Der Tennisplatz im sächsischen Crottendorf gilt unter den Anhängern des weißen Sports im Zschopau-Tal als Geheimtip. Das Sprungverhalten der Bälle wie der Spieler ist besser als auf anderen Plätzen, die Bewegungen wirken eleganter. Außerdem würden auch noch die Gelenke geschont, erklären mitspielende Ärzte.
Platzpächter Matthias Oeser ist begeistert: "Das Regenwasser versickert schneller als auf herkömmlichen Plätzen." Daher bleibt das Sportfeld im Frühjahr und im Herbst länger bespielbar. Auch Ärger mit Frostschäden hat Oeser auf seinem Platz nicht mehr.
Das Geheimnis des Crottendorf Courts liegt unter seinem Schaumrasen: Eine neuartige Betonmischung, entwickelt an der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau. Dort haben Verfahrenstechniker und Textilingenieure dem 2000 Jahre alten Baustoff neue Eigenschaften verliehen, indem sie Textilabfälle in den Zement rührten.
Schon die Römer setzten Beton, gemischt aus Zement, Sand und Kies, beim Bau von Abwasserkanälen und Hafenmolen ein. Sie schätzten die Form- und Haltbarkeit des Werkstoffs. Seither wurden dem harten Baumaterial durch Zusätze wie Bims, Lava oder Gase viele neue Eigenschaften mitgegeben.
Seit die Müllhalden immer schneller wachsen, gibt es verstärkt Bemühungen, auch Abfallstoffe wie Asche, Schlacken oder Klärschlämme in den Beton zu mischen. Auch in der DDR wurde versucht, dem Baustoff Industrieabfälle einzuverleiben. An der Universität in Chemnitz (damals: Karl-Marx-Stadt) wurde seit Mitte der achtziger Jahre mit zerkleinerten Stoffresten aus der Kleiderherstellung experimentiert.
Das Ergebnis war eine wenig beständige Masse, die unter Witterungseinfluß schnell zerbröselte. Die Stoffschnipsel verbanden sich einfach nicht mit dem Zement. Das spröde Zeug, so erinnert sich Miterfinder Frank Anders, war schnell als "Lumpenbeton" verschrien. Nach der Wende griff das Chemnitzer Team die Schnipsel-Idee wieder auf.
Gewebereste sind hochwertige Industrieabfälle, in denen viel Energie und Arbeit stecken. Doch weltweit werden derzeit nur etwa zwei Prozent davon durch "Downrecycling" wiederverwertet.
Um die Lumpen und den Zement fest miteinander zu verbinden, bestrahlten die sächsischen Verfahrenstechniker die gut einen Zentimeter langen Stoffetzen zunächst mit Quarzlicht einer bestimmten Wellenlänge und einer genau berechneten Wärmedosis. Anschließend wurden die Gewebeschnipsel mit einer Chemikalie ummantelt.
Die inzwischen mehrfach patentierte Methode läßt sich auf natürliche und künstliche Textilfasern gleichermaßen anwenden. Das Verfahren verändert die Fasergemische derart, daß sie mit dem Bindemittel Zement einen festen Verbund eingehen und vor dem Verrotten geschützt sind.
Frieder Markert, der in Crottendorf von der Treuhand einen maroden Holzbeton-Betrieb übernommen hatte, brachte das neue Verbundmaterial 1992 unter dem Handelsnamen Elbasto auf den Markt.
Fahrbahnerweiterungen und Busbuchten wurden daraus gegossen, Wald- und Wanderwege auf Rügen und am Fichtelberg im Erzgebirge damit angelegt. Testweise wurde auch ein Bachzulauf an der Koberbach-Talsperre mit dem Lumpenbeton reguliert.
Nach den ersten Praxiserfahrungen erwies sich der neue Baustoff als äußerst vielseitig: Die Eigenschaften des Textilgewebes übertragen sich nach dem Aushärten auf den Beton. Das Gemenge wird druckelastisch und weist keine Sprödbrüche mehr auf. Der "Elastbaustoff" ist wasserdurchlässig und speichert gleichzeitig Wasser.
Die Textilbeigabe macht das Material zu einem Leichtbeton mit einem Gewicht von rund 1000 Kilogramm pro Kubikmeter (Normalbeton: 2500 Kilogramm pro Kubikmeter). Im Labor überstand der elastische, wasserdurchlässige Stein schadlos 300 Frost-Tau-Wechsel. Zudem dämmt der Baustoff Wärme, er schluckt Schall- und absorbiert Druckwellen.
Textilingenieur Anders vom Chemnitzer Team sieht für den neuen Beton "vielfältigste Einsatzmöglichkeiten mit innovativem Nischencharakter". So erscheint der neuartige Verbundwerkstoff, der die Landschaft nicht versiegelt, als idealer Belag für Feld- und Waldwege. Wegen seiner Wasserdurchlässigkeit lassen sich damit Uferböschungen und Bachläufe naturnah befestigen. Obendrein ist der Werg-Beton resistent gegen Durchwurzelung, ohne dabei das Pflanzenwachstum zu beeinträchtigen.
Weil der Textilbeton Wasser speichert, braucht er nicht mehr mit Spezialfahrzeugen in rotierenden Betontrommeln und unter Dauerberieselung zu den Bauplätzen transportiert zu werden. Mit einfachen Kipplastern geht es auch.
Anders plant nun eine Elbasto-Produktion in großem Stil. Auch andere hochpolymere Materialien wie Kunststoffe eignen sich für das neue Verfahren, das vom sächsischen Umweltministerium mit dem Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Als nächstes möchte Anders, ein gelernter Gerber, Lederreste in den Zement mischen.
Doch erst einmal fürchtet der Materialforscher um seinen Arbeitsplatz. Denn die Fachrichtung Textiltechnik, an der die textile Betonforschung der Chemnitzer TU angesiedelt ist, geht Ende des Jahres an die Fachhochschule Reichenbach. Wegen aktueller Sparmaßnahmen im Hochschulbereich wurde dort die Planstelle für den sächsischen Betonforscher gestrichen.
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Anteil der Landversiegelung durch Bauten und Verkehrsflächen
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DER SPIEGEL 38/1996
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