11.11.1996

Zeitgeschichte

13 Minuten zu spät

Wer war der Hitler-Attentäter Johann Georg Elser? Sein Sohn forscht nach den Spuren des Mannes, der beinahe die Weltgeschichte verändert hätte.

Irgendein Geheimnis steckte hinter dem Bild dieses jungen Mannes, das spürte der kleine Manfred. Das Foto des lächelnden Herrn mit den leicht abstehenden Ohren lag in der Schmucktruhe seiner Mutter Mathilde ganz obenauf.

Es muß Mitte der dreißiger Jahre gewesen sein, als der Junge seine Mutter in der Konstanzer Wohnung beim Betrachten des Bildes ertappte. "Wer isch des?" fragte Manfred munter drauflos, doch die unverheiratete junge Frau warf ihrem Sohn nur einen mißbilligenden Blick zu und zerriß das Bild vor seinen Augen.

Dieser irritierende Moment löste eine Neugier aus, die bis heute nicht befriedigt ist: Seither sucht Manfred Bühl nach den Bruchstücken der Biographie jenes Fremden, der, wie er bald erfahren sollte, sein Erzeuger war.

Bühls Vater ging in die Geschichte ein, weil er Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller in die Luft sprengen wollte. Kein anderer Deutscher hat Hitler so entschieden nach dem Leben getrachtet wie der Kunstschreiner aus Königsbronn nahe Ulm.

Johann Georg Elser hatte diesen Anschlag seit dem Herbst 1938 geplant. Ein Jahr lang bastelte er an einer Zeitbombe. In über 30 Nächten kratzte er ein Loch in die Säule hinter dem Rednerpult des Münchner Bürgerbräukellers. Doch die dort versteckte Bombe explodierte erst, nachdem der Führer den Saal verlassen hatte - 13 Minuten zu spät.

Dem Rentner Bühl, heute 66, wird ganz schummrig bei dem Gedanken, "was passiert wäre, wenn das geklappt hätte". Die Weltgeschichte hätte wohl einen anderen Verlauf genommen. Dabei schien der Plan perfekt: "Zwei Uhrwerke hat der Schorsch als Zeitzünder implantiert", schwärmt Bühl. "Darauf muß man erst mal kommen, das muß man erst mal können."

Auch wo Hitler sich am 8. November aufhalten würde, hatte der Attentäter richtig kalkuliert: Seit dem gescheiterten Putschversuch vom November 1923 versammelten sich die Nazis der ersten Stunde alljährlich im Bürgerbräukeller, und Hitler hielt eine dröhnende Rede.

Daß der Führer am Abend des 8. November 1939 den Saal früher als im Jahr zuvor verließ, lag nur am Nebel in München. Hitler konnte nicht nach Berlin fliegen, sondern mußte die Bahn nehmen. Deshalb brach er früher auf.

Acht Personen tötete die Bombe, sieben alte NSDAP-Kämpfer und die Kellnerin Maria Henle; mehr als 60 Personen wurden verletzt. Hitler deutete sein knappes Entkommen als Werk der Vorsehung. Elser selbst wurde noch am selben Abend in Konstanz, 30 Meter von der Schweizer Grenze entfernt, gefaßt und ins KZ Sachsenhausen gesteckt.

Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels ließ den Attentäter als britischen Agenten beschuldigen. Nach Kriegsende, so der Plan der Nazis, sollte der Einzelgänger in einem Schauprozeß gegen Churchill als Kronzeuge auftreten.

Manfred Bühl hat seinen Vater nie gesprochen. Was er über Elser weiß, steckt in zwei Aktenordnern. Er bewahrt sie in der hölzernen Schmucktruhe auf, die Elser einst geschreinert und seiner Mathilde geschenkt hat. Der Deckel ist mit einem kapitalen "M" verziert.

Sein Leben lang hat der Sohn Geschichten über den Vater gesammelt, sortiert, bewertet. Heute weiß er, daß Elser bis zu ihrem Verbot Mitglied der KPD und des Roten Frontkämpferbundes war. Den Hitlergruß hat er stets verweigert. In Königsbronn galt er als geselliger Bursche, der Glück bei den Frauen hatte. In seinen Plan, den Führer zu töten, hatte er niemanden eingeweiht, Zwiesprache hielt Elser vor dem Tag X nur noch mit Gott.

Bühl war sieben, als ihm die Schulkameraden beim Baden im Bodensee erzählten, daß der Vater die Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hätte. Drei Jahre später erfuhr er von denselben Jungen, daß sein Vater den Führer hatte umbringen wollen. "Da war es sehr schwer für mich."

Niemand verspottete ihn wegen der Tat des Vaters, aber Manfred hat sich dennoch gegrämt. "Hitler war für uns wie ein Herrgott", erinnert er sich - nach dem Attentat wurde sein Vater daheim vollends zur Unperson.

Das Schweigen über Elser war in Bühls Elternhaus fortan Gesetz. Die Mutter hatte inzwischen einen Handwerker namens Hans Bühl geheiratet. Mit dem Adoptivvater verstand sich Manfred sehr gut, "aber nach dem Elser hab'' ich mich ihn nicht zu fragen getraut".

Dabei haben sich Adoptiv- und leiblicher Vater wahrscheinlich gekannt, denn beide spielten Zither im Konstanzer Verein. Seit ein paar Jahren besitzt - und spielt - der Sohn jene Zither, die einst Johann Georg Elser gehörte. Der Häftling hat sie auch im Konzentrationslager bei sich gehabt; irgend jemand, wahrscheinlich ein KZ-Wächter, legte sie nach dem Krieg bei Elsers Bruder Leonhard vor die Haustür.

Manfred verlor beide Väter im Frühjahr 1945. Der Soldat Bühl fiel im Januar an der Front; Johann Georg Elser wurde im Konzentrationslager Dachau kurz vor dessen Befreiung am 9. April erschossen.

Nach seinem Tod dauerte es Jahrzehnte, bis der Schreiner die Würdigung fand, die ihm zusteht. 1946 beispielsweise unterstellte man Elser noch in der Süddeutschen Zeitung, er sei Gestapo-Agent gewesen. Die Nazis hätten das Attentat als Propagandatrick inszeniert: Der Flüsterwitz addierte seinerzeit zu den Opfern noch "60 Millionen Verkohlte". Diese irrwitzige Theorie fand nach dem Krieg selbst in Historikerkreisen Verbreitung. Dann wurde Elsers Tat schlicht vergessen.

Die konservative Adenauer-Republik identifizierte sich lieber mit den militärischen Widerstandskämpfern des 20. Juli. Erst am 8. November 1969 erinnerte ein dokumentarischer Spielfilm von Hans Gottschalk im Ersten Fernsehprogramm an die abenteuerliche Geschichte Elsers. Seither war Bühl von allen Zweifeln erlöst und "endlich stolz auf meinen Vater".

In den achtziger Jahren entdeckten plötzlich Historiker und Schriftsteller den Attentäter. Nun fand auch der bis dahin ohne jeden Kontakt zur Familie Elser lebende Sohn den Mut, sich zu seinem Vater zu bekennen. Im März 1984, bei der Aufführung des Theaterstücks "Johann Georg Elser. Ein deutsches Drama" in Heidenheim, bat er den Autor Peter-Paul Zahl um eine Eintrittskarte: "Ich muß hier rein, ich bin sein Sohn."

Bühl lebt heute in Bad Waldsee. Der pensionierte Prokurist hat sogar ein altes Familienwappen der Elsers aufgetrieben und in seiner Wohnung an die Wand gehängt. Seine Mutter Mathilde Bühl starb schon 1980, wenige Jahre vor dem wiedererwachten Interesse an Elser: "Hätte meine Mutter das noch erlebt", hätte sie vielleicht doch ihren Frieden mit jenem Mann gemacht, der sie, 22jährig, mit einem Kleinkind sitzenließ.

Denn die Überzeugung, daß die frühe Trennung vom Vater einen Sinn gehabt haben muß, läßt sich Bühl nicht nehmen. Mit Frau und Kind zu Haus in Konstanz, dessen ist sich Bühl gewiß, hätte der Kunstschreiner "niemals gewagt, was er gewagt hat".

* Am 8. November 1939, vor dem gescheiterten Anschlag.

DER SPIEGEL 46/1996
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