16.09.1996

Jesuiten

Kulturschock für Manager

Der Frankfurter Jesuit und Managertrainer Rupert Lay hat sich mit seinem Orden überworfen. Nach einem kritischen Werk über die "sterbende Kirche" mußte der Mann, der den Papst als "Heuchler" beschimpft, das Kloster verlassen. Nun steht wegen eines weiteren Buches erneut Krach mit den Oberen bevor.

Zwei Beine in schwarzen Jeans strecken sich aus dem schwarzen Golf, eine Hand greift an den Türrahmen, dann faltet sich steif der ganze Mann aus dem Wagen. Zwischen zwei Terminen war der Pater auf dem Hotelparkplatz eingenickt, jetzt blinzelt er durch die große Brille in die Nachmittagssonne.

Der Duft von frischgemähten Wiesen weht herüber zum noblen Landhotel Schafhof, mitten in den Hügeln des Odenwaldes. "Das Konferenzzimmer ist frei für Sie", ruft ihm die Wirtin zu - selbstverständlich bei Stammgästen wie Rupert Lay. Dennoch hat er nicht im Hotel gewartet. Er ist lieber für sich. Im Auto stört ihn keiner.

Mehrmals im Jahr gibt der Jesuitenpater Lay, 67, in dem ehemaligen Klostergut Seminare für Manager. Er schult sie in Rhetorik, Philosophie und Ethik. Diese Arbeit hat ihn zum wohl bekanntesten Jesuiten nach Oswald von Nell-Breuning, dem Vater der Katholischen Soziallehre, gemacht. Mehr als 2000 Wirtschaftsleute gingen bei Lay, Professor für Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie, schon in die Lehre.

Doch wenn diese Woche die neuen Kurse beginnen, wird Lay nicht mehr der Alte sein. Der Pater hat Ärger mit seinem Orden. 30 Jahre lehrte und lebte er in der renommierten Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt.

Nun haben seine Oberen verfügt, daß Lay das Kloster verlassen muß. Auslöser war heftiger Hader mit den Frankfurter Mitbrüdern über ein kirchenkritisches Buch, der sich zu einem grundlegenden Zerwürfnis auswuchs. In dem Werk, das Lay im vergangenen Jahr unter dem Titel "Nachkirchliches Christentum. Der lebende Jesus und die sterbende Kirche" veröffentlicht hatte, wirft der Pater der katholischen Kirche in Europa vor, sie habe sehr viel mit Macht, aber kaum noch mit Christentum zu tun.

Künftig wird Lay, so entschied der Jesuiten-Provinzial vergangenen Monat, dem Kölner Ordenshaus zugeteilt. Doch viele Mitbrüder zweifeln, ob der Bruch zwischen dem rebellischen Weltenwanderer und seinem Orden heilbar ist.

Wer Rupert Lay in diesen Tagen trifft, erlebt einen spröden Menschen voller Widersprüche und Risse. Im Konferenzzimmer des Schafhofs, wo er sonst die Manager zwirbelt, sitzt der Jesuit müde im Polsterstuhl. Mit gekrümmtem Rükken hockt er da wie ein lebendes Fragezeichen - die Haltung des Denkers, der viel Zeit am Schreibtisch verbringt. Daß er gern Sport treibt - Wandern und Tauchen - , sieht man ihm nicht an.

Rastlos ist der Mann sonst, süchtig nach Denkarbeit. 39 Bücher hat der Elite-Jesuit geschrieben, der neben Theologie und Philosophie auch Betriebswirtschaft und Psychologie studiert hat, und das neben seiner Arbeit als Professor, Managertrainer und Psychotherapeut. Wer sich soviel abverlangt, ist selten auch mit seinen Mitmenschen nachsichtig. "Wenn jemand Trivialitäten erzählt", gesteht Lay, "bin ich ein schlechter Zuhörer."

Seinem Gesprächspartner schenkt er nichts, selten auch nur ein Lächeln. Nur Bruchteile von Sekunden blitzt es in seinen Augen auf, wenn er etwa den greisen, 1991 verstorbenen Nell-Breuning imitiert. Immer wieder, als wolle er die Aufmerksamkeit seines Gegenübers testen, senkt er seine leise, heisere Stimme bis zur Unhörbarkeit. Von seinen Seminarteilnehmern erwartet er "eine überdurchnittliche Bereitschaft, sich in sozialen Spannungen zu erleben".

Die entstehen etwa, wenn Lay wie 1980 den RAF-Mitbegründer Horst Mahler mitbringt, damit er den verdutzten Managern Nachilfe in Marxismus gibt. Oder wenn ihnen der Pater, um sie aus der Reserve zu locken, um die Ohren haut, ihre Worte erinnerten ihn eher an das "Gegrunze eines Schweins". Wenn er milder ist, kritisiert er den Trend, "ziemlich hemmungslos zu prostituieren, was uns über die Großhirnrinde huscht".

Für einige, sagt der Münchner EDV-Unternehmer und treue Lay-Seminarist Roland Dürre, seien die Kurse ein "Kulturschock" - Elite-Macher, die mit Koffern voller Selbstgefälligkeit anreisen und ziemlich kleinlaut abfahren.

Lay lehrt sie, daß nicht nur Profit und Shareholder-value zählen, sondern auch ethische Werte. "Handle so, daß auch in 100 Jahren die Erde noch Lebensraum für Menschen sein kann", ist eines seiner Prinzipien.

Der Jesuit nimmt den Spitzenleuten den Glauben, sie seien tolle Typen. Wenn ein Mitarbeiter nichts mehr leistet, so Lay, ist der tatsächlich Schuldige womöglich der Vorgesetzte, der falsch führt.

Der Philosoph liebt es, Gewißheiten zu verhöhnen, Vorurteile zu knacken. Hat nicht vielleicht die verhaßte Umweltgruppe, die den Chemieriesen kritisiert, in ihrer Argumentation recht?

Doch die bestechende Logik, die Lays Schüler an ihrem Meister bewundern, versagt im Konflikt mit seinem Orden. Seinen Mitbrüdern kann er nicht mehr vermitteln, daß er sich ihnen noch verbunden fühlt.

Hilflos steckt der Kommunikator in der jesuitischen Beziehungskrise. Lay sei eitel und ignoriere die Gemeinschaft, werfen ihm seine Mitbrüder vor. Die seien neidisch und kapselten sich von der Welt ab, kontert Lay. Sein ketzerisches Buch "Nachkirchliches Christentum" spielt da nur noch eine Nebenrolle. Darin wischt Lay sämtliche katholische Dogmen vom Tisch, weil jeder sein eigenes "Konstrukt" von Gott habe.

So unpersönlich klingt es auch, wenn er von sich spricht. Lay verbirgt sich hinter einem Zitatenschatz aus seinen Lehrbüchern. "Wir sind, bei Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit, dazu verpflichtet", sagt er, "aktive Intoleranz mit reaktiver Intoleranz zurückzuweisen." Im Klartext: Er stellt auf stur.

Der Provokateur im Namen Jesu, der den Namen "Ketzer" schmeichelhaft findet und den Papst als "widerlichen Heuchler" beschimpft, weil er ledige Mütter aus dem Kirchendienst werfe, sieht sich als Opfer der Intoleranz in seinem Orden. "St. Georgen war stets meine Heimat", klagt Lay. Doch hat er sie dort überhaupt noch gesucht?

Schon lange vor dem Zerwürfnis wurde der Odenwald sein Refugium. Für ein Holzhaus inmitten von Bäumen und Vogelgezwitscher sicherte ihm ein Freund bereits vor 20 Jahren das alleinige Wohnrecht. Wochenlang zog der Eigenbrötler sich hier zurück, wenn er Ruhe suchte oder ein Buch schrieb. Das Häuschen in Walldürn, unweit vom Hotel Schafhof, ist jetzt auch sein Hauptwohnsitz. Selten besitzen Jesuiten, die sämtliches Einkommen an die Gemeinschaftskasse abliefern, etwas für sich allein. Der Solist Lay braucht das Eigene. In Walldürn will er von seinen Seminarhonoraren leben und nur noch den Rest an die Brüder abgeben. Millionen hat der Orden schon an ihm verdient.

Mit dem spartanischen jesuitischen Lebenswandel hat Lay seit langem Probleme. Zu den Aufbaukursen bittet Lay auf die Malediven, nach Kenia oder Fuerteventura. Stets an Strände, wo er auch tauchen kann, seine Leidenschaft. Dabei macht der Priester, der ein Armutsgelübde abgelegt hat, keinen Hehl daraus, daß er sich in Robinson-Clubs durchaus wohl fühlt.

Plötzlich gesprächig, erzählt er von seinem 250. Tauchgang. "Da haben wir in 30 Meter Tiefe eine Flasche Champagner aufgemacht - dabei muß man sie genau senkrecht halten - und haben so zwei, drei Schlückchen getrunken. Dann kam so ein Japaner und kippte die Flasche ein bißchen - schon war sie voller Salzwasser." Doch dann, als sei ihm das irgendwie peinlich, rühmt sich Lay wieder seiner Bescheidenheit: "Ich habe zwei Hemden, zwei Jeans, zwei Krawatten, sechs Unterhosen und sechs Unterhemden."

Wenn sich die Manager in der Mittagspause auf dem Odenwälder Schafhof an Taubenbrüstchen oder Lammgulasch laben, klettert er mitunter in seinen Golf und begnügt sich mit "zwei hartgekochten Eiern und einer Flasche Bier".

Aber es ist wohl eher sein "großes Einsamkeitsbedürfnis", das ihn immer wieder von den anderen wegtreibt. Die Rolle des Sonderlings, so scheint es, füllt er sogar mit einer gewissen Lust.

Dennoch: Der Bruch mit seinem Orden schmerzt ihn, und am Zölibat will er festhalten, obwohl er ihn für überholt hält. Lay: "Ich würde nie eine Frau heiraten."

Seit den sechziger Jahren hat Lay immer wieder Vormundschaften für elternlose Kinder übernommen. Auch sie gehören zu den Sehnsüchten, die er nur außerhalb des Ordens ausleben kann. Daß er kürzlich Vormund des 13jährigen Rupert wurde, Sohn einer seiner Studentinnen, meldete er in St. Georgen erst gar nicht an. Auf Seminarreisen in die Managerwelt nimmt Lay das Kind des öfteren mit: "Der Bub taucht auch gern." Dieser Rupert ist sein leiblicher Sohn, den er "jetzt nicht mehr verleugnen" will.

Je mehr er unterwegs war, desto seltener bekamen die Jesuiten ihren Konfrater zu Gesicht. Nur so, rechtfertigt er sich, könne er bei Menschen sein, "die sonst die Christusbotschaft nicht erreicht" - den Managern eben.

Die stehen treu zu ihm. "Ich habe Freunde von Bali bis San Francisco", schwärmt Lay. Einer überwies 1000 Mark mit der Notiz: "Damit Du für die erste Woche was zu essen hast, dann sehen wir weiter ." Andere haben beim Jesuitengeneral in Rom gegen seinen Rauswurf protestiert.

"Lay versucht doch, den Glauben und die Kirche für die Leute von heute verstehbar zu machen", sagt der ehemalige Chemie-Geschäftsführer und Lay-Freund Rudolf Jansche. "Wie will die Kirche überhaupt noch ernstgenommen werden, wenn sie solche Leute verdrängt?"

Tatsächlich sagen ihm auch seine Mitbrüder eine tiefe Frömmigkeit nach: "Rupert kann predigen wie zu Zeiten unserer Großeltern, ganz fromm und innig", erzählt einer der Fratres. Doch die Gespräche, die sie zuletzt mit ihm führten, endeten "in tiefer Ratlosigkeit".

Der nächste Krach steht schon vor der Tür. In Kürze erscheint Lays neuestes Buch ("Das Ende der Neuzeit"), das von der Ordenszensur nicht genehmigt wurde. Und er schreibt schon am nächsten: "Weisheit für Unweise".

Eitel, sagt Lay, sei er überhaupt nicht. Aber er gehöre zu den wenigen Autoren, deren erste 20 Bände der gesammelten Werke schon vorliegen - "mit Goldschnitt und Leder".

Annette Großbongardt

* Vor dem Landhotel Schafhof.

DER SPIEGEL 38/1996
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