30.09.1996

EinheitWandertag im Minenfeld

Dietrich war 17 und ein Primaner ohne Berufswunsch, als er vier Tage vor Heiligabend 1956 beschloß, aus Storkow/DDR ins 60 Kilometer entfernte West-Berlin zu flüchten. Er verfügte in der Abschlußklasse der Kurt-Steffelbauer-Oberschule nach eigener Einschätzung über die "größte Klappe", und die wollte er nutzbar machen. Seit er im Sender Rias die Freiheitsglocke hatte läuten hören, wußte er, wofür.
Reinhard war 17, Philosoph der Klasse, und folgerichtig in den Augen der Staatssicherheit einer von jenen, die "am negativsten in Erscheinung" traten. Als Anhänger Kants hat er das Ideal vom mündigen Bürger hochgehalten: "Die DDR ist eine sowjetische Kolonie", rief Reinhard laut im Unterricht. Dann nahm auch er, als Besucher getarnt, die S-Bahn nach Westen.
Ursel Oehring war 17, als ihre Abiturklasse zerfiel - aufgelöst am 21. Dezember 1956 auf Geheiß des Genossen Minister für Volksbildung. Fünf Schweigeminuten in einer Geschichtsstunde Ende Oktober waren der Anlaß - die Schüler hatten gegen die blutige Niederschlagung des ungarischen Aufstands protestiert, vor allem aber gegen den - fälschlich gemeldeten - Tod des Fußballidols Ferenc Puskás. Verhöre und Drohungen waren die Folge, doch die Klasse weigerte sich, "Rädelsführer" zu nennen.
Mit Dietrich und Reinhard flohen schließlich 13 Jungen und ein Mädchen, die in der DDR keine Zukunft mehr sahen. Ursel und drei Mitschülerinnen blieben in Storkow zurück.
Es ist ein sonniger Septembertag 1996 in Storkow, und in eine zerkerbte Holzbank an der Kurt-Steffelbauer-Schule zwängt sich ein Mann mit schulterlangem Haar: Dietrich, jetzt Herr Garstka, schlank und wortgewaltig wie eh, kehrt zurück in Bankreihe 1. Er ist 57, Gymnasiallehrer in einem Essener Arbeiterviertel, und seine Sprache klingt nun nach Kohlenpott.
Schräg hinten nimmt Reinhard Platz, Herr Vellert, 57, neue Heimat Berlin-West, derzeit erwerbslos. Über die Jahrzehnte hat er den Aufklärer Kant für den düsteren Schopenhauer drangegeben, wovon Leib und Seele nicht unversehrt blieben.
Er blickt wie früher auf den Rücken von Ursel, Frau Oehring, damals Storkow, heute Storkow. Einst gefeuert wie alle anderen, ist sie ihrer Mutter zuliebe in der DDR geblieben und als Lehrerin für Deutsch und Russisch an die alte Schule zurückgekehrt.
Zum Klassentreffen nach 40 Jahren versammeln sich am Storkower Seeufer die Hauptfiguren aus einem Kapitel im Tagebuch des Kalten Krieges: Die Flucht der Abiturienten war ein politisches Ereignis von Rang, und, acht Wochen nach Beginn des Ungarn-Aufstands, ein Jahr nach Verkündung der Hallstein-Doktrin, ein Geschenk für die Adenauer-Regierung.
Kurz war die Genugtuung von Oberstleutnant Baer, Bezirksverwaltung Frankfurt (Oder) der Staatssicherheit, der zwei Tage vor Weihnachten 1956 in porösem Deutsch gemeldet hatte, "daß die 12. Klasse aufgelöst ist und keiner der Schüler daß Abetur somit ablegen kann". Wenig später schon beschrieben die 16 verhinderten Ost-Akademiker in West-Berlin Reportern ihre Vergangenheit und die Zukunftspläne. "Als der Russe in Mitteldeutschland einmarschierte, waren sie sechs und sieben Jahre alt", notierte fühlbar erschauernd der Mann von der FAZ, der dennoch Anlaß zur Hoffnung sah: "Der kommunistische Alltag hat sie nicht abgestumpft."
"Der Anfang ist schwer, doch wir haben Mut, in uns rollt kein kommunistisches Blut", reimte die Mutter eines Schülers und widmete das Gedicht dem Bonner Außenminister Heinrich von Brentano zum Dank für tätige Hilfe. "Adenauer soll sich sogar persönlich für diese Angelegenheit interessiert haben", ermittelte die Stasi und prüfte Wege, "durch geeignete Methoden Schüler zurückzuholen".
"Besonders schwerwiegend" sei der Verlust nicht, hielt - fest im Klassenstandpunkt wurzelnd - der zuständige Abteilungsleiter im ZK dagegen: Bei den Schülern handle es sich "fast ausschließlich um kleinbürgerliche, der Entwicklung unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht negativ gegenüberstehende Elemente".
Die Geflüchteten konnten ausgeflogen werden und holten in Bensheim an der Bergstraße gemeinsam ihr Abitur nach. In Storkow/DDR aber gab es bis 1995 keine Reifeprüfung mehr. Die vier aus familiären Gründen zurückgebliebenen Mädchen kamen an anderen Oberschulen unter. Auch sie bestanden.
Flucht sei damals "die Haltung des erhobenen Hauptes angesichts der dumpf instrumentalisierten Macht" gewesen, sagt Dietrich Garstka bei der Feier im alten Schulzimmer. Und, unwidersprochen von den im Osten Verbliebenen: "Unser Leben im Westen war ein Geschenk." Die Wiedervereinigung müsse in kleinen, persönlichen Momenten wie diesem gestaltet werden.
Die offiziellen Vertreter des neuen Storkow nützen den Tag. Listig grinst der parteilose Bürgermeister, einst Dozent an der Hochschule für Zivilverteidigung, beim Grußwort. Er erwähnt Spendenbedarf für die ausgebrannte Burg. Und die junge Direktorin führt im Angesicht der Veteranen neben den schönsten Beinen von Storkow das Plus ihrer späten Geburt ins Feld: "Ich war damals noch gar nicht geboren." Sie gewinnt einen Ehemaligen als Zeitzeugen für ihre Schüler.
Die alte Klasse 12 aus Storkow, die da bei Sekt und Erinnerungen wieder zusammenrückt, bündelt wie im Brennglas deutsche Geschichte seit Kriegsausbruch: geboren 1938 und 1939, getrennt seit den Fünfzigern im Bundesmaßstab vier (West) zu eins (Ost), wiedervereint nach der Wende. Alle sind sie Kinder der Streusandbüchse, wie die schwermütige Mark genannt wird, mit ihren Seen, Störchen und Birkenwäldern. Nur einer ist hierher zurückgezogen.
Er, der Forscher werden wollte, als er in Berlin-West eintraf, ist nun ein größeres Rad im Getriebe des Pharmakonzerns Merck, "6,5 Milliarden Umsatz pro Jahr", sagt er. Ein anderer steht für Basler Großchemie, und der mit der Sony-Kamera ist in Schaumburg vor den Toren Chicagos zu Hause. Zum Protzen neigt keiner von ihnen. "Wer beide Systeme kennt", sagt Garstka, sei "mehr aufgerufen" zur Verständigung als andere.
Reinhard Vellert, der dem kategorischen Imperativ den Gehorsam gekündigt und im Westen "die Karriere nach unten" gewählt hat, sagt nun, die einzige Ethik, die wirklich Geltung habe, sei die von Soll und Haben: "Der Bauch sieht alles anders." Fügen mag er sich der Einsicht noch immer nicht. Als Totengräber auf ABM-Basis, sagt er, habe er sich so seine Gedanken gemacht: "Wenn die Knochen durcheinanderkullern, wenn das Gebiß aus dem Schädel fällt, siehst du, was von Karriere bleibt."
Storkow ist eine von Krieg und Planwirtschaft beschädigte 6000-Einwohner-Stadt. Ost und West, Oberschicht und Unterfutter, inspizieren an diesem Tag einträchtig ihr altes Terrain. Die Prozession Ehemaliger führt ein Einheimischer an - der Mann von Ursel Oehring, Lehrer wie sie. 17 Jahre lang war er SED-Parteisekretär an der Kurt-Steffelbauer-Schule, Amtsnachfolger und Kollege jenes Mannes, der nach Akten- und Gerüchtelage 1956 Ursel Oehrings Klasse denunziert haben muß. Herr Oehring sagt, es sei ihm nicht gelungen, den Verrat zu klären.
Die Heimkehrer erfahren statt dessen von ihm, wo, verborgen in der Sicheldüne, die NVA jene Raketenstellungen aus Plaste gebaut hat, mit denen der Irak im Golfkrieg die Amerikaner narrte: Die U. S. Air Force zerbombte Attrappen. "15 von 16 waren aus Storkow", sagt Herr Oehring mit dosiertem Stolz. Jetzt sitze die Bundeswehr in der Sicheldüne und produziere weiter. Die Besucher schweigen. Deutsch-deutsche Begegnungen sind Wandertage im Minenfeld.
Die aufsehenerregende Gruppe mit den gutgekleideten Herren schlendert die Karl-Marx-Straße zurück. Linker Hand liegt jetzt der Wohnblock, in dem "Werner" die Wende überlebt hat, jener Geschichtslehrer, FDJ- und Parteisekretär, auf dem der Verdacht der Denunziation lastet. Schwer krank und verbittert hat er die Einladung zum Treffen ausgeschlagen. "Der Sieger schreibt immer die Geschichte", hat er den alten Schüler Garstka beschieden, der ihn aufsuchte.
Linker Hand liegt auch das Haus von Georg "Charly" Schwerz, Direktor zum Zeitpunkt der Republikflucht. Der sitzt an diesem Morgen in seinem Wohnzimmer, und er sagt, es falle ihm nicht ein, zum Treffen zu kommen und sich dann von allen krumm ansehen zu lassen. Er kramt ein zerknittertes Schreiben hervor, in dem steht: "Leider verstand der Genosse Schwerz nicht, die sozialistische Erziehung der Oberschüler richtig zu organisieren." Es erreichte ihn zwei Tage nach der Flucht des Schülers Garstka und war das Ende seiner Laufbahn.
"Ick war'n armes Schwein jewesen als Gutsarbeiter vor dem Krieg" , sagt er. 80 Prozent schwerbeschädigt von der Ostfront zurückgekehrt, ist er dann mit 30 Direktor geworden. Die 12. Klasse, sagt Schwerz, "das war die Elite, gesiebt, hochintelligente Leute". Die Schweigeminuten seien ohne Not "zum Weltskandal hochprovoziert" worden. "Genossen, wie lange wollen wir uns das in Storkow noch ansehen", habe der Politbüro-Kandidat Erich Mückenberger, damals Inquisitor im SED-Bezirk Frankfurt (Oder), gefragt. Und dann sei eben er, Schwerz, fällig gewesen: "Der brauchte ein Bauernopfer für das ZK."
Schwerz hat später junge Forscher angeleitet, hat eine wissenschaftliche Arbeit darüber verfaßt, wie Kartoffelkäfer sich aus dem Lager des Klassenfeinds durch ungünstige Windeinwirkung Richtung Oder ausbreiten, und er ist 33 Jahre später, im Oktober 1989, aus der SED ausgetreten. "Ich bin geprügelt worden von allen Seiten" , sagt Schwerz verletzt. "Und nun soll ich mich da hinsetzen? Mit wem soll ich mich unterhalten?"
Dietrich Garstka, der aufsässige Primaner von einst, Wortführer und erster Flüchtling, steht 300 Meter weiter bereit. "Wir sind jeweils Teil der Geschichte der anderen", sagt er, und daß er dem deutsch-deutschen Lebensweg der Klasse ein Buch widmen wolle. "Reifeprüfung ohne Lehrer" soll es heißen.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 40/1996
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