gab, die alle auf den paßten, den sie im Visier hatten, kam kurzfristig Hoffnung auf, daß sie ihn endlich wirklich hatten. Kurzfristig.
Logisch, daß man sich in geschlossenen Anstalten nach möglichen Patienten, und mitunter auch nach ihren Wärtern - aber immer streng im Rahmen des Datenschutzes - erkundigte, die dem Täterprofil entsprachen und in den fraglichen Wochen vielleicht Ausgang gehabt hatten.
Logisch, daß man sich im nahen Kurort Bad Bevensen in den Kliniken und Pensionen und Hotels und Kurheimen umschaute, denn wer von seinen physischen Beschwerden dort einigermaßen geheilt war, fuhr gern mal in die Göhrde, und nicht immer allein. Kann es sein, daß der Mörder eine Art Kurschatten-Meise hatte, daß er physisch gesund, aber psychisch gestört war, weil ihm seine Frau bei einer Kur abhanden, also in andere Hände gekommen war? Auch Ermittlungen in diese Richtung blieben ohne Ergebnis.
Und alle fremden Autokennzeichen, die man aufgeschrieben hat - was nichts Besonderes war in der Gegend, wo jeder Fahrer mit auswärtigem Nummernschild dem Staatsschutz von wegen Gorleben verdächtig schien -, sind per Computer personifiziert worden, aber alle Halter hatten ein Alibi.
Auch den seltsamen verlotterten bärtigen Typ im Forst, den sie nach einem Tip gesucht hatten, haben sie gefunden. Aber es war nur ein Obdachloser, der damals den Sommer im Wald verbrachte statt unter irgendeiner Brücke in der Großstadt.
Nichts, nichts, nichts. "Der Mörder hätte genausogut wie ein Mafioso von irgendwoher einfliegen, den Mord begehen und am anderen Morgen wieder verschwinden können", sagt Göbel, und Weihser untermauert den Satz des Kollegen mit der Faustregel, daß die meisten Morde aufgrund persönlicher Beziehungen begangen werden und oft in den ersten 48 Stunden nach der Tat aufgeklärt sind. "Bei unserem Fall", meint er lapidar, "haben wir aber die ersten Leichen erst sieben Wochen nach der Tat gefunden, und wir können eigentlich davon ausgehen, daß die Begegnungen zwischen Mörder und Opfern Zufallsbegegnungen waren. Es hätte auch andere treffen können." Nicht einmal ein paar andere kleinere noch unaufgeklärte Fälle haben sich nebenbei lösen lassen, wie es eigentlich bei jeder großen Aktion passiert.
Der erste Doppelmord aus Versehen, weil der betrogene Ehemann der zweiten Ermordeten einen Killer beauftragt hatte und der sich das falsche Paar ausgesucht hat? Nein, so was gibt es nicht einmal im Vorabendprogramm, daß ein braver Bürger aus Uelzen nach St. Pauli fährt und dort zielstrebig einen Mörder dingt. Aber selbst diese Theorie wurde überprüft.
Der Ehemann übrigens ist inzwischen verstorben, und mit der Tochter der Ermordeten haben die Beamten selten Kontakt. Mit den Kindern der Reinolds dagegen sprechen sie regelmäßig und halten sie über das wenige auf dem laufenden, was hin und wieder in diesem Fall passiert. Der Anruf eines Beamten von einer ganz anderen Dienststelle zum Beispiel, der bei einer Diebstahlsermittlung ein Fernglas konfisziert hat ... ob sich der Kollege Weihser das mal ansehen möchte? Könnte doch sein, daß es in seinen Fall paßt.
Warum das Phantom der Göhrde seit sieben Jahren nicht mehr gemordet hat? "Da gibt es mehrere Möglichkeiten", sagt Horst Göbel, "er kann zum Beispiel längst schon tot sein." "Oder er ist ausgewandert", sagt Weihser, "das ist ja nicht auszuschließen." Oder er ist in einer Anstalt, wo er eigentlich hingehört. Oder ist weit weggezogen und nie mehr straffällig geworden. Oder er verhält sich wie das Chamäleon, das sich stets seiner Umgebung anpaßt und dadurch unauffällig bleibt.
Denn es gibt noch eine Alternative, die Göbel und Weihser immer wieder diskutieren. "Es könnte sein, daß wir dem Mörder schon begegnet sind, daß er unter denen ist, die wir schon überprüft haben. Und daß er Angst hat, weil er merkte, wie dicht wir an ihm dran waren." Daß sie ihn wahrscheinlich sofort kriegen, falls er wieder mordet, weil sie inzwischen so lange mit einer theoretischen Vorstellung von ihm gelebt haben, daß sie ihn praktisch an seiner Handschrift wiedererkennen würden, sagen sie lieber nicht. Um diesen Preis wollen sie ihn nicht haben.
Zwei, drei Spurenelemente haben sie noch in der Hinterhand, von denen außer ihnen, ihren Vorgesetzten und ihrem ehemaligen Chef Horst Michaelis keiner etwas weiß. Das soll auch so bleiben, denn wenn sie ihn einmal haben werden, sind das die Indizien, die den Täter überführen. Alles scheint zur Zeit zwar ausrecherchiert, zu Tode ermittelt, aber wie das so ist: Morgen könnte es passieren oder übermorgen, daß plötzlich etwas nicht mehr in den Rahmen paßt und damit das ganze Bild neu aufgebaut werden müßte.
"In Troja zum Beispiel", sagt Dieter Weihser, "ist alles erforscht, wie man weiß. Doch könnte es sein, daß ein Archäologe zufällig eine Scherbe unter all den Scherben entdeckt, die da einfach nicht hingehört. Und dann würde er sich die Frage stellen, wie die da hinkommt, und es begänne eine ganz neue Geschichte."
Göbel und Weihser wollen den Kerl erwischen, aber wenn es am Schluß nicht sie sind, die ihn festnehmen, sondern ihre Kollegen, ist ihnen das auch egal. Sie waren schließlich dabei, und es zählt der Wunsch, am Schluß bei den Siegern zu sein. Sie wollen dem Mörder ins Gesicht sehen, und sie wollen wissen, warum er es tat. Und falls sie den Göhrde-Mörder doch nie fangen? Da bleibt allenfalls grimmige Genugtuung, daß er unter seiner Schuld leidet, Tag für Tag. Daß er weiß, er wird gejagt, und daß er Angst hat, erwischt zu werden, Tag für Tag. Daß er bei jedem vor seinem Haus parkenden fremden Auto in Panik gerät und bei jeder zufälligen Begegnung mit einem Polizisten schwitzt. Daß er sich nie bei ihnen, seinen Jägern, freisprechen kann, bevor er schuldig gesprochen wird.
Was natürlich alles nur gilt für den Fall, daß der Göhrde-Mörder das hat, was man Gewissen nennt. Und das weiß nun wirklich niemand.
Michael Jürgs
Von Michael Jürgs

DER SPIEGEL 37/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kriminalität:
Das Phantom der Göhrde

Video 02:24

Trumps Idee gegen Waldbrand Holt die Harken raus!

  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Großküche für Waldbrandopfer: Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich" Video 01:25
    Großküche für Waldbrandopfer: "Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich"
  • Video "Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen" Video 00:54
    Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen
  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn" Video 00:45
    Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!