30.09.1996

AfghanistanSturm geerntet

Die Taliban erobern die Hauptstadt - wer steckt hinter den geheimnisvollen Glaubenskriegern?
Kabul wird nicht fallen", meinten Afghanistan-Kenner noch am Mittwoch vergangener Woche; die von Bergen umgebene Stadt sei militärisch kaum zu erobern. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurden die Experten eines Besseren belehrt.
Die Taliban, eine islamistische Sammelbewegung, hatten die seit Monaten belagerte Hauptstadt eingenommen und mit ihr das Machtzentrum des von rivalisierenden Kriegsherren verwüsteten Landes. Die Truppen von Präsident Burhanuddin Rabbani leisteten zuletzt kaum noch Widerstand; der Staatschef und sein Premier, Gulbuddin Hekmatjar, machten sich auf der einzigen noch verbliebenen Fluchtroute gen Norden davon.
Als erste Amtshandlung mordeten die neuen Herrscher einen Mann, der schon lange nicht mehr das Sagen hatte in Afghanistan: den einstigen Statthalter der 1989 abgezogenen sowjetischen Besatzer in Kabul, Nadschibullah. Bereits 1992 hatte der Vasall der Kommunisten vor den mit pakistanischer und amerikanischer Geheimdiensthilfe aufgerüsteten afghanischen Befreiungskriegern kapituliert. Im Luftschutzkeller eines Uno-Gebäudes überlebte er fortan sämtliche Schlachten um Kabul. Doch als seine Bewacher die Hauptstadt räumten, überließen sie ihn seinem Schicksal; seine Hilferufe, über ein Kurzwellenradio ausgesandt, blieben unbeantwortet.
Demonstrativ stellten die Taliban den Leichnam des einstigen Gewaltherrschers vor dem verlassenen Präsidentenpalast zur Schau - aufgehängt an einer Betonplattform für Verkehrspolizisten, als Warnung und Symbol für das Ende aller Fremdherrschaft. "Afghanistan ist das gemeinsame Haus aller Afghanen", hieß die über Radio Kabul verbreitete Botschaft der Eroberer, die jetzt drei Viertel des Landes beherrschen; nur im Norden hält der Usbeken-General Dostam noch ein zusammenhängendes Gebiet. Der Verlautbarung folgten Verse aus dem Koran.
Noch vor zwei Jahren waren die Taliban ("Schüler") unbekannt. Ende 1994 startete die mysteriöse Gruppe von meist jugendlichen Glaubenskriegern aus dem Volk der Paschtunen ihren ersten Feldzug. "Korrupte Führer" in den Reihen ihrer afghanischen Landsleute knüpften sie an den Geschützrohren von Panzern auf. Schnell eroberten sie die südliche Provinzhauptstadt Kandahar, scheiterten damals aber noch vor Kabul.
Begonnen hat ihre Offensive im Nachbarland: Die meisten der fundamentalistischen Milizionäre wurden in den Koranschulen Pakistans ausgebildet. Dort studierten sie neben dem Wort Allahs offenbar auch die Handhabung von Panzern, Raketenwerfern und Schnellfeuergewehren.
Wenige Tage vor seiner Flucht glaubte Afghanistans Staatspräsident Rabbani endlich die direkte Einmischung Pakistans in den Bürgerkrieg beweisen zu können: Eine gegnerische Transportmaschine war nach Kabul entführt worden. An Bord der Antonow 12 sollen sich neben 32 Talibankämpfern 7 pakistanische Militärs befunden haben. "Pakistans Aggression hat die Form einer Invasion angenommen", empörte sich Kabuls Außenminister gegenüber dem Weltsicherheitsrat.
Die pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto bestreitet, die Taliban militärisch unterstützt zu haben. Die meisten der militanten Fundamentalisten erhielten ihre Ausbildung jedoch nachweislich in Medressen, die von einer pakistanischen Islamistenpartei finanziert werden. Deren Chef ist der langjährige Verbündete Bhuttos und Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses in Islamabad, Fazul Rahman.
Ohne fremde Hilfe hätten die Taliban schwerlich zur derzeit schlagkräftigsten Armee der Region werden können. Kaum ein Jahr nach der Eroberung Kandahars hatten sie einen der mächtigsten Kriegsherrn im Westen des Landes, Ismael Khan von Herat, in die Flucht geschlagen und damit Rabbanis Kooperation mit seinen wichtigsten Verbündeten in Iran erschwert. Ganze 15 Tage brauchten sie jetzt, nach dem Fall Dschalalabads, der einstigen Winterresidenz afghanischer Könige, für ihren Vormarsch von Osten durch die Kabulschlucht in die Hauptstadt.
Die Ausschaltung der bisherigen Kriegsherren kommt Pakistans Interessen entgegen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben die Handelsrouten durch Afghanistan in die zentralasiatischen Republiken an strategischer wie wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen. Seit langem ist die Einfuhr von Erdgas aus Turkmenistan geplant; die Gasleitung soll quer durch afghanisches Territorium verlaufen. In Usbekistan, das im Norden an Afghanistan angrenzt, befindet sich die reichste Goldmine der Welt; Tadschikistan im Nordosten birgt das größte bekannte Silbervorkommen; und in Kasachstan wird ein Viertel des globalen Erdölvorkommens vermutet.
So betonte ein Sprecher des pakistanischen Außenministeriums denn auch am Donnerstag vergangener Woche: "Wir sind an einer Regierung interessiert, die ganz Afghanistan kontrolliert." Eigene Militärs jedoch habe man zu diesem Zweck nicht entsandt. Die Pakistaner, die sich an Bord der entführten Antonow befunden hätten, seien vermutlich Religionsführer gewesen.
Doch "wer Wind sät, wird Sturm ernten", heißt ein pakistanisches Sprichwort. Die Taliban, denen auch die Amerikaner zunächst wohlwollend gegenüberstanden, weil sie Mohnfelder abbrannten und den Einfluß Teherans auf Afghanistan minderten, haben sich längst verselbständigt. Alles spricht dafür, daß sie ein totalitäres Regime errichten werden, das in seiner Rigidität selbst das der iranischen Mullahs in den Schatten stellen dürfte (SPIEGEL 12/1995).
Unter dem Vorwand, einen "reinen islamischen Staat" anzustreben, haben die "Gottgesandten" in Herat, Kandahar und Dschalalabad schon jetzt jene Ordnung erzwungen, die sie für gottgewollt halten: Sie amputieren Dieben Hände und Füße, zwingen Männer dazu, Bärte zu tragen und in den Moscheen zu beten; sie zerstören Kulturdenkmäler, weil diese angeblich der Götzenverehrung dienen. Sie schlossen sämtliche Mädchenschulen; Frauen dürfen nicht mehr ohne männliche Begleitung auf die Straße gehen. Auch der Opiumhandel floriert nach jüngsten Berichten des Drogenkontrollprogramms der Vereinten Nationen wieder; außer mit Zuschüssen aus Pakistan wurde der Sturm auf Kabul wohl vor allem mit Rauschgiftgeldern finanziert.
Wegen der Entrechtung von Frauen sah sich Unicef inzwischen gezwungen, sämtliche Hilfsprogramme im Taliban-Gebiet einzustellen. "Für uns Frauen gibt es keine Zukunft", meint eine Apothekerin in Kabul. "Wir werden lebendig begraben."
Eine kurze Zeit lang hatte die Bevölkerung Hoffnung geschöpft: Der von allen respektierte, 1973 gestürzte König Zahir Shah hatte Mitte September seine Rückkehr aus dem italienischen Exil angekündigt. Selbst die Taliban ließen verlauten, der 81jährige Monarch sei als Integrationsfigur willkommen. Doch bereits wenige Stunden nach seinem Einzug in Kabul zerstörte der neue Herrscher von Afghanistan, Mullah Mohammad Omar, die Illusion: Er stellte seine eigene Regierung auf und forderte deren internationale Anerkennung. Pakistan deutete bereits seine Bereitschaft dazu an.

DER SPIEGEL 40/1996
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