18.02.2013

„Das musste raus“

Der Berliner Fraktionschef Christopher Lauer, 28, bekennt sich zum SMS-Krieg mit Johannes Ponader, beerdigt den Gründungsmythos der Piraten und fordert mehr Charisma in der Politik.
SPIEGEL: Herr Lauer, Sie sollen Ihren Politischen Geschäftsführer Johannes Ponader per SMS zum Rücktritt aufgefordert haben. Was ist los bei den Piraten?
Lauer: Ich bin wütend, ich bin enttäuscht. 2011 und 2012 waren unglaublich erfolgreiche Jahre für die Piraten. Aber seit wir in den Parlamenten sind, wird unsere inhaltliche Arbeit immer wieder von Personaldebatten dominiert.
SPIEGEL: Und deshalb simsten Sie an Ponader: "Wenn Du bis morgen 12.00 Uhr nicht zurück getreten bist, knallt es gewaltig"?
Lauer: Ja, aus Ohnmacht und Verzweiflung. Man kann darüber streiten, ob meine Formulierung so geschickt war. Aber mir reicht es einfach.
SPIEGEL: Was genau?
Lauer: Kurz vorher haben wir in Leipzig lang und breit über unsere Strategie für die Bundestagswahl diskutiert. Auch Johannes Ponader war dabei. Wir haben beschlossen, dass wir uns auf Inhalte konzentrieren wollen. Und dann bringt er kurz darauf trotzdem wieder Vorstandswahlen ins Spiel! Diese Personaldebatten lähmen uns. Dafür wurden wir nicht gewählt.
SPIEGEL: Was werfen Sie Ponader konkret vor?
Lauer: Meine SMS an ihn war eine private Nachricht. Sie wurde dann offenbar zur Veröffentlichung an Redaktionen versandt, mit Sperrfrist. Man kann darüber reden, dass meine SMS vielleicht doof war. Aber das war keine Drohung oder Erpressung. Und dann wird so was öffentlich als Munition benutzt. Das macht mich fassungslos.
SPIEGEL: War die SMS ein Fehler?
Lauer: Sie können sicher sein, dass ich in Zukunft nicht mehr solche SMS schreiben werde. Aber in dem Moment musste das raus.
SPIEGEL: Was macht Ponader grundsätzlich falsch?
Lauer: Ich verstehe seine Motivation einfach nicht. Auf unserem Bundesparteitag im November ergab das Meinungsbild, dass wir vor der Bundestagswahl keinen neuen Vorstand wählen wollen. Und darüber wird sich dann einfach hinweggesetzt. So kann man nicht Politik machen. Das scheint auch jeder Pirat zwischen Hamburg und München Herrn Ponader schon mal gesagt zu haben. Aber er ist da offenbar beratungsresistent.
SPIEGEL: Aber gerade Ponader beruft sich doch immer auf den Rückhalt der Basis.
Lauer: Ich kritisiere Herrn Ponader dafür, dass er sich "Sprachrohr der Basis" nennt. Allerdings weiß ich nicht, wann ihm die Basis aufgetragen hat, in Interviews über seinen ALG-II-Bezug, Polyamorie oder die kleine Maus Frederick zu sprechen.
SPIEGEL: Einerseits fordern Sie: Schluss mit den Personaldebatten. Aber mit Ihrer Kritik an Ponader befeuern Sie die doch selbst. Finden Sie das nicht seltsam?
Lauer: Hätte ich die Debatte befeuern wollen, hätte ich mich direkt an die Öffentlichkeit wenden können. Das habe ich nicht getan. Ich habe eine SMS geschrieben, eine private Nachricht. Das war Ausdruck meines Frusts in dem Moment. Ich wollte keine Personaldebatte. Ich wollte, dass Ponader zurücktritt und endlich Ruhe für die eigentliche politische Arbeit einkehrt.
SPIEGEL: Sind Sie froh, dass Ponader nun verkündet hat, bei der nächsten Vorstandswahl nicht mehr antreten zu wollen?
Lauer: Auf mich wirkt die Situation im Moment äußerst unklar. Er will ja offenbar nicht zurücktreten. Wenn wir also im Mai keinen neuen Bundesvorstand wählen, begleitet uns Herr Ponader auch durch die Bundestagswahl. Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll.
SPIEGEL: Und deshalb sollen Ihre Mitglieder bis Ende Februar darüber abstimmen, welche Vorstandsmitglieder gehen sollen?
Lauer: Das ist eine Initiative des Bundesvorstands. Damit habe ich nichts zu tun.
SPIEGEL: Warum verschleißen die Piraten ihre Führungsleute in solch atemberaubendem Tempo?
Lauer: Politik ist ein anstrengender Job. Die meisten von uns sind ja keine 40-jährigen Polit-Profis. Und viele stellen eben schnell fest: Das ist doch nicht mein Ding.
SPIEGEL: Wie gehen Sie selbst mit dem Druck um?
Lauer: Ich habe mein Kommunikationsverhalten geändert und klinke mich öfter aus dem ständigen Informationsfluss aus. Ich lese zum Beispiel kaum noch Twitter.
SPIEGEL: Aber ein Grundprinzip der Piraten war doch, dass die Führungsleute permanent im Kontakt mit der Basis sind. Ist diese Idee gescheitert?
Lauer: Nein, aber man muss andere Prioritäten setzen. Ich bin ja immer noch über E-Mail erreichbar. Die meisten beantworte ich innerhalb von drei Minuten, aber mehr als 24 Stunden muss bei mir in der Regel keiner warten. Man muss die Kommunikationskanäle so eindampfen, dass es am Ende der politischen Arbeit dient.
SPIEGEL: Ihr Parteichef Bernd Schlömer und andere Vorstandsmitglieder wollen, dass die Piraten künftig verstärkt auf Köpfe setzen, also auf die Prominenz einzelner Personen. Ist das in der jetzigen Lage überhaupt noch möglich?
Lauer: Es ist ganz einfach die Art und Weise, wie Politik funktioniert. Man darf die Bedeutung des Faktors Charisma nicht unterschätzen. Charismatische Menschen sind notwendig, um Dinge zu bewegen, auch wenn diese Menschen manchmal nerven können.
SPIEGEL: Der Gründungsmythos der Piraten lautete: "Themen statt Köpfe". Soll das nun überholt sein?
Lauer: So ist das eben mit Mythen und Sagen. Der Gründungsmythos im Alten Testament lautet, dass der liebe Gott die Erde in sieben Tagen geschaffen hat.
SPIEGEL: Waren es nicht sechs?
Lauer: Stimmt, am siebten Tag hat er ja Siesta gemacht. Da sagen wir auch nicht: Lieber Papst, macht sich die katholische Kirche nicht ein bisschen unglaubwürdig, wenn sie gewisse wissenschaftliche Erkenntnisse auf einmal anerkennt? Sie müssen die Situation im Jahr 2009 berücksichtigen. Damals traten innerhalb von drei Monaten 8000 Menschen der Partei bei. Es war unglaublich schwierig, irgendeinen Machtanspruch zu formulieren, weil alle sagten: Moment, wir sind alle seit zwei Wochen dabei. Warum darfst du, bitte schön, mehr sagen als ich? Also sagte man: Themen statt Köpfe. Aber hier in diesem Gespräch sitzt jetzt nicht das bedingungslose Grundeinkommen. Sondern ich, Christopher Lauer.
SPIEGEL: Sie passen sich ans System an.
Lauer: Das ist keine Anpassung, sondern eine Professionalisierung. Ich versuche es mal mit einem Vergleich: Wir sind eine Mannschaft von Volleyballern und spielen auch ganz gut Volleyball. Das Spiel heißt aber Fußball und hat seine eigenen, erprobten Regeln. Jetzt könnten wir natürlich hingehen und sagen: Leute, ihr spielt alle seit Jahren in der ersten Liga Fußball. Wir sind aber eine Volleyballmannschaft, die aus irgendeinem absurden Grund aus der zweiten Volleyballliga in die erste Fußballbundesliga gekommen ist. Könnten wir jetzt alle Volleyball spielen? - Dann sagen die Fußballer natürlich: Habt ihr einen an der Waffel?
SPIEGEL: Haben die Piraten nicht letztlich die Politikverdrossenheit verstärkt, weil sie Hoffnungen auf eine grundlegend andere Politik genährt haben, die nicht zu erfüllen waren?
Lauer: Das sehe ich ganz und gar nicht so. Wir haben in Berlin über 20 000 Nichtwähler an die Wahlurne gebracht. Nennen Sie das Politikverdrossenheit?
SPIEGEL: Es geht um die Ernüchterung im Nachhinein.
Lauer: Noch im November 2012 gab es eine Umfrage, in der 18 Prozent der Befragten gesagt haben: Die Piraten stellen für mich eine Alternative zu den etablierten politischen Parteien dar. Wir haben nach wie vor ein Potential zwischen 5 und 20 Prozent. Insofern erschließt es sich mir nicht, dass wir für mehr Politikverdrossenheit sorgen sollen.
SPIEGEL: Ein Beispiel: Die Piraten wollen für Basisdemokratie und Netzkompetenz stehen, haben aber immer noch kein funktionierendes Instrument, das die ständige Mitbestimmung via Internet ermöglicht.
Lauer: Wir bilden damit wunderbar den Widerspruch dieser Gesellschaft ab. Auf der einen Seite wollen die Leute mitbestimmen, auf der anderen Seite fordern sie Datenschutz und wollen ihre Identität im Netz nicht preisgeben. Das ist unser Dilemma. Aber es geht bei diesem Thema natürlich um unsere Glaubwürdigkeit. Wenn es ein Landkreis wie Friesland schafft, das Bürgerbeteiligungstool Liquid Friesland einzurichten, wir das innerhalb unserer eigenen Partei aber nicht gebacken kriegen, dann sehen wir ziemlich schlecht aus. Wir müssen wieder Avantgarde werden, wenn es um die Beteiligung der Bürger an der Politik geht.
Interview: Markus Feldenkirchen, Merlind Theile
Von Markus Feldenkirchen und Merlind Theile

DER SPIEGEL 8/2013
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