25.02.2013

SEXUALITÄT1002 Nächte

War der Arabische Frühling auch der Beginn einer sexuellen Revolution? Die Autorin Shereen El Feki hat den Zustand des Liebeslebens in Ägypten und seinen Nachbarländern untersucht.
Sie nennt sich Azza, und sie ist nicht zufrieden mit ihrem Sexleben. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt Azza in einem Hochhaus am Rande von Kairo, die Wohnung hat nur zwei Schlafzimmer, das ist ein Teil des Problems.
Azza ist Mitte vierzig, und obwohl sie auf dem Land aufwuchs, konnte sie studieren. Sie profitierte von der Politik Gamal Abd al-Nassers, der Schulen und Universitäten auch für Kinder öffnete, deren Familien nicht zur Elite gehörten. Heute arbeitet Azza in Kairo bei einem ausländischen Unternehmen und verdient dreimal so viel Geld wie ihr Mann. Auch das ist ein Teil des Problems.
"Mein Mann mag es nicht, dass ich mit Ausländern arbeite, aber mein Geld mag er", sagt sie, "er mag es nicht, dass ich mehr verdiene als er, dass ich die meisten Entscheidungen in Bezug auf Geld und Kinder treffe." Ihr Mann leide unter Erektionsstörungen, Sex haben sie höchstens alle paar Wochen.
Azza ist eine von vielen ägyptischen Frauen, die in dem jetzt erschienenen Sachbuch "Sex und die Zitadelle" erstaunlich offen von ihrem Ehe- und Beziehungsleben berichten(*). Das Buch ist eine Sammlung von persönlichen Stimmen und Einschätzungen von Fachleuten zum Thema Sexualität in der arabischen Welt. "Sex und die Zitadelle" ist keine rein wissenschaftliche Feldstudie, das Buch basiert auf Gesprächen mit über hundert Männern und Frauen.
Der Kummer einer Ehefrau wie Azza steht neben einem Abriss über die Funktion der Ehe in der islamischen Gesellschaft Ägyptens. Im Buch geht es um Sexspielzeug, Kondome und Abtreibung, es kommen Aktivisten der ägyptischen Schwulenbewegung zu Wort und eine junge Frau, die als allein erziehende Mutter mit Unterstützung einer marokkanischen Hilfsorganisation ein uneheliches Kind großzieht; es geht um Anal- und Oralsex, um Viagra und Reproduktionsmedizin; ein Kapitel ist der Beschneidung gewidmet, die an 80 bis 90 Prozent der ägyptischen Mädchen vollzogen wird, aus Tradition, religiöser Überzeugung und weil unbeschnittene westliche Frauen als unkeusch und lüstern gelten, wozu die im Internet zugängliche Pornografie noch zusätzlich beiträgt. Es geht um Ehre, und es geht um Scham, zwei Schlüsselbegriffe.
Die Menschen, die zu Wort kommen, heißen Azza, Zizi oder Wisam, Amal oder Amany, und sie tragen in diesem Buch nicht ihre richtigen Namen, weil das Pseudonym ihnen eine größere Freiheit erlaubt, offen zu reden. Ihre Erfahrungen stehen Seite an Seite mit Berichten von Forschern, Ärzten und Juristen, Therapeuten und Künstlern.
Nach der Lektüre ergibt sich ein vielschichtiges Bild vom Sexleben und von den moralischen Vorstellungen in der Region. Die Autorin El Feki begann 2007 mit ihrer Recherche, damals schien Mubarak ein Herrscher auf Lebenszeit zu sein und Ägypten ein Land, an dem die Gegenwart vorbeizog.
Doch dann, El Feki war mitten in der Recherche, brach die Revolution aus. Eine neue Mittelschicht begehrte auf, sie wollte nicht länger in einem autokratischen System leben. Und es waren auch die Frauen, die auf die Straße gingen. Frauen wie Azza, die in einer vorbildlichen muslimischen Ehe leben, die sich aber hinter dieser Fassade längst mit Gedanken an größere Selbstbestimmung und Emanzipation auseinandersetzen.
In den Nachrichtensendungen auf der ganzen Welt waren Bilder zu sehen von Ägypterinnen, die auf dem Tahrir-Platz demonstrierten und der Welt zeigten, dass in der ägyptischen Gesellschaft offensichtlich auch Raum ist für ein modernes weibliches Rollenbild.
Für einen kurzen Moment schien es so, als ob der Protest gegen das politische System sich ausweitete zu einem Aufstand gegen ein patriarchalisches Familiensystem, in dem die Ehre der Familie über allem steht. Wer den Staatspräsidenten stürzen kann, könnte auch bereit sein, gegen das Familienoberhaupt aufzubegehren. Doch so einfach war das nicht.
El Feki erinnert sich daran, wie sie auf dem Tahrir-Platz erst mit einer jungen Frau ins Gespräch kam und anschließend mit einem jungen Mann. Die Frau wusste so gut wie alles über Paris 1968, über den Aufstand der Studenten, der auch ein Aufstand gegen die rigide Sexualmoral war.
Die junge Ägypterin auf dem Tahrir-Platz glaubte an eine Verbindung zwischen dem Politischen und dem Privaten, sie hoffte auf umfassende Veränderungen auch in ihrem Land. Der Mann dagegen demonstrierte ausdrücklich nur gegen das alte Regime. Auswirkungen auf das Privatleben dürfe der Aufstand nicht haben, sagte er, die sexuelle Freiheit des Westens lasse sich nicht vereinbaren mit der islamischen Kultur.
"Diese große Divergenz gibt es in vielen Köpfen", sagt El Feki, "auf der einen Seite der Wunsch, es möge sich politisch etwas verändern, auf der anderen Seite aber ein fehlendes Bewusstsein, dass dies auch zu Veränderungen im Privatleben führen wird." Anders als in Europa Ende der sechziger Jahre, als die Jugend sich auch von der christlichen Religion abwandte, sind viele junge Männer und Frauen in Ägypten heute religiöser als ihre Eltern. Große Teile der ägyptischen Gesellschaft lehnen die laxen Sitten des Westens ab. El Feki glaubt, dass sexuelle Freiheit in der arabischen Welt nur aus dem Wissen um die eigene Geschichte und die eigene Identität entstehen kann.
El Feki hat auf Ägypten den Blick einer Fremden. Aber es ist für sie auch das Land, in dem ein Teil ihrer Familie lebt. Sie ist geboren in Großbritannien, ihre Mutter stammt aus Wales, ihr Vater ist Ägypter. Sie wuchs in Kanada auf, mit "einer Prise Islam", aber sie genoss zu Hause alle Freiheiten, die zu einer Jugend in der westlichen Welt gehören. In den Ferien besuchte die Familie regelmäßig die Verwandtschaft in Kairo, El Feki schätzte die Zuneigung ihrer Großmutter, es waren schöne Reisen, ohne dass Shereen El Feki auf den Gedanken kam, hinter die Oberfläche zu schauen.
Das veränderte sich mit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York. Das Nebeneinander der beiden Welten war nicht mehr selbstverständlich. Die arabische Welt galt als Feind, das Land ihrer Großmutter als Heimat möglicher Terroristen. El Feki begann, sich mit ihrer ägyptischen Herkunft zu beschäftigen.
Sie hat einen Doktor in Medizin und arbeitete als Redakteurin beim "Economist", wo sie unter anderem über Aids schrieb. Ihr fiel auf, dass in den Statistiken über die Erkrankungsraten die Angaben der arabischen Staaten ungewöhnlich niedrig waren. Sie fuhr nach Ägypten und begab sich auf eine Erkundungsreise in die sexuellen Welten des Islam, und bald schon wurde ihr klar, dass es dort einen großen Unterschied gab zwischen äußerem Schein und Wirklichkeit. Sie hatte ihr Thema gefunden. Dass sie Halbägypterin ist, erleichterte ihr den Zugang zu den Menschen im Land und zu deren schamvoll verborgenen Erfahrungen.
Die Autorin ist überzeugt, dass mit dem Arabischen Frühling eine Veränderung begonnen hat, die vielleicht schon der Generation der Töchter, sicher aber den Enkelinnen ein erfüllteres Sexleben ermöglichen wird. Dazu gehört vor allem ein freier Zugang zu einem breiten Wissen über Sex. Genau das ist es, was El Feki mit ihrem Buch erreichen möchte. "Im Westen ist man versessen auf dramatische und schnelle Veränderungen, aber das ist nun mal nicht der arabische Weg."
Die Euphorie von 2011 ist Resignation gewichen. Doch etwas, sagt El Feki, habe sich unwiederbringlich geändert: Es bleibt die Gewissheit, Mubarak gestürzt zu haben, etwas geschafft zu haben, das als unmöglich galt.
(*) Shereen El Feki: "Sex und die Zitadelle". Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Verlag Hanser Berlin; 416 Seiten; 24,90 Euro.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 9/2013
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