28.10.1996

Ostdeutschland

Kampf um Herzen und Hirne

Barbara Supp über Jena, die Hauptstadt der Intelligenz

Von Supp, Barbara

Hoch oben im Turm, mächtig und unangreifbar, saß einst die Sektion Marxismus-Leninismus. Ihre Bleibe, so schien es, war für die Ewigkeit gebaut: ein Konstrukt aus Stahlbeton, kreisrund und 121 Meter hoch; ein Monument des Sozialismus, das selbst vom Weltraum aus zu erkennen ist. Wo dieses Monstrum steht, da ist Jena.

Es sei ein großer Tag, sagte der Rektor im Oktober 1972, als die Friedrich-Schiller-Universität ihr neues Domizil bezog. Das Plansoll sei erfüllt worden, und zwar pünktlich, was er als gutes Zeichen verstand. "Heute", versprach er Bürgern und Studenten, "wird hier das immer fester werdende Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz sichtbar."

Zu sehen ist an diesem Abend, 24 Jahre später, nur ein finsteres Bauwerk in Schwarzgrau, das so überflüssig wirkt wie ein Politikerplakat nach verlorener Wahl.

Kein Licht leuchtet hinter der "ausschließlich in der DDR entwickelten Fassade aus Schaumglas-Aluminium-Elementen", auf die sozialistische Reiseführer einst so stolz waren. Die Sektion Marxismus existiert nicht mehr, die Universität ist dabei, den Bau zu räumen, und der ehemalige "Platz der Kosmonauten" am Fuße des Turms, der jetzt wieder harmlos "Eichplatz" heißt, liegt öde und leer. Nur ein paar Mitglieder der Arbeiterklasse, die keine Arbeit mehr haben, sitzen auf Bänken und trinken Bier.

Die Intelligenz tagt ein paar hundert Meter weiter. Sie trifft sich in einem Hinterhof zwischen rohen Mauern, hat lange Haare oder Bärte und sieht aus wie in den siebziger Jahren, und dazwischen steht immer wieder ein Punk mit bunten Fransen auf dem Kopf und staunt.

Die evangelische Junge Gemeinde, bei der sich sonst die Unangepaßten der neunziger Jahre versammeln, lädt zum

Dissidententag: Wolf Biermann ist angereist und singt Stasi-Balladen. Die "Jenaer Szene" feiert sich selbst und ihre Geschichte an einem Ort, an dem für viele der Aufstand begann: Dort lasen in den siebziger Jahren Leute wie Jürgen Fuchs und Lutz Rathenow ihre Lyrik, dort gab es Tips, wie man den Armeedienst vermeidet, dort bekam auch ein Langhaariger ein Bier. Dort schnüffelte, selbstverständlich, die Staatssicherheit.

Nirgendwo in der DDR, außer in Berlin, lagen so große Teile der Intelligenz mit ihrer Republik über Kreuz. Für Westler bedeutete Jena: Carl Zeiss. Für Ostdeutsche hieß es auch: Widerstand. Die Stadt war, schwärmt ein Dissident von damals, "außer Berlin die gefährlichste Ecke der Republik". Nun erzählen sich die Besucher die Geschichten von damals und hoffen, daß sie hier immer noch wichtig sind.

Jena im Jahr sieben nach der Wende: eine kleine Großstadt in Thüringen, mit 102 000 Einwohnern, 13 000 Studenten, 47 000 Menschen, die Arbeit haben; die offizielle Arbeitslosenquote liegt, landesüblich, bei 14,5 Prozent.

Weltweit bekannt ist die Stadt als Standort des 1846 gegründeten Optik- und Feinmechanikunternehmens Carl Zeiss, in dessen Chefzimmer nun nicht mehr Genosse Kombinatsleiter Wolfgang Biermann sitzt, sondern der CDU-Mann Lothar Späth, der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg: Er dirigiert das Nachfolgeunternehmen Jenoptik (siehe Seite 94). Als Oberbürgermeister wurde Peter Röhlinger, FDP, gewählt, Rektor der Universität ist heute der Mediziner Georg Machnik, der zur DDR-Zeit nicht einmal Professor werden durfte.

Jena im Jahr sieben nach der Wende: Jenoptik beschäftigt noch 1500 Leute, genauso viele wie die Firma Carl Zeiss GmbH, die ebenfalls aus dem Kombinat hervorging und zur Schwesterfirma Zeiss in Oberkochen gehört. In kleineren Nachfolgebetrieben fanden noch 5000 Menschen einen Job. Vor dem Mauerfall verdienten 27 000 Menschen im Zeiss-Kombinat ihr Geld. Größter Arbeitgeber Jenas und ganz Thüringens ist heute mit rund 6200 Beschäftigten die Friedrich-Schiller-Universität.

Jeder Dritte in Jena hat einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluß - massenhaft "überdurchschnittlich qualifizierte Leute" gibt es hier, was den Oberbürgermeister sehr freut. Allerdings machen ihm diese Bürger, typisch Akademiker eben, das Regieren nicht leicht. Sie haben einer Koalition aus Grünen und SPD, toleriert von der PDS, zur Macht verholfen. Röhlingers FDP ist in der Opposition.

Trotzdem ist der leicht behäbige Liberale zufrieden mit der Welt und der Wende, die ihn nach oben gebracht hat. Seit Mai 1990 präsidiert der gelernte Tierarzt und FDP-Landesvorsitzende der Stadtverwaltung. Zur Zeit arrangiert er sich mit der Einsicht, daß Jena trotz Späth und Jenoptik keinen Spitzenplatz in der Wirtschaft belegt. Dafür richtet er seinen Stolz auf die Vergangenheit, auf die Geschichte seiner Stadt und die "mutigen jungen Leute" aus der Dissidentenszene.

Er selbst hat ihr Wirken aus der Ferne, von seinem thüringischen Dorf aus, beobachtet - einer von ihnen war er nicht. Heute sitzt er in seinem Stadtverwaltungsbüro mit Blick auf das ehemalige Stasi-Gebäude und sagt, daß man diese Vergangenheit "nie vergessen darf".

Ein Stück DDR-Geschichte soll nun allerdings verschwinden, weil es stört. Sobald sich das Land Thüringen dazu entschließen kann, wird der Uni-Turm gesprengt - niemand will nachrücken in den finsteren Sozialistenbau, der ein wenig schief, schlecht zu lüften und im Brandfall hoch gefährlich ist.

Manche bedauern das. Vielleicht ist es schierer Trotz, mag sein; die Jurastudentin Dana Hillmann jedenfalls, die aus Sachsen-Anhalt stammt und jetzt ihr sechstes Semester in Jena zubringt, betrachtet den Rundturm trotzig als "etwas Wichtiges, das zu Jena gehört". Man hat sie umgesiedelt, hat Juristen, Neuphilologen und Wirtschaftswissenschaftler aus den muffigen DDR-Arbeitsräumen in einen luftigen Neubau versetzt, unmittelbar neben einer sehr modernen Einkaufspassage und einem Kongreßhotel.

Ein Glas- und Betonkomplex ist da auf einem Teil des ehemaligen Zeiss-Kombinats entstanden, mit viel leerem Raum und nackten Wänden, "die wohl Kunst sein sollen", wie sich einer am Schwarzen Brett der Juristen beschwert. Dana jedenfalls bringt er ins Frösteln. Er kommt ihr "wie ein moderner, kalter Flughafen" vor - kein Ort, an dem man gern bleibt.

Für sie ist es wohl ein bißchen viel neue Zeit auf einmal. Während Kommilitoninnen auf Juristenbällen tanzen und Cocktails trinken und dabei, wenn es geht, mit wichtigen Leuten schäkern, sitzt sie lieber mit ein paar Freunden im Wohnheim und redet, über früher zum Beispiel.

Sie will sich nicht abrupt von damals verabschieden. Vieles macht mehr Spaß heute, das stimmt; sie trägt die Haare kurz und eine freche Brille dazu, das gehörte sich früher nicht. Aber ein Wendehals will sie nicht sein, sie verachtet "niemanden so sehr wie die".

Dana war 15, als die Mauer fiel, und hat keinen Haß auf die Herrscher von damals: "Die haben uns nüscht getan, wir haben denen nüscht getan." An einer Ausstellung zum 17. Juni, die im Foyer aufgebaut ist, geht sie achtlos vorbei.

Im neuen Glashaus sitzen, andererseits, aber auch Leute wie der Germanist Edwin Kratschmer, 64, dem die Wende ein spätes zweites Leben beschert hat und der immer noch kaum glauben kann, daß er jetzt denken darf, was er will.

Noch nach sieben Jahren Wende kann er sich "unbändig freuen" über die neue Zeit. 1983 hatte er seinen Job als Deutschlehrer aufgegeben, weil er es nicht mehr aushielt, "den Unsinn zu lehren". In seinem Dorf bei Apolda hielt er sich als Galerist über Wasser und stellte ungeliebte Künstler aus, er hatte nein gesagt und gedacht, daß er sein Leben lang die Konsequenzen tragen müsse.

Jetzt hat er, als einer von wenigen Ost-Wissenschaftlern, einen Lehrauftrag am germanistischen Institut, befaßt sich mit der "Poetologie des Jugendgedichts" zur Zeit der DDR und organisiert Vorlesungen mit früher verfemten Dichtern wie Biermann, dem Tschechen Pavel Kohout oder dem Russen Lew Kopelew - "ein Traum".

Traurig findet er nur, "was wir in den Köpfen der Kinder angerichtet haben" - er sagt tatsächlich "wir". Es werde noch geraume Zeit dauern, so prophezeit Kratschmer, bis dort neues Denken eine Chance habe. Er sieht es ja an den jungen Germanisten, die er im Seminar sitzen hat, die häufig immer noch DDR-Heimatlyrik höher schätzen als symbolistische Poesie: "Die alten Deutschlehrer an den Schulen sind immer noch da. Das merkt man sehr."

Der Sozialismus wirkt wohl noch lange nach. Er hat die Köpfe mit schlichten Lehren traktiert und versucht, die Welt nach den Lehren zu gestalten, mit nachhaltigen Folgen für die Stadt.

Nachdem Bomber der Alliierten im März 1945 einen Großteil der mittelalterlichen Altstadt zerstört hatten, machten sich in den sechziger und siebziger Jahren die Stadtplaner der SED daran, den Rest zu ruinieren.

1968 beschloß der DDR-Ministerrat den Umbau Jenas zur "sozialistischen Großstadt". Ein Jahr später erklärte der Stadtrat seinen Bürgern, wie das gedacht war: "Die Neugestaltung des Charakters und des Antlitzes der Stadt erfolgt auf eine Weise, die ihrer wachsenden Bedeutung in der sozialistischen Gesellschaft gerecht wird." Die Parteistrategen meinten es ernst.

Ganz Jena, das zeigen Entwürfe von damals, sollte ein Musterbeispiel sozialistischer Raumordnung werden: Alles Gewachsene wollten die Planer beseitigen und dafür Neubauten wie Bauklötze über die Flächen verteilen. Geldmangel und wohl auch die geographische Lage haben die Stadt vor etlichen Wahnsinnsprojekten bewahrt.

Der Turm beispielsweise, für den zwei Hektar Altstadt planiert wurden, war eigentlich als einer von zweien vorgesehen - als Teil eines Doppelzylinders mit Brücke, der einem Fernglas ähneln sollte.

Allerdings kostete dann schon das halbe Monument viel zuviel. Und für die Rüstungsforscher des VEB Carl Zeiss, die ursprünglich hier einziehen sollten, war das Ding ohnehin nicht geeignet: Der Feind war zu nah. Eine Stunde nur, und die Panzerspitzen der Nato stünden in Jena vor dem Turm.

Der Feind aus dem Westen ist nicht nach Jena gekommen. Aber andere Gegner, viel gefährlichere vielleicht, waren längst da: die Abweichler und Dissidenten, die staatsfeindlichen Künstler, die Verweigerer und Besserwisser im Umkreis der Universität. Ein harter Schlag für die SED, glaubt der Geophysiker Siegfried Reiprich im Rückblick auf die siebziger Jahre, daß gerade "Teile der Intellektuellenkaste" auf Abwege gerieten, die doch "am Busen der Partei groß geworden waren".

Ärger gab es in Jena seit den ersten Tagen der DDR. In den vierziger Jahren trieben sich noch allerhand bürgerliche Ideologen an der Universität herum, Dozenten wie der Philosoph Johannes Leisegang etwa, der großen Rückhalt im Institut genoß. Um ihn vor seinen Studenten zu diskreditieren, reiste eigens ein sowjetischer Kulturoffizier nach Jena - Major Grigori Iossifowitsch Patent, der selbstverständlich, wie er seinem Vorgesetzten mitteilte, vor großem Publikum den "Kampf um die Herzen und Hirne der Studenten und Lehrkräfte" gewann.

Bis in die fünfziger und sechziger Jahre unterstützten sympathisierende Professoren jene kritischen Jungakademiker, die für einen anderen Staat, für gesamtdeutsche Wahlen oder einen demokratischen Sozialismus warben. Das gab sich in den siebziger Jahren, bis dahin waren die Unbotmäßigen vertrieben und ihre Stellen mit staatstragenden Nachfolgern besetzt. Und dennoch häuften sich die Fälle von Renitenz.

Querköpfe wie der Psychologiestudent Jürgen Fuchs und der Germanist Lutz Rathenow engagierten sich staatsfeindlich im "Arbeitskreis Literatur und Lyrik", sie lasen Gedichte in Wohnzimmern oder Räumen wie denen der Jungen Gemeinde in der Johannisstraße.

Dort trafen sich seit 1971 die Widerspenstigen, dort nutzte Jugendpfarrer Walter Schilling, berichtete ein Stasi-Schnüffler, seine berufliche Stellung dazu, "breite Kreise Jugendlicher mit negativ-dekadenten Verhaltensweisen um sich zu sammeln und gegen den Staat und seine Organe aufzuwiegeln".

Im Herbst 1976 wagte der kleine Kirchentrupp, den verbotenen Poeten Biermann einzuladen. Und als der Auftritt ausfallen mußte, weil der Sänger im Westen saß und nicht zurück durfte in die DDR, unterschrieben mehrere hundert Empörte die Protestnote gegen seine Ausbürgerung.

Es gab erstaunlich viele im Dunstkreis der Friedrich-Schiller-Universität, die mehr oder weiter dachten, als der Staat erlaubte. Vielleicht, das glaubt der Uni-Rektor Machnik, liegt es an Jenas Atmosphäre: "Hier wirkte mehr als anderswo der bürgerliche Humanismus nach."

Johann Friedrich der Großmütige, Herzog von Sachsen, hatte 1548 in Jena eine "Hohe Schule" einrichten lassen, und seit damals zog es immer wieder Geistesgrößen dorthin - die Romantiker Novalis, Tieck, die Schlegels lebten und dichteten hier, die Philosophen Hegel, Fichte, Schelling schrieben, dachten, disputierten in der kleinen Stadt an der Saale. Der Schwabe Schiller lehrte an der Alma Mater Jenensis und vollendete den "Wallenstein" in seinem Jenaer Gartenhaus.

Auch im DDR-Staat noch schätzten Schöngeister und Grübler diese Stadt, und damals, vor allem in den siebziger Jahren, wurden sie zunehmend zu einer Bedrohung für das Regime. Denn sie blieben ja nicht unter sich. Erfolgreicher als die SED betrieben sie den Schulterschluß mit dem Proletariat. Arbeiter und Lehrlinge, die bei den Jenaer Großbetrieben Zeiss, Schott oder Jenapharm beschäftigt waren, tauchten bei Diskussionen, Lesungen und subversiven Rotweinpartys auf und machten sich mit den widerborstigen Studenten gemein.

Unerbittlich schlug die Stasi zurück. "Feindbehandlung" hieß das und bedeutete: Disziplinarverfahren, Relegation, Verhöre, Verhaftungen. Mehr als 500 Hochschullehrer der Universität arbeiteten im Lauf der Jahre für die Staatssicherheit. Jürgen Fuchs oder Reiprich wurden erst aus der Uni geworfen, dann verhaftet, später in den Westen geschafft.

Der Dissident Roland Jahn, der gern mit dem Solidarnos''c-Fähnchen am Fahrrad durch die Altstadt fuhr, wurde zwangsweise in einen Zug gestopft, ins Abteil geschlossen und in die BRD transportiert. Den Schlosser Matthias Dommaschk, 23 Jahre alt, fanden Wärter erhängt in seiner Stasi-Zelle in Gera, und noch heute ist nicht restlos klar, ob er durch eigene Hand gestorben ist.

Interessiert das noch jemanden? An diesem Abend im Hinterhof, da Biermann - mit 20 Jahren Verspätung - in Jena singt, hängen die Punks in den hinteren Reihen herum und rülpsen gelegentlich dazwischen, wenn er seine Stasi-Geschichten bringt, aber immerhin hören sie mehr oder weniger zu. Sie haben selbst ihre Erfahrungen mit der Staatsgewalt - in einer Nacht im Frühsommer haben 50 Polizisten den Jugendtreff gestürmt wegen ein paar Gramm Marihuana. "Das prägt", sagt ein Mädchen mit sehr gelben Haaren. "Da interessiert man sich schon für die Gewalt, für Bullen und so."

Von den anderen aber, den proper gekleideten jungen Leuten aus Hörsälen und Seminaren, ist wenig zu sehen beim Dissidententag.

Das ist normal. Als die Universität im Frühjahr 1992 zu einer Tagung über "Vergangenheitsklärung" lud, saßen kaum ein Dutzend Studenten im Saal. Im Juni 1996 veranstaltete die Jenaer "Geschichtswerkstatt" ein Kolloquium über den 17. Juni 1953. Es kamen zwei Studenten. "Wir waren", sagt der emeritierte Psychologieprofessor Richard Böttcher tief enttäuscht, "ein Verein alter Männer."

Direkt nach der Wende gab es für kurze Zeit wütende junge Leute, die ihre Dozenten als "Anpasser" beleidigten und sich selbst gleich mit. Vorbei, der Umbau der Universität ist erreicht und "sehr erfolgreich gewesen", sagt Rektor Machnik zufrieden. Der Marxismus-Leninismus ist abgewickelt, Fachbereiche wie Jura und Wirtschaftswissenschaften sind von Grund auf umgemodelt, fast alle Professoren, in den Geisteswissenschaften vor allem, sind neu.

Jetzt hat kaum mehr jemand "einen Kopf für Politik", bedauert Martin Debes, 25, vom Studentenrat. Lediglich ein Fünftel macht noch sein Kreuz bei Studentenratswahlen, bei der Vollversammlung am Ende des Sommersemesters tauchten gerade mal 40 Figuren auf - Westniveau.

Der Politikstudent Martin, der die Studentenzeitung Akrützel vollschreibt und unverdrossen versucht, seine Kommilitonen für Machenschaften in Bonn oder Erfurt oder Jena zu interessieren, erwartet nicht mehr viel. Daß im Frühjahr bei der Bafög-Demo 2000 Leute unterwegs waren, auch das tröstet nicht: Er erklärt es sich illusionslos damit, "daß schönes Wetter war".

Keine Lust auf Verbände, Vereine, Verpflichtungen - das haben auch die politisch Andersdenkenden feststellen müssen. Der Jurastudent Sven Goldhahn, Mitglied der pflichtschlagenden Burschenschaft Arminia, hatte eigentlich geglaubt, "daß Jena ein gutes Pflaster wäre". Immerhin wurde dort, im Lokal "Grüne Tanne", 1815 die deutsche Urburschenschaft gegründet. Aber die Massen sind nicht gekommen, und die Arminen mit ihrem Slogan "Wir denken schwarz-rot-gold - und Sie?" haben es auf 12 Aktive gebracht, mehr nicht.

Keine Zeit haben die Studenten, über Politik oder die Zukunft der Menschheit nachzudenken, über Utopien oder gar Bündnisse mit dem Proletariat. Dabei haben sie doch einiges gemeinsam mit den arbeitslosen Trinkern auf dem kahlen Eichplatz am Fuße des Turms. "Phantasie", sagt einer bei der Studentenvollversammlung, "das heißt für mich nicht: Wohin mit dem Staat. Das heißt: Wohin mit mir. Ich brauch'' einen Job."

* Links: der Uni-Turm; Mitte: das ehemalige Zeiss-Gelände.

DER SPIEGEL 44/1996
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