23.09.1996

RapSchüsse in der Wüste

Er predigte Haß und Mord, nun starb der US-Rapper Tupac Shakur selbst im Kugelhagel - offenbar als Opfer im Krieg diverser Plattenfirmen.
Es passierte in einer jener stickigen Wüstennächte in Las Vegas, die nur wenig Erleichterung bringen von der bösartigen Hitze des Tages. Der schwarze BMW 750 rollte auf der breiten East Flamingo Road nach Osten, und Tupac Shakur streckte sich aus dem Schiebedach dem Fahrtwind entgegen. Ein Cabriolet hätte er sich jetzt gewünscht, aber sein Freund Marion "Suge" Knight, der neben ihm am Steuer saß, bevorzugte Limousinen.
Es war 23.15 Uhr, als in der Nähe der Kreuzung Koval Lane ein weißer Cadillac neben ihnen auftauchte. Vier Männer saßen in dem Wagen, einer von ihnen hatte eine halbautomatische Pistole. 13mal drückte er ab, viermal traf er Shakur in die Brust, der noch versucht hatte, sich auf den Rücksitz zu retten. Knight wurde von einem Kugelsplitter am Kopf getroffen. Er riß das Lenkrad herum und raste zurück Richtung Westen. Auf dem Strip blieb der BMW im Stau stecken. Samstagnachts ist Rush-hour in Las Vegas.
Eine Woche später, am vorvergangenen Freitag nachmittag um 16.03 Uhr Ortszeit, war Tupac Shakur, 25, tot. Die Ärzte hatten ihm den rechten Lungenflügel entfernt und vergeblich versucht, die inneren Blutungen zu stoppen. Einer der erfolgreichsten US-Gangsta-Rapper war genau der Gewalt zum Opfer gefallen, die er jahrelang in seinen Liedern gefeiert hatte.
Mehr als sechs Millionen Platten hat Shakur unter dem Namen "2Pac" weltweit verkauft ("2Pacalypse Now", "All Eyez On Me"), auf denen er Haß, Rache und die Brutalität in den Ghettos besang. Sein Motto war "keep it real", und damit meinte er: Wer ihn herausfordert, muß mit einer harten Antwort rechnen.
Die Schüsse in Las Vegas waren nicht der erste Anschlag auf Shakur: Am 30. November 1994 hatten zwei Schwarze den Rapper, seinen Freund Randy "Stretch" Walker und einen weiteren Begleiter in der Lobby eines New Yorker Plattenstudios überfallen. Die beiden Männer fuchtelten mit 9-Millimeter-Pistolen herum, doch Shakur warf sich nicht auf den Boden, sondern ging auf sie zu. Vermutlich hatte er mal wieder zuviel Marihuana geraucht und war stoned. Fünf Schüsse trafen ihn. Die zwei Männer entkamen mit Shakurs Goldschmuck im Wert von 60 000 Mark.
Sie wurden nie gefaßt, doch Shakur verbreitete überall, wen er für die Hintermänner hielt: Andre Harrell, der inzwischen Chef der Plattenfirma Motown ist, Sean "Puffy" Combs, Boß des führenden New Yorker Hip-Hop-Labels "Bad Boy", und den Bad-Boy-Künstler Biggie Smalls, genannt "Notorious B.I.G." Ihr Motiv: Sie seien eifersüchtig gewesen auf die Erfolge von Death Row Records, die ihren Sitz in Los Angeles haben und zu denen damals Mega-Stars wie Dr. Dre, Snoop Doggy Dogg und eben auch 2Pac gehörten.
So wurde aus dem kalten Krieg zwischen East-Coast- und West-Coast-Rappern ein heißer, blutiger Konflikt. Der Streit ging um die Frage, wer die echten Hip-Hopper seien. Denn nur wer als authentisch überzeugt, verkauft Platten an die schwarzen Jugendlichen Amerikas.
Erfunden worden war der Rap in den Siebzigern in New York, aber als 1989 die kalifornische Gruppe "Niggas With Attitude" ihr Album "Straight Outta Compton" veröffentlichte, da gab es plötzlich eine neue Kategorie: den Gangsta-Rap. Die schwarzen Jungs wußten, wovon sie in ihren Liedern erzählten: Sie waren harte Burschen aus dem Ghetto, gehörten Banden an, sie hatten Waffen, nahmen Drogen und kannten Gefängnisse von innen.
Gangsta-Rapper machten plötzlich mehr Umsatz als die angeblichen Weichlinge von der Ostküste. Der New Yorker Rapper Tim Dog ließ 1991 die Antwort auf CD pressen: "Fuck Compton". Der Krieg war eröffnet.
Auch Tupac Shakur war ein echter Gangsta-Rapper, hatte mit Drogen gehandelt, auf Polizisten geschossen, sich herumgeprügelt und acht Monate wegen sexueller Nötigung im Gefängnis gesessen. Geboren wurde er in New York, und an der Ostküste hatte er seine Kindheit verbracht. Doch dann zog seine Mutter, die mal den Black Panthers angehört hatte, in das schwarze Ghetto Marin City in der Nähe von San Francisco. Seitdem fühlte sich Shakur als Kalifornier.
Für die Schüsse in New York rächte er sich mit einem Lied, in dem er behauptete, mit Harrells Frau geschlafen zu haben. Genau ein Jahr nach dem ersten Überfall auf Shakur, am 30. November 1995, wurde Randy Walker in New York erschossen. Die Polizei hielt das für Zufall, doch Shakur hatte Walker immer verdächtigt, ihn damals in eine Falle gelockt zu haben. Zu den MTV Awards in diesem Jahr erschien Shakur mit kugelsicherer Weste. Wieder mal geriet er dort in Streit mit den Rivalen von der Ostküste.
Es hatte noch einen Toten gegeben: Ein Angestellter der Death-Row-Records wurde in einem Nachtklub in Atlanta erschossen. Marion Knight, Chef der Plattenfirma, beschuldigte öffentlich den New Yorker Konkurrenten Combs, für den Mord verantwortlich zu sein.
Doch als Knight jetzt von der Polizei in Las Vegas nach den Männern im weißen Cadillac befragt wurde, die auf Shakur geschossen hatten, da fiel ihm wenig ein, obwohl er damals neben dem Rapper gesessen hatte. Für die Lösung seiner Probleme hat der schwergewichtige Mann, der lange der "Piru Bloods"-Gang aus Los Angeles angehört hat, noch nie die Cops gebraucht.
Shakur selbst hat geahnt, daß er irgendwann ermordet werden würde. In seinem Lied "If I die 2nite" rappte er: "Wein keine Träne nach mir, Nigger, ich bin nicht glücklich hier / Ich hoffe, sie legen mich ins Grab und betten mich zur Ruh' / mit den Schlagzeilen dazu: ermordet, tot, mein letzter Atemzug."

DER SPIEGEL 39/1996
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