25.11.1996

Sekten„Macht Liebe, nicht Babies“

Von vorne sieht Reverend Chris Korda ein wenig wie Demi Moore aus, von der Seite ähnelt er Cäsar im Asterix-Comic.
In dem langen schwarzen Kleid, mit einem Täschchen quer über der Brust, einem fünfzackigen silbernen Stern um den Hals und spitzen, langen Ohrklipsen würde er in jeder Frauengruppe neidische Blicke auf sich ziehen. Die Frisur sitzt, das Make-up ist perfekt, der Lippenstift nicht zu dick aufgetragen. Nur beim Gehen zeigt der Reverend, daß er nicht als Frau auf die Welt gekommen ist. Chris Korda bewegt sich zwar graziöser als Heinz Rühmann in Charleys Tante, aber der spezifische Hüftschwung, den Frauen von Natur aus beherrschen, ist seine Stärke nicht.
Reverend Chris Korda ist Gründer und Spiritus rector einer Kirche, die sich Church of Euthanasia (COE) nennt. Von der zuständigen US-Bundesfinanzbehörde als eine gemeinnützige erzieherische Einrichtung anerkannt, können Spenden an die Kirche von der Steuer abgesetzt werden. Doch anders als andere Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Sekten, die ihre Angehörigen mit einer Fülle von Regeln, Geboten und Verboten traktieren, kennt die Church of Euthanasia nur ein "Commandment", das sie freilich kompromißlos predigt: "Thou Shalt Not Procreate" - Du sollst dich nicht vermehren!
Wer sich das einzige Gebot zu eigen macht, ob Christ, Moslem, Jude oder Atheist, ist als Mitglied willkommen. Auch Kindsmütter und Väter werden aufgenommen - vorausgesetzt, sie verpflichten sich, keine weiteren Nachkommen mehr in die Welt zu setzen. Wer beitritt und dennoch ein Kind macht, wird exkommuniziert. "Wir haben Kinder sehr gern", sagt der Reverend, "aber wir finden, es gibt schon genug von ihnen."
Nicht nur die Reduktion auf das Wesentliche macht das Wesen der COE aus. 1992 gegründet und im Bundesstaat Delaware registriert ("weil die Gebühren dort billiger sind als in Massachusetts"), ist die COE ihrer Zeit um einige Bytes voraus, eine Kirche des 21. Jahrhunderts - dank World Wide Web und Internet.
Im Raum Boston, dem Zentrum ihrer Aktivitäten, zählt die COE nur "ein paar Dutzend" registrierte Mitglieder, in ganz USA sind es "ein paar hundert". Doch die Schar der Anhänger, sagt Reverend Korda, "geht in die Tausende und nimmt ständig zu". Über 100 000 Gäste haben die Homepage der COE (http:\\www.paranoia.com\coe) im vergangenen Jahr besucht, in diesem Jahre werden es vermutlich doppelt so viele werden.
Anfangs habe man sich in einer winzigen "chapel" im Keller eines Mehrfamilienhauses unter dem Bild des Sterbehelfers Jack Kevorkian ("Wir bewundern ihn aus sicherer Entfernung") getroffen und gemeinsam Texte von Albert Camus, James Baldwin und Allen Ginsberg gelesen. Inzwischen kommunizieren Mitglieder und Anhänger der COE im Weltraum des Internet miteinander, sogar die Predigten von Reverend Korda werden als "E-Sermons" elektronisch vertrieben.
Statt in der "chapel", die an einen surrealistisch aufgemachten Partykeller der fünfziger Jahre erinnert, trifft sich der Führungszirkel um Reverend Korda regelmäßig im "Middle East" in der Massachusetts Avenue, einem der wenigen Restaurants in der Stadt, um die der Reverend keinen weiten Bogen macht. Denn er ist ein Veganer, ein radikaler Vegetarier. Nicht nur, daß er kein Fleisch und keinen Fisch ißt, er meidet auch tierische Produkte, führt somit ein Leben ohne Milch, Eier, Käse, Quark und Butter.
Im Sommer trägt der Reverend Schuhe aus Leinen, im Winter aus Gummi. Er benutzt einen Lippenstift der Marke "Clinique", weil der Hersteller seine Produkte nicht an Tieren testet. Mögen andere Geistliche Gott und den Menschen dienen, Reverend Chris Korda hat sich dem Dienst "an der Erde und an den Arten" verschrieben. Damit die Erde nicht untergeht und die Arten erhalten bleiben, müsse die Erdbevölkerung reduziert werden - "durch freiwillige Maßnahmen", wie der Reverend betont, keinesfalls durch Gewalt.
Dazu gehört der Verzicht auf Fortpflanzung, die Enttabuisierung und Entkriminalisierung des Selbstmords und die Förderung sexueller Praktiken, die nicht der Vermehrung dienen. "Es sind einfach zu viele Menschen auf der Erde", sagt Korda, während er ein Linsengericht löffelt, "entweder wir reduzieren die Zahl der Menschen, oder die Natur wird uns diese Aufgabe abnehmen."
Eigentlich sei es nicht mehr eine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann. Doch könne der Prozeß der Selbstzerstörung durch vernünftiges Verhalten wenigstens verlangsamt werden.
"Wir sind nicht die einzige Organisation zum Schutz der Erde vor den Menschen", sagt der Reverend und überprüft mit einem Spiegel seine Frisur und sein Make-up, "wir sind noch relativ moderat, was die Wahl unserer Mittel angeht, andere sind da viel radikaler."
Die "First Church of Christ, Abortionists", zum Beispiel, die für Zwangsabtreibungen eintritt; das "Voluntary Human Extinction Movement", das die menschliche Rasse im Laufe einer Generation beseitigen möchte; die "GAIA Liberation Front", eine "sehr extreme Gruppe", die einen tödlichen Virus verbreiten würde, um die Endlösung der Menschheitsfrage sofort herbeizuführen. Und dann gibt es noch das "Unabomber Political Action Committee", eine Unterstützergruppe des Anfang April in Montana verhafteten mutmaßlichen "Unabombers", dessen Liebe zur Natur und Haß auf die Zivilisation der Reverend gut nachempfinden kann.
Der Führer der Church of Euthanasia, 1962 in New York als Sohn des Schriftstellers Michael Korda ("Erfolg", "Macht") und einer Schauspielerin geboren, ist freilich weder ein Apokalyptiker noch des eigenen Lebens überdrüssig. Für den Sticker "Save the planet, kill yourself", den er entworfen hat und vertreibt, bietet Korda eine dialektischspirituelle Erklärung in zwei Teilen an. Wenn ein Mensch gar nicht anders könne und töten müsse, dann sei es einfach besser, wenn er sich selbst statt eines anderen Menschen - oder ein Tier - umbringe. Außerdem könne "kill yourself" auch bedeuten: Töte dein Selbst, werde anders!
Korda weiß, daß er Vieldeutigkeiten, Mutmaßungen, Mißverständnisse provoziert. Und genau das will er. "Unklarheiten sind gut. Sie bringen die Menschen aus dem gewohnten Trott." Obwohl weder Transvestit noch transsexuell, trägt er manchmal Frauenkleider, weil er sich nicht auf eine Geschlechterrolle festlegen möchte, auch dafür gebe
es einen Begriff: "a transgendered person", ein Mensch jenseits der Geschlechter.
Schon früh, mit 12, 13 Jahren, habe er gefühlt, daß er "eine sehr ungewöhnliche Persönlichkeit habe", seine Sicht der Dinge sei "vollkommen anders, wie von einem anderen Stern" gewesen. Er habe "wenige Freunde, dafür um so mehr Ärger in der Schule, mit den Eltern und allen Autoritäten" gehabt. Er habe allen Versuchen widerstanden, "mich zu brechen, damit ich so funktioniere wie alle anderen".
Mit 14 ist er von zu Hause weggelaufen, später hat er Informatik studiert und "einige Karrieren" absolviert, etwa als Straßenmusiker, Jazzgitarrist, Tontechniker, Plattenproduzent oder Frauendarsteller in den Kabaretts von Provincetown auf Cape Cod. Doch sein eigentlicher Beruf sei "consultant" und "knowledge worker", er berate Einzelpersonen und Firmen, wie sie ihr Wissen optimal einsetzen könnten.
1992 habe er viel meditiert und eines Tages "einen Traum und eine Vision" gehabt: "Save the planet, kill yourself!" Wenn er daraufhin die Church of Euthanasia nicht gegründet hätte, wäre er wahrscheinlich schon längst tot, gestorben von eigener Hand. Die Kirche sei seine persönliche Überlebensstrategie.
Zu seinen "Helden und Vorbildern" zählt der Reverend den Philosophen Rudolf Steiner, den Sexualforscher Wilhelm Reich und den Anarchisten Abbie Hoffman - eine wilde Mischung, die allerdings im zivilisierten Klima von Neuengland nicht zur Explosion kommt.
Korda unterschreibt seine Briefe mit einem freundlichen "Thank you for not breeding", und wenn er mit seinem Mitsubishi zum Einkaufen fährt, vergißt er nicht, die Parkuhr zu füttern. Mag der globale Kollaps unmittelbar bevorstehen, der Reverend möchte die Lage nicht durch ordnungswidriges Verhalten noch weiter verschlimmern. Er legt Wert auf gute Umgangsformen und lehnt Krieg als Mittel der Bevölkerungskontrolle ab. "Erstens wird bei Kriegen die Umwelt zerstört, zweitens kommt es nach jedem Krieg zu einem Babyboom, der die Verluste ausgleicht."
Auch auf die Frage, warum er seine Botschaft den relativ vermehrungsfaulen Amerikanern verkündet, statt sich der kinderreichen Einwohner der Dritten Welt anzunehmen, hat er eine vernünftige Antwort parat. "Wir haben kein Recht, Menschen, die wir ausgebeutet haben, Ratschläge zu geben. Außerdem produziert jeder Nordamerikaner 100mal mehr Müll als ein Afrikaner."
In diesem Jahr soll die organisatorische Struktur der Kirche ausgebaut werden. Korda, der von einem dreiköpfigen Direktorium unterstützt wird, im Grunde aber alles selbst macht, möchte nach dem Muster der "Thank you for not smoking"-Kampagne einen landesweiten Feldzug organisieren. Überall in den USA soll an den Billboards, riesigen Reklametafeln entlang den Highways, der Satz "Thank you for not breeding" aufleuchten.
Dann möchte er "einen zeugungsfreien Tag" durchsetzen, zuerst in Boston, danach in Massachusetts, schließlich in ganz Amerika, "aber gewiß mit Sex".
Korda weiß, daß er utopische Pläne verfolgt. Auch seine Idee, "einen zeugungsfreien, sexfreundlichen und vegetarischen Zufluchtsort" zu schaffen, für Gleichgesinnte, "die nicht mit jenen Menschen zusammenleben wollen, die Fleisch essen und sich vermehren", gehört in diese Kategorie.
So konzentriert er sich derzeit auf das Machbare. Er leiht sich bei Radio Shack einen batteriebetriebenen Handlautsprecher und mietet bei Rent A Wreck einen lädierten Kleinlaster, mit dem er sich, ein Dutzend Plakate und ebenso viele Freunde zu einem Einsatz an die Front fahren will.
Fromme Christen von der "Operation Rescue" haben zu einer Demonstration vor der Preterm-Klinik in Brookline aufgerufen. An dieser Stelle hat ein fanatischer Abtreibungsgegner vor knapp zwei Jahren eine Mitarbeiterin der Klinik erschossen. Die Demonstranten wollen aber nicht an den Mord erinnern, sondern daran, daß in der Preterm-Klinik noch immer Abtreibungen durchgeführt werden.
Unter dem Bild der Heiligen von Guadelupe, der Beschützerin der Ungeborenen, beten rund 100 Gläubige den Rosenkranz. Ihnen gegenüber steht eine Handvoll Gegendemonstranten mit Pro-Choice-Plakaten, Frauen der National Organization for Women (NOW). Sie rufen: "Keep your rosaries off our ovaries!" (Haltet eure Rosenkränze fern von unseren Eierstöcken).
Ein paar Meter weiter, von der Polizei durch eine Barriere getrennt, sind Reverend Korda und seine Freunde in Stellung gegangen. Von allen drei Gruppen scheinen sie den meisten Spaß an der Demo zu haben. Die Parolen ("Peace, Love and Sterility", "Fuck Breeding") zeugen von Witz bei der Umsetzung politischer Forderungen. Doch die Gläubigen von der "Operation Rescue" lassen sich nicht provozieren, sie blicken nicht einmal rüber, als Kordas Leute "think quick, think fast, every prayer may be your last!" schreien.
Eine Konfrontation scheint sich erst anzubahnen, als eine ältere Demonstrantin von der "Operation Rescue" zu den Leuten von der Church of Euthanasia rübergeht, eine kleine Flasche aus der Tasche holt und "holy water" versprüht. Doch ein Polizist drängt die Dame ab: "Ma''am, just keep going."
Nach der Demo ziehen Korda und seine Freunde Bilanz bei einem Becher Kaffee bei Dunkin'' Donuts. "Wir waren dreimal so viele wie die Leute von NOW." Rebecca, die das Schild "Make Love Not Babies" gehalten hat, ist auch zufrieden: "Die Polizisten haben viel Spaß gehabt."
Dann bricht die Gesellschaft auf. Der Leihwagen von Rent A Wreck muß zurückgebracht werden, sonst fällt ein weiterer Tag Miete an. Dann will Reverend Korda schnell an seinen Computer, die Homepage aktualisieren. "Have a nice day", ruft er einem Passanten zu, der sich nach ihm umdreht, "save the planet and kill yourself!"
* Vor einem Bild von Sterbehelfer Kevorkian.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 48/1996
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