25.11.1996

KunstEr denkt, sie lenkt

Er (hinten im Kleinbus): "Noch fünf Meilen bis zum ersten Punkt Null." Sie (ins Walkie-talkie): "Christo sagt, noch fünf Meilen bis zur ersten Null, over."
Er (laut): "Laß uns gleich dorthin fahren, Chérie."
Sie: "Aber wir fahren doch, Darling. Kein Grund, so zu schreien."
Er (schreit): "Wer schreit denn hier?"
Sie: "Reg dich nicht auf, Darling."
Er: "Du hast recht, Chérie, ich soll nicht immer so negativ sein."
Wer das Leben für eine Kunst hält, in der es nur wenige zur Meisterschaft bringen, und die Ehe für einen Kampf, bei dem es nichts zu gewinnen gibt, sollte einmal das zielstrebigste und erfolgreichste Künstlerpaar auf Erden bei einer seiner Erkundungstouren erleben. Er sollte sehen, wie sie reisen und recherchieren, zwei aufgeschlossene Weltenbürger und unerbittliche Pedanten, die planen und staunen, Hand in Hand, oder feilschen und streiten, beide stur bis ins Mark und sprunghaft wie spielende Kinder, eben noch neurotisch und nervtötend, dann wieder nur nett und charmant - Hauptsache, es dient dem Sinn ihres Daseins, die Menschheit mit Sinnlosem zu beglücken, mit dem Anblick flüchtiger Monumentalwerke aus Stoff und Stahl, und zwar um jeden Preis.
Für Christo und Jeanne-Claude, zuletzt weltweit auffällig geworden durch die Verhüllung des Reichstagsgebäudes in Berlin, besteht das Leben fast nur aus Kunst und die Kunst vor allem aus Kampf. Ob sie einen 40 Kilometer langen "laufenden Zaun" oder 3100 riesige Schirme in die Landschaft stellen, einen Taleingang mit einem orangefarbenen Vorhang verhängen oder elf grüne Inseln pinkfarben umsäumen - die Probleme bei ihren Projekten sind Teil ihres Programms.
Nun wollen sie einen Fluß in den Rocky Mountains kilometerweit mit wehendem Stoff überspannen. "Over the River" heißt das Vorhaben, und die Konflikte mit Kritikern, Landeignern, Behörden, Umwelt- und Landschaftsschützern sind ihnen wieder gewiß. Sie gehören zu ihrem Werk wie der Weg zum Ziel, denn am Ende werden Gönner wie Gegner, so das künstlerische Kalkül, zu Teilhabern am kreativen Akt.
Am Anfang des Aktes steht, zumindest bei den Landschaftsprojekten, die Suche nach der "location", hier: nach dem geeigneten Fluß - eine generalstabsmäßig vorbereitete, ebenso aufregende wie aufreibende Reise in die Landschaft, die Christo "meine Leinwand" nennt: Von 83 möglichen Flüssen, die während dreier Exkursionen zwischen 1992 und 1994 inspiziert wurden, stehen noch sechs zur Auswahl.
Über 8000 Autokilometer in sechs US-Bundesstaaten sind innerhalb von zwei Wochen zu absolvieren, jeder Tag mit Arbeit und Abenteuer, jeder Abend mit unvergleichlicher Gruppendynamik, jede Nacht in einem anderen gemieteten Bett. Zwölf Leute sind mit von der Partie, Freunde, Sammler, Mitarbeiter, Geschäftspartner - alle Teil der "working family": "Meine Brüder und Schwestern", sagt Jeanne-Claude, "sitzen in diesen beiden Autos."
Jeder hat seine Aufgabe, jeder kennt den Ablauf, und jeder beachtet die wichtigste Regel: Madame hat immer recht. Jeanne-Claude, daran zweifelt keiner der Teilnehmer, ist Generalstochter genug, dem Unternehmen das rechte Maß an Schliff und Pfiff angedeihen zu lassen. Disziplin und Verzicht verlangt sie nicht zuletzt, weil alle auf Kosten der C. V. J. Corp. reisen, der "Christo Vladimirov Javacheff Corporation". Als Präsidentin dieser Firma handelt sie mit den Skizzen und Collagen des einzigen Angestellten, ihres Ehegatten, um Dollar für die Realisierung der nächsten Projekte zusammenzutragen. Christo seinerseits wäre nicht der zerstreute, verträumte Junge geblieben und gleichzeitig der "berühmteste Aktionskünstler der Welt" (Art) geworden, hätte er ihr je das Regiment streitig gemacht - wo er doch auf seine Art ohnehin die Regierung ist.
Wenn er denkt und sie lenkt, wenn sie rechnet, während er noch rätselt, wie Welt und Geld, Kapital und Kunst zusammenhängen, dann offenbart sich ihre Symbiose wie das Symbol ihres Erfolges: Sie leben seit 37 Jahren nicht nur in einer lebendigen Liebesbeziehung. Sie bilden auch, beide zart und zäh, eine perfekt arbeitsteilige Zweckgemeinschaft.
Die beiden sind am gleichen Tag, am 13. Juni 1935, zur Welt gekommen - er als Sohn eines (später enteigneten) Industriellen im bulgarischen Gabrovo, sie, die Adoptivtochter eines französischen Generals, im marokkanischen Casablanca. Sie lernen einander 1958 in Paris kennen, als er das Antlitz ihrer altadligen Mutter auf die Leinwand bringen soll. Seit seiner Flucht über Prag und Wien bis nach Paris kurz zuvor bettelarm, hält Christo sich mit Porträtmalen am Leben.
Gegen den wütenden Widerstand ihrer Eltern zieht Jeanne-Claude bei dem Künstler ein, von dem sie heute noch sagt: "Er ist ein großartiger Liebhaber." Sie bringt ihren afrikanischen Windhund mit in seine winzige Pariser Kemenate, wo später auch noch Platz für den gemeinsamen Sohn Cyril gefunden werden muß.
Seit 1964 lebt die Familie Javacheff in New York, für Christo "als Stadt der Arbeitenden der ideale Wohnsitz" - aber für beide keine Heimat. Zu Hause seien sie dort, ergänzt Jeanne-Claude, wo sie ihre Projekte ansiedeln, und das kann jeder Ort auf Erden sein.
Die Idee für "Over The River, Project for Western USA", war den beiden 1985 in Paris gekommen, als sie den champagnerfarbenen Verhüllungsstoff für den Pont Neuf über der Seine schweben sahen: Wie wäre es, überlegten sie, einen Fluß mittels Tuch optisch aus seiner Umgebung zu heben, ihn zu bedecken und damit neu zu entdecken?
Solch ein Einfall kann in ihrem Fall weitreichende Folgen haben, wenn sich der Vorschlag zum Vorhaben auswächst. Dann weicht das anfangs vage Abwägen dem Konkreten ihrer Kunst, der Erschaffung temporärer Werke, die niemand kaufen kann, die keiner Moral folgen und die keinem anderen Zweck dienen, als zu entstehen und zu vergehen. Vergängliche Sinnbilder als Botschaften gegen den Irrglauben an die Unsterblichkeit - so sehen die beiden ihre Projekte: als Protest gegen den Wahn des Menschen, sich materiell zu verewigen.
Mitreißend dabei die Hingabe an die gemeinsame Sache: "Solange noch einer von uns sehen und einer gehen kann, werden wir weitermachen", sagt Jeanne-Claude. Sie reist mit gebrochener Rippe, ihr Brustkorb ist bandagiert, auf den Schlaglochpisten leidet sie heftige Schmerzen. Er verdirbt sich den Magen in Casper, Wyoming, bei einem der vielen schlechten Dinner, fährt aber weiter mit Bauchweh und Durchfall.
Um die Ausgaben niedrig zu halten, steigen sie in billigen Motels ab - zwei weltgewandte Künstlerfürsten, Pariser Nervenbündel und New Yorker Stadtneurotiker, mit ihrem Troß an der Rezeption zur Provinz namens USA. Hier, in Kleinstadt-Amerika, wo das Land mehr als irgendwo sonst wie eine Karikatur seiner selbst erscheint, wirkt die Gruppe mit ihren Walkie-talkies, Mobiltelefonen und Ausrüstungskoffern ihrerseits wie eine Truppe von einem anderen Stern.
Die Kunst sei ihre Religion, sagen sie, und ihr Glaube trägt das Siegel der Unbesiegbarkeit durch gemeinsames Handeln. Sie wollen einen Fluß überdachen? Also steht der Fluß an oberster Stelle. Sie wollen morgens um sechs ohne Frühstück aufbrechen? Nur Masochisten würden sich Unpünktlichkeiten erlauben und dann das Donnerwetter selbst bei einer nur dreiminütigen Verspätung ertragen. Nur kompromiß- und leidensbereite, mehr oder weniger in sich ruhende Charaktere können es auf Dauer neben dem Ehepaar aushalten - und umgekehrt.
Christo betont ständig, wie kostbar seine Zeit sei, und Jeanne-Claude, daß sie es hasse, auf andere zu warten. Ende der Durchsage. Und wenn sie dann selbst einmal fünf Minuten zu spät bei den abfahrbereiten Autos erscheinen? Dann gibt es eine Lektion in unschuldigem Lächeln und noch mehr wohlwollende Worte für die Wartenden als sonst. Aber wehe, jemand wagte Kritik: Das kann ernst zu nehmende Zwischeneiszeiten im Verhältnis zur Chefin nach sich ziehen.
Zum Ausgleich gibt es eine Sechsflüssefahrt durch die schönsten Landschaften Amerikas, vom Oberlauf des Arkansas River in Colorado über den Rio Grande nahe Santa Fe in New Mexico, die atemberaubende Schlucht des Cache la Poudre nördlich von Denver, den Wind River in Wyoming bis zu zwei Flüssen in Idaho, dem Payette und dem Salmon River.
Wieder ist ein "Punkt Null" erreicht - jene Stelle am Ufer eines Flusses, wo später die erste Stoffbahn zwischen zwei und sieben Meter über der Wasseroberfläche gespannt werden soll. Der Meilenzähler im Auto wird "genullt", um die Gesamtlänge des Projektes zu ermitteln. Zwischen sechseinhalb und neuneinhalb Kilometer sind geplant. Nach Abfahren der Strecke wenden beide Wagen und halten dort, wo Christo die ersten Messungen wünscht.
Die Szene wirkt, von außen betrachtet, ebenso komisch wie konspirativ. Die Kleinbusse halten auf dem Seitenstreifen, ihre Insassen, in der Mehrheit mit Funkgeräten ausgestattet, steigen aus und beginnen mit einer Reihe merkwürdiger Verrichtungen: Ein kleines Schlauchboot wird aufgepumpt und zu Wasser gelassen, in dem zwei Männer kraftvoll rudernd den Wasserlauf überqueren. Sie ziehen eine Schnur hinter sich her, die, während sie drüben die Böschung erklimmen, hüben mit drei gelben Tauen verknüpft wird.
Von drei orangeroten Kabeltrommeln rollen ein Mann und zwei Frauen die gelben Seile ab, die von den Flußüberquerern Stück für Stück auf die andere Seite gezogen werden. Ein nervös auf und ab gehender, hagerer Mann mit altmodischer Brille und Schlapphut und eine meist aufgebracht gestikulierende, heftig geschminkte, nicht minder zierliche Frau mit feuerrotem Haar unter ihrem geschürzten japanischen Sonnenhut geben Anweisungen per Funk.
Das Team erledigt die Flußvermessungen an jedem Wasserlauf nach dem gleichen Schema. Vom Charme des Chaos, der alle Christo-Projekte vom Anfang bis zum Ende begleitet, ist hier weniger zu spüren als von einem geradezu wissenschaftlichen Eifer beim Erfassen der Daten. An jeder der zwei bis fünf Stellen pro Fluß, wo die gelben Seile gespannt werden, hilft ein an den Tauen geführtes und herabgelassenes Lot, die Höhe zwischen der Überspannung und dem Wasser zu ermitteln.
Sobald die Taue gespannt sind, ist Christo nicht mehr zu halten, und mit ihm ist Jeanne-Claude. Er klettert die Böschung herab, um andere Perspektiven zu bekommen. Sie läßt ihn nicht aus dem Blick, mahnt unausgesetzt zur Vorsicht.
Nun macht er sich Bilder, hat die Landschaft vor Augen und "sieht" das fertige Werk vor sich. Er betrachtet die Natur, die das Künstliche erst zur Kunst werden läßt. Durch das Land zieht sich ein leuchtendes Band. Es fließt und glitzert der Fluß, und über ihm wird der Stoff fluten und glänzen. Farbe und Material stehen noch nicht fest, aber das Tuch soll so lichtdurchlässig sein, daß die Kanuten und Flößer darunter wie unter einem Baldachin, einem leichten dahinströmenden Himmel zu Tal treiben werden.
Fotos dienen dem Künstler in seinem Atelier später als Vorlagen für seine Zeichnungen. Diese Arbeiten helfen ihm und Jeanne-Claude zwar auch, ihre Visionen sichtbar zu machen. Christo sieht sie aber vor allem als Kompromiß an den Kunstmarkt - eine Pflichtübung, damit er sich die Kür leisten und "vielschichtige Räume mit den Augen erfühlen" kann.
Wenn er mit seinen braunen Kinderaugen Landschaften förmlich aufsaugt, scheint er die Bilder zu trinken, bis er beschwipst ist von der Weite des Himmels über Wyoming, der Würde schneebedeckter Gipfel in Montana, der stillen Größe abgebrannter Wälder im Yellowstone-Park oder den im Fahren schwindelerregend verschwimmenden Dimensionen im Tal des Colorado River in Utah, gewaltigen Kulissenschiebereien, wie gemacht für den Kopf eines Landschaftskünstlers.
Jeanne-Claude schaut die Welt aus ihren ruhelosen blauen Augen mehr wie ein Mensch auf Raubzug nach Neuigkeiten an. Sobald ihr etwas Unbekanntes oder Fragwürdiges auffällt, wird es Beute ihrer Neugier und Gegenstand ihres unbändigen Mitteilungsdranges. So rastlos, wie sie ihre Mitfahrer mit Getränken, Früchten und Salzgebäck versorgt, so unaufhörlich beschäftigt sie das gesamte Team mit immer neuen Fragen, Kommentaren, Ideen und Witzen. Zwischen den beiden Kleinbussen herrscht so reger Funkverkehr, daß manche im Team die Exkursionen "College on wheels" nennen, "Schule auf Rädern".
"Ein bißchen Mozart bitte", ruft Jeanne-Claude. Nachdem sie eines Tages beschlossen hat, fortan ausschließlich dem Ouvre des Österreichers ihr musikalisches Ohr zu schenken, fährt Amadeus als exklusiver Lieferant von Melodie und Ton bei allen Ausflügen mit. Unglücklicherweise haben diesmal nur zwei Kassetten den Weg in das ansonsten üppige Gepäck gefunden.
Augenblicke der Ruhe und Besinnung zählen zu den Raritäten im Leben der Jeanne-Claude Christo-Javacheff. Zwischendurch steht sie per Mobiltelefon ständig mit ihrer New Yorker Assistentin in Kontakt, organisiert Ausstellungen, bereitet Reisen vor und erledigt Geschäfte. Noch immer steht das Unternehmen Christo bei deutschen Banken mit über sechs Millionen Dollar in der Kreide.
"Christo ist der Motor", hat sie oft gesagt, "und ich bin sein Gaspedal." Und als müsse sie der Maschine ordentlich einheizen, läßt ihr sprunghafter Geist permanent Neues hervorsprudeln: "Haben wir beim letzten Tanken eigentlich den Reifendruck überprüft?" - "Schaut euch mal diese Scheune da hinten an" - "Kinder, ihr müßt mehr Wasser trinken".
Ihre Fürsorge kann ein Ausmaß annehmen, das sensiblere Naturen leicht als Bevormundung empfinden könnten.
Sie: "Darling, du bist wieder nicht angeschnallt."
Er: "O ja, du hast recht, Chérie."
Sie: "Ich halte dir den Gurt."
Er (geduldig): "Danke dir vielmals."
Sie (freundlich): "Nichts zu danken."
Er (schreit): "Mais j'ai dit thank you - aber ich habe doch danke gesagt."
Sie (genervt): "Sorry, Darling."
Dicke Luft. So einig sich die beiden im großen sind, so zerstritten können sie im kleinen sein. Und wenn die zwei sich streiten, freut sich kein Dritter. Wer sie nicht kennt, könnte beim Anblick solcher Szenen zu der Ansicht gelangen, die Christos lägen im Ehekrieg. Für die beiden gehören die Auseinandersetzungen indes ebenso zum Spektrum ihres Miteinanders wie das zärtliche Händchenhalten beim Anblick einer archaischen Landschaft.
Gäbe es einen Wettbewerb in Eigensinn, Jeanne-Claude und Christo würden problemlos das Finale erreichen - und sich dann gemeinsam zum Sieger erklären. Es gibt, erklärt Jeanne-Claude, ohnehin nur drei Dinge, die sie nicht gemeinsam machen: "Ich zeichne nicht, er macht keine Abrechnungen, und wir benutzen nie dasselbe Flugzeug."
Ihr gelegentlicher Zank unterstreicht nur die Stärke ihrer Verbindung, die vor gut zwei Jahren ein in den Augen mancher Kritiker absurdes Ausmaß angenommen hat: "Wir haben beschlossen", erklärt Jeanne-Claude, "eine Person zu sein."
"Familien"-Gerüchten zufolge soll ihr nach einem gemeinsamen Vortrag in New York endgültig der Kragen geplatzt sein, als ein Zuhörer sie fragte: "Wie geht es Christos Sohn?" Noch am selben Abend habe die Mutter des gemeinsamen Sohnes alles in die Wege geleitet, berichten Freunde, den tatsächlichen Zustand der Verbindung zum Status quo zu erklären: Da für die beiden ein Werk nicht nur in seiner endgültigen Verwirklichung, sondern im gesamten Prozeß vom Entwurf bis zur Entsorgung besteht, da sie überdies viele Ideen gemeinsam entwickelt haben und zumindest jene für das Projekt "Surrounded Islands" allein von ihr stammte, sollte es fortan nur noch einen Ansprechpartner namens "Christo und Jeanne-Claude" geben.
Seither unterschreiben sie nur noch gemeinsam, geben Vorträge und Interviews ausschließlich zusammen - und wer nicht bereit ist, die Lektion zu lernen, kann Jeanne-Claude von ihrer unangenehmsten Seite kennenlernen: "Wenn Sie fortfahren, von Christo allein zu reden", machte sie dem Zeit-Mitarbeiter André Müller klar, "ist dieses Gespräch beendet. Dort ist die Tür."
So schwierig es ist, zwei Menschen wie einen zu behandeln - das Expeditionsteam hält sich eisern an die Vorgabe. Und als doch einmal einer nur Christo nach seinen Gedanken fragt, fährt Madame sofort aus der Haut: "Immer Christo, Christo! Jeanne-Claude denkt genauso." In diesen Augenblicken ist es ihr Mann, der sagt: "Reg dich nicht auf, Chérie."
Wenn es stimmt, daß die Art, wie Leute reisen, etwas über ihr Wesen verrät, dann gehören die Eheleute Javacheff wohl zur Gruppe der Nomaden im Niemandsland ihrer eigenen Träume. Auf dem Weg von Idaho zurück Richtung Süden leisten sie sich den Umweg zum Rifle-Durchbruch im Westen Colorados.
Ergriffen stehen sie schließlich an jener Stelle, wo vor knapp 25 Jahren ihr "Valley Curtain" das Tal überspannte. Noch einmal durchleben sie im Gedächtnis die Stunden, als das orangefarbene Tuch sich erhob, als es schon nach einem Tag durch eine Sturmböe zerriß, wie Jeanne-Claude daraufhin weinte und Christo zu ihr sagte: "War doch nur ein Vorhang, und wir haben ihn gesehen."
Immer wieder kehren sie zu den Stätten ihres Wirkens zurück, als ob ihnen ihre Werke sogar lange nach deren Verschwinden mehr Heimatgefühle verschafften als jeder andere Ort. "Ich empfinde mich als Fremder in dieser Welt", sagt Christo. Diese Fremdheit sei die Basis ihres Schaffens. "Von unseren Werken bleibt nichts als die Erinnerung", sagt Jeanne-Claude.
Und dann steuern sie noch einmal jenen Fluß an, wo ihre Reise begann. Am Arkansas River in Colorado, nahe der Ortschaft Salida, gerät Christo so ins Schwärmen, daß jeder im Team ahnt: Die Entscheidung ist längst gefallen. Diese Stelle kennt er genau, er hat sie wieder und wieder als Vorlage für seine Zeichnungen verwendet.
"Schaut euch diese phantastischen Felsen an", ruft Christo enthusiastisch. "Tsch, tsch, tsch" - er macht mit den Händen die Bewegung von Wasser nach - "die werden so schön die Form des Flusses zeigen, sch, sch, sch." Er hat sich in den Kopf gesetzt, den Fluß in zwei weit auseinanderliegenden Abschnitten zu bedecken - "als Überraschung für unsere Freunde. Wenn sie glauben, es ist vorbei, kommt noch ein Stück".
Jeanne-Claude ist offenbar noch nicht überzeugt von diesem Doppel-Konzept.
Er (begeistert): "Chérie, mir gefällt es so sehr."
Sie (sachlich): "Ich bin mir nicht sicher, ob wir das brauchen, Darling."
Er (schmollend): "Aber ich mag es wirklich sehr, Chérie."
Sie (streng): "Darling, darüber reden wir später."
[Grafiktext]
USA: Reiseroute von Christo und Jeanne Claude
[GrafiktextEnde]
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 48/1996
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