30.09.1996

SektenNur der Finger

Einst schied sie von Bhagwan im Streit, heute pflegt Ex-Sektenchefin Sheela alte Menschen - und huldigt wieder dem toten Meister.
Statt Königin des Aschrams im indischen Poona ist Sheela nun Mutter einer Wohngemeinschaft im schweizerischen Bubendorf: Sie löffelt Suppe in zahnlose Münder, zieht Stützstrümpfe über kraftlose Waden und wischt 90jährigen den Hintern ab. 14 Alte und Behinderte hat sie in ihrem Haus unweit von Basel aufgenommen, und um die kümmert sie sich mit ähnlicher Leidenschaft wie einst um die Jünger Bhagwans in Poona und Oregon.
Nachts, wenn sie für niemanden mehr etwas tun kann, hat sich Sheela in den vergangenen Monaten hingesetzt und ein Buch geschrieben. Sie erzählt darin von ihrer Flucht aus Rajneeshpuram im US-Staat Oregon - wie es dazu kam und was danach mit ihr geschah. "Tötet ihn nicht!" heißt ihr Werk, aber was so dramatisch klingt, soll doch nur freundliche Orientierungshilfe sein*. "Viele Sannyasins sind noch immer verwirrt", sagt Sheela, "sie bewegen sich am Rande des Selbstmordes, weil sie die Trennung zwischen mir und Bhagwan nicht begreifen."
Sie wolle nur den tieferen Sinn dieser Entzweiung deutlich machen: Bhagwan habe gewollt, daß sie wachse. Seine Anschuldigungen nach ihrem Weggang - sie morde, stehle und betrüge - sollten, so glaubt sie heute, nur ihrer "Reife" dienen. Auch, daß der Mann sie ins Gefängnis beförderte, habe zum großen Plan ge-
* Sheela Birnstiel: "Tötet ihn nicht!" Walter Schinagl Verlag, München; 256 Seiten; 34,90 Mark.
hört. Sie sei seine Meisterschülerin gewesen.
Als sie vor elf Jahren Poona verließ und sich im Schwarzwald verkroch, erreichten sie gleich nach der Ankunft in Deutschland Bhagwans Attacken: Sie habe 55 Millionen Dollar gestohlen. Sie habe versucht, seinen Leibarzt zu töten. Sie habe geplant, 750 Menschen in Oregon mit Salmonellen zu vergiften. Und so weiter.
Sheela wurde verhaftet und an die USA ausgeliefert. Staatsanwaltschaft und Verteidigung einigten sich auf viereinhalb Jahre Haft für alle Anklagepunkte. Sheela, so wird im Buch berichtet, bekannte sich schuldig, das amerikanische Einwanderungsgesetz verletzt und Telefonanlagen in Rajneeshpuram abgehört zu haben. Nach 39 Monaten in US-Gefängnissen wurde sie wegen guter Führung vorzeitig entlassen und ging in die Schweiz zurück. Dort hockt die Mittvierzigerin nun im Schneidersitz auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum und streichelt ihren Haushasen; eine lahme Alte schiebt mit einem Gehwagen vorbei, im Hintergrund lärmt der Staubsauger. Sheela lächelt.
"Er mußte mich kreuzigen", sagt sie. "Er bot mir eine Chance, all seine Lehren auszuprobieren." Und: "Mein Überleben bedeutete eine Zukunft für seine Lehre." Keineswegs sei Bhagwan nur ein Blender mit niederen Motiven - und allein solche Vermutungen anzustellen hält sie für unter ihrer Würde.
Im Gefängnis in Amerika zum Beispiel hätte sie eine beliebige Gefangene werden können, sagt Sheela, aber sie habe es vorgezogen, "auch dort eine Prinzessin zu sein". "In dem Moment, in dem du anfängst, dich zu beschweren, wirst du gewöhnlich."
Die Bereitschaft, ihrem Herrn bedingungslos zu folgen, sei das Geheimnis ihrer "außergewöhnlichen Existenz". "Übrigens hatten wir niemals Sex", behauptet Sheela, und ihre Augen funkeln triumphierend. "Das, was uns verband, war so rein, daß es der körperlichen Vereinigung nicht bedurfte." Geichwohl habe sie dank ihm Ekstase und Orgasmen im Überfluß erlebt, "constantly!"
Trotzdem: Bhagwans 97. Rolls-Royce war einer zuviel. Den habe sie mit dem eigenen Gewissen nicht mehr in Einklang bringen können - zumal es sich als notwendig erwies, den Jüngern Grundnahrungsmittel abzuzwacken, um dem Meister sein Spielzeug zu finanzieren.
Bis zum Tag ihres spektakulären Abgangs sei sie allerdings gern seine willfährige Dienerin gewesen - und das, obwohl sie wußte, "daß die Ausbeutung von Emotionen sein Geschäft war", wie sie in ihrem Buch schreibt. Wer Geld hatte, wurde schon mal spontan für "erleuchtet" erklärt, um seine Spendierfreude zu entfachen. "Gierig nach Spiritualität", sagt Sheela, seien die Sannyasins allezeit bereit gewesen zu geben, was sie hatten.
Aber auch für den, der nichts hatte, wußte Bhagwan Rat. Da seine Lehre zu keiner Moral verpflichtete, gab es keine Schuld - ihm gegenüber allerdings schon. Prostitution wurde kurzerhand zur spirituellen Erfahrung erklärt und somit legitime Erwerbsquelle für verarmte Sannyasins.
Daß Bhagwan, während er den neuen Menschen schuf - jenen mutigen, ehrlichen, allem Materiellen entsagenden Homo novus -, selbst in Luxus schwelgte, hat Sheela nie irritiert. "Warum auch?" fragt sie und kann ihr Unverständnis nur schwer verbergen. "Sieh dir den Mond an und nicht den Finger, der auf ihn zeigt", habe Bhagwan oft in seinen Diskursen gesagt, und Sheela stellt nun fest: "Er war nur der Finger."
So wie sie wiederum nur seine Botschafterin gewesen sei und als solche keine Verantwortung für die Botschaft trage: die Botschafterin des Fingers gewissermaßen. Doch als sie ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Jüngern nicht länger nachkommen konnte, weil des Meisters Wünsche aus den Fugen gerieten, sei es für sie an der Zeit gewesen zu gehen. Aufrechten Ganges, wohlgemerkt. Und nicht bei Nacht und Nebel, wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt wurde.
Ganz offiziell sei sie im September 1985 schriftlich von ihrem Posten als persönliche Sekretärin Bhagwans zurückgetreten, habe über das Rajneesh-Reisebüro einen Flug bei Air Rajneesh von Rajneeshpuram nach Seattle und weiter nach Zürich gebucht und sich tränenreich von der Gemeinde verabschiedet.
Wenige Monate danach hat Bhagwan Rajneeshpuram in Oregon aufgelöst, sich später in Osho umbenannt und in Poona eine neue Kommune eröffnet, wo er 1990 starb. Sein Aschram lebt weiter - als profitables Meditationszentrum für wohlhabende Sinnsuchende. Weltweit gibt es noch immer 500 000 Sannyasins. "Sie töten ihn", sagt Sheela. "Er wollte keine Rituale, keine Kirche, keine Institutionen." Er wollte den neuen Menschen, "der liebt, lacht und akzeptiert". Sie als einzige habe das verstanden.
Neben ihr brabbelt eine Orientierungslose wirr ins Telefon. Sheela steht auf, es ist Zeit zu kochen. Auf dem Weg zur Küche schiebt sie einer apathisch im Sessel hängenden Alzheimer-Kranken ein Kissen in den Rücken und ruft sie mit einem Kuß für Sekunden ins Leben zurück. "Die Sannyasins müssen begreifen, daß er ein ganz normaler Mann war, ein schöner Mann, aber nur ein Mann."
* Sheela Birnstiel: "Tötet ihn nicht!" Walter Schinagl Verlag, München; 256 Seiten; 34,90 Mark.

DER SPIEGEL 40/1996
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