23.09.1996

Literatur„Im stinkenden Untergrund“

Erich Honecker war bester Laune, für seine Zuhörer, die "lieben Freunde und Genossen" Schriftsteller, fand er nur lobende Worte. Die Bücher aus realsozialistischer Produktion bereicherten "das Denken und Fühlen der Werktätigen" und nähmen großen "Einfluß auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer Lebensweise".
Huldvoll lächelnd dankte der SED-Generalsekretär den Literaten für die "Parteilichkeit" und "Volksverbundenheit" ihrer Werke. Stets hätten sie sich "als treue Weggenossen und Kampfgefährten der revolutionären Arbeiterklasse erwiesen".
Die Delegierten des VIII. Schriftstellerkongresses der DDR, die Ende Mai 1978 für drei Tage zur kulturpolitischen Heerschau in die Volkskammer eingerückt waren, revanchierten sich mit Ergebenheitsadressen an die Partei - getreu dem Tagungsmotto: "Die Verantwortung des Schriftstellers in den Kämpfen unserer Zeit".
Keine Klage über Gängelung oder Zensur trübte die demonstrative Eintracht von Geist und Macht. Nicht einmal die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann fand Erwähnung, jene Aktion also, die anderthalb Jahre zuvor noch massive Proteste namhafter DDR-Künstler ausgelöst hatte.
Der harmonische Ablauf war das Ergebnis einer minutiösen Regie. Bereits im März hatte das Politbüro den Autorenkongreß genau geplant. Die anstehende Nachfolge der greisen Schriftsteller-Verbandspräsidentin Anna Seghers war ohnehin Parteisache.
Mitte Mai konnte das für Kultur zuständige Politbüromitglied Kurt Hager melden, daß der zum Nachrücker auserkorene Autor Hermann Kant "nach zwei Aussprachen mit mir" eine Fassung seiner Kongreßrede vorgelegt habe, die "meines Erachtens akzeptiert werden kann".
Auch das Ministerium für Staatssicherheit, Schild und Schwert der Partei, hatte sich im Vorfeld eifrig um eine "störungsfreie Vorbereitung und Durchführung" der Veranstaltung bemüht. Um ein "öffentliches Auftreten feindlich-negativer Kräfte" zu "unterbinden", waren die Teilnehmer heimlich überprüft worden. Unzuverlässige Kantonisten ließ die Stasi schon bei den Delegiertenwahlen in den einzelnen Bezirken des Schriftstellerverbandes durchfallen.
Die enge Kooperation von DDR-Schriftstellern, SED-Führung und Staatssicherheit zeigte sich auch in der Zusammensetzung des Kongreß-Präsidiums: Die Partei der Arbeiterklasse stellte neben Generalsekretär Honecker und Chefideologe Hager noch drei weitere hochrangige Funktionäre. Die Stasi war gleich mit sechs Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) vertreten, die unter so wohlklingenden Decknamen wie "Dichter", "Herz" oder "Villon" operierten. Ungebundene Geister, die sich allein der Schriftstellerei verpflichtet fühlten, waren deutlich in der Minderheit.
Vorbereitung und Ablauf der Autorentagung im Mai 1978 demonstrieren beispielhaft, welche Bedeutung SED-Führung und Stasi-Spitze der Literaturszene der DDR beimaßen. Wohl kein anderes Milieu ist vom Mielke-Ministerium so lückenlos kontrolliert worden, wohl nirgends verfügte das MfS über ein so dichtes Spitzelnetz wie im sogenannten Sicherungsbereich Literatur.
Nicht nur prominente Autoren wie Kant, Fritz Rudolf Fries oder Sascha Anderson waren der Firma zu Diensten, sondern auch Hunderte kleinerer Geister. Bislang unbekannte Dokumente bezeugen, daß allein bei der zuständigen Diensteinheit in der Berliner Stasi-Zentrale, der Hauptabteilung XX/7, bereits 1975 insgesamt 379 Inoffizielle Mitarbeiter geführt wurden, überwiegend Angehörige des DDR-Kulturbetriebes.
Hinzu kommen etwa 600 Inoffizielle, die bei den Bezirksverwaltungen angebunden waren, sowie, vorsichtig geschätzt, 500 IM auf Kreisebene. Insgesamt waren also mindestens 1500 Spitzel auf mißliebige Künstler und Schriftsteller angesetzt. Die "Kulturoffiziere" des MfS verfügten damit über deutlich mehr willfährige Helfer als ihre Kollegen in vergleichbar großen Abteilungen. Selbst in den Kirchen waren nie mehr als rund 800 IM eingesetzt.
Wie umfassend das MfS den Literaturapparat kontrollierte, belegen nun auch Zahlen aus dem Schriftstellerverband. Von den 123 Mitgliedern der zentralen Leitung waren 1987 lediglich 19 nicht vom MfS erfaßt. Als Stasi-Zuträger dienten, zumindest zeitweise, 49 Mitglieder. 17 wurden dagegen überwacht und in einer "operativen Personenkontrolle" (OPK) oder deren Steigerung, einem "Operativen Vorgang" (OV), bearbeitet. Die übrigen Leitungskader tauchen in diversen Materialsammlungen oder "Sicherungsvorgängen" des Ministeriums auf.
Die IM-Dichte nahm in der höchsten Hierarchieebene sogar noch zu: Von den 19 Präsidiumsmitgliedern, die 1987 der Autorenvereinigung vorstanden, hatten sich 12 zur Spitzelei verpflichtet. Und selbst in einigen Bezirken gebot die Stasi noch über Zuträger im Übermaß: In Halle waren auf 39 Verbands-Schriftsteller nicht weniger als 14 IM angesetzt.
Die nun zum erstenmal umfassend gesichteten Akten der mit der DDR-Literatur befaßten Diensteinheiten des MfS zerstören endgültig die Illusion vom Pakt der Schriftsteller mit den Lesern. Selbst der äußerst populäre Erfolgsautor Erwin Strittmatter ("Der Laden") hat demnach mit der Stasi kooperiert (siehe Kasten). Viele Autoren ließen sich - darin folgten sie dem schlechten Vorbild ihrer Kollegen in den anderen Diktaturen dieses Jahrhunderts - von der Macht korrumpieren und verrieten damit ihr eigenes Credo von der Authentizität und Wahrheit der Kunst.
Dennoch wirkte auch in der DDR das historisch geprägte Muster der Unvereinbarkeit von Geist und Macht, von Autor und Staat durchaus fort. So war der Multifunktionär Hermann Kant immer bemüht, von sich das Bild eines aufrechten Kommunisten zu zeichnen, der gleichwohl unbestechlichen Geistes sei. Gegen den Vorwurf, er habe mit der Stasi gekungelt, zog IM "Martin" so lange zu Felde, bis eindeutige Beweise vorlagen.
Die erstaunlich hohe Bereitschaft gerade von Schriftstellern, mit der Staatssicherheit zusammenzuarbeiten, läßt sich nur mit der Fähigkeit von Intellektuellen erklären, selbst den Verrat an engen Freunden noch geschichtsphilosophisch zu veredeln. Die Spitzeltätigkeit - dieser Begriff wurde selbstverständlich nie gewählt - war demnach nichts Unmoralisches, sondern Ausdruck einer überlegenen Moral, die sich als Klassenmoral im Klassenkampf verstand, auf dem Weg zum kommunistischen Reich der Freiheit.
Manche Literaten waren, zumindest vorübergehend, sicher auch von einer seltsamen revolutionären Romantik beseelt; der Flirt mit der Stasi bot, wie etwa bei Monika Maron, die Möglichkeit zum Ausbruch aus dem öden, allseits reglementierten sozialistischen Alltag, den gerade ein phantasiebegabter Mensch nur schwer ertragen konnte.
Hinzu kam die ungeheure Faszination, die das Spiel mit Fiktion und Realität nun einmal auf die Schöpfer fiktionaler Welten ausüben kann. Welchen Reiz hat da schon eine Kunstfigur aus literarischer Produktion im Vergleich zur ganz realen Verdoppelung der eigenen Identität unter einem Decknamen?
Bei vielen Inoffiziellen Mitarbeitern im Literaturbetrieb haben jedoch zumeist sehr banale Gründe zur Kumpanei mit der Stasi geführt: Neid, Mißgunst, Karrierestreben. Die Akten enthalten ausgesprochen bösartige Äußerungen über die Bespitzelten, und das in geradezu beschämender Fülle.
Aus vielen Berichten spricht insbesondere der Neid von Schriftstellern auf Kollegen, die sich im SED-Staat manche Freiheiten herausnahmen und deren Bücher innerhalb und außerhalb der DDR auch noch bedeutend erfolgreicher waren. Zahllos sind die Klagen parteitreuer Autoren über die nach ihrer Ansicht ungenügende Würdigung eigener Werke durch die Staatsführung und die Förderung der angeblich nicht so "klassenbewußten" Poeten.
Je kleiner das eigene Werk, desto größer der Groll. Von Dieter Noll, heute 68, beispielsweise, der außer einem gutverkauften Roman-Erstling mit dem Titel "Die Abenteuer des Werner Holt" wenig Bleibendes zu Papier brachte, ist ein für seine Gesinnung typisches Urteil über den Roman "Tod am Meer" von Werner Heiduczek erhalten geblieben:
Eine "Schandschwarte" sei das Buch, "ohne jedes künstlerische Niveau", befand IM "Romanze" nach Lektüre gegenüber seinem Führungsoffizier. Bei genauem Hinsehen bestehe der Text ja "nur aus Episoden, wo sich der Held des Romans immer wieder auf neue Weiber wirft". Noll gab sich "schwer schockiert" und wollte klären, wie die Zensur "das Buch zum Druck zulassen konnte".
Der Stasi gegenüber gaben auch bedeutendere Autoren wie Kant jede Zurückhaltung auf. Nach dem Besuch einer Lesung, zu der ihn die Liedermacherin Bettina Wegner eingeladen hatte, klagte er laut Treffbericht seines Führungsoffiziers über den "provokativen Charakter" der Veranstaltung: Er habe sich bislang nicht vorstellen können, "daß es bei uns einen solchen stinkenden kulturellen Untergrund gibt".
Und selbst öffentlich zurückhaltende Zeitgenossen wie der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries waren mit Verdikten über Kollegen zur Hand, wenn die Stasi zum Gespräch bat. Nach einem West-Interview mit Rolf Schneider empörte sich IM "Pedro Hagen" über das "scheinintellektuelle Geschwafel" des Romanciers und empfahl, es mal wieder mit einer härteren Gangart zu versuchen: Es seien in der Vergangenheit "in der Kulturszene der DDR einige Einschnitte gemacht worden", auf einen weiteren käme es nun auch nicht mehr an.
Fries laut Stasi-Information vom 25. September 1981: Schneider müsse "diszipliniert werden, indem ihm die Entscheidung abgerungen wird: für die DDR in der DDR oder für die BRD in der BRD". Der Schriftsteller dazu heute: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich so etwas gesagt habe, das ist undenkbar."
Der Diensteifer mancher Literatur-IM ging so weit, daß sie nicht nur Verfahrensvorschläge machten, sondern selber regelrechte Einsatzkonzeptionen entwickelten - wie im Fall der Literaturwissenschaftlerin Anneliese Löffler, die dem MfS als IM "Dölbl" seit 1971 beim Aushorchen "feindlich-negativer" Autoren behilflich war.
Löffler schlug beispielsweise vor, den der Stasi verdächtigen Schriftsteller Martin Stade zu sich nach Hause einzuladen, um ihn auszuhorchen. Mielkes Leute akzeptierten: "Der IM wird ihn im Verlauf des Gesprächs gut bewirten und nicht mit Alkohol sparen."
IM "Dölbl" steht für jenen Typus des Inoffiziellen Mitarbeiters, der die Geheimkontakte zur Stasi gelegentlich zur Absicherung der Karriere nutzte. So hatte der langjährige Leiter des Aufbau-Verlags, Fritz-Georg Voigt (IM "Kant"), angeblich ihre Auszeichnung als "Verdienter Aktivist" verhindert. Prompt diktierte die Professorin ihren MfS-Betreuern das passende Zitat des ZK-Literaturpapstes Hans Koch in den Block: "Voigt ist ein Schwein geworden, aber aus Dummheit. Der bewältigt die Probleme nicht mehr und intrigiert nur noch."
Mitunter gewährte die Stasi ihren Literaturagenten auch ganz handfeste Unterstützung. Dem einen besorgte sie 190 Meter Gasrohr für seinen Hausbau, dem anderen besserte sie die Urlaubskasse für eine Finnlandreise auf. Und als das Ehepaar Claus und Wera Küchenmeister (IM "Kaminski I" und "Kaminski II") 1966 um einen Kredit für den geplanten Autokauf bat, bekam das Spitzel-Duo vom MfS prompt 8000 Mark für den Erwerb eines Wartburg geliehen.
Wenn es sein mußte, stand die Staatssicherheit ihren Zuträgern selbst bei kleinen Alltagssorgen zur Seite, wie eine Episode aus der rund 2000 Seiten umfassenden IM-Akte Dieter Nolls zeigt. Als der Dichter im Winter 1965 anfragen ließ, ob er seinen Wagen nicht "wegen der augenblicklichen ungünstigen Schneeverhältnisse in dem Objekt in der Hans-Loch-Straße unterstellen" könne, erteilte Mielke-Stellvertreter Bruno Beater höchstpersönlich seine Zustimmung: Noll durfte die Garage für 25 Mark anmieten.
Die konspirativen Plauderrunden mit dem Dichter verliefen durchweg in gelöster Atmosphäre. Nur als Noll am 20. Dezember 1968 seinen Führungsoffizier mit einer Geldbörse als Weihnachtsgeschenk beglücken wollte, war der Stasi-Mann kurzzeitig irritiert: "Die Kontaktperson wurde darauf aufmerksam gemacht, daß das keine übliche Erscheinung im Rahmen der Zusammenarbeit ist. Die Kontaktperson bat darum, diese Anerkennung ihm zu gestatten, da unser Organ ihm sehr viel geholfen hat in seinem persönlichen Leben."
Manche Wünsche konnte allerdings selbst die Stasi nicht erfüllen - was dann zuweilen zum Abbruch des Kontaktes führte. Die Schauspielerin Traudl Kulikowsky etwa war den Unterlagen zufolge auf Stefan Heym, Rainer Kirsch und Franz Fühmann angesetzt. Im Herbst 1979 jedoch belegte die Aktrice einen Schreibkurs am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Fortan war Traudl Kulikowsky vom Verlangen beseelt, ein Buch zu veröffentlichen. Von den Verlagen erhielt sie allerdings nur den wohlmeinenden Rat, das Schreiben lieber bleiben zu lassen. Auch Briefe an hohe Funktionäre wie Politbüromitglied Hager beförderten ihre Sache nicht.
Nun also änderte sich ihre positive Grundhaltung zu Staat und Partei, wie es in der IM-Akte heißt. Um die Informantin zu halten, versuchte das Mielke-Ministerium zunächst, die Schauspielerin bei der Defa unterzubringen und somit zu entschädigen. Als das nicht gelang, bemühte sich die Stasi um einen Lektor, der sich speziell um IM "Galina Mark" und ihre Texte kümmern sollte - wiederum ohne Erfolg. 1983 reichte Traudl Kulikowsky verärgert eine letzte Eingabe bei Honecker ein und stellte schließlich einen Ausreiseantrag.
Der Aufwand, den die DDR-Tschekisten auf der "Linie Schriftsteller" betrieben, scheint aus heutiger Sicht maßlos übertrieben. Doch die schier grenzenlose Überwachungs- und Sammelwut folgte einer verqueren Logik: Verfolgungsdrang und Verfolgungswahn hingen ursächlich zusammen.
Die Rolle, die der SED-Staat seinen Geistesarbeitern zuwies, war klar definiert und von vielen Schriftstellern auch dankbar akzeptiert. Sie hatten die großen, hehren Worte zu liefern, deren eine moderne Diktatur so dringend bedarf, um ihren totalen Machtanspruch zu legitimieren.
Die Selbstbezeichnung der staatstreuen Intellektuellen als "Ideologieproduzenten" trifft den Kern ihrer Aufgabe: Ganz der leninistischen Tradition verhaftet, wonach eine Revolution mit der Gründung einer Zeitung beginnt, glaubten sowohl die DDR-Oberen wie auch die Literaten auf beinah animistische Weise an die Macht des geschriebenen Wortes. Ihre negative Entsprechung fand diese Überschätzung des Einflusses von Literatur in der Furcht der DDR-Führung, gesellschaftskritische Texte könnten ihre Macht untergraben und am Ende gar auslöschen.
Der Beginn der totalen geheimpolizeilichen Ausspähung und Indienstnahme des DDR-Literaturbetriebes fällt nicht zufällig mit dem Prager Versuch zusammen, einen Sozialismus mit menschlichem Anlitz zu wagen. Die Ereignisse im kommunistischen Bruderstaat im Frühjahr 1968 bestätigten die DDR-Machthaber in ihrer Angst vor Künstlern und Schriftstellern, die sie als Initiatoren ausgemacht hatten.
Vor allem Stasi-Chef Mielke fürchtete nichts mehr als intellektuelle Unbotmäßigkeit (siehe Kasten Seite 228).
Nun, unmittelbar nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag, forderte er aus allen Bezirken seines Schattenreichs binnen vier Tagen Berichte über sämtliche Redakteure, Theaterleute, Schriftsteller, Künstler und Sänger der Republik.
Das Ergebnis der Mielke-Anfrage fiel allerdings unbefriedigend aus. Und auch die Analyse der Hauptabteilung XX vom Januar 1969 für das zurückliegende Krisenjahr zeigte, daß die Geheimdienstler für eine Bekämpfung der "politisch-ideologischen Diversion" unter den Künstlern ungenügend gerüstet waren.
Der Mielke-Befehl vom 18. Juni 1969, in der Hauptabteilung XX eine spezielle Diensteinheit zur Kontrolle der Intellektuellen einzurichten, war denn auch eine unmißverständliche Reaktion auf dieses Informationsdefizit. Die "Abwehrarbeit auf dem Gebiet von Kunst und Kultur" galt fortan als "Schwerpunktbereich" des MfS.
Die nun gegründete Abteilung XX/7 tüftelte sofort neue, intensivere Überwachungsmethoden aus. Vor allem die Mitarbeiter des Referats IV widmeten sich hingebungsvoll der operativen Arbeit gegen einzelne Autoren.
Das zunächst von Günther Lohr geleitete Referat, das von Anfang an personell gut ausgestattet war, führte zunächst zwei bedeutende Operativ-Vorgänge: den OV "Lyriker" gegen Wolf Biermann und den OV "Diversant" gegen Stefan Heym. Wenig später nahmen die MfS-Offiziere der XX/7 eine ganze Reihe weiterer bedeutender DDR-Literaten ins Visier: Jurek Becker und Ulrich Plenzdorf erhielten ebenso einen eigenen OV wie Reiner Kunze, Volker Braun und Klaus Schlesinger.
Die Stasi verwanzte die Wohnung ihrer Opfer im Extremfall von der Küche bis zur Toilette und ließ sämtliche Briefe kopieren, sofern sie bei der Postkontrolle nicht gleich kassiert wurden. Die Observationstrupps mußten tagelang jeden Schritt ihrer "Objekte" lückenlos dokumentieren.
Im Kampf gegen die vermeintlich subversiven Elemente war den Geheimdienstlern nahezu jedes Mittel recht. Biermann schickten sie minderjährige Lockvögel auf den Hals, sie ließen ihm Rauschgift anbieten und planten gar eine medizinische Fehlbehandlung des Liedermachers. Mitunter gaben sie nicht mal Ruhe, wenn ein Regimegegner in den Westen ausgereist war: Jahrelang terrorisierte die Staatssicherheit Jürgen Fuchs noch mit fingierten Versandhaus-Bestellungen.
Die "Hauptwaffe" im Arsenal der Verfolgungsmittel aber war der IM. Trotz modernster Abhörtechnik komme nichts "der Kunst und den Fähigkeiten eines Menschen" gleich, die "Gedankengänge des anderen" gründlich zu erkunden, heißt es in einer MfS-Forschungsarbeit aus dem Jahre 1973.
Nur wo sich Inoffzielle Mitarbeiter an der "Zersetzung" unbequemer Autoren beteiligten, erzielte die Stasi auf Dauer den gewünschten Erfolg.
Von Beginn an sah die 1969 neugegründete Kulturabteilung ihre zentrale Aufgabe denn auch darin, das noch recht dünnmaschige IM-Netz auszubauen. Dabei bedienten sich die Mitarbeiter der XX/7 einer Doppelstrategie: Sie versuchten, Zuträger in "Schlüsselpositionen" zu werben. Wo ihnen das nicht gelang, hievten sie fleißige Informanten in die entsprechenden Ämter.
Als beispielsweise 1982 nach dem Tod von Paul Wiens (IM "Dichter") der Posten des Chefredakteurs der Literaturzeitschrift Sinn und Form frei geworden war, empfahlen Mitglieder der Akademie der Künste zunächst den Essayisten Friedrich Dieckmann als Nachfolger.
Die Stasi dazu in einer "Auskunft" vom Januar 1983: "Dieckmann ist ein bürgerlich-ideologischer Wirrkopf" und daher "für eine Funktion als Chefredakteur politisch völlig ungeeignet". Neuer Chefredakteur wurde statt dessen der langjährige Direktor des Leipziger Literatur-Instituts, Max Walter Schulz, ein "zuverlässiger und verschwiegener Genosse", der das MfS "bereits mehrfach unterstützt hat" (Stasi-Einschätzung).
Von 1972 bis 1975 steigerte die MfS-Kulturabteilung ihren IM-Bestand um 70 Prozent. Spätestens Ende der siebziger Jahre saßen auf allen wichtigen Stellen des Literaturbetriebs offizielle oder inoffizielle Kontaktpersonen.
Die Stasi hatte damit, wie von der SED-Führung gewünscht, die großen Verlage unter Kontrolle, dazu die Redaktionen der Kunst- und Kulturzeitschriften, das Pen-Zentrum und die Akademie der Künste.
In der Regel machte die Anwerbung neuer IM in der Kulturszene erstaunlich wenig Mühe. Dabei waren die Anforderungen durchaus hoch: So sollten die Zuträger möglichst das Abitur haben und literarisch gebildet sein. Sie mußten eine "sehr gute Auffassungsgabe" besitzen, ein gutes Gedächtnis und ein gewinnendes Wesen und sollten jederzeit in der Lage sein, einen gewissen Künstlerhabitus anzunehmen.
Tatsächlich waren die Inoffiziellen Mitarbeiter, die im "Sicherungsbereich Literatur" dienten, zumeist hochgebildete Leute. Unter den verschiedenen IM-Kategorien finden sich erstaunlich viele Hochschulabgänger; von den Top-Informanten, den IM mit "Feindberührung" (IMB), besaß jeder zehnte sogar einen Doktortitel.
Von Anfang an machten auch auffällig viele weibliche Spitzel bei der Kulturabteilung der Stasi mit. Während der Anteil der Frauen in den anderen MfS-Abteilungen durchschnittlich nur bei 10 bis 15 Prozent lag, betrug er im literarischen Bereich fast 50 Prozent.
Nur in seltenen Fällen bemühte sich die Stasi vergebens. In den Akten der XX/7 fanden sich wenige eindeutige Verweigerungen. Bei dem Verleger Elmar Faber, ab 1983 Leiter des Aufbau-Verlages, wurden die Werber gleich drei- mal vorstellig und holten sich, löbliche Ausnahme, jedesmal eine Abfuhr.
Beim ersten Versuch (um 1960) lehnte Faber eine Zusammenarbeit mit der guten Begründung ab, er könne es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, andere wegen "unausgereifter Gedanken anzuschwärzen bzw. ins Gefängnis zu bringen". Später schützte er unter anderem gesundheitliche Gründe und Arbeitsüberlastung vor.
Außerdem berief sich der Verleger auf seine "moralische Einstellung" und bat schließlich um eine mehrwöchige "Bedenkzeit", wie die Stasi-Leute im Werbungsprotokoll enttäuscht notierten. Zunächst müsse er sich mit seiner Frau beraten. Darauf die eilige Stasi-Verfügung: "Mit F. wird nicht gearbeitet!"
Über 90 Prozent der Literatur-IM dienten aus "politisch-ideologischer Überzeugung" - so jedenfalls bezeugen es ihre Personalakten. Auf den Einsatz von "kompromittierendem Material", also heimlich aufgenommenen Fotos eines Seitensprungs oder abgefangenen Briefen, konnten die MfS-Offiziere weitgehend verzichten.
Die meisten Werbungen unter den DDR-Autoren zeichnen sich zudem durch bemerkenswert kurze Vorlaufzeiten aus. Schon wenige Wochen nach dem Erstkontakt ließen sich beispielsweise ausweislich der Unterlagen die Schriftsteller Günter Görlich (IM "Herrmann") und Paul Gratzik (IM "Peter") verpflichten, dasselbe galt für die Kollegen Gerhard Holtz-Baumert (IM "Villon") und Jan Koplowitz (IM "Pollak").
Nur ihre Unterschrift leisteten viele Autoren nicht ganz so bereitwillig. Die Stasi sah deshalb bei namhaften Schriftstellern und Literaturfunktionären in der Regel von einer schriftlichen Verpflichtung ab. Wenn einer wie Fritz Rudolf Fries nach langem Zögern dann doch bereit war, den Stasi-Pakt zu unterzeichnen, sah er das, laut Treffbericht vom 20. Oktober 1982, als "einen Grund zum Feiern" an, glaubte er doch ganz faustisch, eine "ewige Verbindung besiegelt" zu haben.
Im nächsten Heft
Die vernichtenden Gutachten der Stasi-Literaturexperten - Die Zersetzungsmethoden: isolieren, denunzieren, mundtot machen - Die Kulturbanausen von der Hauptabteilung XX/7
* Mit Heiner Müller (r.). * Mit der Sängerin Nina Hagen (Stasi-Observationsfoto).
Von Joachim Walther

DER SPIEGEL 39/1996
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