23.09.1996

FrühgeboreneBabys im Kabelgewirr

Jährlich werden in Deutschland 7000 Kinder geboren, die weniger als 1500 Gramm wiegen. Das steigende Alter der Mütter, Hormontherapien und der Boom der Reagenzglaszeugung sorgen dafür, daß diese Zahl stetig steigt. Spezialisierte Intensivstationen sollen helfen, das Risiko von Blindheit, Lähmungen und Atemstörungen zu senken.
Ein zartes Quengeln dringt aus dem Brutkasten, in dem vier große Hände an einem winzigen Körper beschäftigt sind: Norbert, zwei Monate alt, 800 Gramm Geburtsgewicht, muß eine Augenspiegelung über sich ergehen lassen.
Mit stumpfen Häkchen halten die Ärzte die Lider des Frühgeborenen auseinander. Behutsam wird dann, mit einem speziellen Miniatur-Gerät, der Augapfel des Kleinen hin- und herbewegt.
Trotz Schmerzbetäubung mit Kokain-Tropfen wird in dem rötlichen Gesichtchen die Unmut deutlich. Die Herzfrequenz, abzulesen auf dem Monitor an Norberts Inkubator, steigt auf 186 Schläge pro Minute. Leichtes Streicheln und Sauerstoff aus einem grünen Röhrchen, das dem Kind vor den Mund gehalten wird, sollen "den nicht ganz normalen Wert ausgleichen", wie Volker von Loewenich sagt, Chefarzt an der Frankfurter Universitätskinderklinik.
Die für das Frühchen lästige, für die Ärzte "extrem mühselige Untersuchung", so der Spezialist für Neugeborenen-Heilkunde (Neonatologie), kann schicksalsbestimmend sein: Je unreifer ein Kind auf die Welt kommt, desto größer ist die Gefahr, daß seine noch unterentwickelten Augen Schäden erleiden oder gar erblinden.
Vor allem in den Randbereichen des Auges wachsen die Blutgefäße oftmals chaotisch. Die Netzhaut verknäuelt sich, der Glaskörper wird trübe. Routinemäßig fahnden die Ärzte deshalb, im Abstand von ein bis zwei Wochen, nach solchen Veränderungen. Mit Kältesonden oder Laserstrahlen können sie dann die gelöste Netzhaut anlöten und, so von Loewenich, "zumindest in jedem zweiten Fall den katastrophalen Ausgang verhindern".
Sehschwächen und Blindheit, aber auch chronische Atembeschwerden und Behinderungen durch schlaganfallähnliche Hirnblutungen zählen zu den gefürchteten Spätfolgen, die allzu früh geborene Kinder treffen können. Immerhin ließ sich das Risiko, ebenso wie die Sterblichkeit der Frühchen, seit der Gründung neonatologischer Zentren wie in Frankfurt erheblich senken. Hier richtete Kinderarzt von Loewenich 1972, erstmals in Deutschland, Wand an Wand zur Entbindungsstation eine Intensivstation für Frühgeborene ein.
Zwar habe sich die Prognose für die Kinder seither "um einen Quantensprung verbessert", hieß es auf einem Symposium in Hamburg, wo jetzt am Allgemeinen Krankenhaus Barmbek das zur Zeit größte dieser Zentren bezogen wurde. Doch zugleich wächst der Bedarf an Intensivbetten für die Kleinen: Die Zahl der Babys, die unreif zur Welt kommen, steigt stetig. Und nur zwei Drittel von ihnen können unmittelbar nach der Geburt in den spezialisierten Zentren versorgt werden. Die übrigen müssen mit dem Notarztwagen vom Kreißsaal in die Intensivstation gebracht werden - ein Transport, der ihre Aussichten drastisch verschlechtert.
Dennoch sei "die Entwicklungsprognose auch sehr kleiner Frühgeborener durchaus optimistisch zu sehen", erklärte auf dem Symposium die Bonner Kinderärztin Ingeborg Brandt. Sie berichtete über die Ergebnisse einer Studie, in deren 20jährigem Verlauf rund 120 zu früh und zum Teil mit Mangelerscheinungen geborene Kinder regelmäßig nachuntersucht und ins Erwachsenenalter begleitet wurden. Ihre Entwicklung wurde mit der einer reifgeborenen Kontrollgruppe verglichen.
Die Überlebensrate der 1500-Gramm-Kinder habe sich seit Anfang der siebziger Jahre mindestens verdoppelt, resümierte die Ärztin, ohne daß die Behinderungen zugenommen hätten. Vor allem eine frühe energiereiche Nahrung ermögliche den sehr kleinen Frühgeborenen "einen enormen Wachstumsspurt". "80 Prozent von ihnen", so Brandt, "werden größer als ihre Eltern - wie die meisten Reifgeborenen."
Dennoch blieben die Kleinsten der Kleinen noch immer "eine Herausforderung". Schwerere Schäden, etwa spastische Lähmungen, tragen nach der Bonner Studie rund 15 Prozent von ihnen davon. In Langzeitstudien des Hamburger Kinderneurologen Norbert Veelken fiel diese Rate sogar noch wesentlich höher aus.
Ein normaler Säugling, der nach 40 Wochen Schwangerschaft geboren wird, wiegt zwischen drei und vier Kilo. Als frühgeboren gelten Kinder, die vor der 38. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Doch gerade die Zahl der Allerkleinsten, die mit 500 bis 1500 Gramm Geburtsgewicht überleben, steigt enorm: In den alten Bundesländern hat sich, bei allgemeinem Geburtenrückgang, die Rate dieser Frühchen in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt.
Mehr als 7000 dieser Kinder erblicken alljährlich in Deutschland das Licht des Kreißsaals, fast 6000 von ihnen, etwa ein Prozent aller Lebendgeborenen, überstehen den viel zu frühen Start. Mit den pfundschweren Babys "sind wir endgültig an der Schallmauer angelangt", erklärt Veelken. "Die Lunge ist so unterentwickelt, daß man keine Luft reinkriegt."
Die Zunahme der Frühgeburten führen die Mediziner vor allem auf das höhere Durchschnittsalter der Schwangeren zurück - aber auch auf den Übereifer ihrer Kollegen.
Unter den extremen Leichtgewichten sei eine ungewöhnlich hohe Zahl von Mehrlingen, schimpfte auf der Hamburger Tagung der Gynäkologe Bernhard-Joachim Hackelöer. Und viele von ihnen würden "künstlich erzeugt": Von den höchstens drei Embryonen, die laut Gesetz bei der Retortenbefruchtung der Mutter eingepflanzt werden dürfen, kämen immer mehr durch. Zudem stimulierten manche Frauenärzte, wie im Fall der englischen Achtlingsschwangerschaft, ihre Patientinnen "auf Teufel komm raus" mit Hormonen, - "ein ärztliches Fehlverhalten", so klagte ein anderer Teilnehmer des Hamburger Treffens, "das den Neonatologen riesige Probleme schafft und die Mütter ungeheuer belastet".
Mittlerweile gelten Babys mit einem Geburtsgewicht um 1500 Gramm, die noch vor 20 Jahren keine Lebenschance hatten, "schon als unsere Starken", wie von Loewenich sagt. Doch frühgeborene Zwillinge oder gar Drillinge bleiben oft weit unter dieser Grenze.
Ihre Zwillinge Felix, 870 Gramm, und Max, 950 Gramm, das erste Mal auf der Intensivstation besuchen zu müssen, war für die heute 39jährige Kauffrau Christiane Stock "eine furchtbare Erfahrung" - aber: "Für mich war wichtig, daß die Kinder leben, und sie wollten beide leben."
Nach dem Kaiserschnitt noch tagelang unbeweglich, hatte die Hamburgerin ihre 1992 in der 26. Schwangerschaftswoche geborenen Kinder zuerst nur auf einem Foto sehen können. Der Blick durch die Inkubator-Klappe zeigte nun zwei verkabelte, verdrahtete Wesen, die mit pausbäckigen Wunschbabys nichts gemein hatten.
Über vier Elektroden, die auf dem kleinen Brustkorb aufgeklebt sind, werden Herzschlag, Atmung, Sauerstoffgehalt im Blut und Körpertemperatur registriert und an einen Monitor weitergeleitet. Sensoren, Pflaster und Einstiche hinterlassen auf der empfindlichen Haut rote Flecken, Hämatome und Risse, die zu Infektionsherden werden können. Für den Anschluß an die Beatmungsmaschine bekommt das Kind einen Plastikschlauch durch die Nase in die Luftröhre gelegt, für Infusionen einen Katheter in die Vene. Weil viele der sehr unreifen Babys kaum schlucken oder saugen können, muß ihnen die Nahrung über eine Magensonde zugeführt werden.
Nachdem die Eltern oft monatelang das strapaziöse Programm der Intensivversorgung ihres Frühchens mitdurchlitten haben, "kommt bei allen der Moment, da möchten sie am liebsten abschalten lassen", berichtet Eva Vonderlin, Vorsitzende des Bundesverbandes "Das Frühgeborene Kind". Wenn sich die Komplikationen häufen, müsse auch die Möglichkeit zum Behandlungsabbruch gemeinsam von Ärzten und Eltern besprochen werden. Immer wieder stelle sich die Frage "ob ein Kind mit Gewalt am Leben erhalten werden soll", das nachher möglicherweise schwerstbehindert sei. "Starre Grenzen", erklärt auch von Loewenich, "kann es nicht geben" (siehe Interview Seite 204).
Ob Felix und Max bleibende Behinderungen davontragen, ist noch ungewiß. Ihr Größenwachstum wird etwas unter dem Durchschnitt bleiben, so lauten die Prognosen, ihre Intelligenz werde sich normal entwickeln.
Felix, der "praktisch leblos war, als er geholt wurde", so berichtet die Mutter, brauchte einen "Shunt", ein Ventil im Kopf, das bis heute die ständige Ansammlung von Flüssigkeit aus einer Hirnkammer in den Bauchraum ableitet. Laufen lernte er erst mit dreieinhalb Jahren. Max läßt es immer noch nicht zu, daß man ihn an den Füßen berührt, nachdem ihm auf der Intensivstation zur Blutentnahme regelmäßig die Fersen angeritzt wurden.
Beide Kinder litten zunächst ständig unter Bronchitis und Lungenentzündungen - Folge der langen künstlichen Beatmung, die mittlerweile wesentlich sparsamer eingesetzt wird als noch 1992: Damals hatte die Apparatemedizin auf dem Gebiet der Frühgeborenenmedizin ihren Höhepunkt erreicht.
Mit Kopfschütteln hatten noch vor vier Jahren die Anhänger der strikt intensivmedizinischen Versorgung Vorträge ihrer österreichischen Kollegin Marina Marcovich kommentiert, die für die "sanfte Pflege" plädierte: Marcovich, ehemals selbst überzeugte Medizin-Mechanikerin, widersetzte sich der routinemäßigen Anwendung des technischen Standardprogramms. Statt in sterile Inkubatoren legte sie die Frühchen auf die nackte Brust der Eltern, den Einsatz von Medikamenten und künstlicher Beatmung zögerte sie möglichst weit hinaus - ein Prinzip, das sie schließlich vor Gericht brachte, weil ihr, in einem noch laufenden Prozeß, der Tod von Vierlingen angelastet wird (SPIEGEL 17/1994).
Noch immer streiten die Neonatologen über den Fall Marcovich: Sie habe "Großes geleistet", meint der Heidelberger Kinderarzt Otwin Linderkamp. Zwar sei sie "übers Ziel hinausgeschossen", erklärt der Hamburger Veelken, doch habe sie "den Charakter unserer Intensivstationen verändert". Sie sei eine "Extremistin", schimpft der Frankfurter von Loewenich, die "den nach Luft ringenden Kindern Todesängste zugemutet" habe.
In jedem Fall aber haben Ärzte jetzt Auftrieb, die einer sanfteren Behandlung das Wort reden. Das Rezept, "möglichst wenig Intensivmedizin einzusetzen, aber alles bereitzuhalten", wie es Veelken ausdrückt, setzt sich durch. Die Stationen sind offen geworden für die Eltern.
Während in der Frankfurter Neonatologie Schwester Victoria einem Frühchen vorsichtig kleinste Portionen Muttermilch durch die dünne Magensonde einspritzt (von Loewenich: "Füttern ist Kunsthandwerk") und einem anderen Kind vibrierend der Rücken massiert wird, damit sich seine Atemsekrete lösen, genießen Mütter und Väter den Hautkontakt mit ihren fragilen Kindern. Beim "Känguruhen" werden die Babys für einige Zeit aus dem Inkubator genommen und, warm eingehüllt, den Eltern auf Brust oder Bauch gelegt.
Losgelöst vom Monitor verbringt so Alexandra, die es von 523 Gramm Geburtsgewicht auf nun 1890 Gramm gebracht hat, täglich mehrere Stunden. Als Alexandra auf die Welt kam, Ende Mai, waren die Arme des Kindes "dünn wie mein kleiner Finger", sagt Mutter Petra Mauritz. Wie ein feines blaues Netz scheinen die Blutgefäße durch die dünne Haut. Immer noch trägt das Kind fünf Schläuche, Sonden und eine Drainage in der Schädeldecke. Doch "die sehe ich gar nicht mehr," sagt Petra Mauritz, "ich sehe durch die Kabel hindurch mein Kind".
[Grafiktext]
Gestorbene Kinder in den ersten 28 Lebenstagen
[GrafiktextEnde]
* Mit Mutter Christiane Stock.

DER SPIEGEL 39/1996
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