25.02.2013

FUSSBALL Dreh an der Preisschraube

Bundesligaclubs haben ein neues Geschäftsfeld entdeckt: den Internetschwarzmarkt für bereits verkaufte Eintrittskarten. Die Partnerschaft mit einem Ticket-Makler verärgert die Fans.
Das Hinspiel im Champions-League-Achtelfinale war noch nicht angepfiffen, da explodierten für das Rückspiel gegen Galatasaray Istanbul am 12. März in Gelsenkirchen schon die Preise. Alexander Jobst, Marketingvorstand des FC Schalke 04, hat diese Angebote vergangene Woche auch gesehen, im Internet: zwei Karten der Kategorie 1, für die der Verein aus dem Ruhrgebiet eigentlich 70 Euro verlangt, für je 397 Euro, zu beziehen über das Portal Viagogo. Auf dieser Plattform, einer Internetbörse, können nicht genutzte Tickets weiterveräußert werden, der Betreiber verlangt zusätzlich Gebühren.
Gegen derlei Wucherpreise wäre Schalke vor einiger Zeit noch vorgegangen, die Geschäftsbedingungen untersagten den Weiterverkauf mit Aufschlag. Einmal hat der Club gegen Schwarzmarkthandel im Internet sogar vor Gericht geklagt. Heute, sagt Jobst, werde Schalke da "nicht mehr aktiv", denn um den Markt für bereits einmal verkaufte Tickets, den sogenannten Zweitmarkt, im Netz zu kontrollieren, fehlten schlicht die Ressourcen. Ein Kampf gegen Windmühlen.
Doch es gibt noch einen anderen Grund für die neue Zurückhaltung: Viagogo wird zum 1. Juli über einen Sponsorvertrag Partner des FC Schalke. Gegen Geld, jährlich 1,2 Millionen Euro in den nächsten drei Spielzeiten, billigt und legitimiert der Club die Ticketschiebereien jetzt offiziell. Denn er verdient ja, zumindest indirekt, selbst an dem Zweitvertrieb.
Das ist der Trend. Einnahmen aus Merchandising und herkömmlichem Ticketverkauf sind wohl kaum noch steigerungsfähig, also wird der ehemals bekämpfte Zweitmarkt für Eintrittskarten von immer mehr Fußballclubs als Geschäftsfeld entdeckt. Acht deutsche Erstligisten und zwei Zweitligaclubs hat Viagogo schon unter Vertrag, zum Unmut der Fans.
Viele beklagen eine schleichende Preiserhöhung, zumal der Ticketmakler in der Regel auch ein Kontingent von Karten zum Erstverkauf erhält, und er offeriert sie zumeist über dem Nennwert. Schalker Fans sammeln Unterschriften, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung zu erzwingen und den "Pakt mit dem Teufel" zu Fall zu bringen. Fans von Viagogo-Partner Hannover 96 wurden von Cluboffiziellen gehindert, Banner gegen "ViaNOgo" aufzuhängen - so heißt auch eine Schalker Fan-Website gegen den mäßig beleumundeten Händler.
Auf Druck seiner Fans hat der VfB Stuttgart den Deal mit der Ticketbörse nachverhandelt. Der Hamburger SV machte vom Kündigungsrecht zum Saisonende Gebrauch, weil die Partnerschaft an der Basis nicht zu vermitteln war.
Wieder mal hängt der Haussegen schief zwischen den Clubs und deren Anhängern. Der Streit ums Kartengeschacher hat Feuerwerksverbot und Randale als Szenethema Nummer eins abgelöst. Der neue Liga-Geschäftsführer Andreas Rettig zeigt sich besorgt und hilflos zugleich. "Fußball muss bezahlbar bleiben", sagt er, "aber wir als DFL können den Clubs keine Vorgaben machen." Als Manager des FC Augsburg lehnte Rettig Offerten von Zweitmarktanbietern ab. Seine Nachfolger haben sich mit Viagogo geeinigt.
Jeder Deal ist anders. So tief wie der HSV, der nach drei Monaten vor dem Fan-Protest kapitulierte, wird wohl beim Vertragsabschluss keiner mehr in den Online-Handel einsteigen. Der Club hatte sich zu 85 Prozent am erhöhten Erlös beteiligen lassen, der beim Kartenverkauf über das Portal erzielt wurde, partizipierte also unmittelbar am Dreh an der Preisschraube.
Kaum hatten die Hamburger dann im Dezember das Ende der Liaison mit Viagogo angekündigt - die Fans akzeptierten im Gegenzug höhere Dauerkartenpreise -, reichte der Betreiber der Ticketbörse seinerseits die fristlose Kündigung ein. So sah er besser aus. Es geht schließlich um die Marktmacht im Fußball. Viagogo, 2006 in London gegründet und in Genf ansässig, kooperiert schon mit elf englischen und sechs spanischen Proficlubs.
HSV-Marketingvorstand Joachim Hilke hält die Partnerschaft auch im Nachhinein für eine gute Idee. Es gebe ja nun mal den Zweitmarkt, und der Club habe bloß über eine Lizenzvergabe davon profitiert.
Eher als Wohltäter der Fans geriert sich auf dem neuen Terrain der FC Schalke. Den Zweitmarkt, der nicht zu verhindern sei, "wollen wir zumindest kontrollieren", sagt Vorstand Jobst. Mit Viagogo habe man sich die größte Plattform herausgesucht, zum Nutzen der Fans, um den gefürchteten Anbieter mit Regeln zu domestizieren. Die Regeln, die Schalke diktiert: Viagogo darf, wenn über seine Plattform Dauerkartenplätze verhökert werden, höchstens 10 Prozent Gebühren vom Verkäufer nehmen und 15 Prozent vom Käufer, Versand angeblich inklusive. Der Preisaufschlag beim privaten Weiterverkauf wird gedeckelt - auf 100 Prozent.
Bislang ließ Schalke jedoch eine solche Dauerkartenbörse vom Viagogo-Wettbewerber CTS Eventim betreiben, da war die Weitergabe nur zum Normalpreis erlaubt. Kritiker beklagen daher, der neue Deal autorisiere die Abzocke unter Fans des Arbeiterclubs und verwandele Tickets in eine Art Wertpapier. Bei Bayern München, seit sechs Jahren Partner des Anbieters, darf Viagogo die Plätze nur zum Originalpreis vermakeln.
Schalke sagt: Der schlimmste Wildwuchs werde jetzt verhindert. Mondpreise oder Phantasiegebühren könne Viagogo, per Vertrag gezähmt, von der nächsten Saison an für Schalke-Tickets nicht mehr verlangen. Die Karten über andere Anbieter zu verschachern wird den Inhabern per Geschäftsbedingung verboten.
Viagogo ist an der Exklusivität und natürlich an hohen Preisaufschlägen interessiert. Denn mit dem Preis steigen die Gebühreneinnahmen. TV-Reporter des britischen Senders Channel 4 wollen verdeckt ermittelt haben, dass Mitarbeiter der Firma selbst Konzertkarten in großen Mengen aufkauften, um das Angebot zu verknappen. Manche der offerierten überteuerten Tickets, behaupten die Kritiker, seien gar nicht von Fans bei Viagogo eingestellt worden, sondern stammten aus einem heimlich angehäuften Firmenbestand. Alexander Jobst beschwichtigt: Sei Viagogo erst mal offiziell Partner, behalte sich Schalke Stichproben vor. Bei auffälligen Angeboten werde man fragen: Woher habt ihr die Tickets?
"Zu hundert Prozent falsch" seien die Vorwürfe, sagt der Brite Steve Roest, Europa-Manager der Ticketbörse. Viagogo sei "niemals selbst der Verkäufer". Allerdings gebe es manchmal, als Teil des Deals, kleinere Kartenkontingente von den Veranstaltern oder Vereinen. Schalke zum Beispiel stellt für zehn Saisonheimspiele jeweils 300 Tickets zur Verfügung, die Viagogo höchstens zum doppelten Ursprungspreis veräußern darf.
Roest, 30, ist ein alerter Verkäufer seiner Ware. Mit seiner smarten Komplizenhaftigkeit ist er schnell beim "Du". Bei manchen Clubs baggerte er drei Jahre lang, zuerst bei deren Ticketchefs, dann bei den Marketingvorständen.
Viagogo vermakelt weltweit jährlich Tickets mit einem Gesamtwert von 500 Millionen Euro, es gibt verschiedene Websites für 28 Länder. Steffi Graf und Andre Agassi gehören zu den Investoren. Die Firma wirbt mit einer Garantie für das bestellte Ticket zum angegebenen Preis. Wenn alles schiefgeht, gebe es wenigstens das Geld zurück.
"Wir haben den Sekundärmarkt nicht erfunden", sagt Roest entschuldigend. Es gebe "signifikant viel mehr" Fans, die bei ihm kauften, als Kritiker, die auf Facebook über ihn meckerten. "Entweder die Clubs arbeiten mit uns zusammen oder nicht. Tickets für ihre Spiele werden so oder so über unsere Plattform verkauft."
Bayern München kündigte allerdings an, nach Vertragsablauf das Zweitmarkt-Geschäft lieber selbst zu betreiben. Und der VfB Stuttgart erlaubt Viagogo den Erstverkauf von Tickets nur noch zum Originalpreis, ein Zugeständnis an die aufgebrachten Fans. Um die Anhänger gewogen zu stimmen, spendiert Viagogo nun jedem VfB-Kunden, der seine Dauerkarte auf der Online-Ticketbörse registrieren lässt, im Stadion eine Bratwurst.
Von Buschmann, Rafael, Fiedler, Matthias, Kramer, Jörg

DER SPIEGEL 9/2013
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