21.10.1996

BelgienRosa Ballett

Wer gehört zur Klientel von Kinderschänder Marc Dutroux? Die Spuren führen in beste Kreise.
Hungerstreikende kampieren auf den Stufen des monumentalen Brüsseler Justizpalastes. In Lüttich richten Feuerwehrleute ihre Schläuche auf das Gerichtsgebäude, um "die Justiz zu säubern". Kriegsveteranen marschieren mit Trommeln und Trompeten durch die Straßen des Ardennenstädtchens Neufchâteau und verlangen "die volle Wahrheit".
Im Blaumann demonstrieren Arbeiter des VW-Werks in Forest für eine "Justiz ohne Bremsen". Stahlwerker ziehen vor das unscheinbare Backsteinhaus in Marcinelle, aus dessen Kellerverlies am 15. August die entführten Mädchen Laetitia, 14, und Sabine, 12, befreit wurden.
Ein Volk in Aufruhr. "Belgien bebt", titelt die flämische Zeitung Het Laatste Nieuws.
Die Affäre Dutroux ist zum Symbol für das Versagen der belgischen Staatsgewalt geworden - so sehr, daß angewiderte Wallonen schon Zweifel an der Überlebensfähigkeit ihres Landes haben und Zuflucht beim großen Nachbarn Frankreich suchen möchten. Mit den Eltern der gekidnappten Kinder hat eine ganze Nation das Vertrauen in die Justiz verloren. Eine Bürgerbewegung ist entstanden, die rücksichtslose Aufklärung fordert - nicht nur über das Monster Marc Dutroux und seine Komplizen, sondern auch über Hintermänner und zahlungskräftige Kunden.
Als am vergangenen Montag der Oberste Gerichtshof des Landes entschied, dem Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte in Neufchâteau das Verfahren Dutroux wegen Befangenheit zu entziehen, schienen sich alle Befürchtungen der aufgebrachten Bürger zu bestätigen: Ausgerechnet der Mann, der das Vertrauen der Eltern besaß, sollte mundtot gemacht werden. Connerottes Vergehen: Er hatte an einem Benefiz-Essen für die Opfer teilgenommen und sich dabei einen Kugelschreiber schenken lassen.
Premierminister Jean-Luc Dehaene erkannte die politische Brisanz der Entscheidung. Das Gericht, so mahnte der Regierungschef, möge "Kreativität" zeigen. Die Richter folgten ihm: Connerotte mußte zwar den Fall abgeben, aber die Zuständigkeit blieb bei seiner Behörde.
Auf den Stufen des Brüsseler Gerichts nahmen die Demonstranten den Spruch dennoch mit Wutschreien, Tränen und Empörung auf. Das Volk weiß, daß auch die Justiz längst zur Beute der Parteien geworden ist. Bis hinunter zum Gerichtsschreiber bestimmt der Proporz über Ernennungen und Beförderungen.
In den Justizbehörden von Brüssel, Antwerpen, Lüttich oder Charleroi hat das Vernebeln unbequemer Erkenntnisse Tradition. Keiner der großen Kriminalfälle aus jüngerer Vergangenheit wurde je restlos aufgeklärt. Zeugen verübten auf merkwürdige Art Selbstmord. Oder die Verfahren wurden, sobald ein Untersuchungsrichter zu eifrig nachforschte, an ein anderes Gericht überwiesen.
"Ich bin an eine Mauer gestoßen", schreibt der Lütticher Polizist Valère Martin in einem Brief an die Eltern der ermordeten Mädchen Julie und Mélissa. "Mußte man sie auf dem Altar der ,Justiz' opfern? Werden diejenigen, die mir verboten haben zu arbeiten, jemals Scham darüber empfinden?"
Sogar das höchste Kontrollgremium von Polizei und Justiz, die Kommission P, mißbilligte die "dilettantischen" Ermittlungen. Kostbare Zeit nach dem Verschwinden der beiden achtjährigen Freundinnen am 28. Juni vergangenen Jahres ging verloren, weil die zuständige Lütticher Untersuchungsrichterin Martine Dutrouwe erst einmal in Urlaub ging. Ende August verbrachte sie dann noch eine Woche an der Loire, während die Eltern der entführten Kinder verzweifelt eigene Recherchen anstellten.
Fatal für die beiden entführten Mädchen, die länger als ein halbes Jahr in den Händen des Triebtäters lebten und schließlich verhungerten: Frau Dutrouwe nahm Informationen der Gendarmerie Charleroi über einen Verdächtigen "namens Marc Dutroux" nicht ernst. Der baue, so hatte ein Kumpel von Dutroux der Polizei berichtet, im Keller seiner Häuser Zellen aus, um dort geraubte Mädchen unterzubringen. 7500 Mark habe ihm Dutroux für die Entführung eines Kindes geboten.
Womöglich, so heißt es in Lüttich, habe die Richterin die Ermittlungen auch deshalb so schlampig geführt, weil sie unter persönlichem Druck stand - ihr Ehemann muß sich wegen einer Betrugsaffäre vor Gericht verantworten.
Aber auch der für Dutroux zuständigen Staatsanwaltschaft in Charleroi unterliefen schwere Fehler. Berichte über Hausdurchsuchungen bei dem Triebtäter, der wegen fünffachen Kindesmißbrauchs vorbestraft war, verschwanden in der Schublade des Staatsanwalts Thierry Marchandise.
Immer neue Enthüllungen schockieren die Öffentlichkeit. Schlimmer als alle Fahrlässigkeiten ist, daß Dutroux und sein mutmaßlicher Komplize, der Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoul, 54, offensichtlich Protektion im Polizei- und Justizapparat genossen.
Nihoul, den Ermittler für den Kopf und Agenten hinter dem pädophilen Triebtäter Dutroux halten, verfügte über gute Beziehungen in die bessere Brüsseler Gesellschaft - auch in den Justizpalast. Der umtriebige Geschäftsmann ließ sich zu Empfängen oder Bistro-Eröffnungen hin und wieder von einem dunkelhäutigen Chauffeur mit weißen Handschuhen im schwarzen Mercedes 300 vorfahren. Obwohl nur gelernter Anstreicher und in mehrere Betrugsaffären verwickelt, durfte er sich mit dem Titel "Gerichtsexperte" schmücken und Gutachten bei Immobilienstreitigkeiten erstellen.
Nicht so genau hinsehen, sich heraushalten, das war bislang der belgische Bürgerkonsens. Doch jetzt haben es die amtlichen Vertuscher mit verzweifelten Eltern zu tun, die nichts mehr zu verlieren haben. "Wir sind Überlebende mit einem einzigen Ziel: zu wissen, warum das geschah", sagt Mélissas Vater Gino Russo. Seine Arbeitskollegen im Stahlwerk Cockerill-Sambre verzichten auf einen Teil ihres Lohnes, um ihn bei der Suche nach der Wahrheit zu unterstützen.
Den Verdacht der Eltern, daß ihre Kinder nicht nur Opfer eines einzelnen Psychopathen, sondern eines gut organisierten Pädophilenrings geworden sind, haben Zeugen bestätigt, die schon vor Jahren an Sexpartys mit Minderjährigen teilnahmen. Die Ermittler gehen jetzt davon aus, daß Kinderfänger Dutroux die Mädchen für eine betuchte Klientel verschleppte und mißbrauchte - heiße Ware auf einem Porno-Markt, wo die Grenzen von Moral und Menschlichkeit längst aufgehoben sind.
Wann immer in den letzten Jahren in Belgien Kinder verschwanden, gingen auf Dutroux-Konten Beträge zwischen 40 000 und 60 000 Mark ein. Noch ist nicht bekannt, von wem das Geld kam. Mehr als ein halbes Dutzend Häuser und Baracken nennt der Sozialhilfeempfänger sein eigen, er besitzt Aktien, eine Wohnung im Steuerparadies Panama und verfügt über rund 200 000 Mark Erspartes, wie die Ermittler herausfanden. Im Gefängnis von Arlon hat er die Börsenzeitung L'Echo de la Bourse abonniert.
Die Vergewaltigungen ließ er von seiner Frau Michèle filmen, um die Videos zu verkaufen. Und wahrscheinlich bot er mit Drogen vollgepumpte Kinder auf sogenannten Partouzes an, privaten Sexpartys, die in Belgien eine gewisse Tradition haben.
Ins Blickfeld der Ermittler von Neufchâteau geraten jetzt auch wieder die "rosa Ballette" - Sexfeste der gehobenen Stände, auf denen sich Ärzte, Advokaten, Politiker, Staatsschützer und hohe Justizbeamte mit Edelnutten oder freizügigen Damen der Gesellschaft vergnügten. Die Orgien waren Anfang der achtziger Jahre gerichtskundig geworden, nachdem eine Frau auf mysteriöse Weise umgekommen war - sie hatte auf einer der Partouzes damit gedroht, über die Teilnahme Minderjähriger auszupacken.
Zehn Jahre später verlangte Untersuchungsrichter Freddy Troch aus Dendermonde bei seinen Ermittlungen über eine Mörderbande Einblick in die Akten der "ballets roses". Der damalige Justizminister Melchior Wathelet entzog ihm daraufhin das Verfahren. Die Nachforschungen über die von der Presse so genannten "irren Mörder von Brabant", die bei Überfällen auf Supermärkte, Restaurants und Tankstellen scheinbar wahllos 28 Menschen erschossen hatten, versandeten in Charleroi.
Troch wollte eine neue Hypothese überprüfen - daß die wilden Schießereien der paramilitärisch agierenden Gang auf ganz bestimmte Personen abzielten. Denn sechs der Todesopfer verfügten über Informationen, mit denen hochrangige Gäste der "rosa Ballette" hätten erpreßt werden können.
Nun taucht das alte Gerichtsdossier "Sex und Drogen und Prominente" wieder aus der Versenkung auf. Und es stellte sich heraus: Nihoul, der Mann mit den weitreichenden Beziehungen, hatte auch an diesen Festen teilgenommen.
Bei seinen geschäftlichen Aktivitäten stand er über den Parteien: Für Genossen aus dem mafiosen Lütticher Sozialistenmilieu holte er Anfang der achtziger Jahre Schwarzgeld in der Schweiz ab. Für christdemokratische Politiker trieb er im Brüsseler Kommunalwahlkampf Spendengelder ein, sicherlich mit erklecklichen Provisionen für sich.
Mit eigenen Partouzes knüpfte Nihoul an die Tradition der "rosa Ballette" an. Die Sexpartys, die er in der Brüsseler Rue des Atrébates 124 veranstaltete, waren so laut, daß sich Anwohner über den nächtlichen Lärm beschwerten. Die Polizei schritt niemals ein.
Hin und wieder durfte Nihoul, der sich mal als Besitzer einer Werbeagentur, mal als Betreiber einer privaten Radiostation versuchte, ein von der Kommune Etterbeck gepachtetes Schloß bei Namur nutzen. Es heißt, Nihoul habe sich an dem ausgelassenen Treiben seiner Gäste aus Wirtschaft, Justiz und Politik in den Gemächern von "Faulx-Les-Tombes" nicht beteiligt, sondern das Geschehen von der Bar aus still beobachtet.
Der prominente belgische Detektiv André Rogge, der im Auftrag der Eltern nach dem Schicksal der verschwundenen Mädchen Elisabeth Brichet und Nathalie Ghijsbrecht forschte und dabei schon vor Jahren auf ein internationales pädophiles Netzwerk stieß, glaubt nicht, daß der Fall Dutroux ganz aufgeklärt wird, trotz aller Bemühungen der tapferen Richter von Neufchâteau: "Da stecken zu viele wichtige Leute drin, das ist zu explosiv."

DER SPIEGEL 43/1996
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