07.10.1996

Palästina

Auf den Kopf geküßt

Zwei neue Unterhändler, Vertraute von PLO-Chef Arafat und Israels Premier Netanjahu, sollen den Frie- densprozeß wieder in Gang bringen.

Die angespannte Lage in Hebron löst selbst bei kleinsten Mißgeschicken große Panik aus:

Einem israelischen Soldaten rutscht der Gurt seiner Maschinenpistole von der Schulter, als er lässig eine Zigarettenkippe in die Luft schnippt. Die Waffe landet krachend auf dem Asphalt neben der Straßensperre. Seine Kameraden brüllen vor Schreck, daß ihnen fast die schicken Sonnenbrillen von den kurzgeschorenen Köpfen rutschen - jede Sekunde ohne Gewehr, fürchten sie, könnte palästinensische Gewalttäter ermutigen. Die jungen Israelis wissen: Sie sind, mehr denn je, verhaßte Besatzer.

Ein halbes Dutzend neugieriger arabischer Gesichter tauchen hinter einem Fenstergitter im ersten Stock des angrenzenden Hauses auf. Männer und Kinder wollen wissen, was da los ist vor ihrer Tür. Hinaustreten dürfen sie nicht, das könnte sie das Leben kosten.

In Hebron, der Stadt im Westjordanland, herrscht seit sechs Tagen auf Befehl der israelischen Regierung für 140 000 Palästinenser Ausgangssperre. Nur morgens dürfen sie für ein paar Stunden ihre Wohnungen verlassen: einkaufen, zum Arzt gehen, dringende Besorgungen erledigen. Danach sind sie wieder eingesperrt in ihre eigenen vier Wände.

"Ich bin der Bürgermeister einer Geisterstadt", klagt Mustafa el-Natsche, 65, in seinem schäbigen Büro in der Stadtverwaltung, wo eine Notbelegschaft Dienst schiebt. 100 Dollar hat er den ärmsten Familien zukommen lassen, "damit sie wenigstens nicht hungern müssen". Das Heer der Tagelöhner bringt keinen Schekel mehr heim - bei Ausgangssperre gibt es keine Arbeit.

Die jüdischen Siedler von Hebron hingegen genießen die araberfreien Straßen. Nachdem die Stadt 1967 von Israel im Sechstagekrieg erobert worden war, hatten sie ihren Anspruch erhoben - mit Erfolg. Im Herzen der Stadt haben 400 Siedler einen Stützpunkt: eine schreckliche Provokation für die Palästinenser.

Vor allem die jüdischen Kinder scheinen großen Spaß am kollektiven Hausarrest ihrer arabischen Mitbewohner zu haben. Sie feiern Sukkot, das Laubhüttenfest, und die Stadt gehört ihnen. Vor der Abrahams-Moschee haben sie riesige Lautsprecherboxen aufgebaut, wie zum Hohn hallen patriotische Lieder durch die Straßen.

Jetzt haben die Siedler auch das sonst zwischen den Juden und Moslems aufgeteilte Heiligtum, unter dem sie das Grab des semitischen Stammvaters Abraham vermuten, ganz für sich allein. Die Moslems, die Abraham ebenfalls tief verehren, müssen zu Hause beten.

Zur blendenden Laune der Israelis trägt maßgeblich bei, daß sich Benjamin Netanjahu vergangene Woche beim Gipfel in Washington weder vom PLO-Chef noch vom amerikanischen Präsidenten auf einen Abzug der israelischen Armee aus Hebron festlegen ließ.

Daß in dieser Woche am Gaza-Grenzübergang Erez abermals über die Problemstadt im Bergland südlich von Jerusalem verhandelt wird, ficht den Sprecher der ultranationalistischen Siedler von Hebron nicht an. "Die haben schon so oft über den Rückzug der Armee geredet, und passiert ist nichts", gibt sich der David Wilder zuversichtlich.

Offiziell ist der Teilabzug der Israelis längst beschlossene Sache. Seit März dieses Jahres sollte, laut Vertragsvereinbarungen von Oslo, der größte Teil der israelischen Besatzer seine Posten geräumt haben. Doch die Schießereien zwischen der Polizei Arafats und israelischen Soldaten Ende September geben Premier Bibi Netanjahu willkommenen Anlaß, das ganze Hebron-Paket noch einmal aufzuschnüren.

20 Prozent der Stadtfläche sollen auch künftig unter der Kontrolle der israelischen Armee stehen, damit die Juden Hebrons im historischen Stadtkern ihr fanatisches Siedlerleben unter israelischer Obhut fortführen können - dem hatte PLO-Chef Arafat nach monatelangen Verhandlungen mit Jizchak Rabin in einem mühsam erreichten Kompromiß schließlich zugestimmt. Nun will der neue Ministerpräsident, "der Sieger von Washington" (so sein Kabinettssekretär Danny Naveh), noch weitere Zugeständnisse.

Jetzt sollen die Palästinenser auch noch die Kontrolle über einen Hügel in Sichtweite von vier israelischen Siedlungskomplexen abgeben, zu neuen "Pufferzonen" zwischen den bewaffneten Ordnungshütern beider Volksgruppen sollen nur die Israelis Zutritt haben: neue Maximalforderungen, die den Friedensprozeß aufhalten.

Hochgradig erzürnt war US-Präsident Bill Clinton, als Netanjahu seinen Vorschlag, das Hebron-Problem "binnen 60 Tagen" zu lösen, brüsk zurückwies. Jordaniens König Hussein, auch mit am Verhandlungstisch, herrschte seinen Friedenspartner Netanjahu an, er könne Arafat "doch nicht mit leeren Händen nach Hause kommen" lassen. Er konnte sehr wohl.

Netanjahu weiß aber immerhin, daß die Atmosphäre stimmen muß, soll wieder Frieden herrschen im Heiligen Land. Deshalb versuchte er noch in Washington, Arafat zu seinem "Partner und Freund" zu küren. Man sei sich "als Menschen wirklich nähergekommen", berichtete er Vertrauten - Erzählungen über eine Schlacht sollen das kleine Wunder bewirkt haben.

1968 hatte eine israelische Armee-Einheit das Dorf Karameh auf der Ostseite des Jordan genommen, um den dort vermuteten PLO-Chef zu ergreifen. Netanjahu gestand nun dem Palästinenser, er habe damals zu den Arafat-Häschern von Karameh gezählt. Der PLO-Chef entgegnete amüsiert, er sei gar nicht im Dorf gewesen, den Angriff der Israelis habe er von einem Hügel aus beobachtet.

Wohl eher Anlaß zur vorsichtigen Hoffnung auf eine Annäherung geben die neuen Unterhändler bei den künftigen Friedensgesprächen - auf beiden Seiten.

Der Palästinenser Abu Masen gilt als Arafats enger Vertrauter. Der PLO-Vize, mit bürgerlichem Namen Mahmud Abbas, hat zwar schon seit Jahren den Oslo-Friedensprozeß begleitet, doch bisher eher im zweiten Glied. 1933 im heute israelischen Safed geboren, gilt er als Spezialist für Zionismus. Er hat seine israelischen Verhandlungspartner mittlerweile durch geschliffene Umgangsformen und Konzilianz beeindruckt.

Beim Gipfel in Washington wollte Arafat nur ihn zur Seite haben, als er mit Netanjahu im engsten Kreise sprach. Netanjahu seinerseits zog einen Mann in sein Vertrauen, der selbst in Israel noch weitgehend unbekannt ist: den Jerusalemer Rechtsanwalt Jizchak ("Itzig") Molcho, 51, einen langjährigen Freund der Familie.

Molcho leitet eine der bedeutendsten Rechtsanwaltskanzleien Israels und war Netanjahu in der Vergangenheit bei privaten Rechtshändeln behilflich. Er entstammt einer geachteten sephardischen Familie, die ihren Stammbaum bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien durch die Inquisition im Jahre 1492 zurückverfolgen kann. Molchos Vater, der aus Griechenland nach Israel einwanderte, war ein bedeutender Bankier, sein Bruder gehört zu den ersten Architekten im Heiligen Land.

Der Bibi-Freund hat Arafat durch gelassene Freundlichkeit für sich eingenommen; Netanjahus Verhandlungsführer, Dore Gold, konnte der PLO-Chef nicht ausstehen. Arafats Entourage nannte den hartnäckigen Ideologen wegen seiner herablassenden Art "Hitler".

Für den sensiblen Arafat sind Protokollfragen und Gesprächsatmosphäre äußerst wichtig. Als König Hussein dem Palästinenser versicherte, daß er über die Israelis überaus erbost sei, weil sie es gewagt hatten, den umstrittenen Tunnel nahe der Aksa-Moschee zu öffnen, küßte Arafat dem König gerührt den Kopf und brach in Tränen aus. El-Kuds, wie die Araber die Heilige Stadt nennen, ist ihm eine Herzensangelegenheit.

Auch deshalb ist es schwer vorstellbar, daß eine verbesserte Atmosphäre allein die Friedensgespräche zum Erfolg führen kann: Arafat hat sich auf dem Rückweg von Washington Rückendeckung bei den Europäern, bei der arabischen Welt und sogar im Vatikan geholt - er möchte den Status von Jerusalem zum ersten Diskussionspunkt machen: "Jerusalem first."

Über die Heilige Stadt aber, behauptet Israels Premier einmal mehr im Widerspruch zur Osloer Vereinbarung, gebe es gar nichts zu verhandeln: "Das ist unsere Hauptstadt, und sie bleibt es auf ewig."


DER SPIEGEL 41/1996
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