18.02.2013

ISRAELRätsel um „X“

Ein jüdischer Agent begeht in einer Isolierzelle Selbstmord. War er ein Verräter? Der mysteriöse Fall gewährt einen Einblick in die Arbeitsweise des Mossad.
Stuckfassade, Messingschild, Concierge draußen, drinnen Möbel aus teurem Massivholz: Das Bürohaus in Mailand strahlt Gediegenheit aus. Nichts lässt darauf schließen, dass die hier residierende Firma, spezialisiert auf den Verkauf von Satelliten-Kommunikationstechnik, als Tarnung vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad genutzt wird.
Doch bei der Mailänder Firma sollen israelische Agenten angeheuert haben, die eine Legende für Operationen im Feindesland brauchten. Einer von ihnen war Ben Zygier, ein jüdischer Australier und begeisterter Zionist, der als junger Mann nach Israel auswanderte. Das Unternehmen soll als Arbeitgeber für ihn gebürgt haben, als Zygier 2005 beim italienischen Konsulat in Melbourne ein Arbeitsvisum beantragte. Das zumindest behaupten australische Geheimdienstler.
Genau jener Ben Zygier starb mit 34 Jahren, vier Tage nach der Geburt seines zweiten Kindes, am 15. Dezember 2010, in einer abgeschotteten Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Ajalon nahe Tel Aviv. Er soll sich erhängt haben, dabei war er der bestbewachte Gefangene des Landes, beobachtet von vier Kameras. Sein Anwalt traf ihn ein oder zwei Tage zuvor, er sagt, Zygier habe normal gewirkt.
Sein Fall machte in der vergangenen Woche Schlagzeilen, nachdem ein australischer Sender enthüllt hatte, dass Zygier der mysteriöse "Gefangene X" war, über den schon länger spekuliert worden war. Doch was muss der Agent verbrochen haben, dass nicht einmal seine Bewacher seinen Namen kennen durften?
Er sei eine Gefahr für die Sicherheit des Landes gewesen, sagen israelische Offizielle. "Ernst" seien die Vorwürfe, sagt sein Anwalt. Als Zygier starb, lief ein Verfahren, die Behörden verhängten Zensur.
Der Agent wurde im Februar 2010 verhaftet, kurz zuvor hatte der Mossad den Waffenhändler der Hamas in Dubai ermordet. Jetzt wird spekuliert: War Zygier beteiligt, verriet er gar Geheimnisse? Oder war er Teil des Schattenkriegs, hatte er zu tun mit den Anschlägen auf iranische Wissenschaftler, mit Schadsoftware gegen das Atomprogramm?
Antworten darauf gibt es nicht, aber offenbar waren Zygier und zwei weitere jüdische Australier, die auch für die Firma in Mailand arbeiteten, erfolgreiche Spione. "Die Art ihrer Geschäfte hat ihnen Zugang zu militärischen und geheimen Einrichtungen verschafft", heißt es beim australischen Geheimdienst.
Über all diese Fragen hinaus gewährt der Fall Zygier Einblicke in die Methoden des Mossad. Denn er zeigt, wie der Dienst Agenten anwirbt und Operationen verschleiert.
Als Jugendlicher engagiert sich Zygier bei der "Community Security Group" in Melbourne, einer Art jüdischer Bürgerwehr. Diese Gruppen haben oft Verbindungen zum Mossad und werden von Agenten instruiert. Vermutlich wird der junge Ben Zygier dort angeworben. Etwa zeitgleich werden auch Paul Y. und David Z. angeheuert. Australische Juden sind für den Mossad besonders interessant wegen einer Kuriosität in der Gesetzgebung: Jeder Bürger kann einmal im Jahr seinen Vor- und Nachnamen wechseln. Ein wunderbarer Weg zu einer neuen Identität.
Nach seinem Schulabschluss wandert Zygier nach Israel aus. Auch Y. und Z. ziehen ins Heilige Land. Die drei sind nun israelische und australische Staatsbürger, und sie sind bei der Firma in Mailand angestellt. Immer wenn sie in Australien sind, beantragen sie neue Namen. Ben Zygier legt sich Benjamin Burrows und Benjamin Allen zu. Auch Y. und Z. benennen sich mindestens zweimal um.
Doch im Jahr 2009 wecken die wiederholten Namensänderungen des Trios das Interesse der Behörden. Vor allem als Zygier seine alten Pässe einreicht, vollgestempelt mit Einreisevisa aus Iran. Paul Y. verbringt viel Zeit in Syrien, Iran, Ägypten und Dubai. Auch David Z. reist wiederholt nach Iran. Das geht nicht nur aus seinem Pass hervor. Bei einer Reise im Jahr 2004 bittet er im australischen Konsulat in Teheran um Hilfe.
Bei Heimatbesuchen stehen die drei Männer fortan unter Beobachtung. Auf David Z., der noch einen britischen Pass besitzt, wird zudem der MI6 aufmerksam.
Ben Zygier macht sich außerdem mit der Wahl seiner Freunde verdächtig. Während eines Studienaufenthalts in Melbourne im Jahr 2009 beobachtet sein Beschatter, wie dieser in der Monash University gezielt iranische und saudi-arabische Kommilitonen anspricht.
Bald darauf steckt ein Informant dem australischen Journalisten Jason Koutsoukis, dass die drei Männer in eine Spionageaffäre verstrickt seien. Als dieser daraufhin Zygier mit den Anschuldigungen konfrontiert, streitet der alles ab. "Ich habe ihn gefragt, warum er so oft seinen Namen wechselt", sagt Koutsoukis. "Er antwortete, er habe persönliche Gründe dafür." Bis Mitte Februar 2010 reden sie noch dreimal. Zygier ist zunehmend genervt, er sagt, er wolle sich nur ein normales Leben in Israel aufbauen. Beim letzten Telefonat brüllt er: "Verpiss dich!"
Zu diesem Zeitpunkt planen die Australier bereits, Zygier wegen Spionage zu verhaften. Doch die israelischen Behörden sind schneller. Am 24. Februar informiert Israel einen Verbindungsoffizier des australischen Geheimdiensts in Tel Aviv, dass man Zygier festgenommen habe.
Im Dezember ist Zygier tot. Auf Anrufe bei der Firma in Mailand antwortet inzwischen nur noch eine Mailbox. Paul Y. und David Z. sollen weiterhin in Israel leben. Vielleicht unter neuem Namen.
Lesen Sie auch auf Seite 124:
Dokumentation über Israels Geheimdienstchefs.
Von Ulrike Putz

DER SPIEGEL 8/2013
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