25.02.2013

STELLENSUCHEVerdammt, wo bin ich?

Peter Neururer, ein Mitglied im Heer arbeitsloser Fußballtrainer, will mit aller Gewalt auf den Platz zurück. Er führt den Kampf seines Lebens: um Anerkennung, Aufmerksamkeit und einen Rest von Macht.
An einem Donnerstagnachmittag um kurz nach vier sitzt Peter Neururer im Vereinsheim seines Golfclubs in Gelsenkirchen-Resser Mark und beschimpft sein Handy. Er sagt: "Du verfluchtes Ding." Das Ding hat sich gerade etwas Ungeheuerliches erlaubt und die Datei mit den Kontakten verschluckt, alle 1119 Namen, und wenn es aus dem Leben eines arbeitslosen Fußballtrainers einen Fluchtweg gibt, dann sind es dessen Kontakte.
Aus weitaufgerissenen Augen starrt Neururer auf sein Handy und droht, es zu zerschmettern, als die Kellnerin mit einem vollen Tablett den Raum betritt. Während sie die anderen Golfspieler bedient, die sich an diesem frostigen Tag im November vergangenen Jahres im Clubhaus aufwärmen, ruft Neururer ihr zu: "Scheiße, Uschi! Es ist alles scheiße hier." Das Handy sei ganz neu, sagt Neururer, er habe es ein paar Tage zuvor als Dank für seinen Auftritt in einer Buchhandlung bekommen.
Eine eigenwillige Veranstaltung muss das gewesen sein. Rief man ihn auf seinem Handy an, das in der Buchhandlung noch sein altes war, ging er nach zwei Sekunden ran und sagte: "Ich kann jetzt nicht. Ich bin in einer Lesung." In welcher Lesung, Herr Neururer? "In meiner eigenen. Wenn die zu Ende ist, rufe ich zurück." Wenige Minuten später rief er an und fragte gehetzt: "Was gibt's?" Er klang wie ein Mann, der noch viel zu erledigen hat.
Peter Neururer hat in der Buchhandlung seine Biografie vorgestellt. Mit dem Buch hat er den Kampf seines Lebens begonnen, um Anerkennung, Aufmerksamkeit, einen Rest von Macht. Peter Neururer ist 57 Jahre alt, im April wird er 58. Das ist nicht alt, nicht einmal für einen Fußballtrainer, aber ein passendes Alter, um darüber nachzudenken, was noch kommen kann. Er trainierte Rot-Weiß Essen, Schalke 04, Hertha BSC, Hannover 96, den VfL Bochum. 13 Bundesliga-Vereine in 22 Jahren, 560 Pflichtspiele, eine eindrucksvolle Bilanz. Er hat viel Geld verdient, darum geht es nicht mehr.
Im Oktober 2009 wurde er zuletzt entlassen, seitdem hofft er auf einen Job. Mehr als drei Jahre geht das schon so, in den Kategorien des Fußballgeschäfts eine Unendlichkeit. Deswegen hat er sich selbst ein Ultimatum gesetzt und es in Interviews angekündigt: Sollte er bis zum Ende dieser Fußballsaison keinen Job als Cheftrainer oder Sportdirektor bekommen, wird er aufhören. Er hat sich ein Verfallsdatum verpasst. Die Wette, die er der Welt angeboten hat, lautet: Wetten, dass mich noch jemand braucht.
Trainer verschwinden oft leise. Friedhelm Funkel, Frank Pagelsdorf, Christoph Daum, Michael Skibbe, Bernd Schuster, die Liste lässt sich endlos verlängern. Manche der Ehemaligen setzen sich ins Ausland ab, kehren fast unbemerkt zurück, werden stumm. Peter Neururer erträgt die Lautlosigkeit nicht, weil sich in ihr die Wehrlosigkeit ausdrückt, die Schicksalsergebenheit. "Schweigen ist feige", das ist sein Satz.
Einige seiner Kollegen halten ihn für ein Großmaul, seit er vor Jahren sagte: "Wenn wir ein Quiz machen würden unter allen Trainern in Deutschland, wer am meisten Ahnung hat von Trainingslehre, Psychologie, und der Trainer mit den besten Ergebnissen kriegt den besten Club - dann bin ich bald bei Real Madrid." Über seine Zeit als Fußballspieler, der es nur in die Oberliga brachte, sagte er: "Ich habe mich warmgemacht wie Diego Maradona - und gespielt habe ich nachher wie Katsche Schwarzenbeck."
Man könnte die Geschichte des Peter Neururer als eine Abfolge von Anekdoten erzählen, weil er in seinem Leben so viele Pointen geliefert hat. Aber die Zeit der Pointen ist abgelaufen. Es geht jetzt darum, ob er sich retten kann, weil man ihn noch für einen Retter hält.
Peter Neururer ist der Trainer, den man holte, wenn es brannte. Deswegen nennt man ihn einen Feuerwehrmann. Er löschte die Flammen und fuhr davon. Manchmal wurde er fortgejagt, meist, wenn sich der Brandherd neu entzündete. Fragt man ihn, was er von der Bezeichnung "Feuerwehrmann" hält, dann antwortet er: Nach dem 11. September seien die Feuerwehrleute in New York die Helden gewesen. Er sitzt da sehr ernst an seinem Holztisch im Clubhaus, tippt auf seinem Handy herum, ein paar Dateien kehren zurück. Neururer geht seine Kontakte durch. Franz Beckenbauer, Felix Magath, Rudi Völler. Dann schaut sich Neururer die Liste der entgangenen Anrufe an, fragt: "Was wollte denn Udo Lattek?"
Früher musste Neururer zu Hause sitzen, sobald die Zeit des Wartens begann, jetzt hat er sein Handy. Es ist ein wertvoller Begleiter, weil es die Fessel ans Wohnzimmer löst. Es verrät dem Anrufer nichts darüber, wie beschäftigt der Angerufene ist. Aber es ist auch ein brutales Instrument. Früher konnte Neururer sich einreden, dass er bestimmt einen Anruf verpasst habe, nachdem er das Haus verlassen hatte. Jetzt ist der Selbstbetrug unterbunden.
Peter Neururer bezeichnet sich selbst als einen "Trainer außer Dienst", einen "Trainer, der im Moment ohne Anstellung ist", oder: "noch nicht wieder im Amt". Er hat so viele Umschreibungen für Arbeitslosigkeit gefunden wie andere Menschen für Arbeit. Können Sie sich überhaupt bewerben, geht das, Herr Neururer? Er lacht laut auf. "Ich? Mich bewerben?" Unmöglich, sagt er und denkt nach. "Ich muss gefunden werden."
Dann ruft einer mit einer spanischen Vorwahl bei ihm an, das könnte etwas bedeuten. Aber es ist nur jemand aus dem Robinson-Club Mallorca, der Neururer daran erinnert, dass er am Abend den Hotelgästen telefonisch zugeschaltet wird, weil er ein Fußballspiel kommentieren soll.
Acht Tage später schließt Peter Neururer die Tür seines Bungalows in Gelsenkirchen hinter sich und schaut sich verwundert um. 7.15 Uhr, es ist noch dunkel, in manchen Häusern der Eigenheimsiedlung brennt Licht. Er sagt: "Mann, Wahnsinn, was ist denn hier schon los?" Normalerweise steht er erst um neun Uhr auf, schaut vom Bett aus die Fernsehserie "Rote Rosen". Anschließend setzt er sich im Bademantel an den Frühstückstisch. Seine 53-jährige Frau Antje hat ihm einen Orangensaft gepresst, 0,3 Liter. Danach geht er ins Badezimmer, duscht, stellt sich auf die Waage. 86,85 Kilo. Bis zu dreimal täglich wiegt er sich. Er muss sich eine ordnende Struktur geben, seit sich der alte Tagesablauf aufgelöst hat. Um elf ist er meist mit allem fertig, dann tut sich das Sieben-Stunden-Loch auf. Gegen 18 Uhr schließt Antje das Loch, indem sie das Abendessen vorbereitet.
In der ZDF-Sendung "Volle Kanne" soll Neururer an diesem Morgen über sich und sein Buch sprechen. Er setzt sich in seinen Porsche Panamera und fährt in Richtung Autobahn. Neururer hört die Mailbox seines Handys ab. "Ah", sagt er. Roger Wittmann habe sich gemeldet, ein Spielervermittler, ein Mann mit tausend Verbindungen.
Als Neururer in Düsseldorf eintrifft, ist er drei Minuten zu spät. Er hasst Unpünktlichkeit. Er ist sehr konservativ erzogen worden, katholisch, streng. Sein Vater, ein Industriekaufmann, brachte ihm bei, dass ein Handschlag bindend sei und man sich höflich zu benehmen habe. Peter Neururer kann es nicht ausstehen, wenn ihn fremde Menschen anrufen und sofort auf ihn einreden, ohne gefragt zu haben, ob er beschäftigt sei. Als ob einer wie er niemals Termine habe. Einer von Neururers Freunden ruft an, die Melodie des neuen Handys ertönt, Filmmusik, "Spiel mir das Lied vom Tod".
Neururer hält vor dem Fernsehstudio, stürzt heraus, sagt zu einer Assistentin des Senders: "Sind Sie Frau Volle Kanne?" Die Assistentin lacht und bringt ihn in einen Pausenraum. Sie sagt: "Warten Sie mal, was nach der Sendung mit Ihrem Buch passiert. Vergleichen Sie den Verkaufsrang bei Amazon." Er liegt gerade bei 4542.
Peter Neururer hat nie einen Titel geholt, aber er verschaffte dem unscheinbaren VfL Bochum im Jahr 2004 den größten Triumph der Vereinsgeschichte: Bochum überflügelte die großen Rivalen aus Dortmund und Schalke, nahm am Europapokal teil. Ein Märchen führte er auf, eine Parabel auf den Siegeswillen der Unterschätzten.
Peter Neururer ist gar kein Feuerwehrmann, er ist ein Brandstifter. Das Feuer, das er entfachte, griff auf die Spieler über. Sie lasen über sich in der Zeitung, wie sehr der Trainer an sie glaubte. Manchmal verkantete er sich in geschraubten Wortgebilden, sprach von "externalen Faktoren", was manche Spieler als überheblich empfanden, andere als Ritterschlag. Gewann die Mannschaft, tanzte Neururer an der Seitenlinie. Den einen war das peinlich, die anderen wurden mitgerissen von seiner kindlichen Freude. Am Ende jedoch stieg der VfL Bochum in die zweite Liga ab. Es hatte ein Papierfeuer gebrannt.
Nach der Sendung ist Neururers Buch bei Amazon auf Rang 5471 gefallen. Er sagt: "Die Fußballfunktionäre gucken nicht ,Volle Kanne', die haben mich gar nicht mitgekriegt." Er rechnet fest damit, dass seine Chance bald kommt.
Im Autoradio läuft ein Lied von Supertramp, als Neururer unterwegs ist nach Köln. Er singt ausgelassen mit, "I'm a loser, what a joker", dann stutzt er und sagt: "Das hat aber nichts mit mir zu tun, ne?"
Seine Frau ist im Geiste immer dabei, wenn er verreist. Im Register seines Smart-
phones heißt sie "Schatz-Handy". Bei öffentlichen Auftritten fehlt sie meist. Neururer schützt sie vor der Welt, nach der er sich sehnt.
Am liebsten hätte er Antje sofort geheiratet, als er sie 1984 kennenlernte, damals studierte sie Sozialpädagogik. Sie bekam mit ihm zwei Kinder, die heute erwachsen sind, blieb Hausfrau und kümmerte sich um ihn. Die Vereine wechselten, nur Antje entließ ihn nie.
Er hat sich oft die Antje-Frage gestellt, zum Beispiel in Ägypten, wo er vor vielen Jahren als Nationaltrainer im Gespräch war. In Kairo, erzählt er, habe er nachts aus dem Hotelfenster geschaut, den Nil gesehen, die Lichter der Stadt. Aber wäre das auch ein guter Ort für Antje? Am nächsten Morgen fiel ein Sandsturm über Kairo her, vor dem Hotel drückten sich Bettler an die Mauern. Neururer brach alle Gespräche ab, flog zurück. "Ich hatte Heimweh", sagte er später. Das ist ein mutiger Satz für einen Mann, von dem erwartet wird, dass er sich den Bedingungen des Fußballgeschäfts fügt.
Die Regeln haben sich verändert. Es ist jetzt wichtig, welches Image ein Trainer mitbringt. Männer in schmalgeschnittenen Anzügen stehen am Rand der Spielfelder, Männer, die auf Pressekonferenzen ihre Gefühle herunterdimmen. Das viele Geld, das in den Fußball geflossen ist, hat das Denken der Wirtschaftsführer etabliert. Man spricht oft über Systeme. Auch der Politik ist der Fußball ähnlicher geworden, öffentliche Worte werden gewichtet. Der Politisierung des Fußballs folgte die Zähmung seiner leitenden Angestellten. Wer etwas werden will, sollte erkennen, wann er vielsagend zu schweigen hat.
Neururer fährt zum Kölner Fußballstadion, wo er als Experte im Fernsehen auftreten soll. Eine Parkplatzwächterin hält ihn auf, sie fragt: "Wer sind Sie?" "Neururer." Der Name sagt ihr nichts. Sie fragt: "Für wen arbeiten Sie?" "Für Sport1. Das ist doch wohl 'ne Nummer, was?" Sie schaut ihn prüfend an und lässt ihn durch. Neururer knurrt: "Es gibt hier zu viele Leute, die nicht fußballaffin sind."
Dann parkt er den Wagen und sucht seinen Sender. Er irrt an einem Absperrzaun entlang, steht schließlich vor einem Stadioneingang und fragt sich: "Verdammt, wo bin ich hier?"
Wer Peter Neururer beobachtet, stößt auf eine komplizierte Gleichung, das Verhältnis von Würde, Alter, Geld und Glück. Fragt man ihn, ob seine Fernsehauftritte ihm Spaß machen, fragt er entgeistert zurück: "Spaß?" Fußball sei, so sagt er das, seine "Erfüllung". Er studierte Sport und Germanistik, auf dem Fußballplatz nannte man ihn deshalb "den Theoretiker". Auf 123 Seiten ging er in seiner Diplomarbeit der Frage nach, wie sich Emotionen von Zuschauern auf Fußballspieler auswirken. Er zitierte Aristoteles, stellte Diagramme auf, wie sich Leistung durch Zuspruch von außen erhöht. Er überlegte damals, ob er aus dem Thema noch eine Doktorarbeit macht, aber dann hätten Menschen wie Horst Hrubesch vielleicht über ihn gelacht.
Zum Lehrer wurde Neururer ausgebildet, aber wenn ihn heute ein Schulleiter fragt, ob er wieder unterrichten wolle, schlägt Neururer das Angebot aus. Er kann wählerisch sein, er hat Geld. Er sagte ab, als ihn ein Erstliga-Verein aus Estland im Dezember fragte, ob er dort Trainer werden wolle. Im Schnitt nur 500 Zuschauer? Nichts für ihn. Das Geld ermöglicht seinen Lebensstandard, den Zweit-Porsche für Antje, die Harley Davidson in der Garage. Das Geld stabilisiert vorerst auch die Würde, weil es ihn vor Zumutungen schützt. Aber es gaukelt ihm eine Bedeutung vor, die er nicht mehr besitzt. Es versperrt ihm den kürzesten Weg zum Glück, und es kann ihm auch die Würde rauben, falls der Wohlstand ihn dazu verleiten sollte, in der Starre des kompetenten Frührentners zu verdorren.
Vom Jahr 2012 verabschiedet sich Neururer beim Skiurlaub in Hinterglemm. Er nennt es ein "Scheißjahr". Mit seinem Sohn schrieb er in großen Buchstaben "Prosit 2013" in einen verschneiten Hang, steckte Holzspäne hinein, goss Petroleum darüber und zündete es an. Das neue Jahr leuchtete. Er hielt die Szene mit der Handykamera fest. Ursprünglich wollte Paul Breitner nach Hinterglemm kommen, aber Breitner taucht nicht auf, er sagt auch nicht ab, seltsam. Eigentlich wollte Neururer bald auch zu einem interessanten Golfturnier in Spanien aufbrechen, das der Moderator Jörg Wontorra organisiert. Aber Wontorra hat ihn bloß auf die Warteliste gesetzt.
Es sind null Grad, auf dem Golfplatz in Gelsenkirchen-Resser Mark hat sich Peter Neururer mit einem Schiedsrichter verabredet, der muss gleich eintreffen. Das Clubhaus ist geschlossen, zu wenig Betrieb, manchmal kommen an einem eisigen Januartag nur drei Spieler. Einer von ihnen ist Peter Neururer. Er hat sein Handicap auf 11 verbessert. Auf seinem Smartphone trifft das Foto eines Trauerkranzes ein, an dem sich Neururer beteiligt hat. Auf der Schleife steht: "Danke, Präses". Ein ehemaliger Präsident des VfL Bochum wird bald beerdigt, Neururers Freund. Noch einer, an den sich Neururer nicht mehr wenden kann.
Vom Abschlag des 9. Lochs, sagt er, habe man einen wunderbaren Blick. Er kündigt diesen Ort so verheißungsvoll an, als wäre es eine Aussichtsplattform auf der Zugspitze. Am 9. Loch zeigt er in die Ferne. "Da, das Dach der Arena!" Sie schmissen ihn raus, obwohl er den FC Schalke vor dem Abstieg bewahrt hatte. "13. November 1990", sagt Neururer. Die Wunde hat sich nicht geschlossen. Anderthalb Jahre nach der Entlassung tauchte in Saarbrücken, wo er inzwischen als Trainer arbeitete, eine Abordnung von Schalke-Fans auf. Sie jubelten ihm im Stadion zu, denn es war sein Geburtstag. Das Bild verfolgt ihn. "Herzzerreißend", sagt er. Vielleicht will Peter Neururer in Wahrheit etwas viel Größeres als einen Job, etwas, das man nicht einfordern kann - Rehabilitation.
Im Juni vergangenen Jahres lag er auf dem Golfplatz und rührte sich nicht mehr. Mit einem befreundeten Optiker war er hier, das Spiel lief etwas lustlos, als der Optiker auf die Idee kam, um eine Currywurst mit Pommes zu spielen. Am Bunker des 17. Lochs drehte Neururer dem Optiker den Rücken zu, der Optiker ging zum Loch. Dann hörte er einen dumpfen Aufprall. Neururer lag da wie ein gefällter Baum. Herzinfarkt.
In der Klinik erholte er sich schnell, erzählte Journalisten, er sei zurück aus dem Reich der Toten. Die entscheidende Frage stellte er sich still: Kann ich weiterhin Trainer sein? Ja, unbedingt. "Ich habe versucht, ihn davon abzubringen", sagt ein Berater, der ihm eine Stelle beschaffen soll, "Peter ist ein kluger Mann, aber er will nicht hören." Neururer erklärt sich den Kollaps mit dem Stress, den er empfindet, wenn er zu viel freie Zeit hat.
An einem der Nachmittage, die Neururer im Haus des Golfclubs verbringt, spielt Olaf Thon mit Freunden Doppelkopf. Thon war Fußball-Nationalspieler, zuletzt trainierte er den VfB Hüls, fünfte Liga, auch das ist vorbei. Thon ist 46, sein Golf-Handicap liegt bei 9, das heißt, auch er hat viel Zeit. Er war mal Praktikant bei Peter Neururer, und vielleicht ist das nicht die ideale Voraussetzung für den geraden Weg nach oben. Man nannte Thon "den Professor", wegen seiner ausschweifenden Erklärungen.
Im Clubhaus gibt es eine Gedächtnisecke für den früheren Fußballspieler Rolf Rüssmann, der vor drei Jahren starb. Ab und zu schauen die alten Kremers-Zwillinge vorbei oder der ehemalige Torwart Norbert Nigbur, genannt "die Wildkatze". Über alles wird in diesem Raum geredet, aber niemals über die Leere im Leben. Das ist ein Tabu, das keiner formulieren muss.
"Olaf", fragt Neururer, "wann hast du das Abschiedsspiel gehabt?"
Olaf Thon antwortet: "Da möchte ich nicht drüber sprechen."
"Sag mal, bitte", setzt Neururer nach.
Thon nuschelt.
"Nicht warum, sondern wann?"
"18. Januar 2003."
Als sich der ehemalige Stürmer Klaus Fischer zu Neururer an den Tisch setzt, sprechen sie über Autogramme. Neururer erzählt, dass bei ihm bestimmt 50 Anfragen einträfen, Tag für Tag. Fischer sagt, bei ihm seien es keine 50. "Bei mir auch nicht jeden Tag", korrigiert sich Neururer. Fischer sagt: "Manchmal keine."
Fischer wohnt in einem Mehrfamilienhaus in Gelsenkirchen, im Garten stehen zwei Tore. 63 Jahre ist er alt, lebt im selben Viertel wie Neururer, aber ihre Wege kreuzen sich nicht oft. Morgens um halb acht, wenn Neururer noch schläft, steigt Fischer in seinen blauen Passat und fährt seine Enkelsöhne zur Schule.
Die Fans des FC Schalke haben Fischer in ihre Elf des Jahrhunderts gewählt, er war ein Künstler. Die westdeutsche Jugend der siebziger Jahre verzauberte er durch seine Fallrückzieher. Einer seiner Treffer wurde zum deutschen Tor des Jahrhunderts gewählt. Bei Neururer wird immer in Monaten gerechnet, bei Fischer in Jahrhunderten.
"Peter muss abschließen", sagt Fischer über Neururer, "welcher Trainer macht nach einem Herzinfarkt weiter?" Er überlegt. "Ich kenne keinen." Klaus Fischer hat eine Fußballschule für Kinder aufgemacht, obwohl er damit nicht viel verdient. Er ist jetzt eine Art Lehrer.
Auch über Fischer wurde eine Biografie geschrieben. Sie kam lange nach seinem Karriereende heraus, viel zu spät, das war ihm egal. Er schleppte einen Stapel Bücher ins Clubhaus und sagte: "Nehmt euch welche mit." Neururer legte Datenbanken über Fußballspieler an, trat damit im Fernsehen auf. Fischer hat sich sein Tor des Jahrhunderts nie auf einem Video angeschaut, er weiß nicht einmal, wo seine Videobänder geblieben sind. Sogar seinen Auftritt in der Weltelf des Fußballs zusammen mit Beckenbauer und Cruyff verpasste er, weil er lieber mit seiner Familie nach Südtirol fuhr.
Fischer sagt, er schwitze beim Golf nicht, nie. Sein Handicap liegt bei 6, er war auch schon mal besser. Oft geht er allein laufen. Neururer sagt über Fischer, er habe "dieses Rhetorik-Problem", weil Fischer wenig spricht. Fischer hat kein Rhetorik-Problem. Er hat gelernt, die Stille auszuhalten.
Hin und wieder, bei Feiern im Clubhaus, hat sich Klaus Fischer rücklings auf einen Tisch gelegt, und der ehemalige Spieler Rüdiger Abramczik, genannt "Abi" oder "der Flankengott", hat einen Ball geworfen. Und Fischer hat es noch einmal getan. Man kann sich gut vorstellen, wie der Theoretiker und der Professor darüber diskutierten, auf welche Weise der Flankengott den Fallrückzieher einzuleiten habe, während Fischer schweigend auf seinen Einsatz wartete.
Es ist elf Uhr in der Nacht, als Peter Neururer die Bar des Kempinski-Hotels am Münchner Flughafen betritt. Der Februar ist angebrochen. Neururer kommt gerade von einer Fußballübertragung der zweiten Liga, er trat als Experte auf. Einen Freund hat er in die Bar mitgebracht, einen ehemaligen Fußballspieler, Günter
Güttler, der auf seiner Homepage damit wirbt, dass er eine negative Erfahrung als Herausforderung begreife.
Kurz vor Mitternacht taucht Thomas Helmer auf, auch ein TV-Experte. Gleich wird Thomas Strunz erwartet. Neururer gibt dann gern die Viertel-nach-Losung aus. Ist Viertel nach eins verstrichen, trinken sie bis Viertel nach zwei. Er fühlt sich wohl. Die Nähe zu Menschen, die hin und wieder im Fernsehen auftauchen, gibt ihm das Gefühl, gefragt zu sein.
Die Kempinski-Gesellschaft des Fußballs ist hier entstanden - plappernde Jungveteranen, die sich tagsüber auf die Sendeanstalten im Land verteilen, nachts die Plätze in der Bar besetzen und für alles eine Erklärung wissen. Am Abend danach, bei einem Fan-Talk in einer Essener Kneipe, trifft Neururer schon wieder auf Helmer, diesmal schaut auch der frühere Fußballspieler Jens Nowotny in die Fernsehkamera.
Am Ende der Sendung hält ein dicker Mann in einem blauen Trikot Neururer auf. Der Fan möchte ein gemeinsames Foto, und Neururer legt seinen Arm um dessen Schulter. "Pedda", sagt der Dicke, "ich will, dat du wieder unser Trainer biss." Mit glänzenden Augen läuft Neururer hinaus.
Bald ist es März. Ein Vertreter des Fußballvereins RCD Mallorca hat bei Neururer angerufen. Neururer konnte nicht ans Telefon gehen, weil er unter der Dusche stand. Antje richtete ihm aus, dass sich der Anrufer in einer Viertelstunde wieder melden werde. Doch das Telefon schwieg. Ein neuer Trainer wurde auf Mallorca vorgestellt, ein Spanier.
Die russische und die amerikanische Liga, meint Neururer, könnten interessant werden, auch China sei vorstellbar. Sein Ultimatum, das sagt er jetzt öfter, gelte nicht für drei Vereine, nicht für Bochum, nicht für Köln, nicht für Schalke. Sein Gewicht ist auf 88 Kilo gestiegen. Er sagt, er habe Muskelmasse aufgebaut.
Neu ist, dass er sich um seine Patientenverfügung kümmert. Es kann ja mal der Moment kommen, in dem er froh ist, dass Antje für ihn entscheidet. Unverändert geht er zwei- bis dreimal in der Woche in ein Stadion, er muss vorbereitet sein. Noch immer beginnt er zu weinen, wenn sie in der Schalker Arena ihre Lieder anstimmen, und er kann sich nicht erklären, woher die Tränen rühren.
(*) Mit Assistent Klaus Fischer beim FC Schalke 04 am 4. August 1990.
Von Willeke, Stefan

DER SPIEGEL 9/2013
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