11.11.1996

Männer„Auf Freuds Couch fing es an“

Spengler, 49, ist Sinologe, Journalist und Romanautor ("Der Maler von Peking"). Sein soeben erschienener Kurzgeschichten-Band "Wenn Männer sich verheben" (Rowohlt Berlin Verlag; 176 Seiten; 29,80 Mark) widmet sich dem männlichen Rückenschmerz.
SPIEGEL: Herr Spengler, Sie definieren den durch ein "Lendenwirbelsäulensyndrom" ausgelösten Rückenschmerz als reine Männersache. Der Mann, so argumentieren Sie, müsse - anders als die Frau - den Rücken beugen, um seine vergleichsweise gefährdeten Genitalien zu schützen: So kommt es zum "Ende des aufrechten männlichen Ganges".
Spengler: Der große theoretische Zusammenhang ist komplexer: Die weibliche Hysterie des 19. Jahrhunderts wurde abgelöst durch den männlichen Rückenschmerz des 20. Jahrhunderts. In beiden Fällen beschreibt der Körper einen schmerzhaften Bogen, bei der Hysterie nach hinten, beim Rückenleiden nach vorn. Darin sehe ich eine Entsprechung zum Verlauf des Geschlechterkampfes.
SPIEGEL: Gibt es für diese These wissenschaftliche Belege?
Spengler: Die Wissenschaft kommt in meinem Buch generell nicht gut weg. Die Meinungen über die Ursachen des Rückenschmerzes ändern sich ja ohnehin mit jeder neuen Ausgabe der Fachzeitschrift Lancet. Also muß ich mich auf die reine eigene Beobachtung und eine poetische Plausibilität verlassen.
SPIEGEL: Am Rücken leidende Frauen sind Ihrer Meinung nach Mannweiber, die sich zu sehr des männlichen Ganges und Gehabes bedienen.
Spengler: So ist es nun leider mal.
SPIEGEL: Wie viele Protestbriefe von Leserinnen haben Sie erhalten?
Spengler: Bisher gab es nur begeisterte Zustimmung. Frauen sind ja ironisch sehr belastbar. Die Leserinnen haben sofort kapiert, daß mein Buch den Mann als extrem anfällig für alle Spielarten von Hypochondrie beschreibt - und wer hat darunter mehr zu leiden als das weibliche Geschlecht?
SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß die Volkskrankheit Rückenschmerzen abgelöst wird von anderen Modekrankheiten wie dem sich derzeit stark verbreitenden Ohrensausen?
Spengler: Sie bringen mich auf ein Thema für ein neues Buch.
SPIEGEL: Ihr offenbar autobiographisches Werk verspricht im Untertitel "Eine Leidensgeschichte in 24 Wirbeln" - welcher Wirbel hat sich denn nun bei Ihnen verklemmt?
Spengler: Ich gehöre dem grauen Heer der Langzeitverschlissenen an, deshalb läßt sich das schwer lokalisieren. Allgemein aber handelt es sich meist um die Lendenwirbel Nummer vier und fünf.
SPIEGEL: Im Buch ist aber auch viel die Rede von diversen Muskeln wie dem Musculus iliolumbalis und dem Musculus iliopsoas ...
Spengler: Das ist sehr vertrackt. Aber wenn Sie es so genau wissen wollen: Der genaue Herkunftsort meiner Schmerzen liegt etwa eine Handbreit über dem Gesäß.
SPIEGEL: Das erstemal ereilte Sie das Zipperlein ausgerechnet während der Lektüre von Theodor Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel". Haben Sie sich an diesem Autor verhoben?
Spengler: Ich habe das Buch in einer besonders leichten Ausgabe zu mir genommen, und es ist ja nicht das schwerste von Fontane. Allerdings hat der Mann erst spät mit dem Romaneschreiben angefangen, weswegen seine Prosa vielleicht als glücklich versteift bezeichnet werden kann.
SPIEGEL: Früher sprach man von "katholischen Kreuzschmerzen", um individuelle Schuldgefühle als Auslöser männlicher Rückenbeschwerden zu kennzeichnen - weshalb reden Sie lieber von "biopsychosozialen" Ursachen?
Spengler: Um Gottes willen, das ist ein Zitat aus dem Wörterbuch der Wirbellosen. Im übrigen bin ich strikt ökumenisch gesinnt. Weltreligionen spielen für mich nur dann eine Rolle, wenn sie entweder Schmerz auslösen oder Schmerz beheben.
SPIEGEL: Sie beschreiben sehr detailliert die Leiden des physisch Verbogenen - warum sucht man vergeblich nach Therapie-Tips?
Spengler: Weil ich altmodisch bin und an die aufklärende Wirkung meines Buches glaube. Der therapeutische Effekt für den Leser kann nur positiv sein.
SPIEGEL: Immerhin scheinen Sie anzudeuten, daß Rückenschmerzen im Kopf beginnen und nur dort überwunden werden können.
Spengler: Das sollte man nicht als schmerzhaften Kniefall vor der Seelenkunde verstehen. Im Grunde hat erst mit Freud und der Psychoanalyse das Rückenleiden der Männer begonnen - die Couch war schlampig gepolstert und führte deshalb zu schrecklichen Verspannungen.
SPIEGEL: Ein persisches Sprichwort sagt: "Wer seinen Rücken zeigt, kann nachher sein Gesicht nicht mehr zeigen." Fürchten Sie, daß Ihre Attraktivität fürs andere Geschlecht durch Ihre Leidensbekenntnisse schwindet?
Spengler: Da hat der persische Sufi unrecht. Leiden braucht Öffentlichkeit, und es macht attraktiver - weil man allenfalls ein Gesicht verliert und tausend neue dazugewinnt. Wenn man ohne Publikum leidet, ist das Leiden verschenkt.
SPIEGEL: Wie geht es Ihrem Rücken derzeit?
Spengler: Hervorragend.
SPIEGEL: Also hat Sie das Schreiben vom Schmerz kuriert?
Spengler: Ja, ich glaube, das entspricht der buddhistischen Lehre: Je mehr Leuten man von einer Sünde erzählt, desto leichter wiegt sie.

DER SPIEGEL 46/1996
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