23.09.1996

Strafjustiz„Ich bei der Arbeit, sozusagen“

Vor Gericht kann ein Angeklagter seinen Fall darstellen, wie er will. Einer bemüht sich um die Wahrheit. Ein anderer hofft, mit verwirrenden Versionen besser zu fahren oder damit, daß er sich zu einem Rädchen im Getriebe zwingender Umstände schrumpfen läßt. Wieder ein anderer schweigt. Der nächste versucht, den Anklagevorwurf auf möglichst viele Mitwisser und Helfer zu verteilen.
Diese letzte Variante hat Michael Born, 38, gewählt. Abgemagert in den letzten Monaten fast bis aufs Skelett, muß er sich seit vergangener Woche vor dem Landgericht Koblenz vor allem wegen Betruges zum Nachteil mehrerer Fernsehsender und Produktionsgesellschaften verantworten. Er wird in Handschellen in den Saal geführt wie ein Schwerverbrecher.
Zunehmend drängt sich einem der Eindruck eines fatalen Realitätsverlustes bei ihm auf. Ist er psychisch krank? Oder physisch? Seine Verteidigung hat erreicht, daß er zur Zeit in der Landesnervenklinik Andernach auf seine Schuldfähigkeit untersucht wird.
Daß er Filmbeiträge für aktuelle Fernsehsendungen von vorne bis hinten erfunden oder mit bezahlten Komparsen und selbstgebastelten Requisiten aufgepeppt hat - na, das macht doch jeder in der Branche, behauptet Born, das kennt man doch, das wird verlangt und kommt an. "Wenn ich einen Drogenkurier in Aktion filme - da geht doch kein versierter Redakteur von Authentizität aus!" so Born. Denn ein echter Kurier oder Dealer lasse sich nun mal nicht filmen.
Geballere in Kriegsgebieten - das sind "Fünf-Dollar-Schüsse", weiter nichts. Absolut branchenüblich. "Wenn Sie in den ,Tagesthemen' einen Bosnier schießen sehen, das ist gestellt, was sonst!" Die Blutspur aus Ketchup, na und? Rein mit dem Fensterkitt in die Marlboro-Schachtel, und schon haben wir einen Bombenattentäter aus dem wilden Kurdistan vor uns, branchenüblich, für einen Hundertmarkschein gefilmt in einem Koblenzer Asylbewerberheim. "In der Branche stapelt doch jeder hoch", resümiert Born. Alle, alle, alle sind seine Komplizen.
Er hat unstreitig Talent zum Fabulieren. Es ist fast ein Treppenwitz, daß ihm die schreibenden Journalisten seine Storys von der Medienfront, die er in der Verhandlung zum besten gibt, ähnlich abnehmen wie einst manche Fernsehstudios ihm seine Film-Erfindungen aus Kriegsgebieten abnahmen. Tenor der Berichterstattung aus dem Gerichtssaal: Fernsehen - nichts als Schwindel.
Born hat von leidlich seriösem Journalismus keine Ahnung. Mit den Fragen, ob und gegebenenfalls was in einem Dokumentarfilm "inszeniert" werden darf, was als "nachgestellt" kenntlich gemacht werden muß, hat er sich nie ernsthaft auseinandergesetzt. Die Gefahren, die lauern, fängt man erst einmal mit dem Mogeln an, sind ihm nie bewußt geworden.
Geboren 1958 in Lahnstein, verließ er die Schule mit der mittleren Reife. Da wollte er Schiffsoffizier werden. Er brachte es bis zum dritten Nautischen Offizier auf einem Frachtschiff. Wieder an Land, heiratete er 1982 und übernahm die Zoohandlung seiner Mutter. 1987 Scheidung, Pleite mit dem Geschäft und 160 000 Mark Schulden. "Dann bin ich mit dem Journalismus angefangen", sagt er vor Gericht. In einem Playboy-Beitrag bekannte er während der Untersuchungshaft: "Ich hatte meine Laufbahn zum Nautischen Schiffsoffizier abgebrochen und freundete mich mit dem Gedanken an, die Welt als Journalist zu beschreiben."
Das Handwerk dafür hat er nie gelernt. Gleichwohl erschien ihm als erstes Einsatzgebiet der Libanon geeignet: "Ich hörte damals von der Entführung des deutschen Ingenieurs Rudolf Cordes durch die Familie der in Deutschland inhaftierten Brüder Mohammed und Abbas Hamadi. Mein Freund Abudi und ich beschlossen, etwas für die Geisel zu tun, auch wenn wir wußten, daß sich unser Trip nach Beirut zu einem lebensgefährlichen Unternehmen entwickeln könnte. Andererseits schätzten wir unsere Chancen, etwas zu bewegen, besser ein als die der Bundesregierung..."
Er filmt aufgedunsene Leichen, zerfetzte Soldaten, sterbende Kinder: "Ich baute meine Kamera am Bett des vierjährigen Amir auf und ließ sie laufen, bis er röchelte und starb. Als er die Augen für immer schloß, hielt ich seine Hand." Einem leidlich seriösen Reporter triebe es die Schamröte ins Gesicht, sich so darzustellen. Er aber meinte, damit den großen Erfolg erringen zu können.
Den Eindruck, den er in Redaktionen hinterließ, beschreiben Fernsehkollegen mit "undurchsichtig" und "etwas windig". Man habe immer den Eindruck gehabt, Born vertusche etwas.
1990 bot er auch SPIEGEL TV einen von ihm erstellten Film mit dem Interview eines Asylantenschleppers an, der eine libanesische Familie illegal von Frankreich nach Deutschland schleust. Der Fall sei echt gewesen, kein "Fake", beteuert Born jetzt vor Gericht. Die Familie sei tatsächlich illegal über einen unbewachten kleinen Grenzübergang von Frankreich nach Deutschland gebracht worden. Einziger Schönheitsfehler: Der im Film vermummt auftretende Schlepper war Born selbst. "Ich bei der Arbeit, sozusagen."
SPIEGEL TV verwendete nur einen Bruchteil dieses Born-Materials, erschienen doch einige seiner Konditionen allzu seltsam. Er weigerte sich zum Beispiel, einem Redakteur Einsicht in die Aktion zu gewähren; er lieferte, was als unüblich gilt, bereits geschnittenes Rohmaterial, auf dem der Schlepper nur verdeckt zu sehen und die Stimme verzerrt war. Von da an ging man auf Distanz zu dem TV-Karl-May.
Einmal kann jeder auf einen Betrüger hereinfallen. Das passiert in den Printmedien mit falschen oder erfundenen Zitaten und "Zeitungsenten" nicht seltener als beim Fernsehen. Grund zu pharisäerhafter Überheblichkeit besteht nirgends. Es ist dem "S-Zett-Magazin" passiert und Vox und dem WDR und anderen Fernsehanbietern. Die Frage aber, warum ausgerechnet "Stern TV" als Borns Hauptabnehmer immer wieder, insgesamt zwölfmal, auf seine Schwindel-Produkte hereinfiel (und damit sämtliche privaten Programme in Verruf brachte), wird sich vor Gericht kaum klären lassen.
Für einen freischaffenden Journalisten ist die Versuchung groß, den Hunger der Sender nach Themen, nach Sensationen, nach Spektakel um jeden Preis zu stillen. In der Regel müssen die Kosten vorgestreckt werden, und das nicht zu knapp. Nicht immer reicht dann das Geld, um auf das Ereignis zu warten. Dann wird nachgeholfen.
Mal wieder eine geile Tiergeschichte? Bitte: Hier knallt ein brutaler bärtiger Kerl eine Katze im Wald ab. Daß der Kerl kein Jäger, das Tier aus dem Tierheim und der Bart angeklebt ist, was soll's.
Weihnachten? Kinder in der Dritten Welt, ausgebeutet für den gnadenbringenden Kommerz, möglichst inklusive einer Attacke gegen einen Konzern? Bitte: Ikea-Teppiche, gewebt von Drei- bis Sechsjährigen in Indien. Leider war die Kamera im Auto geblieben. So mußte die Sache andernorts mit anderen Kindern eben für ein paar Bakschische nachgestellt werden, ein Ikea-Teppich aus Deutschland obendrauf. "Aber die Eckdaten stimmen!" versichert Born, "ich habe Kinder am Webstuhl gesehen!"
Leider hat er eidesstattlich versichert, daß der Film authentisch ist. Leider hat er nicht gesagt, daß das Filmmaterial über einen Bombenanschlag in Bethlehem nicht aktuell gedreht, sondern als Archivmaterial gekauft war und einen ganz anderen Anschlag zeigte. Leider hat er verschwiegen, daß Kokain, das ein Drogenkurier über die Schweizer Grenze bei Weil am Rhein schmuggelt, Puderzucker war. Leider wurde er auf der Suche nach echten deutschen Ku-Klux-Klan-Angehörigen nicht fündig. Leider hat er dann bezahlte Komparsen in selbstgeschneiderten Kutten und Kapuzen in der Eifel auftreten und markige Sprüche klopfen lassen.
"Das Problem bei Ihnen ist", sagt der Vorsitzende Ulrich Weiland, 45, "daß an Ihren Filmen immer ein bißchen was dran ist. Es gibt natürlich Drogenkuriere, es gibt Kinderarbeit in Indien und Bombenanschläge der PKK. Es gibt auch rechtsradikale Umtriebe, das weiß jeder. Aber das, was sich in der Welt wirklich abspielt, können Sie aus irgendwelchen Gründen gerade nicht filmen. Dann stellen Sie es nach oder erfinden es." Des Erfolges, des Geldes wegen?
Geld, beteuert Born, sei nie das Ausschlaggebende für ihn gewesen. Oft habe er sogar noch drauflegen müssen. Denn "Fakes", also die Darstellung des Nicht- Darstellbaren, seien oft teurer als authentische Filme. Ein Hunderter hier, ein Fünfziger dort, das summiert sich. "Herr Born", sagt der Vorsitzende, "es gibt auch Betrüger, die schlecht arbeiten."
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 39/1996
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