23.09.1996

TheaterDer gemachte Mann

Filmregisseur Sönke Wortmann inszeniert erstmals für das Theater: Nach dem Kinoerfolg „Das Superweib“ bringt er nun Woody Allens „Bullets over Broadway“ in Düsseldorf auf die Bühne - Abschied vom seichten Entertainment?
Bam, Bam, Bambambam." Fünf Schüsse fallen. Der Gangster Cheech torkelt durch den Raum, bricht zusammen und stirbt einen qualvollen Tod in den Armen seines Freundes. "Der Applaus, David, der Applaus!" bringt Cheech mit letzter Kraft hervor.
"Danke", sagt Sönke Wortmann vom Regietisch aus, "das war sehr gut." Cheech ächzt, rappelt sich auf und klopft den Staub des Theaterbodens von seiner schwarzen Hose. Er ist schon dreimal ganz hinreißend gestorben an diesem Vormittag in Düsseldorf-Oberbilk.
Hier, in einer fürs Theater umgerüsteten Industriebaracke, probt Wortmann mit einem knappen Dutzend Darstellern die amerikanische Gangsterfarce "Kugeln überm Broadway", eine Theateradaption des Woody-Allen-Films "Bullets over Broadway". Das Werk, das seine Uraufführung am Freitag dieser Woche im Düsseldorfer Schauspielhaus erleben soll, ist Wortmanns erste Theaterarbeit. Als Filmregisseur ist er, nach den Erfolgen von "Allein unter Frauen" (1991), "Der bewegte Mann" (1994) und "Das Superweib" (1996), längst der gemachte Mann: der einzige Star seines Fachs, den die Republik derzeit aufzuweisen hat. Mehr als zehn Millionen Zuschauer haben seine Kino-Werke bisher gesehen. Als Theaterregisseur muß er sich erst beweisen.
Wie sich Wortmann aus der Affäre ziehen wird, darauf schaut die deutsche Film- und Theaterwelt mit großen Erwartungen: gespannt, aber nur allzu bereit, den Hochflieger endlich abschmieren zu sehen.
Wortmann ist vorsichtig. "Einen Klassiker", sagt er, während er nach Probenschluß eine Pizza in einem schmucklosen italienischen Ecklokal zersäbelt, "hätte ich mir noch nicht zugetraut." Bei Tschechow, auch bei Ibsen, schwirren ihm "zu viele andere Theaterbilder" durch den Kopf, zu viele Vergleiche. Woody Allens "Kugeln" dagegen gab es nie zuvor im Theater. Da muß er sich nicht gleich beim ersten Mal messen - und messen lassen.
Außerdem handelt das Werk des "seelenverwandten Autors" Allen von lauter Fragen, die Wortmann selbst bewegen. Und zwar gerade jetzt, gerade in diesem Augenblick seiner Karriere.
Bis heute geht der 37jährige glatt als Bummelstudent durch. Er ist ein Kumpel-Typ mit Viereinhalb-Tage-Grungebart und Kurt-Cobain-Haarpracht, genau der Typ Netter Neuer Mann, der in Wohngemeinschaften immer die Tassen abwäscht, weil alle anderen dazu zu faul sind. Und weil Wortmann so jung wirkt, nimmt er sich auch das Recht heraus, unsicher zu sein, immer weiter nach Antworten zu suchen. Der Bergmannssohn aus Marl ist noch nicht fertig mit sich - oder mit der Welt.
Da geht es ihm wie dem Helden von "Kugeln", dem jungen Dramatiker David Shayne (Thomas Huber). Der hat im New York der zwanziger Jahre zum erstenmal die Chance, eines seiner Werke selbst am Broadway herauszubringen. Anfangs nimmt sich David großspurig vor, kein einziges Wort seines Schauspiels umzuschreiben. Aber bald holt ihn die Realität ein: Als Geldgeber der Aufführung kommt nur der Mafia-Chef Nick (Wolfgang Reinbacher) in Frage, und der will ausgerechnet seiner hoffnungslos unbegabten Geliebten Olive (Chris Hohenester) eine Hauptrolle verschaffen.
Soll David das Mafia-Geld nehmen? Und noch dazu der talentlosen Ganovenbraut eine Rolle geben? Verkauft er dadurch seine Seele? "Geht es mir so sehr um den Erfolg?" jammert David eines Abends. "Die Antwort ist ,ja''. Ich bin eine Hure! Ich bin eine gottverdammte Hure!" Davids Freund Flender (Uwe Zerwer) dagegen pocht stolz darauf, daß kein einziges seiner Dramen je die Schublade verlassen hat: "Ich schreibe nicht für den Kommerz."
Krachend läßt Allens brutales Theaterim-Theater-Lustspiel die Ideale und die Wirklichkeit aufeinanderprallen - bis es am Ende Leichen gibt. Olive muß auf dem Altar der Ästhetik geopfert werden: Sie hätte die Aufführung versaut. Ihr Mörder, der Gangster Cheech (Volker Mosebach), muß dran glauben, weil er der Kunst zuliebe - "der Applaus, David, der Applaus!" - die Spielregeln der Wirklichkeit, nämlich der Mafia, mißachtet hat.
"Ich sehe mich in der gleichen Lage wie David Shayne", sagt Wortmann. "Wann ist man käuflich? Und wann macht man sich nur noch vor, als Künstler frei zu sein?" Wie Shayne hat sich Wortmann für das machbare Unterhaltungswerk, für die Zuschauer (und gelegentlich auch für den allzu großen Kompromiß) entschieden - mit allen Zweifeln, die ihn dabei packen, und mit dem ewig quälenden Zwiespalt von Kommerz und L''art pour l''art. Den selbstgerechten Schubladenhelden Flender verurteilt Wortmann ohne Umschweife: "Es ist immer einfach, das Maul aufzureißen, wenn man selber gar nichts tut."
"Kugeln überm Broadway" ist daher für Wortmann eine Art Selbstvergewisserung im Angesicht der Zuschauer: Wo stehe ich mit meiner Arbeit? Und was will ich eigentlich?
Diese Ortsbestimmung war fällig nach dem flauen "Superweib", mit dem seine Karriere im Frühjahr arge Schlagseite in Richtung Billigware bekommen hatte. "Das Superweib" war der zweite Film, den Wortmann im Rahmen eines Vertrages mit dem bayerischen Produzenten Bernd Eichinger abgeliefert hatte. Ein Fall von saurer Unterhaltungspflicht? Gar von Käuflichkeit?
Die "herbe Kritik" an der Hera-Lind-Verfilmung kann Wortmann "zum Teil durchaus nachvollziehen". Aber: "Ich verstehe nicht, daß die Kritiker nicht begriffen haben, warum ich den Film gerade zu diesem Zeitpunkt gemacht habe." Ausgestattet mit "einer Erfolgsvorlage, einem erfolgreichen Regisseur, einem erfolgreichen Produzenten und einer attraktiven Besetzung" war "Das Super-
* Mit Kai Wiesinger, Jürgen Vogel.
weib" geradezu darauf programmiert, die Zuschauer in die Kinosessel zu treiben.
Darauf, sagt Wortmann, kam es ihm an. "Es gibt im Augenblick nichts Wichtigeres für den Erfolg des deutschen Films, als reihenweise erfolgreiche deutsche Filme zu drehen."
Er will diesen Erfolg, will Teil einer lebendigen, auch kommerziell ergiebigen Filmszene sein. Trotz etlicher Angebote hat er sich bisher nicht nach Hollywood abgesetzt, weil er die "Aufbruchstimmung" im Land genießt.
Was er kann, hat er vor allem mit seiner intimen und zärtlichen SchauspielEleven-Ballade "Kleine Haie" (1992) bewiesen. Aber sein Entertainment-Talent birgt eben die Gefahr, daß Wortmann nur noch Fließband-Erfolge fabriziert: ein "Superweib" nach dem anderen. Nur noch Glätte und Oberflächlichkeit, dargeboten mit perfektem Timing. Und nirgendwo mehr ein Hauch von Seele in seiner Arbeit.
Das will er nicht. Seinen momentanen Ausflug ans Theater sieht er als "deutliches Zeichen", daß "ein Abschnitt zu Ende gegangen" sei und er "jetzt andere Sachen machen" müsse. Als nächsten Film wird Wortmann - wieder mit Eichinger - den sarkastischen Uni-Bestseller "Der Campus" von Dietrich Schwanitz auf die Leinwand bringen. Kein Lustspiel, obwohl es "hier und da komische Momente" gebe.
Seine Vorstellungen setzt Wortmann beharrlich und zielstrebig um, mit einem großen Reservoir an Selbstvertrauen. Er ist einer, der sich selbst treu bleibt, auch wenn das nach außen nicht immer so wirkt, und der sich viel Zeit gibt. Einer, der weiß, daß er noch große Filme machen wird. Vielleicht nicht in diesem Jahrzehnt. Aber irgendwann bestimmt. Das ist ein Versprechen. "Kugeln überm Broadway" weist den Weg dorthin.
Susanne Weingarten
* Mit Thomas Huber, Volker Mosebach bei den Proben zu "Kugeln überm Broadway". * Mit Kai Wiesinger, Jürgen Vogel.
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 39/1996
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