21.10.1996

SchriftstellerWeltreise mit Tandem

Mit seinem Debütroman ist dem in Bulgarien geborenen Wahl-Münchner Ilija Trojanow ein vergnügliches Buch zum Thema Asyl gelungen.
Ilija Trojanow steht am Telefon und rauft sich die Haare: "Nein, mir geht es nicht so gut", sagt er in den Hörer, "ich habe mir wohl einen Virus eingefangen, irgend etwas Tropisch-Bulgarisches." Er lacht und sieht putzmunter aus.
Nicht, daß Trojanow, 31, gerade seine Telefonpartnerin belügt. Er schnieft tatsächlich, und seine Stimme ist glaubhaft belegt. Aber so eine Krankheit ist für den jungen Autor, dessen Debütroman "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" jetzt erschienen ist, noch lange kein Grund, auch nur ein Quentchen Lebensfreude einzubüßen*.
"Als deutschsprachiger Autor sei ich total ungeeignet, sagten mir mal deutsche Künstler. Ich sei viel zu gut gelaunt und hätte entschieden zuwenig Probleme. So würde nie etwas aus mir", sagt Trojanow und freut sich dabei schon wieder. In der Tat dürften sich die Künstlerkollegen von damals gründlich getäuscht haben. Trojanows Romanmanuskript ist gleich vom Verlag seiner Wahl angenommen worden, und zudem hat er vergangenes Jahr beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einen der begehrten Preise bekommen.
Dennoch: Daß Ilija Trojanow so ganz ohne Probleme durchs Leben spaziert, stimmt natürlich nicht. Sein Roman jedenfalls kreist um die Themen Asyl, Heimatlosigkeit und unerfüllte Sehnsüchte. Und sein Held Alexandar ist ein ziemlich trauriger Tropf. Er flieht mit seinen Eltern vor der kommunistischen Diktatur in einem Balkanstaat nach Italien, ins erhoffte "Gelobte Land". Doch das hat seine Tücken. Alexandar und seine Eltern landen für viele Monate im tristen Flüchtlingslager Pelferino, aus dem sie abermals in Richtung Deutschland fliehen. Auch hier fristet der inzwischen erwachsene Alexandar ein eher trostloses Dasein, liegt die meiste Zeit im Krankenhaus, bis sein 99jähriger und quietschfideler Taufpate Bai Dan aus dem Orient auftaucht und mit ihm eine Weltreise auf dem Tandem startet, die ihn schließlich heilt.
Trojanow kann also sehr wohl vom Schrecken erzählen, verleugnet freilich mit keiner Zeile seine fröhliche Natur. Weil es ihm um die Überwindung der Schrecken geht, wählt er einen heiteren Zugriff auf seine ernsten Themen. Mag der Schauplatz auch ein düsteres Flüchtlingslager sein - Trojanow fallen selbst zu diesem Ort beschwingte Geschichten ein. Mag er über viele Seiten eine realistische Familiengeschichte beschreiben - urplötzlich wechselt er ins Phantastische oder Groteske. Er verwebt Orientalisches mit Westlich-Technischem, tobt sich im Detail aus, um dann zum kühnen Zeitensprung anzusetzen. Kurz: Er überrascht, wo er nur kann.
"An etwas Schlimmem die positive Seite zu sehen ist vielleicht etwas Afrikanisches an mir", sagt Trojanow, der zehn Jahre in Afrika lebte. Doch die Leichtigkeit seiner Erzählweise ist nicht nur von der afrikanischen Weltsicht beeinflußt, sondern auch von der Tatsache, daß er viele seiner Geschichten selbst erlebt und vor allem überlebt hat.
Auch er floh mit seinen Eltern aus Osteuropa nach Italien, auf den Schultern seines Vaters überquerte er einen Grenzfluß an einer Stelle, die nicht von Wachtürmen einzusehen war. Auch er lebte in einem italienischen Flüchtlingslager und wanderte anschließend mit seinen Eltern über die Alpen nach Deutschland. Kurze Zeit danach brachen sie nach Kenia auf, weil der Vater dort eine Stelle als Ingenieur bekam. Die letzten Schuljahre und das Studium verbrachte Trojanow in Deutschland.
Trotzdem, so der Autor, ist der Held keine autobiographische Figur. In Alexandar beschreibe er vielmehr, was ihn an gleichaltrigen Deutschen stört: "Die Leute hier, in meiner Generation, auch viele junge Schriftsteller empfinde ich als vergreist. Die meinen, mit 30 bereits mit dem Leben abgeschlossen zu haben."
Sein Rezept gegen diese Trostlosigkeit ist im Roman nachzulesen: Es ist die Reise, die verändern kann - wenn man sich auf die Fremde einläßt. Und vor allem: Es ist das Spiel. Und zwar das Würfelspiel. An ihm, so meint die Romanfigur Bai Dan, könne man die Einstellung zum Leben schulen. Nichts hänge beim Spiel vom Zufall ab: "Dann erkläre mir doch bitte, wo beim Würfeln der Zufall liegt", beschwört er seinen ungläubigen Neffen Alexandar: "Hast du nicht alles in der eigenen Hand? Hängt es nicht von dir ab, mit welcher Kraft du wirfst, in welchem Winkel zum Brett du losläßt, welche Zahlen am Anfang oben stehen. Das hat mit Zufall wenig gemein, stimmst du mir zu?" Trojanow bestätigt seine Romanfigur: "Man kann wahnsinnig schlecht würfeln, aber mit der Einstellung, wie mache ich etwas Gutes daraus, kann man Spiele gewinnen."
Weil er dieses Vertrauen in sich selbst hat, wählte er sich, neben seinem Autorendasein, einen Beruf aus, bei dem Ängste fehl am Platz sind: Er ist Kleinverleger. Mit wenig Geld und viel Engagement betreibt er seinen Marino-Verlag im Herzen München-Schwabings. Er hat sich auf Sachbücher und Belletristik zum Thema Afrika spezialisiert. Der Beruf des Verlegers sei der schönste der Welt, und mit seinen 31 Jahren habe er überhaupt viel mehr erreicht, als er sich jemals hätte träumen lassen: "Mit 16 hatte ich nur zwei Ziele: einen Roman zu schreiben und keine Pickel mehr zu haben. Beides habe ich geschafft."
Und wie geht es einem, dem so früh so viel gelungen ist? "Oh, es gibt doch immer neue Ziele", kontert er. Schon als er seinen Roman Korrektur las, habe er vor neuen Ideen nur so gesprüht. "Da geht es mir vielleicht wie Leuten, die eine Beziehung beenden und sich sofort neu verlieben", sagt er und strahlt. Denn die Welt ist groß und Rettung lauert überall.
* Ilija Trojanow: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall". Hanser Verlag, München; 288 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 43/1996
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