23.09.1996

Petzen und Plaudern

Nach dem Tod Erwin Strittmatters im Januar 1994 verneigte sich das deutsche Feuilleton vor einem ganz Großen. Die Frankfurter Rundschau lobte die "völlig unmoderne Querköpfigkeit" des ostdeutschen Erfolgsautors, die Frankfurter Allgemeine würdigte ihn als "einzigartige Erscheinung" in der deutschen Nachkriegsliteratur. Und die Zeit befand, daß "er uns den Himmel gezeigt hat überm Tellerrand".
Mit keinem anderen Autor, soviel ist sicher, haben sich die Leser im Osten so identifiziert wie mit dem knorrigen und humorigen Dichter aus dem brandenburgischen Dörfchen Dollgow, der zwar stets loyal zum Arbeiter-und-BauernStaat stand, aber niemals als willfähriger Parteidichter galt. Allein der letzte Band seiner Roman-Triologie "Der Laden" verkaufte sich nach der Wende über hunderttausendmal, bei Lesungen füllte Strittmatter ganze Theatersäle.
Doch das Bild des aufrechten Einsiedlers, dessen eigenwillige, leicht anarchische Romanhelden zugleich auch immer autobiographische Züge trugen, bedarf zumindest in einem Punkt einer Korrektur. Der 1912 in Spremberg geborene Sohn eines Bäckers hat Ende der fünfziger Jahre dem Ministerium für Staatssicherheit als eifriger Zuträger gedient.
Ausweislich der insgesamt 177 Seiten starken IM-Akte, die in der Berliner Gauck-Behörde aufgefunden wurde, hat Strittmatter knapp drei Jahre lang bereitwillig Kollegen verpetzt und Interna aus dem Schriftstellerverband (DSV) ausgeplaudert, dessen 1. Sekretär er damals war.
Den fortgesetzten Verrat hielt Strittmatter offenbar für seine Pflicht als Kommunist, geziert hat er sich kaum. Schon als die Stasi-Offiziere Benno Paroch und Paul Voigt am 18. September 1958 zum erstenmal bei dem Literaten anklopften, ließ der sich nicht lange bitten.
"Genosse Strittmatter empfing uns freundlich, aber etwas zurückhaltend", notierten die Mfs-Männer. Im weiteren Gespräch habe er seine "reservierte Haltung" aber aufgegeben und ihren Fragen "sehr aufgeschlossen gegenübergestanden".
Insgesamt viermal trafen sich die Stasi-Bediensteten in den nächsten sechs Monaten mit dem IM-Kandidaten, meist über mehrere Stunden. Die Verpflichtung Strittmatters zum Geheimen Informator (GI), wie Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi damals noch hießen, war dann auch nur noch eine Formsache. Der Heimatschriftsteller erhält den Decknamen "Dollgow" - ein bodenständiger Spitzel.
Die Tschekisten schätzten an ihrem Neuzugang vor allem seinen "progressiven Einfluß" im Schriftstellerverband und seinen "großen Aktionsradius" als 1. Sekretär. Strittmatter versuchte auftragsgemäß, Wahlen im Vorfeld zu manipulieren. Und im Gegensatz zu Christa Wolf, die sich als GI "Margarete" dem MfS gegenüber bedeckt hielt, sprudelte es aus dem Dörfler nur so heraus, wenn er Geheimbesuch bekam.
Wo er ideologische Diversion zu erkennen glaubte, war Strittmatter in seinem Urteil unerbittlich. Stephan Hermlin charakterisierte er als einen Dichter, der "sehr stark auf Geldeinkünfte bedacht ist" und für ein paar Mark mehr "sonst etwas zusammenschreibt". Unheil drohe auch bei der Leiterin des DSV-Büros für Auslandsfragen: Die habe 48 Westbücher ausgeliehen - Achtung, Infektionsgefahr.
Selbst Anna Seghers, eine Ikone der DDR-Literatur, schien nach Strittmatters Eindruck nicht ganz auf Linie zu sein. Sie habe die Theorien des Kulturkritikers Georg Lukács - der sich stalinistischer Verfolgung nur mit knapper Not entzogen hatte - noch immer nicht überwunden, meldete der Informant in neidvoller Sorge.
Wie wichtig Strittmatter seinen Kontrollauftrag nahm, zeigt auch die Reaktion des Stasi-Zuträgers auf einen Besuch der West-Berliner Kollegen Günter Grass und Wolfdietrich Schnurre im Verbandsbüro. Drei Tage nach dem Mauerbau hatten die beiden dort eine öffentliche Protestnote übergeben. Beim nächsten Treffen mit seinem Führungsoffizier machte sich GI "Dollgow" offenbar Vorwürfe, "nicht veranlaßt zu haben, daß die beiden Westberliner Schriftsteller verhaftet werden".
Gewissermaßen als Wiedergutmachung entwarf der Romancier ein "persönliches" Schreiben an Grass und Schnurre, das in der Personalakte erhalten blieb: "Sie haben Ihren Brief trotz der Panzer und Maschinenpistolen, über die Sie klagen, persönlich über die Sektorengrenze gebracht. Sie sind unbehindert in Ihre Dichterstuben nach Westberlin zurückgekehrt. Das muß festgestellt werden, sonst könnten unbefangene Leser glauben, Sie hätten den Brief mit einer Rakete über die ,gewaltsam geschlossenen Grenzen' schießen müssen."
Strittmatter stand damals so stramm auf der Seite der Partei, daß er für die Stasi schon bald zu unbeweglich wurde. Am 20. Juli 1964 schloß sie seine Akte, weil eine Kontaktaufnahme des Dichters aus Dollgow zu "operativ interessanten Schriftstellern" nicht mehr möglich schien.
Gespräche zwischen Strittmatter und kritischen Geistern "scheitern an seiner bekannten positiven Haltung", notierte der Stasi-Offizier betrübt: Der Kontakt des Literaten zu den Spitzen der Partei sei mittlerweile so eng, daß er "Aufträge und Instruktionen" direkt von dort erhalte.

DER SPIEGEL 39/1996
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