09.02.2013

BESCHÄFTIGUNG5 724 512 Schritte

Wie lassen sich ältere Langzeitarbeitslose im Arbeitsmarkt unterbringen? Das Jobcenter Brandenburg schickt Hartz-IV-Empfänger auf eine virtuelle Reise zum Mount Everest, um sie fit zu machen für Jobs - falls es je welche gibt.
Auf dem Schreibtisch von Christian Gärtner, Chef des Jobcenters Brandenburg an der Havel, steht ein kleines Kugelpendel. Mit solchen Modellen beweisen Physiklehrer, dass Energie nicht verlorengeht. Ein Gestell mit ein paar Kugeln, die an Stangen hängen. Man stößt das erste Pendel an, es klickt, der Schwung fließt in die Kugelreihe und sorgt dafür, dass das letzte Pendel abhebt. So ähnlich funktioniert das Bewegungsmodul, das sich Gärtner für seine älteren Langzeitarbeitslosen ausgedacht hat.
Es ist ein Experiment. Was passiert mit der Energie, die man einem älteren Menschen gibt, der seit langer Zeit ohne Arbeit ist?
Bleibt er stehen, oder schwingt er?
Ende vergangenen Jahres hat das Jobcenter Brandenburg eine Gruppe Hartz-IV-Empfänger jenseits der fünfzig mit Schrittzählern ausgerüstet und sie auf eine virtuelle Reise zum Mount Everest geschickt. 270 000 Schritte braucht man bis zum Gipfel. Wer als Erster oben ist, gewinnt. Die Aktion läuft im Rahmen der 50plus-Initiative und heißt "Everbest".
Es wäre ein Wettrennen der Lahmen, wenn Christian Gärtner nicht selbst mitmachen würde. Sein Projektname ist "Chef", momentan liegt er auf dem dritten Platz.
Gärtner redet viel davon, dass er Vertrauen schaffen will, aber die Wahrheit ist wohl, dass er auch nicht weiterweiß. Jeder dritte deutsche Arbeitslose ist ein Langzeitarbeitsloser, eine Million sind es, und viele sind alt. Es ist schwierig, sie in die Arbeitswelt zurückzuholen. Gärtner möchte diese Menschen in seiner Nähe behalten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist das Laufen. Der aufrechte Gang.
Brandenburg an der Havel ist ein deutsches Modell, eine Industriestadt ohne Industrie. Früher gab es hier mal ein Stahlwerk mit 10 000 Arbeitern, heute gibt es die größte Nervenklinik und den drittgrößten Knast im Bundesland. Übrig geblieben sind die alten Menschen und die alten Industriegebäude. Jeder dritte Brandenburger jenseits der fünfzig ist arbeitslos. In der ehemaligen Getriebefabrik sitzt das Jobcenter.
Der Leiter des Jobcenters schiebt den Schoß seines Jacketts zur Seite und zeigt den Schrittzähler, den er am Hosenbund trägt. Heute hat Christian Gärtner noch nicht besonders viele Schritte gesammelt. Er ist vor seiner Potsdamer Wohnung in den BMW gestiegen, nach Brandenburg an der Havel gefahren und dann vom Parkplatz in sein Büro gelaufen. Jetzt sitzt er am Schreibtisch, fährt den Computer hoch, um die Karte der Mount-Everest-Besteigung zu zeigen. Ursprünglich ist das Programm für eine Schweizer Bank entwickelt worden, die damit ihre Mitarbeiter fit halten wollte. Es gibt verschiedene Szenarien. Gärtner hätte seine Arbeitslosen auch auf eine Safari in die Sahara schicken können oder in den Dschungel am Amazonas. Aber es ist Winter, da schien ihm der Himalaja die passende Wahl.
Christian Gärtner ist 57 Jahre alt, er kommt aus dem Osten, er hätte selbst ein Fall für sein 50plus-Modul sein können. Theoretisch. Er war in seinem ganzen Leben nicht einen Tag arbeitslos, sagt er und lächelt, man spürt, dass er nicht an einen Zufall glaubt. Er braucht keinen Energiestoß, er platzt fast vor Energie. Viermal die Woche geht er schwimmen. Eine Stunde jeweils, 2500 Meter. Dazu kommt das Tanzen, freitagabends zwei Stunden im Fortgeschrittenenkurs und dann am Sonntag im Boogie-Club.
"Tanzschritte", sagt Gärtner, "sind auch Schritte."
Gärtner hüpft durch den Schneematsch zum Seminarraum, in dem sich jeden Donnerstag die Mount-Everest-Besteiger treffen, um ihre Werte in die Computerprogramme einzutragen. 15 Arbeitslose nehmen am Bewegungsmodul teil, dazu Gärtner und seine beiden Projektleiter Steffen Osbeck und Bernd Otte, die jeweils eine Gruppe führen. Sie nennen es "Seilschaften", weil es um Zusammenhalt geht, um Teamfähigkeit, um Solidarität. Osbeck hat mal Psychologie studiert, Otte war mal Lektor in einem Technikverlag. Sie laufen wie Dorfschullehrer zwischen den Bankreihen entlang.
Manche Bergsteiger haben sich für die Dauer des Experiments Künstlernamen gegeben. Vorn links sitzt Frau Fuß. Sie ist 58 und hatte zuletzt einen Ein-Euro-Job in einem Pflegeheim, wo sie alten Leuten vorgelesen und zugehört hat. Neben ihr Birgit, die 55 ist und zuletzt als Reinigungskraft gearbeitet hat. Hinten rechts Kochi, 52, der alles Mögliche ausprobiert hat. Vorn rechts Verena, 55, die im Zickzackkurs durch ihr bisheriges Berufsleben geflogen ist; sie war Verkäuferin, Kranführererin, Zivilangestellte der Nationalen Volksarmee, Lagerarbeiterin und Altenpflegerin.
Verena führt im "Everbest"-Wettkampf. Sie hat momentan 113 000 Schritte und fast das erste Camp erreicht.
Christian Gärtner baut sich vor der Gruppe auf, wippt leicht auf den Zehenspitzen, lächelt, eine Hand fährt über den Schlips. Er sieht aus wie ein Schuldirektor, der kurz das Klassenzimmer betritt. Er stellt sich vor, wünscht allen viel Glück, lächelt, wippt. Eine leichte Unsicherheit durchzieht Gärtners Auftritt. Er wirkt beinahe ängstlich.
Er kennt die Menschen im Raum nicht, die Namen nicht und nicht die Geschichten hinter den Namen. Frau Fuß' letzter Mann war spielsüchtig, ihre Tochter ist depressiv. Verena ist vor vielen Jahren mal jemand in den Kran gerannt, den sie steuerte, der Mann wurde so schwer verletzt, dass er starb. Kochi hat zweimal dieselbe Frau geheiratet, weil er hoffte, sie betrüge ihn beim zweiten Mal nicht mehr. Birgits Ex-Mann hat angefangen zu trinken, als er seine Arbeit im Stahlwerk verlor. Bärbel hat Bluthochdruck und Schuppenflechte, wahrscheinlich psychosomatisch. Ihre Mutter ist im vorigen Jahr in der Badewanne ertrunken, ihr Mann hat Krebs.
Sie geben diese Geschichten lieber preis als ihre Namen, vielleicht, weil die Geschichten besser erklären können, wer sie sind und warum sie in ihrem Alter mit Schrittzählern durch Brandenburg laufen müssen wie Duracell-Hasen.
Die abenteuerlichste Reise in diesem schmucklosen Seminarraum hat Harald Krenzke zurückgelegt. Er ist in Brandenburg aufgewachsen. Als er 21 war, verhaftete ihn die Staatssicherheit. Ein Militärgericht verurteilte ihn zu anderthalb Jahren. Als er rauskam, stellte er einen Ausreiseantrag. Mitte der Achtziger verließ er das Land. Erst nach Gießen, dann nach West-Berlin, wo Krenzke mit seiner Frau einen kleinen Rewe-Markt eröffnete. Sie bekamen zwei Töchter, und als die Mauer fiel, wechselten sie nach Teltow. Seiner Frau ging der Streit zwischen Ostlern und Westlern auf die Nerven. Sie lösten auf, was sie in Berlin hatten, und gingen auf die venezolanische Ferieninsel Isla Margarita, um eine Strandbar zu eröffnen. Die Strandbar lief nicht so gut wie erwartet, seine Frau trank mitunter mehr als ihre Gäste, sagt er. Zweieinhalb Jahre hielt er durch, dann ging er. Seine Frau blieb mit den Töchtern. Von den 120 000 Mark, mit denen er aufgebrochen war, nahm er 2000 Dollar mit nach Hause.
Auf dem Geburtstag eines ehemaligen Kumpels lernte er seine jetzige Frau kennen. Er zog zurück nach Brandenburg. Er hilft im Sommer auf dem Bau aus und bewirbt sich ab und zu bei einem Fuhrunternehmen. Aber wenn sie sein Alter hören, melden sie sich nicht mehr, sagt Krenzke.
Er versteht das, sagt er. Die Zeitreise hat ihn erschöpft. Er ist nur noch schwer für Motivationskurse zu begeistern. Krenzke läuft sowieso, er hat heute schon zehnmal so viele Schritte gemacht wie Jobcenter-Chef Gärtner. Aber er macht es nicht, weil er die Aktion so gut findet. Er macht es, weil er Sprit sparen will.
Christian Gärtner hat festgestellt: Es ist wichtig, die Tagesabläufe der Langzeitarbeitslosen aufzubrechen. Sie brauchen einen Rhythmus. Es ist gut, dass sie sich einmal in der Woche treffen. "Als Kollegen", sagt er. "Sozusagen."
An der Wand seines Dienstzimmers hängt eine große Weltkarte, auf der Gärtner markiert hat, wo er schon überall war. Es sind viele Länder, Südamerika mag er am liebsten. Mitte Februar geht es wieder dorthin, er macht mit seiner Frau eine Kreuzfahrt von Santiago de Chile nach Buenos Aires. Im nächsten Jahr will er dann von Ecuador durch den Panamakanal nach Kuba segeln.
Schwer zu sagen, wie motivierend die Entdeckerkarte auf seine Seilschaft wirkt. Frau Fuß war noch nie im Ausland. Einmal, kurz nach dem Mauerfall, fuhr sie mit ihrem Sohn nach West-Berlin, sagt sie. Im vergangenen Jahr hat ihre Tochter sie mit in den Ostseeurlaub genommen, weil noch ein Platz im Auto frei war. Ansonsten ist sie nie aus Brandenburg weggekommen. Warum auch? Sie hat alles, was sie braucht, nur der Bus in ihren Vorort könnte öfter fahren, dann würde sie vielleicht auch wieder Arbeit finden. Sie ist zu unbeweglich.
Sie läuft am Straßenrand in ihren Ort zurück, auf den Feldern liegt eine Schneekruste, dazwischen verwitterte Flachbauten, zugewachsene Werkstätten und hier und da ein paar neue Hallen, in denen gearbeitet wird, eine wilde, rohe Landschaft. Kanadische Indianer haben hier eine Zigarettenfabrik gebaut, die Iren eine Schweinefarm und die Holländer irgendwas mit Pflanzen, sagt sie. Nur für sie gibt es nix.
"Indianer!", sagt sie, "komisch, wa?"
Sie steht vor dem Wohnblock, in dem sie ihre vier Kinder großgezogen hat, grau, vier Stockwerke hoch, sie wohnt im ersten, zweieinhalb Zimmer. Das Haus sieht aus, als würde es bei einem kräftigem Windstoß zusammenfallen.
"Nich schön", sagt Frau Fuß, "aber 'n Stücke Heimat."
Direkt hinterm Haus hat jemand eine Art provisorische Koppel angelegt, darin steht ein kleines Pferd, es dampft. Im Sommer stinkt es gewaltig, aber niemand protestiert, weil sie Angst vor dem Pferdebesitzer haben. Einen Mann, der sie verteidigen könnte, hat sie nicht mehr. Der erste war Melker, der zweite Straßenbahnfahrer. Wo die Liebe hinfällt, sagt Frau Fuß. Wenn sie Schritte sammelt, dann auf dem Weg zu ihrer Tochter, die im Nachbarort wohnt und Hilfe braucht, weil sie Burnout hat, sagt Frau Fuß. Sie hätte den Ein-Euro-Job im Pflegeheim gern weitergemacht. Aber er wurde nicht verlängert. Wichtig ist, dass man sich nicht gehenlässt, sagt sie.
"Man muss auf Kleidung und Frisur achten. Vor ein paar Jahren hatte ich immer eine Krause, aber ich vertrag die Chemie nicht mehr", sagt Frau Fuß. Sie könnte ewig so reden. Was sie am meisten stört, ist das Schweigen. Man verlernt das Sprechen. Erst langsam fügen sich die Wörter, die am Anfang ungeordnet aus ihr herausquellen, an ihren richtigen Platz.
Wenn Christian Gärtner mit seiner Frau am Freitagabend in die Tanzschule "Balance" in der Potsdamer Waldstadt geht, dann fällt der Stress von ihm ab. Dann lässt er Jobcenter Jobcenter sein. Natürlich hat er den Schrittzähler dabei. Seit 1997 tanzen die Gärtners, inzwischen sind sie auf dem Fortgeschrittenenniveau 11 angekommen.
"Boogie oder Jive?", fragt die Tanzlehrerin Milena am Anfang.
"Jive", sagt Gärtner. "Da krieg ich mehr Schritte zusammen."
Gärtner hat an diesem Freitag bis 21 Uhr erst 3000 Schritte zurückgelegt, ein richtiger Bürotag. Er ist im Wettbewerb auf den sechsten Platz zurückgefallen, das ist natürlich nichts. Er muss jetzt das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Sie spielen "Matilda" von Harry Belafonte.
"Matilda, Matilda, Matilda, she take me money and run Venezuela", singt Harry Belafonte, und man muss gleich an Harald Krenzke und sein Strandbar-Abenteuer denken. Sechs ältere Paare stehen auf der Tanzfläche, richtig mit dem Herzen dabei sind nur die Gärtners. Die anderen Männer halten ihre Partnerin wie eine Schlagbohrmaschine, Gärtner führt seine Frau wie ein kostbares Instrument. Die beiden haben sich auf der Verwaltungsschule Dr. Kurt Fischer in Frankenberg, Sachsen, kennengelernt. Gärtners Frau ist Geschäftsführerin bei der Wasserwirtschaft. Es geht ihnen gut. Vor ein paar Jahren sind sie aus der Plattenbauwohnung in eine Stadtvilla auf dem Hermannswerder gezogen, direkt am Wasser. Mit Bootssteg.
Was haben sie zu DDR-Zeiten gemacht?
Sie schauen sich an, blinzeln.
"Kommunalverwaltung", sagt Gärtner. "Wir waren immer in der Verwaltung."
Was immer er einst verwaltet hat, nun verwaltet er die Arbeitslosigkeit. Je schlechter es dem Brandenburger Arbeitsmarkt geht, desto wichtiger ist Gärtner. Man kann ihm das nicht vorwerfen, es ist einfach so.
"Ihr Lieben", ruft die Tanzlehrerin. "Cha-Cha-Cha."
Nach dem Cha-Cha-Cha hat Christian Gärtner 6563 Schritte auf der Uhr. Dann kommt noch ein Wiener Walzer. Ein Tanz, 211 Schritte. Am Ende der Tanzstunde sind es 6995.
Auf seiner Stirn glänzen Schweißperlen. Man muss an den Film "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" denken, der einen Dauertanzwettbewerb verzweifelter Amerikaner während der Großen Depression beschreibt. Andere deutsche Jobcenter verpflichten ihre Kunden zu Nichtraucherseminaren, zur gemeinsamen Gewichtsabnahme, zum Chorgesang. Wäre Tanzen nicht auch was für Langzeitarbeitslose?
"Warum nicht?", sagt Gärtner. "Die Haltung ist auch im Job ein entscheidendes Kriterium. Man kann nicht in Filzlatschen zur Arbeit gehen."
Um die Jahreswende, als das Projekt zur Hälfte herum ist, treffen sich nur wenige Leute im Seminarraum. "Chef" Gärtner ist auf Platz 9 zurückgefallen, verspricht aber aufzuholen. Projektleiter Otte liegt noch weiter hinten. Sein Hund ist schon 14 Jahre alt, der ist faul, sagt Otte. Ottes Modulname ist "Eddy", so heißt auch sein Hund. Neuer Spitzenreiter ist ein Mann namens Voigt, der nie zu ihren Treffen erscheint.
"Der hat seinen Schrittzähler seinem Goldhamster umjebunden", sagt Kochi, der Pausenclown der Langzeitarbeitslosen. Verena lacht besonders laut. Sie hat aufgehört, ihre Schritte zu zählen, als sie auf dem Gipfel war.
"Ick mach sowieso bald die Fliege, tschüssi, Assi-Leben", sagt Verena, die sich gestern bei einer Krankenpflegefirma beworben hat. Es sieht gut aus, sagt sie.
"Du wirst ein Punkt, Verena", sagt Otte. In seinem Büro hängt ein großer Jahreskalender, in den er die Langzeitarbeitslosen aus dem 50plus-Projekt einträgt, die auf dem Arbeitsmarkt vermittelt werden konnten. Jede Vermittlung ist ein grüner Punkt. Kein Punkt im November, keiner im Dezember. Die Zahl der älteren Arbeitslosen ist wieder leicht gestiegen im vergangenen Jahr. Vielleicht gibt es gar nicht den Arbeitsmarkt für die Brandenburger 50plus-Generation, den er sich vorstellt, und die ganzen Module von Christian Gärtner sind so was wie die "Truman Show". Sie spielen Hoffnung, weil niemand ohne Hoffnung leben kann. Bernd Otte hat die 25 wichtigsten Arbeitgeber angeschrieben, um bei ihnen Informationsveranstaltungen zum 50plus-Programm zu machen, nur zwei haben überhaupt geantwortet.
"Du mit deine grünen Punkte", sagt Verena.
Otte lächelt. In ein paar Wochen ist er auch wieder arbeitslos. Die Projektmanager 50plus werden immer nur für zwei Jahre eingestellt, die anderen, mit denen er 2011 angefangen hat, sind inzwischen längst woanders untergekommen. Nur Otte ist noch da, er ist zu alt. Er macht jetzt noch zwei Jahre arbeitslos, dann geht er in Rente. Otte hat keine Angst, dass er in ein Loch fällt, sagt er. Er hat den Hund, die Frau und einen Wohnwagen auf Usedom. Nächste Woche stellen sich die drei neuen Projektmanager vor. Eine arbeitslose Juristin, ein arbeitsloser Betriebswirtschaftler und eine alte Berufsschullehrerin. Christian Gärtner legt Wert darauf, dass sie aus der Arbeitslosigkeit kommen, weil das Verbindung zu den Klienten schafft.
Sie haben Anknüpfungspunkte, sagt Gärtner. Man könnte sagen, sie beschäftigen sich alle gegenseitig.
Ohne Otte hätte Krenzke bei der Besteigung des Mount Everest nicht mitgemacht, sagt er. Krenzke mag Otte, weil er "kein Scheiß erzählt", wie Krenzke sagt.
Harry Krenzke ist am 24. Dezember 10 317 Schritte gegangen, am 25. 4760 und am 26. 9391, Silvester machte er 10 000 Schritte, Neujahr nur 5000. Er ist jetzt Vierter, aber er ist nicht stolz drauf.
Wenn Krenzke nach Hause kommt, zieht er sich schon im Treppenhaus die Schuhe aus. Er will den Dreck, der sich bei der ganzen Lauferei an seinen Sohlen sammelt, nicht in die Wohnung tragen. Es ist erst Mittag, seine Frau arbeitet, Krenzke läuft auf Strümpfen durch die stille, kleine Wohnung bis ins Esszimmer, ein schmaler Raum mit einem Tisch, an der Wand der Spruch: "Friss und furz, das Leben ist zu kurz". Hier sitzt er oft.
Krenzke holt eine Kiste mit den Dokumenten seines Lebens aus der Schrankwand. Die Genehmigung der Opferrente für politisch Verfolgte der DDR liegt ganz oben. Er war 21 Jahre alt, als sie ihn in den Knast steckten. Ein Freund, der Soldat war, hatte ihm in der Kneipe erzählt, dass er in den Westen abhauen wolle, Krenzke borgte ihm 30 Mark fürs Taxi. Das war alles. Krenzke wollte nie in den Westen, aber man geriet im Osten schnell in riesige Zusammenhänge. Aus dem Taxigeld wurde Beihilfe zur Fahnenflucht. Krenzke erzählt die Geschichte ohne politische Wut, wie ein Mann, der insgesamt zu viel einstecken musste. In der Kiste liegt auch ein Zeitungsausschnitt von der Kai-Pflaume-Show "Nur die Liebe zählt".
Als er wieder in Brandenburg war, holte Krenzke seine beiden Töchter nach. Die jüngere wollte wieder zurück nach Venezuela, die ältere nicht. Sie hatte ein Kind von einem Venezolaner. Ein ganz armer Hund, sagt Krenzke. Seine Tochter wollte, dass ihr Kind in einem sicheren Land aufwächst. Der Vater blieb in Venezuela. 2001 war das. Vier oder fünf Jahre später erzählte eine Bekannte die traurige Geschichte der Redaktion von "Nur die Liebe zählt", und die organisierten eine überraschende Familienzusammenführung in einem Fernsehstudio. Krenzke war eingeweiht, verriet aber nichts. Es war eine große Show, aber nach vier Wochen flog sein Schwiegersohn zurück nach Südamerika und kam nie wieder.
"Wat soll er auch hier?", fragt Krenzke.
Kai Pflaume war der Letzte, der ein Interesse an ihm hatte. Bis Christian Gärtner kam. Wahrscheinlich sind sich "Nur die Liebe zählt" und die Aktion "Everbest" gar nicht so unähnlich.
An einem Donnerstag Ende Januar trifft sich die Gruppe zum letzten Mal im Seminarraum. Kochi steht mit Verena und Bärbel auf dem Hof. Die Frauen reden über einen RTL-Beitrag, in dem Hartz-IV-Empfänger berichteten, dass sie ihrem Jobcenter seltsame Fragen beantworten mussten, beispielsweise ob sie unter Verstopfung leiden. Kochi erzählt, dass er mal in einer Maßnahme war, in der alle Teilnehmer Namen von Märchenfiguren bekamen, und wenn der entsprechende Name gerufen wurde, warf jemand eine kleine Wollkugel nach dir.
"Ick hab jedacht, ick bin in der Klapse jelandet", sagt Kochi.
Von der anderen Seite des Hofes nähert sich Gärtner mit einem Fernsehteam des RBB. Sie würden gern mit ein paar Teilnehmern darüber reden, was ihnen das Mount-Everest-Projekt gebracht habe. Gärtner hat bereits geredet, er hat von körperlicher Fitness und aufgebrochenen Tagesabläufen berichtet. Die Teilnehmer seiner Seilschaft aber wollen nicht vor die Kamera. Kochi, dessen Foto ganz am Anfang des Projekts mal in einer Berliner Boulevardzeitung auftauchte, sagte, er sei auf dem Brandenburger Weihnachtsmarkt angepöbelt worden, weil er bei dem Marsch mitmachte. Außerdem ist er vor ein paar Jahren am Herrentag mal ziemlich angesoffen in einen Beitrag des Regionalfernsehens geraten, obwohl er krankgeschrieben war.
Im Seminarraum verteilt Projektleiter Osbeck Fragebogen. Fühlen Sie sich besser als vorher? Würden Sie noch einmal teilnehmen? Glauben Sie, dass Sie durch die Aktion fitter für den Arbeitsmarkt wurden?
Harald Krenzke kreuzt überall "nein" an. Er ist derselbe Mann, der er Anfang Dezember war. Krenzke, so viel ist klar, schwingt nicht, Gärtners Energieschub ist glatt durch ihn hindurchgeflossen.
Zehn Tage nachdem die Aktion abgeschlossen wurde, treffen sich alle Teilnehmer noch einmal, um den Marienberg zu besteigen. Es ist eher ein Hügel als ein Berg.
"Eine Analogie auf den Mount Everest", sagt Projektleiter Steffen Osbeck. Er hat für jeden eine Urkunde und ein kleines Geschenk dabei. Einen Regenschirm. Damit sie auch bei schlechtem Wetter laufen können. Es sind alle gekommen, auch Verena, die nun doch kein grüner Punkt auf Ottes Liste geworden ist. Die Leute von der Krankenpflegefirma haben sich nicht zurückgemeldet.
Auf dem Gipfel steht ein Mann im Anzug. Das ist Christian Gärtner. Er ist den Berg mit dem Auto hinaufgefahren. Er ist immer schon da, wie der Igel im Märchen von Hase und Igel. Gärtner lächelt. Gerade hat er mit Heinrich Alt von der Bundeszentrale der Arbeitslosenbehörde in Nürnberg telefoniert. Mit ganz oben sozusagen. Es gibt gute Nachrichten.
"Herr Alt bat mich, Ihnen zu danken, dass Sie nicht den Mut verloren haben. Wir sind auf dem richtigen Weg", sagt Gärtner. Die Leute schauen durch ihn hindurch, sie lassen ihn reden, und man versteht die Parallelwelt, in der sie sich bewegen. Eine Welt, in der man Regenschirme dafür bekommt, dass man zwei Monate lang mit Schrittzählern durch eine brandenburgische Stadt läuft. Eine Welt, die von wohlmeinenden Hobbytänzern wie Gärtner gestaltet wird. Eine Welt, in der Heinrich Alt aus der Nürnberger Arbeitsamtszentrale so was ist wie der Bundeskanzler. Eine Phantasiewelt, zusammengesetzt aus Modulen, Projekten und grünen Punkten, die sich selbst genügt.
Nur innerhalb dieser Welt kann man verstehen, warum die 15 Langzeitarbeitslosen freiwillig bei der Aktion mitgemacht haben. Es ist eine Aufgabe. Als ein paar Brandenburger Kommunalpolitiker dem Jobcenter für seine Aktion Zynismus vorwarfen, fühlten sich auch die Hartz-IV-Empfänger angegriffen.
Einmal an diesem Vormittag sagt Kochi zu Gärtner: "Ich bin ja jetzt auch schon eine Weile dabei." In diesem Moment klingt seine Arbeitslosigkeit wie eine Art Beruf.
Die Gruppe trinkt in der Gaststätte auf dem Gipfel noch einen Kaffee. Osbeck wertet die Fragebogen aus. Die meisten fühlen sich nicht wohler als vor dem Marsch, aber auch nicht schlechter. Osbeck hat aus der Aktion herausgepresst, was herauszupressen war, statistisch. Er hat zusammengezählt, dass sie insgesamt 5 724 512 Schritte liefen. Das ergebe eine Strecke von 3435 Kilometern.
"Ich habe mal nachgeschaut, wohin uns das bringen würde", sagt er. "Bis nach Baku."
Baku.
"Dit is bei den Russen", sagt Harald Krenzke. "Schönen Dank."
Christian Gärtner sitzt am Kopf der Tafel wie der Westbesuch. Er redet mit den Leuten in seiner Nähe über unverbindliche Dinge wie Obstbäume und den Angelsport. Neben ihm liegt seine Urkunde. 335 495 Schritte ist er gelaufen, aber er muss immer weiter. Was tun. Menschen bewegen. Er macht jetzt erst mal seine Kreuzfahrt, und wenn er wiederkommt, starten sie ein neues Bewegungsmodul. Vielleicht geht es in die Sahara.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 7/2013
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