25.02.2013

KARRIERENBills Bruder

Jedes Jahr ehrt Karlheinz Kögel eine Persönlichkeit mit dem Deutschen Medienpreis. Das hat ihm nach anfänglichem Spott beste Kontakte eingebracht - und die Freundschaft der Clintons. Nun kommt George Clooney in den Schwarzwald.
Oben an der Decke schwebt Gottvater, er scheidet Licht von Finsternis und erweckt per Fingerzeig Adam zum Leben. Darunter steht der Unternehmer Karlheinz Kögel, 66, dessen eigene Schöpfung den Reiseveranstalter L'Tur und die Marktforschungsfirma Media Control umfasst, die Hitlisten von Buch- und Musikverkäufen erstellt; ferner ein Sushi-Restaurant im Stil der Belle Époque und eine Eisbahn, die Kögel jeden Winter in der Baden-Badener Innenstadt errichten lässt.
Michelangelos Fresko aus der Sixtinischen Kapelle hat er sich auf eine licht- und luftdurchlässige Stoffbahn drucken lassen. Sie verbirgt die Neonleuchten und die Klimaanlage an der Decke der historischen Bibliothek in seinem Büro.
Das Feuer im Kamin ist gasbetrieben, der Grundig-Fernseher, Baujahr 1954 mit nachträglich eingebauten Farbröhren, ein Geschenk von seinem Unternehmer-Vorbild Max Grundig. Das kleine Weiße Haus auf der Fensterbank hat er von Bill Clinton, die perlmutterne Krippe von Jassir Arafat. Fotos zeigen den Hausherrn mit dem Dalai Lama und Königin Silvia.
Kögel hat einen Hang zum Erhabenen. Und eine Obsession für große Persönlichkeiten. Um ihnen nahezukommen, hat er 1992 den Deutschen Medienpreis erfunden, eine bunte Keramikfigur, die an einen amputierten Octopus erinnert. Die Kriterien für die Vergabe sind schwer durchschaubar, aber fast immer ist es eine Berühmtheit von Weltrang, die Kögel hier im beschaulichen Baden-Baden würdigt. Anfangs wurde über den umtriebigen Stifter gespöttelt; das ließ nach, nachdem er mit seiner Keramik Persönlichkeiten wie Nelson Mandela in den Schwarzwald gelockt hatte. Seine Wunschpreisträger umwirbt er mit einem Einsatz, wie ihn allenfalls noch der Bauunternehmer Richard Lugner zeigt bei seiner alljährlichen Suche nach einer illustren Begleitung für den Wiener Opernball.
Während Lugner sich zuletzt jedoch mit Abendgästen wie der 85-jährigen Gina Lollobrigida bescheiden musste, will Kögel seinen Medienpreis am Dienstag dieser Woche an den US-Star George Clooney überreichen. Mit Kögels Privatjet soll er eingeflogen werden.
Clooney hält sich bereits seit Wochen in Berlin und Potsdam-Babelsberg auf, wo er sein nächstes Regieprojekt vorbereitet, ein Weltkriegsdrama mit ihm in der Hauptrolle.
Dank der Hauptstadt-Paparazzi weiß Deutschland: Der Beau trägt jetzt Vollbart. Um sieben macht er Frühsport. Abends diniert er im Borchardt oder im Grill Royal. Einmal hat er dort sogar für den Herrn am Nebentisch mitbezahlt.
Von roten Teppichen jedoch, wie Berlin sie fast jeden Abend irgendwo ausrollt, hielt Clooney sich fern. Sogar die Berlinale mied er, und jede nicht besuchte Veranstaltung ist für Kögel eine Genugtuung, denn es bedeutet: Clooney spart sich auf. Für Baden-Baden. Für ihn.
Er will Clooney ja nicht als Schauspieler würdigen, sondern, wie Kögel sagt, "weil er den auf ihn gerichteten Scheinwerfer umdreht und die dunklen Ecken der Welt ausleuchtet". Unter anderem finanziert Clooney einen Satelliten, der militärische Einsätze im umkämpften Sudan beobachtet. Aufsehen erregte er im vergangenen Jahr, als er und sein Vater bei einer Protestaktion vor der sudanesischen Botschaft in Washington verhaftet wurden. Mit Kögels Preis indes wusste er zunächst nichts anzufangen.
Die erste Einladung ins Badische quittierte Clooneys Büro vor drei Jahren mit einer Absage, und man muss wohl davon ausgehen, dass Hollywood bis dato nie etwas gehört hatte von Kögels Auszeichnung, deren Name ja eine recht kecke Behauptung ist: Deutscher Medienpreis. Als würde die nationale wie internationale Prominenz übers Jahr nicht schon ausreichend mit Goldenen Kameras, Echos und Bambis bedacht. Und als könnte ein mittelständischer Geschäftsmann einfach so für Deutschland sprechen.
Doch wusste Kögel sich von Beginn an auf listige Weise Legitimation zu verschaffen, indem er vor der ersten Verleihung 1992 eine Jury installierte, bestehend aus Chefredakteuren deutscher Blätter (zeitweise auch des SPIEGEL), mit denen er sich bis heute auf Zuruf über den Preisträger verständigt.
Zu Relevanz verhalf dem Preis dann Kögels Spezi Andreas Fritzenkötter, seinerzeit Medienberater von Kanzler Helmut Kohl. Nachdem bei der Premiere mit RTL-Chef Helmut Thoma tatsächlich noch ein Medienschaffender ausgezeichnet worden war, überredete im Folgejahr Fritzenkötter ausgerechnet den Journalistenfresser Kohl dazu, sich von Kögel und seinen Chefredakteuren ehren zu lassen.
Beim dritten Mal schließlich wurde die Veranstaltung international, da hielt wiederum Kohl die Rede auf François Mitterrand. In den weiteren Jahren nahmen etwa König Hussein von Jordanien, König Juan Carlos von Spanien und Kofi Annan die Skulptur entgegen, aber selbst das vermochte Clooneys Management nicht zu beeindrucken, so dass es auch nach Kögels zweiter Anfrage dankend abwinkte.
Voriges Jahr flog Kögel dann nach Los Angeles, um persönlich vorzusprechen. Ein befreundeter Regisseur hatte beim Zustandekommen des Termins geholfen und Kögel Tipps gegeben, wie er Clooneys Agenten davon überzeugen könnte, dass sein Star, der einen Oscar besitzt und schon zweimal zum "Sexiest Man Alive" gewählt worden war, noch dringend einen Medienpreis aus Deutschland brauche. Also versprach Kögel in der halben Stunde, die ihm blieb, die sudanesische Krisenregion Darfur, für die Clooney
sich einsetzt, in Deutschland zu einem Riesenthema zu machen.
So etwas kann er gut. Kögel ist kein großer Redner, aber ein Virtuose des kleinen Gesprächs. Er nimmt sich zurück, fragt viel, bittet auch mal um Rat. Seine Stimme brummt väterlich. In der Medienbranche sagen manche, er sei der beste Netzwerker Deutschlands.
Unter den Show- und Wirtschaftsgrößen, die er zur Preisverleihung geladen hat, den laut Kögel "Top 100" der Republik, will er diskret nach Unterstützern suchen für Clooneys Sudan-Projekt "Not On Our Watch". Riesling vom Weingut Günther Jauchs, Thomas Gottschalk als Moderator und der Auftritt der britischen Charts-Stürmerin Birdy sollen an dem Abend ihr Übriges tun.
Kögel selbst wird ebenfalls spenden, so wie er damals ein Krankenhaus in Südafrika unterstützt hat, das dem Preisträger Nelson Mandela am Herzen lag. Oder einst, obwohl selbst CDU-Mitglied, seinem Freund Oskar Lafontaine half, die Willy-Brandt-Statue in der Berliner SPD-Zentrale zu finanzieren.
Für Clooney will er eine ordentliche Summe zusammentragen. Am Ende werden sich die Verhältnisse umgekehrt haben, dann wird er, der Clooney über drei Jahre umgarnt hat, zu dessen Gönner aufgestiegen sein. Und Clooney kommt als Trophäe an die Fotowand. Zu all den anderen Großen der Welt.
Der erste Star, den Kögel verehrte, war John F. Kennedy. Mit 14 hatte er schon 20 Bücher über ihn gelesen. Kurz vor seinem 17. Geburtstag raubte ihm der Schütze von Dallas sein Idol.
Als Erwachsener fand er dann einen Ersatz-Helden, Kennedys Nach-Nachfolger Bill Clinton. Er war der neunte Träger des Medienpreises - und der Einzige, der diesen aus Zeitgründen nicht abholte. Worauf Kögel seine Chefredakteure einsammelte, nach Washington flog und dem Präsidenten seine Skulptur im Oval Office überreichte.
Seither ist zwischen den beiden gleichaltrigen Männern so etwas wie eine Freundschaft gewachsen.
Kögel ist fast immer vor Ort, wenn Clinton irgendwo in Europa auftritt. Eine Zeitlang hat er, Inhaber einer Berufspilotenlizenz, den hohen Gast sogar selbst durch die Lüfte chauffiert. Wie zum Beweis zieren Autogramme von Bill, Hillary und deren Tochter Chelsea die Außenhaut seines Jets.
In Kögels Büro steht ein Foto: er in New York neben Clinton, George W. Bush und Tony Blair. Es sieht so aus, als stünden vier Elder Statesmen beieinander. Kögel sagt, Clinton habe ihn den anderen als "meinen deutschen Botschafter" vorgestellt.
Zweimal hat er im Schwarzwald eine Hütte gemietet und Clinton zu Ehren ein Fest veranstaltet, mit Lagerfeuer und Jagdhornbläsern und einem entnervten Secret Service, weil die Handys keinen Empfang hatten. Wenn er etwas Bedeutendes sagen will, zitiert er Clinton-Sätze, die fast konfuzianisch anmuten. Etwa: "Wir brauchen gut verankerte Wurzeln, damit wir Triebe schlagen und über andere hinauswachsen." Oder: "Politiker, die die Menschen nicht lieben, werden scheitern."
Das gelte im Übrigen auch für Unternehmer. Sagt jetzt nicht Clinton, sondern Kögel, dessen eigene Karriere ähnlich wundersam verlief wie die seines Medienpreises.
Seinem Vater zuliebe, der ein Sägewerk und eine Fensterfabrik besaß, lernte er zunächst Schreiner, dann holte er sein Abitur nach und studierte ein paar Semester BWL. Nachdem er es als Discjockey im Karlsruher Tanzlokal Casino-Alm zu regionaler Prominenz gebracht hatte, fing er als Moderator bei Radio Luxemburg an, volontierte beim Süddeutschen Rundfunk und wechselte zum Südwestfunk.
Dort leitete er Gesprächsrunden und berichtete als Reporter aus Israel. Bekannt wurde er mit der Sendung "Pop-Shop", einem Wegbereiter der Jugendwelle SWF3. Kögel besaß nun eigene Autogrammkarten und wurde von Plattenfirmen umschmeichelt, die ihn und seine Kollegen mit Einladungen und Geschenken dazu bewegen wollten, die Lieder ihrer Künstler im Radio zu spielen. Das brachte ihn auf seine erste Geschäftsidee.
Welche Musik dann tatsächlich lief, kontrollierte nämlich niemand - bis Kögel sich 1976 selbständig machte und erst Schüler, später Häftlinge das Radioprogramm mitschneiden ließ, das ein Computer dann auswertete. Die Ergebnisse verkaufte er an die Plattenlabels. Seine Firma nannte er Media Control, sie ermittelt heute in 30 Ländern die Hitparaden der verkauften CDs, inzwischen auch der Downloads sowie die Buchbestseller.
Media Control machte ihn groß. Reich wurde er durch das Last-Minute-Reiseunternehmen L'Tur, das er 1987 mit Joachim Hunold gründete, der später die Fluglinie Air Berlin übernahm.
In seinen Firmen ist Kögel für alle der Karlheinz. Meist trägt er Jeans und Slipper mit Bömmelchen. Aus dem Tagesgeschäft hat er sich weitgehend herausgezogen.
Bei L'Tur sitzt er dem Aufsichtsrat vor und hält noch 30 Prozent der Anteile. Ebenfalls 30 Prozent gehörten ihm zuletzt an der Media Control GfK International, die den Verkauf der Platten und Bücher ermittelt. In diesen Tagen trennt er sich auch davon. Die Firma geht dann komplett in den Besitz der GfK über, dem bisherigen Mehrheitsgesellschafter, der auch die TV-Quoten ermittelt. Das Mutterunternehmen Media Control, das den Medienpreis ausrichtet, will er jedoch behalten.
Vor gut drei Jahren hat Kögel zum zweiten Mal geheiratet. Seine Frau Dagmar, 44, war bis 2002 die Gattin des Grand-Prix-Veteranen Ralph Siegel. Und danach laut "Playboy", für den sie sich auszog, "Deutschlands schönster Single". Kennengelernt haben sie und Kögel sich bei einer Show von Dieter Thomas Heck. Der frühere RTL-"Superstar"-Juror Thomas Stein war beim Vermitteln der Handynummern behilflich.
Heute ist Dagmar Kögel die Schirmherrin der Stiftung "United Charity", die für wohltätige Zwecke Treffen mit Prominenten oder Urlaube in Luxushotels versteigert. Ihr Büro liegt wenige Türen neben dem ihres Mannes.
Bei ihrer Hochzeit im September 2009 konnte ausgerechnet Kögels berühmtester Freund aufgrund anderer Verpflichtungen nicht dabei sein. Zumindest per Video war Bill Clinton jedoch zugeschaltet. Dem Bräutigam trug er auf: "Als dein jüngerer Bruder rate ich dir, Dagmar immer zu lieben - sonst bekommst du es mit mir zu tun." Schwer vorstellbar, dass Kögel einer Clinton-Doktrin zuwiderhandeln könnte.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 9/2013
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