18.02.2013

OSCARS „Wir sind grausam geworden“

Die spektakuläre israelische Dokumentation „The Gatekeepers“ zeigt ehemalige Geheimdienstchefs, die mit Israels Palästina-Politik abrechnen.
Avraham Schalom zögert. Er mag sie nicht aussprechen, seine bittere Wahrheit. Der Charakter des Volkes habe sich verändert, sagt er, kurze Pause, dann fügt er hinzu, während er an der Kamera vorbeischaut: "Wir sind grausam geworden."
Schalom, mittlerweile ein alter Mann, war sechs Jahre lang Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet. Vor der Staatsgründung kämpfte er im Palmach; die paramilitärische Organisation ging später in der israelischen Armee auf. Er gehörte zu der Gruppe Agenten, die Adolf Eichmann aus Argentinien nach Israel entführte, um ihn in Jerusalem vor Gericht zu stellen.
Jetzt sitzt der Mann, dessen eigenes Leben mit dem Werdegang seines Staates verflochten ist, vor einer Kamera und spricht darüber, was 45 Jahre Besatzungsmacht aus seinem Land gemacht haben.
Für Dror Morehs Dokumentation "The Gatekeepers" haben sechs ehemalige Schin-Bet-Chefs öffentlich Zeugnis abgelegt, zum ersten Mal überhaupt. Der Film, der auf Deutsch etwas befremdlich "Töte zuerst" heißt und im März im Fernsehen läuft, hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter den Cinema for Peace Award während der Berliner Filmfestspiele(*). Als "Bester Dokumentarfilm" ist er jetzt für den Oscar nominiert, und er zeigt die Geheimdienstler Israels, während sie über ihre Arbeit sprechen. Darüber, wie man den Feind zur Kollaboration bringt. Darüber, welchen Effekt es hat, dem Verdächtigen beim Verhör erst die Augen zu verbinden, dann dessen Kopf zu packen und ihn kräftig zu schütteln.
Verhandelt wird, vor Publikum, die Moral von Tötungsbefehlen oder die Rechtfertigung von Folter. Was passiert mit jemandem, der von Berufs wegen die Entscheidungsgewalt über Leben und Sterben hat? Aber was den Film zum Politikum macht, sind nicht die Geschichten aus einer humanistischen Grauzone. Es sind keine umstrittenen Verhörpraktiken, die den sechs Geheimdienstchefs zu schaffen machen: Es ist die Politik ihres Staates, es sind die Entscheidungen der Regierenden.
Die Zukunft Israels sei düster, sagt Avraham Schalom, der Älteste der sechs.
Und genauso sagen sie es alle, diese Männer, die sich jahrzehntelang gewissermaßen in der Schaltzentrale des Nahostkonflikts befanden und auf das Kommando ebenjener Regierenden hörten. Die Kritik an der Handlungsweise ihres Staates ist einhellig. Sie wissen, wovon sie reden.
Sie, die gezielt Menschen getötet haben, um ihr Land sicherer zu machen, sagen: "Man kann keinen Frieden mit militärischen Mitteln schaffen." Sie sagen: "Israel kapiert nicht, dass es jeden Kampf gewinnt. Aber den Krieg verliert." Die sechs Männer, allesamt keine Pazifisten, sind der Meinung, dass Israel aus den palästinensischen Gebieten abziehen muss.
Ein Staat, der über eine feindliche Bevölkerung von Ausländern herrsche, werde "zwangsläufig zu einem korrupten Kolonialregime", zitiert Moreh gegen Ende des Films den jüdischen Philosophen Jeschajahu Leibowitz.
"Was sagen Sie dazu?", fragt er Juval Diskin, Schin-Bet-Chef von 2005 bis 2011, aus dem Off.
"Jedes Wort trifft zu", antwortet Diskin. Das Zitat sei eine "präzise Beschreibung" der israelischen Realität seit 1968.
Seit dem Sieg der israelischen Streitkräfte im Sechstagekrieg 1967 ist der Schin Bet die mächtigste Sicherheitsbehörde Israels; mindestens 5000 Menschen arbeiten für ihn, etliche davon im besetzten Westjordanland und im Gaza-Streifen. "Es mag eine supersaubere Aktion sein", aber manchmal, beim Rasieren zum Beispiel, komme alles zurück, sagt Juval Diskin über eine Spezialität des Dienstes, die sogenannten Targeted Assassinations, gezielte Tötungen. "Der Schin Bet war Gott", heißt es einmal im Film.
Jaakov Peri, der heute für die neue Partei Jesch Atid im Parlament sitzt, formuliert das Fazit seiner Agententätigkeit ein bisschen zynischer: "Wenn man in Rente geht, ist man praktisch ein Linker."
Morehs Film ist mehr als der Erfahrungsbericht von sechs Talking Heads. Aus ihren Kommentaren und Reflexionen, unterlegt mit jahrelang zusammengesuchtem Archivmaterial aus der ganzen Welt, entsteht ein Psychogramm der Besatzung. Es ist zugleich ein Protokoll des Nahost-Konflikts aus ungekannter Perspektive: Hier spricht der innere Kreis des israelischen Establishments.
Versagt haben die Regierenden, das machen alle sechs Schin-Bet-Chefs klar, weil sie keinen Frieden mit den Palästinensern schließen wollen. "Es ist ein bisschen zu viel Luxus für Israel, zu glauben, man muss mit seinen Feinden nicht einmal sprechen", sagt Karmi Gillon.
"Sie sagen immer, sie haben keine Partner, aber das ist eine Lüge", sagt Ami Ajalon, Geheimdienstchef von 1996 bis 2000.
Die Verhandlungen von Camp David etwa seien nicht etwa an Arafat gescheitert, sondern an Ehud Barak. Der habe Arafat gedroht, statt mit ihm zu verhandeln. Barak, damals Premier und zuletzt Verteidigungsminister unter Benjamin Netanjahu, könne nur auf eines stolz sein, sagt Ajalon: auf die Tatsache, mehr Siedlungen gebaut zu haben als jeder andere israelische Politiker vor ihm.
Alle Regierungen seit 1967 haben den Siedlungsbau entweder toleriert oder aber aktiv vorangetrieben, heißt es im Film. Nicht einmal die radikalsten unter den Siedlern seien je in ihre Schranken verwiesen worden. "Sie sind kein seltsames Phänomen, sie sind der politische Wille", sagt Karmi Gillon. Archivbilder in Schwarzweiß zeigen Mitglieder des Jüdischen Untergrunds, einer Gruppe von Siedler-Terroristen, die Bomben in palästinensische Busse und in die Autos palästinensischer Offizieller legten. Bei einem Attentat der Fanatiker wurden die Bürgermeister von Ramallah und Nablus schwer verletzt. Ins Mikrofon eines Radiosenders sagt ein Mann mit breiter Häkelkippa: "Ich bin mir sicher, dass der Felsendom nicht auf dem Tempelberg bleibt, und die Mörder, deren Beine wir abgehackt haben, verdienen ihr Schicksal."
"The Gatekeepers" sei keine Abrechnung, sagt der Regisseur Moreh zu Hause auf seinem Sofa in Jaffa. Vielleicht sei es für die Männer einfach an der Zeit gewesen, das, was sie sonst nur im kleinen Kreis geäußert haben, einem größeren Publikum mitzuteilen. "Sie sind besorgt um das Land", sagt Moreh. Fünf Jahre lang hat er an dem Film gearbeitet. Einer der Schin-Bet-Chefs habe ihm irgendwann Antidepressiva empfohlen, erzählt Moreh. Und er sagte ihm auch: Hey, Dror, Politiker können sich ändern, es kann alles noch gut ausgehen.
Aus dem Büro Benjamin Netanjahus heißt es, er habe nicht vor, sich den Film anzuschauen.
(*) Sendetermine: 5. März, 20.15 Uhr, Arte; 6. März, 22.45 Uhr, Das Erste.
Von Heyer, Julia Amalia

DER SPIEGEL 8/2013
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