16.09.1996

Österreich

Der letzte Kaiser

Der rechte Populist Haider wittert bei den Wahlen zum Europaparlament und in Wien gute Chancen. Um Kanzler Vranitzky wird es einsam.

Unruhig sitzt er da und klagt über "die Tretmühle des Alltags, die in Wirklichkeit das Beherrschende ist". Gepflegt wirkt er wie immer, jedoch auch gereizt und sichtlich in der Defensive. Der TV-Moderator des öffentlichrechtlichen Fernsehens attackiert ihn rücksichtslos: "Der Staat produziert eine unglaubliche Unsicherheit." Und ohne auf viel Gegenwehr zu stoßen, prophezeit er ihm ein "historisches Fiasko".

Völlig anders tritt dagegen der Herausforderer auf: braungebrannt, frech und in Angriffslaune wie schon lange nicht. "Ich kann gewinnen", verheißt er mit jeder Körperbewegung. Der Diskussionsleiter wirkt wie hypnotisiert von diesem Siegertyp und bringt keine kritische Frage über die Lippen.

Seit im legendären Fernsehduell 1960 der klare Favorit Richard Nixon gegen John F. Kennedy unrasiert auftrat, ins Schwitzen kam und danach die Präsidentschaftswahl verlor, kennt jeder PR-Berater die verhängnisvolle Symbolkraft solcher Bilder. Das Image des Verlierers, dessen Zeit abgelaufen ist, strahlt derzeit Österreichs sozialdemokratischer Bundeskanzler Franz Vranitzky aus. Wie der unaufhaltsame Aufsteiger gibt sich dagegen der radikale Rechtspopulist Jörg Haider von den Freiheitlichen.

Die beiden wurden im Abstand von zwei Wochen vom österreichischen Fernsehen für die abendliche Sendereihe "Anders gefragt" interviewt. Es stehen zwar keine Wahlen an, in denen die Protagonisten selbst kandidieren würden. Und dennoch, das spüren Millionen Österreicher, geht es um tiefschürfende Veränderungen in ihrem Land, exakt tausend Jahre nachdem "Ostarrichi" erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Haider, auch mit 46 noch immer durchtrainierter Sportsmann, verabschiedete sich schon vor einem Jahr mit starken Worten von jener Deutschtümelei, die seine Freiheitliche Partei jahrzehntelang betrieben hatte. Jetzt begreift er sich als Parade-Österreicher, der seine Heimat vor den bösen Mächten der Brüsseler Bürokratie und des deutschen Großkapitals zu schützen versteht.

Jovial klopft das Mitglied im Klub der gereiften Porsche-Carrera-Cabriolet-Besitzer ("Ich habe mir einen Jugendtraum erfüllt") bei jedem öffentlichen Auftritt am liebsten Verlierern aller Art auf die Schultern, vor allem bisher eingefleischten Sozialdemokraten - sie sind Haiders bevorzugte Zielgruppe.

Zu ihm strömt das Publikum in Scharen, denn immer mehr Österreicher fühlen sich verloren in dieser grenzenlosen neuen Welt innerhalb der Europäischen Union, ohne die gewohnte Sicherheit, die ihnen eine geschützte Wirtschaft und der Eiserne Vorhang vor Zuwanderern aus dem Osten boten.

"Wahltag ist Zahltag", läßt Haider gegenwärtig überall plakatieren. In der Hauptstadt fügen seine Freiheitlichen noch zwei hinterhältige Slogans hinzu: "Wien darf nicht Chicago werden" und "Damit uns Wien Heimat bleibt".

So schürt er vor den Europaparlamentswahlen und den Wiener Kommunalwahlen am 13. Oktober gleichermaßen den Unmut über die ökonomischen Anpassungsfolgen des erst 1995 vollzogenen EU-Beitritts wie die Angst vor wachsender Kriminalität und ins Land drängenden Ausländern.

Zwar zählt Wien zu den sichersten Millionenstädten aller Demokratien, und aus Furcht vor Haiders Aufstieg hat die Große Koalition aus Sozialdemokraten und konservativer Volkspartei längst selbst die Fremdenfeindlichkeit zum Programm erhoben: Sie beschloß zum Schutz ihrer Alpenländler vor zwei Jahren ein Gesetzespaket, das die angeblich vom Bosnier- und Türkenzustrom bedrohte Republik bei der Integration von Nicht-EU-Bürgern an die letzte Stelle aller westeuropäischen Staaten beförderte.

Aber auf die Stimmung kommt es an, und die ist zum "Speiben", wie die Ostösterreicher sagen, wenn sie etwas zum Kotzen finden.

In Wien wird die Sozialdemokratische Partei allen Umfragen zufolge erstmals ihre absolute Mandatsmehrheit einbüßen; ein Ergebnis von 40 Prozent gälte bereits als großer Erfolg. Bei den gleichzeitig angesetzten landesweiten EU-Parlamentswahlen hat Haiders Mannschaft sogar Aussichten, stimmenstärkste Partei zu werden.

Noch kurz vor Fristablauf, so berichtete das Massenblatt Neue Kronenzeitung, versuchte Haider, seine Kandidatenliste mit zugstarken Namen aufzuwerten: Er bemühte sich um einen Transfer des Wiener Stürmeroriginals Toni Polster vom 1. FC Köln in die EU-Elf der Freiheitlichen, um den Regierenden einen "Doppelpack" zu verpassen, wie Polster sich ausdrückt, wenn ihm zwei Tore in einem Spiel gelingen.

Mit einer saftigen Abreibung rechnen inzwischen SPÖ- und ÖVP-Funktionäre in aller Offenheit. "Wir werden eine höllische Watschn kriegen", prophezeit Harald Ettl, dereinst von Vranitzky abservierter Gesundheitsminister und nunmehr einer der Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten für das Vielfliegerleben zwischen Straßburg, Brüssel und Wien.

"Der Haider ist nicht mehr aufzuhalten", gibt sich Peter Wittmann schon geschlagen, der junge Bürgermeister von Wiener Neustadt, das bislang beständig rot wählte. Allenfalls Fettnäpfchen, in die der Radikale mit der blauen Parteifarbe so gern tritt wie einst Franz Josef Strauß, könnten Haider noch ins Straucheln bringen.

Als Eigentor dürfte sich beispielsweise Haiders Mediencoup erweisen, ausgerechnet den Journalisten Peter Sichrovsky an zweiter Stelle auf seiner EU-Liste plaziert zu haben. Der Sohn jüdischer Eltern galt bislang als linksliberal und mach- te sich durch Interviewbände über Holocaust-Nachfahren und Nazi-Kinder ("Schuldig geboren") einen Namen.

Noch ehe Sichrovsky seine Wahlkampfkünste vorführen konnte, schallte es schon von den Rängen: "Vorzeigejude" (so der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Paul Grosz) und: "Hausjude für die Freakshow der Freiheitlichen" (der jüdische Schriftsteller Doron Rabinovici).

Selbst wenn Haider seine drückende Feldüberlegenheit wider Erwarten nicht in einen nationalen Erfolg umsetzen sollte: Der sozialdemokratische Gegner übt sich schon jetzt in Fin-de-siècle-Resignation. Einflußreiche Provinzpolitiker wie der Kärntner Vorsitzende Michael Ausserwinkler distanzieren sich öffentlich von der Wiener Zentrale, engste Gehilfen des Kanzlers stauchen parteiinterne Kritiker rüde zusammen.

Solche scharfen Töne waren seit dem Streit zwischen Sonnenkönig Bruno Kreisky und dessen ehrgeizigem Stellvertreter Hannes Androsch im Jahr 1978 nicht mehr zu hören. Damals galt die Spaltung der Traditionspartei als Gespenst der Medien, heute spekulieren hochrangige Parteimitglieder unverhohlen über die Spannungen in der SPÖ und bringen erneut Androsch als Retter ins Spiel.

Diese zerstörerische Entwicklung habe Vranitzky, der als Androschs persönlicher Referent seine politische Karriere begann und es bis zum gefeierten "Kaiser Vranz" brachte, maßgeblich zu verantworten, heißt es bei grollenden Parteifunktionären, die um den Verlust ihrer gewohnten Macht bangen.

Dem Fußballfan Vranitzky werfen sie alles vor, was auch dem Trainer einer abstiegsgefährdeten Mannschaft vorgehalten wird: falsche Taktik und schlechtes Coaching, undisziplinierte Spieler und ungerechtfertigt hohe Gagen.

Statt den Rückenwind nach dem EU-Referendum vor zwei Jahren (66,4 Prozent "Ja") und dem Wahlsieg im vergangenen Dezember (38,3 Prozent der Stimmen, Zuwachs gegenüber den Parlamentswahlen 1994 mehr als 3 Prozent) zur ideenreichen Offensive zu nutzen, ließ sich Vranitzkys Team einschnüren.

Der Bundespräsident ernannte während der zehn Regierungsjahre Vranitzkys auf dessen Vorschlag 101mal einen Minister und 21mal einen Staatssekretär, viel zu viele für das begrenzte Potential an erfahrenen Politikern in den geographisch unscheinbaren Resten der Donaumonarchie. In der "Löwelstraße", dem Machtzentrum der SPÖ direkt hinter Claus Peymanns Burgtheater, verschliß der letzte Kaiser der Roten im gleichen Zeitraum fünf Bundesgeschäftsführer - mehr als Erfolgskanzler Kreisky, den die Medien "Sonnenkönig" nannten, in fast doppelt so vielen Jahren bestellte.

Nicht selten tauschte Vranitzky wichtige Köpfe lediglich aus, weil es gerade opportun schien, der öffentlichen Stimmung zu folgen. Jetzt kann er kaum noch fähige Ersatzspieler einwechseln.

Stammwähler wittern den Geruch der Niederlage und laufen in Scharen zum Verführer Haider über. "Man muß ihn doch einmal probieren lassen", sagt der Portier Robert Weninger stellvertretend für viele. Er wählte bis 1994 die SPÖ, seither "natürlich den Dr. Haider".

Weninger arbeitet in der Wiener Herrengasse, die schon lange vor dem TV-Zeitalter, in dem Vranitzky und Haider agieren, Zeuge historischer Auftritte wurde. Ein oft müder Karl Marx unterstützte hier 1848 die liberale Bürgerliche Revolution, die kläglich scheiterte. Adolf Hitler zeigte sich nicht unweit auf dem Heldenplatz - triumphierend.


DER SPIEGEL 38/1996
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