09.02.2013

POPDer Babo von Frankfurt

Der deutsch-türkische Gangsta-Rapper Haftbefehl macht polyglottes Durcheinanderquatschen zur Kunstform.
Der Erneuerer der deutschen Sprache steht vor einem Gebraucht-Handy-Laden im Frankfurter Bahnhofsviertel. Umgeben von seiner Entourage, einem knappen Dutzend junger Männer, die wissen, wie man eindrucksvoll auf dem Bürgersteig herumsteht.
Haftbefehl, mit bürgerlichem Namen Aykut Anhan, bestimmt zwei Meter groß, die Haare kurzgeschoren, war früher einmal Drogendealer und betrieb ein Wettbüro. Heute gilt der 27-Jährige als erfolgreichster Gangsta-Rapper Deutschlands. Er hat einen ganz neuen Ton in den deutschen Rap eingeführt, eine neue Sprache für dieses Genre erfunden und das polyglotte Durcheinanderquatschen zur Kunstform gemacht. Sein neues Album "Blockplatin" steht derzeit auf Platz vier der deutschen Verkaufscharts.
Es soll in ein Restaurant gehen. Anhan verteilt seine Leute auf die diversen Autos, drückt jemandem einen Geldschein fürs Benzin in die Hand und lässt sich noch schnell mit ein paar Fans fotografieren. Er selbst fährt einen großen Jeep, das Gespräch im Auto dreht sich um den Frankfurter Immobilienmarkt. Auf der Anlage läuft sein neues Album.
"Chabos wissen wer der Babo ist" heißt der Hit der Platte, ein grandios stumpfes Stück Gangsta-Rap. Chabo ist ein Wort aus der mittelalterlichen Räubersprache Rotwelsch, es bedeutet so etwas wie Bauer auf dem Schachbrett des Lebens. Babo ist türkisch und heißt Boss.
"Hafti Abi ist der der im Lambo und Ferrari sitzt / Saudi Arabi money rich / Wissen wer der Babo ist / Attention mach bloß keine Harakets / Bevor ich komm und dir deine Nase brech'" - so fängt der Song an, "Haraket" ist Haftbefehl-Deutsch und bedeutet so viel wie "Faxen", es kommt von "Hakaret", das ist türkisch und heißt Beleidigung. Lambo ist der Lamborghini. Verfremdet wird das Ganze noch durch die arabisch klingende Intonation: Das H wird wie Ch ausgesprochen, ein Wort wie "Hafti", Anhans Spitzname, kommt tief aus der Kehle und klingt wie "Chafti".
Seit der Schriftsteller Feridun Zaimoglu Mitte der Neunziger seinen Bestseller "Kanak Sprak" veröffentlichte, hat niemand mehr mit ähnlicher Kraft die Sprache der multikulturellen Unterschicht in Kunst verwandelt wie Haftbefehl. Der Unterschied: Zaimoglu führte Interviews und verwandelte in Literatur, was ihm erzählt wurde. Aykut Anhan erzählt aus seinem eigenen Leben.
Aufgewachsen ist er in Offenbach, auf der anderen Seite des Mains, als Sohn türkischer Eltern. Der Vater nahm sich das Leben, als Anhan 14 Jahre alt war, der Junge begann zu kiffen und bald auch zu dealen. Erst weiche Drogen, dann Kokain. Mit 15 wurde er das erste Mal verurteilt, wegen räuberischer Erpressung. Weitere Delikte folgten, vor allem Körperverletzung, und als ihm eine längere Gefängnisstrafe drohte, floh er nach Istanbul.
Als er 20 war, kam er zurück und entging der Gefängnisstrafe, weil er eine Ausbildung begann. Aber als sein Bruder vor Gericht stand, dealte er wieder, um den Anwalt zu bezahlen.
"Kann ich dem SPIEGEL erzählen, wie viel Drogen ich verkauft habe?", ruft er seinem Manager zu.
"Lieber nicht, man weiß nie, wer den Artikel lesen wird", sagt der Manager.
"Okay, sagen wir so: Ich weiß, wovon ich rappe."
Heute lebt Aykut Anhan mit seinen Brüdern bei seiner Mutter, in einer Kleinstadt bei Darmstadt. Er sagt, dass er bereut, was er getan hat. So ganz genau wird nicht klar, wie viel davon Selbstinszenierung eines Gangsta-Rappers ist.
Von dem Kokain-Geld sei, sagt er, kaum etwas übrig geblieben, "habe ich alles verprasst". Und was übrig blieb, investierte er in ein Wettbüro in Offenbach, das aber pleiteging. Dann lernte er seinen Manager kennen.
Es ist der gleiche Bildungsroman, den auch die amerikanischen Rapper erzählen: die Rettung des Verlorenen durch die Kunst. Die Einsicht, dass es besser ist, vom Verbrechen zu erzählen, als Verbrecher zu sein. Und sicherer.
Anhan allerdings ist Geschäftsmann geblieben. "Beim Drogenhandel lernt man Kopfrechnen." Er hat ein Plattenlabel, Azzlackz, auch so ein Kunstwort, es steht für "asoziale Kanacken", und er verdient Geld mit HipHop-Klamotten, ganz so wie die amerikanischen Rapper P. Diddy und Jay-Z.
Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Geld- und Macht-Phantasien des amerikanischen HipHop sich so gut auf Frankfurt am Main übertragen lassen. Nirgendwo prallen die sozialen Widersprüche so unvermittelt aufeinander wie hier, nirgendwo sind Hochfinanz und Verbrechen, koksende Investmentbanker und heroinspritzende Junkies so nah beieinander wie im Schatten der Bankentürme. Nirgendwo lässt sich so gut über dreckiges Geld rappen wie in Frankfurt. "Du siehst die Türme", sagt Anhan, "du weißt, es geht rauf nach ganz oben, und es geht auch runter, nach ganz unten."
Seine Stücke leben nicht davon, dass hier jemand der Welt Geschichten zu erzählen hätte. Bei Haftbefehl geht es um Haltung, um Posen, um Macht. Anhan rappt, wie er mit seinen Kumpels redet. Sie sind Kinder von Einwandererfamilien, die alle aus unterschiedlichen Ecken der Welt kommen, jeder bringt Worte von dort mit, es wird gestritten, angegeben, sich übertrumpft. HipHop ist die Kunst von jungen Männern, die viel Zeit zum Reden haben, beim Essen und an der Straßenecke, im Auto oder im Knast.
Längst schon hat diese neue Sprache auch die Schulhöfe der besseren Stadtviertel erobert. Längst schon wird das Deutsche nicht nur durch englische Vokabeln angereichert, sondern mit Wörtern aus dem Arabischen, Türkischen, Kurdischen und Serbokroatischen. Und Haftbefehl bringt dieses kreolische Deutsch nun in die Charts.
Sprache entwickelt sich, sie ist immer auch ein Gradmesser für Integration. Die Frage, ob das Wort "Neger" aus deutschen Kinderbüchern gestrichen werden soll, wirkt da ein wenig aus der Zeit gefallen.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 7/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 7/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP:
Der Babo von Frankfurt

Video 01:04

Virales Gute-Laune-Video Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier

  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "SpaceX-Chef: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    SpaceX-Chef: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock" Video 00:54
    Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock
  • Video "US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung" Video 00:43
    US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas