18.02.2013

KARRIERENAb-in-den-Knast.de

Thomas Wagner hat ein Milliardenimperium aufgebaut: Seine Reiseportale fluege.de oder ab-in-den-urlaub.de dominieren den Markt. Nun könnte er alles verlieren.
Das Leben des Leipzigers Thomas Wagner kann man auf zweierlei Arten erzählen. Aber nur die eine Variante ist eine Erfolgsgeschichte.
Das klingt dann so: Wagner, 34, aufgewachsen in einer Plattenbausiedlung in Dessau, Oberleutnant der Reserve, hat binnen weniger Jahre mit der Firma Unister eines der größten Internetimperien der Republik aufgebaut. Dabei hat er die Reisebranche komplett umgekrempelt und Riesen wie TUI, Thomas Cook oder FTI gezeigt, wie man online Reisen verkauft. Die Firma hat heute nach eigenen Angaben 1990 Mitarbeiter, Wagners Marken ab-in-den-urlaub.de, fluege.de oder reisen.de sind bekannt, Prominente wie Reiner Calmund, Jürgen Drews oder Michael Ballack werben für ihn.
Doch spätestens seit dem 11. Dezember lässt sich Wagners Karriere auch anders bewerten: Um 8.30 Uhr stand die Polizei vor seiner Haustür. Sie durchsuchte seine 68-Quadratmeter-Wohnung in der Leipziger Innenstadt und brachte Wagner direkt in die Untersuchungshaft. Unter der Dusche erfuhr er von einem Mithäftling, dass seine Firma zeitgleich von der sächsischen Sondereinheit "Ines" mit 130 Beamten durchsucht worden sei.
Acht Nächte verbrachte er hinter Gittern. Der Vorwurf der Ermittler, die schon die illegale Filmplattform kino.to auseinandernahmen: Steuerhinterziehung im siebenstelligen Bereich und "unbefugte Geschäftstätigkeit". Wagner hält die Vorwürfe für unbegründet. Auch sei er "über das gesamte Vorgehen der sächsischen Behörden verwundert".
Gegen eine halbe Million Euro Kaution wurde Wagner vorläufig freigelassen. Sein Reisepass ist eingezogen, dienstags und freitags muss er sich seither bei der Polizei melden. Es ist das vorläufige Ende eines rasanten Aufstiegs.
Die Geschichte von Thomas Wagner ist die eines Kampfs um Marktanteile, nicht selten im Graubereich der Möglichkeiten. Sie spielt in der Online-Reisebranche, in der die Sitten rau sind. Und sie dreht sich letztlich um die Frage: War der Jungunternehmer schlicht cleverer als andere oder kriminell?
Die Ermittlereinheit "Ines" ist nicht für ihre Zimperlichkeit bekannt und steht unter fortwährendem Rechtfertigungsdruck. Ihr Steuerhinterziehervorwurf mutet zunächst eher kleinlich an: Im Haftbefehl heißt es, Wagner sei "dringend verdächtig", einen "Flexy-Fly" genannten Umbuchungsschutz nicht als Versicherung deklariert zu haben. Somit habe er Versicherungssteuer hinterzogen.
Für Wagner muss das alles ziemlich überraschend gekommen sein. Doch dafür, dass es nun möglicherweise um seine Existenz geht, sieht er vieles erstaunlich locker. Für seine kurze Haftzeit hat er nur ein Lächeln übrig. Überhaupt lächelt er ständig und wirkt dabei ein bisschen entrückt, kann dann aber blitzschnell jede Detailzahl seiner Bilanzen bis in die Kommastellen referieren. "Im Gefängnis war es wie beim Bund in der Kaserne", sagt er nüchtern. "Schlimmer war es, von Informationen über meine Firma abgeschnitten zu sein."
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Wagner für und in Unister lebt. Er kommt morgens gegen neun Uhr, geht oft weit nach Mitternacht. Reisen? "Eigentlich kaum." Hobbys? "Fußball, Skifahren, ansonsten nichts Besonderes." Seine Freundin arbeitet auch bei Unister und leitet das Callcenter. Wagner ist kein Menschenfänger. Und er ist unglamourös. Seine Wohnung sei mit "Billigmöbeln" eingerichtet, sagen Leute, die schon dort waren. Keine rauschenden Partys, keine Sponsoren-Events, kein Jetset-Leben. Einen Porsche hat er, das war's aber auch.
Er kommt aus gehobeneren DDR-Verhältnissen, der Vater ist Ingenieur, die Mutter Lehrerin, sie arbeitet heute bei einer Bildungseinrichtung in Dessau. Eigentlich wollte er mal Arzt werden, nach der Schule ging er zunächst für zwei Jahre zur Bundeswehr und machte dort bei den Pionieren eine Offiziersausbildung.
Wenn andere keine Liegestütze mehr schafften, machte er sie für die Gruppe eben noch mit. Statt Medizin studierte er dann BWL an der Uni Leipzig, abgeschlossen hat er das Studium nicht.
Bevor Mark Zuckerberg Facebook gründete, kam Wagner auf die Idee, ein Studentenportal aufzubauen. Angefixt vom Erfolg der Musiktauschbörse Napster gründeten er und seine Schulfreunde Oliver und Christian Schilling das Portal Unister. "Wir dachten uns, was mit Musik klappt, muss doch auch mit wissenschaftlichen Büchern und Skripten gehen." Immerhin hatte er sich ausgerechnet ein Geschäftsmodell ausgesucht, das Konflikte mit dem Urheberrecht förmlich provozierte. Einiges deutet darauf hin, dass Wagner sich schon damals im Graubereich der Legalität zu Hause fühlte.
Unister - ein Wortspiel aus Uni und Napster - war schnell mehr. Es gab auch einen Dating-Bereich, man konnte Studentenreisen buchen und Nachrichten tauschen. Dumm war nur: "Ich und meine Mitstreiter mussten feststellen, dass wir damit nicht genügend Geld verdienen konnten, um den Betrieb zu finanzieren."
Er und seine Freunde, die zuvor beim damaligen Bundesgrenzschutz an der deutsch-polnischen Grenze Wache schoben, machten danach vieles im Netz, was Geld versprach. Unister gehören bis heute nach eigenen Angaben Zehntausende von Web-Adressen.
Fast zwei Millionen Euro kostete die Übernahme der Adresse shopping.de; auch andere eingängige Domain-Namen wie geld.de oder kredit.de gehören zum Portfolio.
Wagner gründete einen Webmail-Anbieter, ein Dating-Portal, Finanzdienste - und mit news.de sogar eine Nachrichtenseite. Manches ging schief, aber im Kopf war er oft schlicht schneller als die Etablierten. Als die großen Reiseanbieter noch auf Reisebüros und Hochglanzkataloge setzten, hatte Wagner sich schon im Netz ausgebreitet.
Viele hassen sein Imperium, auch und vor allem deshalb, weil er Preise vergleichbar gemacht hat. Vor allem Fluggesellschaften haben daran kein Interesse. Und das Geschäft mit der Reisevermittlung ist hart. Abgesehen vom Pauschalreisemarkt, wo bisweilen noch mehr als zehn Prozent Provision auf den Reisepreis bezahlt werden, gibt es vor allem von Fluggesellschaften gar kein Geld mehr für die Vermittlung. So wird allerorten getrickst und geschummelt.
Das macht keineswegs nur Wagner so. Aber die Geschäftsbedingungen bei Unisters Reiseseiten zu durchdringen gleicht dem Durcharbeiten des Beipackzettels eines Chemotherapeutikums. Es geht nicht so sehr darum, ob etwas legal ist, sondern ob sich jemand daran stört. Dann wird es eben abgeschaltet. Abmahnschlachten unter Wettbewerbern gehören zum Alltag der Branche, die das Geld teils mit obskur getarnten Gebühren und dem Kleingedruckten verdient. Manchmal sogar mit cleveren Ideen.
Beispiel: Eine Unister-Tochter kauft Billigflüge bei Ryanair im Tausenderpack und verscherbelt die später für ein bisschen mehr Geld weiter. Dumm für den Kunden, dass dafür mal nur eine Mail-Adresse verwendet wurde und so auf der Ryanair-Website die Buchungen von anderen Reisenden einsehbar waren. Wollte man seine eigenen Daten ändern, konnte man auch auf andere Datensätze zugreifen. Verbraucherschützer hyperventilierten.
Eine andere Erfolgsformel: Warum Reisekataloge drucken, wenn es Google gibt? Kaum jemand hat das Werben mit dem Google-AdWords-System so durchdrungen wie Unister. Ein großer Teil des Werbegeldes geht dahin, Wagner zählt sich zu den Top-100-Kunden der Suchmaschine weltweit. In Deutschland könnte er den Spitzenplatz einnehmen. Tippt man Suchbegriffe wie "Urlaub" oder "Flüge" bei Google ein, kommt man an Werbeanzeigen für seine Portale nicht vorbei. Konkurrenten werfen Google vor, den Großkunden zu bevorzugen. Der Suchmaschinen-Riese bestreitet das stets.
Die Wettbewerber schauen dem Treiben argwöhnisch zu. Kaum saß Wagner in Untersuchungshaft, schaltete das mehrheitlich zur TUI Travel gehörende Reiseunternehmen l'tur ausgerechnet in der Leipziger "Bild"-Zeitung eine Stellenanzeige und suchte Experten für Online-Reiseportale, Stichwort: "ab-zu-ltur". Für einen der engsten Mitarbeiter Wagners steht fest: In der Firma sitzen Menschen, die gezielt Informationen an die Öffentlichkeit geben, auch falsche, wie er sagt.
Warum sie das tun? "Unsere Juristen haben Hinweise aus glaubhaften Quellen, dass auch ehemalige Mitarbeiter im Auftrag der Wettbewerber alles tun sollen, um das Image von Unister zu beschädigen", sagt der Unister-Sprecher.
Ob Hirngespinst oder reale Befürchtung: Ein ehemaliger Justitiar ist ein Hauptbelastungszeuge im Ermittlungsverfahren. Über einen Twitter-Account mit der doppeldeutigen Selbstbeschreibung Ab-in-den-Knast.de werden Interna lanciert. Das führt mitunter zu Paranoia. So springt mitten im Gespräch mit Wagner in seiner Firmenzentrale der Unister-Pressesprecher auf. Mitarbeiter haben ihm per Handy gerade das Bild "eines unbekannten Mannes mit Rucksack" geschickt. Der habe sich Zugang zu Büroräumen verschafft. Aufgeregt telefoniert der Mitarbeiter, alarmiert angeblich sogar einen Security-Mann.
Nichts ist gerade normal bei Unister. Gerüchte von Insolvenzverschleppung machten die Runde. Die Banken wurden unruhig, eine Konferenz wurde einberufen. Man einigte sich auf die dringend nötige Fortführung der Kreditlinie. Wagner will als Vorstand abtreten und künftig offiziell nur noch die Strategie und Produktentwicklung verantworten. Einige Domains dienen als Sicherheit bei den Banken. Das Unister-Minus lag 2010 bei zwei Millionen Euro.
Einer immerhin steht fest an seiner Seite: sein schwergewichtiger Werbeträger Reiner Calmund. Viermal hintereinander wiederholt der monoton am Telefon, wie sehr er Wagner unterstütze. Und zwar immer, "auch bei Regen oder Hagel".
Das Wetter war schon mal schöner in Wagners Welt.
Von Müller, Martin U.

DER SPIEGEL 8/2013
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