14.10.1996

Palme-MordDie Apartheid-Krokodile

Steht das Rätsel um die Ermordung des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme vor zehn Jahren in Stockholm endlich vor der Lösung? Die Indizien verdichten sich, daß der Täter im Auftrag des südafrikanischen Geheimdienstes geschossen hat. Denn Palme gehörte zu den unerbittlichsten Gegnern des Apartheid-Staats.
Daisy Farm in Roode Krans, Transvaal: ein schäbiges Ensemble von asbestbeplankten Flachdachbauten, 50 Kilometer südwestlich von Pretoria. Berge von Glasscherben blinken in der fahlen Frühjahrssonne. Zwischen den trockenen Dornenbüschen, die die Häuser umwuchern, liegen verrostete Bierdosen und leere Schnapsflaschen. Das einzige Geräusch kommt von den Wellblechfetzen im nackten Dachstuhl, die der heiße Wind aneinanderreibt.
Hinter der nächsten Bergkuppe kriecht träge der Crocodile River durch die Savanne. In dem Fluß gibt es schon seit dem Burenkrieg keine Krokodile mehr. Die letzten Krokodile im Witwatersrand lebten bis 1992 hier auf der Daisy Farm - die Krokodile des Apartheid-Staates. "Een plaas van die misdaad", wie die Südafrikaner sagen. Ein Ort des Bösen.
Die Daisy Farm war die Zentrale der Organisation "Long Reach". Hier baldowerten Killer im Staatsdienst bei Barbecue und guten Getränken ihre Mordaktionen gegen die Feinde des weißen Minderheitenregimes aus. Hier wurden auch Höllenmaschinen und Briefbomben versandfertig gemacht, die Regimegegner und Oppositionelle im Ausland töteten oder verstümmelten.
"Es war der geheimste Ort des Geheimdienstes von Südafrika", sagt Commander Dirk Coetzee. Er weiß Bescheid. Er hat 27 Kapitalverbrechen, darunter 6 Morde, gestanden, die er angeblich im Staatsauftrag beging. Natürlich habe er nicht zum Spaß gemordet: "Wir führten schließlich einen Heiligen Krieg."
Coetzee legt Wert auf die Feststellung, daß er nur in Südafrika und den Nachbarstaaten getötet habe, niemals in Europa wie manche seiner Kollegen. So als wäre die moralische Qualität seiner Morde vom jeweiligen Tatort abhängig gewesen.
Im großen Konferenzsaal, in dem jetzt Glaswolle in Büscheln von der Decke baumelt, wurden die Mörder im Dienste der Republik auf ihre Einsätze vorbereitet. Und hier, so behauptet Dirk Coetzee, habe auch der Revolvermann seine Instruktionen erhalten, der am 28. Februar 1986 an der Ecke Sveavägen / Tunnelgatan in Stockholm den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme erschoß.
Die Aussage elektrisierte ganz Schweden, denn das Trauma des unaufgeklärten Mordes brennt noch immer wie eine offene Wunde im schwedischen Nationalbewußtsein.
Die Palme-Sonderkommission hat in den vergangenen zehn Jahren über 20 000 Zeugen vernommen und mehrere hundert Spuren verfolgt, darunter die iranische, die indische, die pakistanische, die chilenische, die kurdische, die türkische, die amerikanische und auch damals schon die südafrikanische.
Die Kriminalisten hatten es nicht leicht. Denn Palme hatte viele Feinde. Er rührte nicht nur an die Herzen der Menschen, wie Willy Brandt in seinem Nachruf sagte. Er war auch arrogant, heuchlerisch und machtbesessen. Seine Haßkampagnen gegen politische Gegner warfen dunkle Schatten auf seine Friedensstifter-Aura.
Die Spuren endeten alle im Nichts. Bis auf eine: Am 27. Juli 1989 wurde der alkoholabhängige kleinkriminelle Frührentner Christer Pettersson von der 13. Kammer des Stockholmer Amtsgerichts für schuldig erklärt. Die Geschworenen waren davon überzeugt, daß dieser "ensam galning", der einsame Verrückte, der Mann war, der Lisbet und Olof Palme vor dem Grand-Kino auf Sveavägen aufgelauert und ein paar hundert Meter weiter auf sie geschossen hatte.
Doch das Urteil wurde von der Berufungsinstanz kassiert, weil es sich ausschließlich auf Indizien stützte und deshalb nach schwedischem Recht unwirksam war. Danach mußte die Sonderkommission wegen "kollektiver Depression" in ein staatliches Erholungsheim verschickt werden. Die Mehrheit der schwedischen Bevölkerung ist nach einer Umfrage seitdem davon überzeugt, daß es am besten wäre, den Palme-Raum im Stockholmer Polizeipräsidium zu schließen und den Schlüssel ins Meer zu werfen.
Doch daraus wird nichts werden. Denn Coetzees Angaben bestätigen eine Aussage, die Geheimdienstoberst Eugene de Kock, vormals Chef einer Todesschwadron der südafrikanischen Geheimpolizei, am 27. September vor dem Obersten Gericht in Pretoria machte. De Kock hat erklärt, seine ehemalige Dienststelle habe im Rahmen der Operation "Long Reach" (Langer Arm) den Palme-Mord inszeniert.
Dirk Coetzee war de Kocks Vorgänger als Kommandant der geheimen Terroristenschule in Vlakplaas bei Pretoria. Jawohl, so Coetzee zum SPIEGEL, Gene Kock habe die Wahrheit gesagt. Es sei Craig Williamson gewesen, Chef der Organisation "Long Reach", der Olof Palme umbringen ließ.
Nun gibt es weiß Gott gute Gründe, zwei Massenmördern nicht alles zu glauben. Coetzee ist nur auf Kaution in Freiheit. Er muß sich Ende des Jahres unter anderem wegen mehrerer politischer Morde verantworten. Nicht ausgeschlossen, daß er in vorauseilender Kooperationsbereitschaft mehr auspackt, als er weiß, nur um die sogenannte Wahrheitskommission für sich einzunehmen, die über eine Amnestie für schwarze und weiße Kriminelle zu befinden hat.
Die Wahrheitskommission unter dem Vorsitz des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu muß mehrere tausend Mordfälle klassifizieren. Sie soll feststellen, welche Täter aus politischen Gründen mordeten und sich dadurch für die Amnestie qualifizieren - und welche aus rein kriminellen Gründen schuldig wurden und dafür zu verurteilen sind.
Ähnlich motiviert wie Coetzee ist Eugene de Kock, nur daß er noch tiefer im Schlamassel steckt. Er wurde 89 schwerer Straftaten für schuldig befunden. Über 32 weitere Fälle muß noch verhandelt werden. In seinem Prozeß war die Rede von bestialischen Folterungen, von vergifteten Kleidungsstücken, von schwarzen Politikern, die mit Dynamitstangen beklebt und in die Luft gesprengt wurden.
De Kock hat behauptet, die Prominenz der letzten zwei weißen Regierungen sei über alle "schmutzigen Tricks" stets im Bilde gewesen. Er beschuldigt zwei Staatspräsidenten (darunter auch Frederik Willem de Klerk), vier Minister und sechs Polizeigeneräle der Mitwisserschaft oder sogar der Mittäterschaft.
Bei einem Treffen der Spitzen von Polizei, Armee und Geheimdiensten mit führenden Ministern soll 1985 die Gründung der Organisation "Long Reach" beschlossen worden sein. Im benachbarten afrikanischen Ausland griffen sich die Dienste aus Pretoria sowieso jeden, den sie haben wollten. Nun sollten sich die Gegner des Apartheid-Staates nirgendwo auf der Welt mehr sicher fühlen können.
Ex-Außenminister Pik Botha (nicht verwandt mit dem Premier) sagt heute, in seiner Zeit habe die Regierung nie zum Mord aufgefordert. Botha zum SPIEGEL: "Es macht mich wütend, wenn ich von solchen Sauereien höre. Und es hätte uns ja auch in der Welt einen schlechten Ruf eingetragen." Als hätte der Apartheid-Staat noch einen Ruf zu verlieren gehabt. Aber Botha sagt auch, es sei ihm bekannt gewesen, daß finstere Elemente den diplomatischen Dienst für ihre Machenschaften mißbraucht hätten. Sie seien nicht einmal davor zurückgeschreckt, ihm "illegale Angelegenheiten" in sein persönliches Gepäck zu schmuggeln. Jedoch wisse er natürlich nicht, wer dahintersteckte.
Pik Botha, der intelligenteste und einflußreichste Mann im Kabinett Piet Botha, soll nicht gewußt haben, daß seine Botschaften Hilfsdienste für südafrikanische Staatsterroristen leisteten? Ehrlich, sagt Pik Botha, er sei im Prinzip immer schon ein Gegner der Rassentrennung gewesen. Nur habe damals im Kabinett keiner auf die Stimme der Vernunft hören wollen.
Was bei allen Vorbehalten für die Glaubwürdigkeit von Coetzee und de Kock spricht: Fast alle ihre Enthüllungen haben sich bisher bewahrheitet. Ihre Angaben zu den Hintergründen der Palme-Aktion sind weitgehend identisch. Es ist kaum denkbar, daß sie sich abgesprochen haben könnten, vor allem weil sie Todfeinde sind, wie man sie sich unversöhnlicher nicht vorstellen kann.
Coetzee schied 1986 aus dem Polizeidienst aus, weil er an Diabetes erkrankt war. 1989 zog er nach London und von dort nach Lusaka in Sambia. Im Februar 1992 ließ ihm de Kock ein Päckchen mit einem Walkman schicken, dessen Kopfhörer mit Knetsprengstoff präpariert war. Weil aber der Adressat die hohen Zollgebühren nicht bezahlen wollte, ging die Sendung ungeöffnet zurück. Natürlich nicht an den südafrikanischen Geheimdienst, sondern an Bheki Mlangeni, einen Anwalt des oppositionellen Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), dessen Anschrift als Absender auf dem Päckchen stand. Der Kopfhörer explodierte und zerfetzte Mlangenis Kopf. Um die Wirkung zu testen, hatten Polizeitechniker vorher in Vlakplaas einen Prototyp des Sprengkopfhörers an einem Schweinskopf ausprobiert.
Die ehemalige weiße Führungsriege am Kap hat de Kocks und Coetzees Enthüllungen vorerst mit Gelassenheit aufgenommen. Der einzige, den die alten Bosse wirklich fürchten, ist der drei Zentner schwere ehemalige "Superspion" Craig Williamson - der womöglich auch im Mordfall Palme die Schlüsselfigur ist.
Williamson, genannt "der Dicke", hat im März in einem Gespräch mit dem Johannesburger Star seine Verbitterung über seine ehemaligen Auftraggeber ausgedrückt, die er und seine Kollegen, wie er sagte, "so lange an der Macht hielten, nur damit sie uns dann verraten konnten". Die weißen Politiker tränken heute Champagner mit ihren schwarzen Genossen, "wir haben aber nicht vergessen, wer uns die Befehle gab".
Chefagent Craig Williamson war der erfolgreichste Maulwurf der südafrikanischen Nachkriegsgeschichte. 1976 ging er von Südafrika in die Schweiz, angeblich weil er wegen seiner Sympathien mit schwarzen Freiheitskämpfern vom Geheimdienst gejagt wurde. Er lebte seine Legende so perfekt, daß der "International University Exchange Fund" (IUEF) in Genf ihn als stellvertretenden Direktor einstellte.
Der IUEF war auf Palmes Initiative zu dem Zweck gegründet worden, den Freiheitskampf gegen Südafrika in Schwung zu bringen. Die Mittel aus Stockholm flossen so reichlich, daß Williamson unbemerkt viele Millionen Dollar von IUEF-Konten statt in den schwarzen Untergrund an den südafrikanischen Geheimdienst überweisen konnte.
Mit einem Teil wurden Liebesgabenpakete mit Schnaps und Dörrfleisch für die berüchtigte "Koevoet"-Einheit finanziert, die im Norden von Südwestafrika, dem heutigen Namibia, und in Angola einen Vernichtungsfeldzug gegen Widerständler führte. Auch das Geld für den Erwerb der Daisy Farm stammte aus dem IUEF-Topf. Bizarr, aber wahr: Die Zentrale des südafrikanischen Auslandsterrorismus war aus schwedischen Steuergeldern finanziert.
Williamson rühmt sich noch heute gern seiner Freundschaft zu Ex-IUEF-Chef Gunnar Eriksson und zu Palmes außenpolitischem Chefberater Bernt Carlsson. Hatte er eigentlich nie ein schlechtes Gewissen, wenn er seine Freunde so perfide betrog?
"Nein", sagt er. "Es gibt ein chinesisches Sprichwort: Wenn du einen Feind zerstören willst, mußt du zunächst seine Freundschaft erringen."
Williamson wurde 1980 von einem Überläufer des südafrikanischen "Bureau of State Security" enttarnt. Er gab aber nicht gleich auf. Gemeinsam mit General Johan Coetzee, dem Chefkoordinator der südafrikanischen Geheimdienste, versuchte er, seinen Freund Eriksson umzudrehen. Wenn der sich weigern sollte, Williamson zu decken, so drohte Coetzee, setze er sein eigenes Leben und das seiner Familie aufs Spiel, außerdem das Leben führender schwedischer Sozialdemokraten.
Aber Eriksson ließ sich nicht erpressen. Williamson kehrte daraufhin nach Pretoria zurück - unter Mitnahme fast aller Akten der IUEF-Zentrale. Die Regierung in Pretoria beförderte ihn wegen seiner Verdienste zum Chef des Polizei-Spionagedienstes. 1985 gründete er die Organisation "Long Reach", die in weniger als einem Jahr zum gefürchtetsten Instrument des südafrikanischen Staatsterrors wurde - und es bis zum Untergang des Apartheid-Staates blieb.
Am 21. Dezember 1988 wurde über der schottischen Ortschaft Lockerbie der Pan-Am-Jumbo "Maid of the Seas" auf dem Weg von London nach New York von einer Bombe zerrissen. An Bord befand sich auch Schwedens Anti-Apartheid-Beauftragter und Williamsons Bekannter Bernt Carlsson. Dem sicheren Tod entkam dagegen Südafrikas Außenminister Pik Botha, obwohl er fest auf der Unglücksmaschine gebucht war. Er hatte wenige Stunden vorher einen anderen Flug nach New York genommen.
Williamson, der sich inzwischen in der angolanischen Hauptstadt Luanda als Diamantenhändler niedergelassen hat, weist die Vorwürfe von Coetzee und de Kock als absurd zurück. Der schwedische Generalstaatsanwalt Jan Danielsson bestätigt jedoch: "Er war in der Mordnacht in Stockholm." Er soll knapp 300 Meter vom Tatort in der Kammarkagatan 36 gewohnt haben, in einer Wohnung, die damals der schwedischen Polizeigenossenschaft gehörte.
Verbürgt scheint aber auch: Williamson selbst hatte nicht den Finger am Drücker. Dirk Coetzee sagt: "Er war ein Denker, kein Täter." Schon wegen seiner Leibesfülle.
Von Williamson führt die Spur weiter zu Anthony White, der "Ameise" (the ant), wie ihn die alten Kameraden aus seiner Zeit als Söldner bei den rhodesischen Selous Scouts nennen. White hat heute ein Sägewerk mit 500 Beschäftigten in der mosambikanischen Hafenstadt Beira. Er kann Mosambik nicht verlassen, weil er auf diversen Fahndungslisten steht. Er gibt zu, daß er Williamson gut kannte. Er war auch oft auf der Daisy Farm. Aber mit dem Palme-Mord, so sagt er, habe er nichts zu tun. "Da kann mir keiner was anhängen." Wenn er nur nicht mit dem Phantombild des Täters eine gewisse Ähnlichkeit hätte.
Ein weiterer Tatverdächtiger wurde vorletzte Woche von dem ehemaligen "Long Reach"-Mann Peter Casselton ins Gespräch gebracht: Bertil Wedin, schwedischer Journalist, der 1983 bei einem Einbruch in London als Agent des südafrikanischen Geheimdienstes entlarvt wurde. Wedin hat sich - ähnlich wie White - in einen Teil der Welt zurückgezogen, zu dem ausländische Fahnder schwer Zugang haben: nach Kyrenia (türkisch: Girne) in der Republik Nordzypern, die außer von der Türkei von keinem Staat der Welt anerkannt wird.
Wedin war ganz früher Spitzel der schwedischen Sicherheitspolizei Säpo. Am 20. November 1985 ließ er sich mit seiner Familie in Kyrenia nieder. Er produzierte dort ein Radio-News-Programm für schwedische Touristen und Uno-Soldaten, das wegen seiner Ausfälle gegen die Sozialdemokratie und den "Landesverräter Palme" bekannt wurde.
Die Mordnacht will Wedin im Bett neben seiner schwangeren Frau verbracht haben. Das läßt sich nicht mehr überprüfen. Man weiß nur, daß er seinerzeit mit Hinweisen hausieren ging, die den Verdacht erhärten sollten, daß Mitglieder der "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) die Täter waren.
Woher Wedin das gewußt haben will, hat er nicht gesagt. Es ist aber leicht nachvollziehbar, daß seinen türkischen Gastgebern die Kurden-These gefiel. War es Zufall, daß Wedin eine Woche nach dem Palme-Mord einen türkischzypriotischen Personalausweis erhielt?
Casselton erklärte vorletzten Mittwoch, Wedin habe ihm den Mord persönlich gestanden. Und er habe es für Geld getan. Die Boys von "Long Reach" hätten den Auftrag nicht selbst erledigen wollen, weil sie keine Ahnung von Schweden gehabt hätten.
Eine solche Arbeitsteilung wäre nicht einmalig gewesen. Auch der - inzwischen voll aufgeklärte - Mord an der ANC-Repräsentantin Dulcie September in Paris wurde 1988 von einem südafrikanischen Team vorbereitet und dann von zwei ehemaligen belgischen Fremdenlegionären ausgeführt.
Die Neue Zürcher Zeitung befand unmittelbar nach der sensationellen Aussage de Kocks, die Spur zum Kap werde wohl nicht so heiß sein, weil nämlich Südafrika "so viele hochkarätige Gegner hatte, daß seine Agenten genausogut eine Bombe in die Generalversammlung der Vereinten Nationen hätten legen können".
Nur, keiner war in Hingabe und Haß so hochkarätig wie Palme. Er predigte nicht nur die gewaltsame Befreiung der Schwarzen. Er gab auch eine Menge Geld dafür aus. Die Isolation des Burenstaats wäre ohne seine leidenschaftlichen Brandreden nicht so lückenlos gewesen.
Eine Woche vor dem Mord kündigte Palme in einer Rede anläßlich des "Volksreichstages gegen Apartheid" eine Verschärfung der wirtschaftlichen Sanktionen an. In den Wochen davor hatte er versucht, eine Milliarden-Anleihe des südafrikanischen Staats auf den europäischen Kapitalmärkten zu torpedieren.
Mari Sandström, die damalige Korrespondentin von Svenska Dagbladet und heutige Informationschefin des Uno-Flüchtlingskommissariats in Genf, hatte der Palme-Sonderkommission schon im Mai 1987 ein Dossier mit konkreten Hinweisen auf die Südafrika-Spur übergeben. Danach soll die Entscheidung, Palme zu beseitigen, bereits 1982 nach den Parlamentswahlen gefallen sein. Die Informationen, so berichtete Frau Sandström, seien ihr von Teilnehmern einer internationalen Polizeikonferenz in Johannesburg zugespielt worden.
Und das war nicht der erste heiße Tip dieser Art. Kurz nach dem Mord war in Stockholm ein Bericht des britischen Geheimdienstes MI6 eingegangen. Darin hieß es, Mitglieder der Koevoet-Einheit und der schwedischen Polizei seien vermutlich für den Mord verantwortlich; die Operation sei von einem gewissen Williamson geleitet worden.
Die Ermittlungsbehörden in Stockholm haben vorigen Donnerstag zwei Beamte nach Südafrika geschickt, um die Einlassungen von de Kock, Coetzee und Williamson zu prüfen.
Die meisten Schweden wären wohl froh, wenn wirklich der südafrikanische Geheimdienst den Mord ausgeheckt hätte und nicht Christer Pettersson, der einsame Verrückte. Einfach weil sie im Innersten davon überzeugt sind, daß ein so bedeutender Mann wie Olof Palme auch Anspruch auf einen bedeutenden Mörder hat.
Erich Wiedemann
* Eine Woche vor dem Mord mit ANC-Politiker Oliver Tambo in Stockholm. * Auf der Daisy Farm.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 42/1996
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