07.10.1996

Politisches Buch„Wir bleiben immer Fremde“

Daß er Schmäh- und Drohbriefe erhält, ist für Ignatz Bubis zur bitteren Gewohnheit geworden, seit er 1992 zum Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt wurde. Meist stammen die Pamphlete, neuerdings öfter mit Absender versehen, aus der dumpfdeutschen Ecke.
Die drohenden Zeilen aber, die ihm Anfang September ins Haus flatterten, waren in Chicago aufgegeben worden, und den Absender kennt Bubis gut. Es handelt sich um Peter Sichrovsky, den österreichischen Publizisten mit amerikanischem Wohnsitz. Er war ursprünglich Koautor der Bubis-Autobiographie, die in diesen Tagen auf den Markt kommt, und er ist seit neuestem Kandidat bei der Europawahl im Dienste Jörg Haiders.
Wenn Bubis sich in der Öffentlichkeit jetzt von ihm, Sichrovsky, als Autor distanziere, faxte "Haiders amerikanischer Freund" (News), könnte das "Ihnen und dem Buch schaden". Er werde unter diesen Umständen nämlich, so ließ Sichrovsky wissen, einiges aus ihren Gesprächen für das gemeinsame Buch veröffentlichen, was Bubis nicht autorisiert habe, und er habe auch noch einiges auf Lager, das "ich Ihnen nie gezeigt habe".
Als Bubis kühl konterte, diesen Enthüllungen sehe er gelassen entgegen, trat Sichrovsky unvermutet den Rückzug an. Es gebe gar nichts zu enthüllen, gestand er kleinlaut zu.
Damit war die Zusammenarbeit zwischen Ignatz Bubis, 69, dem Überlebenden eines Nazi-Arbeitslagers, und Peter Sichrovsky, 49, dem Sohn einer jüdischen Familie aus Wien, endgültig beendet.
Inzwischen kündigt Sichrovsky einen "Polit-Thriller" über die "Kandidatur eines Vorsitzenden der deutschen jüdischen Gemeinden für das Präsidentenamt in Deutschland" an. Mit Bubis, behauptet er, habe die Hauptfigur aber "keinerlei Ähnlichkeit".
Die Idee zur gemeinsamen Arbeit an einem Buch über Bubis kam vor mehr als einem Jahr von Sichrovsky. Mehrere Verlage seien an einer Autobiographie des Zentralratsvorsitzenden interessiert, machte er ihm Mut. Bubis zögerte zunächst, in Gesprächen über sein Leben zu berichten und daraus ein Buch zu machen, willigte dann jedoch ein.
Als die ersten 100 Seiten des Sichrovsky-Textes in Frankfurt eintrafen, erkannte der Biograph sein eigenes Leben kaum wieder. Vieles habe Sichrovsky verwechselt, anderes schlicht erfunden, behauptet Bubis: "Er hat mir Worte und Geschichten in den Mund gelegt, die gar nichts mit mir zu tun hatten."
Bubis bat Sichrovsky um Korrektur. Der jedoch wehrte ab - mit einer merkwürdigen Begründung, wie sich Bubis erinnert: Das Geschriebene müsse ja nicht stimmen, sondern "blumig" klingen.
Er habe sich den Text mit mehr "scharfen Ecken" gewünscht, begründet Sichrovsky seine Reaktion. Im übrigen sei die Zeit für die von Bubis gewünschten Änderungen zu knapp gewesen.
Das Buch wurde am Ende mit Hilfe einer Redakteurin des Campus-Verlages "zu 70 Prozent" (Bubis) umgeschrieben.
Derlei Zerwürfnisse zwischen Prominenten, die ihre Lebenserinnerungen nicht selbst schreiben, und ihren eigensinnigen Ghostwritern sind keine Seltenheit. So erging es auch Hanns Joachim Friedrichs mit seinem "Journalistenleben", der sich mit Koautor Harald Wieser zerstritt.
Sichrovsky, dessen Eltern vor den Nazis fliehen mußten, hat sich mit Interview-Bänden über die Kinder von Nazi-Opfern und -Tätern ("Schuldig geboren") einen Namen gemacht. Anfang September verkündete der Lohnschreiber des Zentralratsvorsitzenden in Wien, er werde im Europawahlkampf für die FPÖ kandidieren - als Haiders "Hausjude", wie der jüdische Schriftsteller Doron Rabinovici in der Wiener Presse höhnte.
Haider kaprizierte sich gelegentlich darauf, Verständnis für Hitler aufzubringen. Daß Bubis mit dem Ideengeber Sichrovsky nun erst recht nichts mehr zu tun haben wollte, liegt nahe.
Die Irrungen des ehemaligen Ghostwriters allerdings ließen die Biographie in den Hintergrund treten*.
* Ignatz Bubis mit Peter Sichrovsky: "Damit bin ich noch längst nicht fertig". Die Autobiographie. Campus Verlag 1996; 292 Seiten; 48 Mark.
Herausgekommen ist ein trauriges, fast resigniertes Buch. Geduldig bis zur Selbstverleugnung hat Bubis darum gekämpft, daß der Satz "Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" für Juden wie Nichtjuden in Deutschland selbstverständlich wird. Inzwischen mag der fast 70jährige selbst nicht mehr so recht daran glauben, daß er sein Ziel erreicht. "Wir werden als Juden hier für die Mehrheit immer die Fremden bleiben", sagt er in seinem Buch.
Dafür sorgen weniger die Haßtiraden, die ihm Unbelehrbare ins Haus schicken. Mehr noch machen ihm mittlerweile die Wohlmeinenden zu schaffen, die freundlichen Ignoranten, die ihn partout zum Israeli erklären wollen.
Petra Roth etwa, die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, die ihm zum jüdischen Passahfest Glückwünsche schickt und dann hinzufügt, sie hoffe, daß der "Friedensprozeß in Ihrem Lande" weitergehe. Bubis wies sie darauf hin, daß er Deutscher ist wie sie selbst, und artig hat sie sich daraufhin bei ihm entschuldigt.
Verstanden hat sie ihn offenbar dennoch nicht. Denn nur wenige Monate später plädierte die Christdemokratin für Ausländer unter den Unionskandidaten für die Kommunalwahl - mit dem Argument, die FDP habe schließlich Bubis.
Auf solch hartnäckige Unbelehrbarkeit reagiert er empfindlicher, seit er sich auf die Suche nach der Geschichte seiner Familie gemacht hat.
Bubis kam 1927 im schlesischen Breslau als Sohn eines Angestellten einer Schiffahrtsgesellschaft zur Welt. Nach der Machtergreifung Hitlers zog seine Familie aus Angst vor Verfolgung ins polnische Deblin.
Bubis ist 14 Jahre, als er auf Befehl der Nationalsozialisten im Februar 1941 mit dem Vater ins Debliner Ghetto gehen muß. Die Mutter ist zwei Monate zuvor an Krebs gestorben.
Er überlebt die Nazi-Zeit im Arbeitslager. Sein Vater wird im Oktober 1942 nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Der Sohn muß hilflos zusehen, wie der Vater weggebracht wird. Er will zu ihm laufen, doch Lagerinsassen halten ihn zurück. "Dieses Bild, wie er an mir vorbeigeht und ich bleibe zurück, dieses Bild hat mich seit damals nicht mehr losgelassen."
Jahrelang mochte Bubis über seine Erfahrungen in der Nazi-Zeit und über den Tod des Vaters mit niemandem reden, auch nicht mit seiner 1963 geborenen Tochter Naomi. "Ich habe jahrzehntelang genau das getan, wogegen ich mich in der Öffentlichkeit immer gewandt habe. Ich selbst verdrängte meine Geschichte."
Damals waren die nichtjüdischen Deutschen fast so etwas wie Verbündete, wenn es ums Beschweigen der Vergangenheit ging. Die Verwandten seiner Frau, die in Paris leben, oder seine jüdischen Freunde fragten hin und wieder, wieso er in Deutschland leben könne - Gespräche, die er heftig abwehrte.
Seine deutschen Bekannten fragten nie. Sie wollten, wenn auch aus ganz anderen Gründen, so wenig wie er über die Vergangenheit sprechen. "Überlebensnotwendigen Selbstschutz" nennt Bubis seine Haltung heute: "Ich wollte nicht darüber nachdenken, was geschehen war." Auch nach Treblinka zu fahren, den Ort, an dem sein Vater ermordet wurde, vermeidet er jahrzehntelang.
Als er 1989 dann doch in das Konzentrationslager reist, wühlt ihn der Besuch so auf, daß er einen Zusammenbruch erleidet. Danach ist es, als habe jemand vorsichtig eine Tür in ihm geöffnet. "Seither spreche ich."
Im Februar 1996 fliegt Bubis nach São Paulo zu Verwandten seiner Schwägerin Dina, der Frau seines 21 Jahre älteren Bruders Jakob, der im September 1939 mit seiner Familie in den sowjetisch besetzten Teil Polens flüchtete und dort, vermutlich von den Nazis, ermordet wurde. Von Dinas brasilianischen Verwandten hatte er zufällig bei einem Besuch in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem erfahren.
Der Aufenthalt bei den Beiguelmans, die seit den zwanziger Jahren in Brasilien leben, stellt für Bubis vieles in Frage, was ihm all die Jahre vorher so wichtig erschienen war. Jetzt kann er den Gedanken kaum noch vertreiben, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er damals gleich ausgewandert wäre. "Würde ich meine Zeit mit Vorträgen vor einem deutschen Publikum verbringen und es als meine Aufgabe ansehen zu erklären, daß ich kein Fremder in Deutschland bin?"
Als er aus São Paulo zurückkehrt, hat er ein Foto seiner in der Nazi-Zeit ermordeten Nichte Rachel im Gepäck. Das Kind, Tochter von Jakob und Dina, steht im Sommerkleidchen auf einer Wiese und lächelt verschmitzt in die Kamera.
Seit er das Bild gesehen hat, verfolgt ihn der Blick des kleinen Mädchens. "Es ist, als würde sie mich fragen, warum ich in dem Land geblieben bin, das für ihren Tod und den Tod ihrer Eltern verantwortlich ist."
Karen Andresen
* Ignatz Bubis mit Peter Sichrovsky: "Damit bin ich noch längst nicht fertig". Die Autobiographie. Campus Verlag 1996; 292 Seiten; 48 Mark.
Von Karen Andresen

DER SPIEGEL 41/1996
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