14.10.1996

BundeswehrGroßer Bruder

Von den Deutschen lernen - die albanische Armee läßt sich von der Bundeswehr zeigen, wie man Bäume fällt und Feldlager errichtet.
Als der Gefreite Bajleçi sieht, wie die Häuschen mit der geheimnisvollen Aufschrift "Toitoi" vom Laster gehoben werden, kann er sein Glück kaum fassen. Haben die wundervollen deutschen Soldaten außer flinken Helikoptern, neuen Autos, imposanten Kettensägen und einer vorzüglichen Feldküche tatsächlich auch Telefonzellen ins sumpfige Delta des Flusses Mati geschafft?
Neugierig umkreist der junge Albaner das hellblaue Häuschen. Er weiß zwar nicht, wen er anrufen soll, weil keiner seiner Bekannten ein Telefon besitzt. Dennoch wagt er einen Blick hinein.
Nach einer Schrecksekunde ist dem Gefreiten Bajleçi zweierlei klar: Dies ist kein Fernsprecher, sondern eine Mobiltoilette. Und diese Deutschen sind ein wenig verrückt, zwei Dutzend solcher Plastikungetüme über 1000 Kilometer zu transportieren, anstatt einfach eine Grube auszuheben.
Andererseits können die deutschen Soldaten offenbar zaubern. In nur einer Woche schafften sie, was der Steinzeit-Stalinismus fast 50 Jahre lang immer nur versprochen hatte. Mitten im Nirgendwo haben die Deutschen ein Dorf errichtet, mit einer Krankenstation, moderner als jede Klinik in Albanien, mit warmen Duschen, stabiler Stromversorgung und Satellitenfernsehen.
Zehn Tage lang weihten 402 Soldaten von fünf Standorten und dem Marineversorger "Freiburg" die 265 albanischen Kameraden ins kleine Einmaleins der Kriegskunst ein. Auf der Übung "Mati 96" Anfang Oktober zeigte die reichste der ärmsten Armee Europas, wie man Stege baut, Bäume fällt, Katastrophenopfer evakuiert und ein Feldlager errichtet.
Für die deutschen Pioniere war es vor allem ein willkommenes Abenteuer in der Wildnis. Schließlich hatte Oberfeldveterinär Klaus Binko spannende Reptilien wie Bandkreuzottern und Sandvipern ausgemacht und dazu eine Verwandte der Schwarzen Witwe. Für die bislang eher noch unorganisierte albanische Armee dagegen bedeutete das Zeltlager im Unterholz den Höhepunkt in den fünf Jahren der neuen Zeit. Und auch dafür war kein Aufwand zu groß.
Die Gastgeber hatten einen verlassenen Truppenübungsplatz hergerichtet, mit weißlackierten Steinen Wege markiert und für Unterkunft gesorgt: Die schnörkellosen Acht-Mann-Zelte aus chinesischer Produktion waren problemlos wasserdicht zu bekommen, wenn man einen Bundeswehr-Poncho übers Dach warf.
So funktionierte das Miteinander im Glied von Anfang an und wurde durch kameradschaftsbildende Maßnahmen wie den deutsch-albanischen Kulturabend oder gemeinsames Fußballgucken bei Dosenbier noch gefestigt. Klinsmann kennt jeder. Anklang fand auch die Idee, beim Morgenappell zusammen "Guten Morgen", "Guten Tag" und "Guten Abend" auf Deutsch und Albanisch zu üben.
Dankbar für soviel Freundschaft erklärte Staatschef Sali Berisha "Mati 96" zum vorläufigen Gipfel der deutsch-albanischen Beziehungen. Auch Oberst Henner Wehn, der stellvertretende Einsatzleiter, war sich der Bedeutung der deutschen Mission bewußt: "Früher waren wir die Junioren, jetzt sind wir zum erstenmal der große Bruder. Da müssen wir aufpassen, daß wir nicht vor Überstolz platzen."
Die Deutschen wurden wie alte Freunde empfangen. Begeistert reckten Kinder den Arm zum Hitlergruß. Und Ältere besannen sich auf die gemeinsamen indogermanischen Wurzeln und riefen verbrüdernd: "Wir sind doch alle Arier."
So wie die zackigen Deutschen wollen die derzeit 32 000 albanischen Soldaten auch mal werden.
Doch das kann dauern. Denn bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft 1992 galt in dem abgeschotteten Land eine merkwürdige Wehrphilosophie, die auf dem Konzept des Volksbunkers ruhte: Überall ragen noch Betonhauben aus dem Land, 800 000 waren es insgesamt, die im Angriffsfall den Albanern hätten Schutz bieten sollen.
Weil sich die Strategie als international wenig kompatibel erwies, ersuchten die traditionell deutschfreundlichen Albaner zuerst in Bonn um Amtshilfe beim Neuaufbau. Mit Volker Rühe, so das Kalkül der jungen Demokraten, würden sie schnell unter den Nato-Schirm und von dort aus in die EU gelangen.
Der Verteidigungsminister erkannte seinerseits die Chance. Denn Albanien liegt in einer hochexplosiven Weltregion, zwischen der überwiegend von Albanern bewohnten serbischen Provinz Kosovo, Montenegro, Mazedonien und Griechenland.
Im Krisenfall könnte das Land als Stützpunkt für Nato-Operationen dienen. So pflegt denn Rühe die bilaterale Zusammenarbeit, die ihm den Ruf eines "großen Freundes des albanischen Volkes" (Berisha) einbrachte. Schließlich hat der Minister die begehrtesten Jobs in einem Land geschaffen, dessen Monatseinkommen im Durchschnitt bei 100 Mark liegt.
Auf Drängen der albanischen Regierung ließ Rühe 40 Soldaten in Deutschland für die internationale Friedenstruppe Ifor im ehemaligen Jugoslawien ausbilden. 31 Albaner bewachen nun für guten Ifor-Sold die deutschen Heeresflieger in Zadar.
Obendrein lehren deutsche Ausbilder Kadetten an der Militärakademie in Tirana in ausrangiertem Bundeswehrmobiliar elementare Begriffe wie "Truppengefechtsdienst" oder "Umstrukturierung".
Viel hat die Nachhilfe bislang nicht genützt. Vor allem die Kommunikation zwischen den Truppenteilen bereitet noch Probleme. So kreisten altertümliche MiGs verdächtig nahe um die Luftwaffen-Hubschrauber, die die ersten Deutschen für "Mati 96" nach Tirana transportierten.
Was die Deutschen für eine Eskorte hielten, war in Wirklichkeit ein Übungsschießen der albanischen Luftwaffe mit scharfer Munition. Von der Ankunft der Bundeswehrsoldaten wußten die munter umherschießenden Piloten nichts.
Im Zeltlager indessen war nichts zu spüren von derlei "albanischer Lässigkeit" (Wehn). Dafür sorgte schon Generalmajor Armand Vincani, der als einer der ersten Albaner die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg absolviert hatte.
Offiziell hatte Vincani die Gesamtverantwortung bei "Mati 96". Meist jedoch verlief die Arbeit kollegial, so sieht es Wehn: "Die fragen uns, wie wir was machen würden. Wir erklären es, und dann machen wir das so."
Diplomatie war eher in kleinen Dingen gefragt. So wunderten sich die Deutschen, daß die Zahl der ausgegebenen Mahlzeiten die Zahl der teilnehmenden Soldaten anfangs weit übertraf.
Das Geheimnis: Albanische Soldaten hatten nach dem Essen ihre Uniform einem Bekannten weitergereicht, der sich ebenfalls anstellte. Eine diskrete Strichliste löste das Problem, ohne die Gastgeber zu brüskieren.
* Soldaten beim Bau einer Steganlage.

DER SPIEGEL 42/1996
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