09.09.1996

BelgienMoralische Helden

Der Fall des Kinder-Kidnappers Dutroux wird immer monströser. Eltern greifen zur Selbsthilfe.
Geraubt, betäubt, mißbraucht, ermordet und verbrannt - das Ende seiner Tochter An, 17, und ihrer Freundin Eefje, 19, hätte Paul Marchal sich nicht schrecklicher vorstellen können. Doch der hagere Mann will nicht aufgeben: "Ich mache weiter im Kampf für eine menschliche Justiz."
Mit Freunden und freiwilligen Helfern hatten die Eltern die Dünen durchkämmt und Zeugen befragt, als ihre Töchter im August 1995 nach einem Abendausflug in Ostende nicht heimkehrten. Sie brachten Suchfotos in Supermärkten und Bahnhöfen an, während die Polizei noch an einen harmlosen Ausreißversuch der Teenager glaubte. Jedem Hinweis gingen die Eltern nach, legten gar eine Liste verdächtiger Personen an. Noch am vergangenen Montag baten Paul und Betty Marchal im französischen Fernsehen darum, ihnen bei ihren Nachforschungen zu helfen. Denn der gefaßte Entführer Marc Dutroux hatte bei seinen Vernehmungen angedeutet, die beiden jungen Frauen könnten von seinem Komplizen ins Prostituiertenmilieu verschachert worden sein.
Doch letzten Dienstag fanden die Polizeibeamten in Jumet bei ihren Ausgrabungen auf einem Dutroux-Grundstück menschliche Knochen. An einer Swatchuhr und den Zähnen ließen sich die Leichen von An und Eefje identifizieren. Die Mädchen waren dem vorbestraften Kinderschänder Dutroux und einem Komplizen wahrscheinlich beim Autostopp in die Hände gefallen.
Zweieinhalb Wochen nach dem nationalen Entsetzen über den Tod der achtjährigen Freundinnen Julie Lejeune und Mélissa Russo, die nach monatelanger Gefangenschaft im Keller des Wohnhauses von Dutroux in Sars-la-Buissière verhungert waren, erlebte Belgien den zweiten, nicht minder tiefen Schock. Eltern, die nach ihren vermißten Kindern forschen, bangen weiteren Funden entgegen.
"Wann wird man mich anrufen und mir endlich sagen, was mit meiner Tochter geschehen ist?" fragt sich der Vater von Elisabeth Brichet, die 1989 als 12jährige verschwand. 13 Kinder und junge Mädchen kamen in Belgien in den letzten sechs Jahren nicht wieder, sie wurden verschleppt oder ermordet.
Die 16jährige Laurence Mathues wurde im September 1992 zehn Tage nach ihrem Verschwinden an einer Straßenböschung tot aufgefunden. Weil sie an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben war, schloß die Staatsanwaltschaft auf Selbstmord. Die Eltern, die sich damit nicht abfinden mochten, drängten vergebens auf weitere Ermittlungen. Jetzt fanden sich bei Dutroux große Mengen genau jener Barbiturate, an denen Laurence starb.
"Man hätte sie retten können", empörten sich die Eltern von Julie und Mélissa. Ihre Kinder seien Opfer von Verdrängung und Gleichgültigkeit in Justizkreisen geworden: "Man wollte sich nicht eingestehen, daß es in diesem Lande organisierte Verbrecher gibt, die Kinder rauben, einsperren und mißbrauchen."
Im November 1995 hatte die Staatsanwaltschaft in Lüttich den Eltern Russo und Lejeune eröffnet, ihre Kinder seien vermutlich nicht mehr am Leben. Vergebens strengten sie einen Prozeß an, um Einblick in die Ermittlungsakten zu bekommen.
Hilfe kam von der privaten Organisation "Marc und Corine", die von einem schäbigen Ladenlokal in einer Lütticher Seitenstraße aus einen Notdienst für die Eltern vermißter Kinder unterhält. Hier werden Suchfotos kopiert und per Fax an ehrenamtliche Mitarbeiter bei Post und Bahn, in Geschäften und Supermarktketten verteilt. Hinweise, auch anonyme, werden entgegengenommen; Psy- chologen stehen kostenfrei mit Ratschlägen bei.
Denn bis die Polizei tätig wird, weiß Jean-Pierre Malemendier, "ist es oft schon zu spät". 1992 wurden seine Tochter Corine und ihr Freund Marc von zwei jungen Gangstern - der eine auf Haft-urlaub, der andere auf Bewährung frei - ausgeraubt und erschossen. Um anderen Eltern den Umgang mit einer trägen Polizei und einer laxen Justiz zu erleichtern, gründeten sie ihren Verein.
Nun haben sie es geschafft, die Mauer des Schweigens, mit der sich die Behörden umgaben, zu durchbrechen. Seit einem Jahr waren die Belgier überall mit den Bildern verschwundener Kinder konfrontiert. Ein Staatsanwalt aus dem kleinen Ardennenstädtchen Neufchâteau ordnete sofort nach dem Verschwinden der 14jährigen Laetitia in Bertrix eine Befragung von Haus zu Haus an, die entscheidende Hinweise auf den arbeitslosen Dutroux brachte.
Der Kampf um ihre geraubten und ermordeten Kinder machte die Mütter und Väter zu moralischen Helden, vor denen sich sogar der König verbeugt. Julies und Mélissas Eltern hatten eine Teilnahme Albert II. an der Trauerfeier in Lüttich abgelehnt. Erst als der Monarch klare Worte fand und den Justizminister aufforderte, bei den Ermittlungen keine Spur zu vernachlässigen, folgten die Eltern einer Einladung ihres Souveräns.
Jetzt habe er, so Mélissas Vater Gino Russo, vom höchsten Repräsentanten des Staates "die Garantie erhalten, daß unsere Kinder nicht umsonst gestorben sind".

DER SPIEGEL 37/1996
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