25.11.1996

„Schönster Krimi aller Zeiten“

Er galt als unschuldiger, ermordeter Tor und wurde zum Symbol seiner Zeit: Um Leben, Herkunft und Tod des Findelkinds Kaspar Hauser tobt seit seinem plötzlichen Auftauchen im Jahre 1828 ein erbitterter Streit. War der rätselhafte Tölpel ein in der Wiege ausgetauschter Baden-Prinz? Jetzt lüfteten Genforscher das Jahrhundertgeheimnis.
Den Mund vermummt mit einem weißen Tuch, die Hände in Plastikhandschuhen, holte Gottfried Weichhold den Fetzen einer schwarz besudelten Unterhose aus dem Safe.
Dort hatte er den etwa streichholzschachtelgroßen Lappen wochenlang gelagert, zusammen mit den geheimsten Dokumenten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität München.
Der Pathologe hatte sich gut vorbereitet auf den Moment, in dem er seinen Schatz ins Labor trug. Alle Lösungsmittel und Reagenzien warf er aus dem Raum, in dem er sonst routinemäßig in Blutspuren von Mordverdächtigen oder im Sperma von Vergewaltigern nach verräterischen Indizien fahndet.
Diesmal mußte er noch sorgfältiger vorgehen als sonst. Er orderte neue, hochreine Chemikalien. Er bestrahlte sie mit UV-Licht, um noch darin schwimmende Biomoleküle zu zerhacken.
Alle Laboranten wurden zur Ader gelassen, ihr Blut wurde analysiert: Falls es später zu irgendeiner Verunreinigung durch menschlichen Speichel, Schweiß oder Hautschuppen kommen sollte, wollte er anhand dieser Daten den Ursprung des Fehlers ermitteln können.
Dann erst schien die Zeit reif, den Stoffetzen aus dem Tresor zu holen. Weichhold tunkte das Gewebe in eine Lösung aus Salzen und Enzymen. Langsam bildeten sich Schlieren in der klaren Flüssigkeit, bis sie sich trübrot gefärbt hatte.
Dieser rötlichen Lösung hoffte Weichhold die Antwort auf ein Rätsel zu entlocken, das die Phantasie von Generationen beschäftigt hat. Denn der schwarze Fleck auf der Unterhose stammte von verkrustetem Blut. In der Flüssigkeit schwammen die molekularen Zeugen einer Gewalttat, vor 163 Jahren verübt an einem einfältigen Toren, der zum Symbol seiner Zeit geworden war: Kaspar Hauser.
Am Pfingstmontag des Jahres 1828 hatte sich der unbeholfene Jüngling eigenartig wankend den Toren Nürnbergs genähert. Jählings war er aus dem Nichts aufgetaucht. Seither sind die Gerüchte um seine rätselhafte Herkunft nicht zur Ruhe gekommen.
War er ein abgefeimter Betrüger, der sich Zugang zu adligen Kreisen erschleichen wollte? Oder war er, wie es fast alle Historiker für erwiesen halten, ein aus der Wiege entführter und jahrelang in einem Kellerloch eingeschlossener Erbprinz aus süddeutschem Fürstenhaus?
Mit Hilfe moderner Methoden der molekularen Analytik wollte Pathologe Weichhold allen Spekulationen ein Ende machen. Denn nun hielt er ein Reagenzglas in Händen, in dem winzige Mengen von Erbmolekülen des Toten schwammen, der 1833 an einer Stichwunde starb. Nicht mehr als 50 DNS-Fragmente - eine Menge, die noch vor kurzer Zeit weit unterhalb der Nachweisschwelle lag.
Inzwischen aber macht es die gerichtsmedizinische Diagnostik möglich, diese Restspuren nicht nur zu isolieren, sondern auch millionenfach zu kopieren und dann detailliert zu analysieren.
Jedes einzelne Erbmolekül (DNS) entpuppt sich dabei gleichsam als biologischer Personalausweis, den die Natur all ihren Geschöpfen mitgegeben hat - ein Dokument, das Auskunft gibt über Identität, Eigenschaften und Abstammung.
Die Fahndung nach Genen in mehr als ein Jahrhundert altem Blut ist auch für die Experten des Münchner Instituts wissenschaftliches Neuland. Denn nach 163 Jahren ist die DNS zu einem verblichenen, angefressenen und zerschlissenen Dokument geworden. Sie wurde von Enzymen gespalten, von Mikroorganismen verdaut, von Sauerstoff oxidiert. Von den oft meterlangen Molekülsträngen sind nur winzige Bruchstücke erhalten.
"Die Zerstörung war so weit fortgeschritten, daß wir bis dicht an die Nachweisgrenze gekommen sind", erklärt Weichhold. Und doch konnte sein Chef Wolfgang Eisenmenger nach vierwöchiger Spürarbeit vergangene Woche schließlich triumphieren: "Wir haben die Nadel im Heuhaufen gefunden."
Damit ist eine Legende widerlegt, die gekrönte Häupter und kluge Köpfe in den Bann schlug und bis jetzt zu den unaufgeklärten Geheimnissen der Geschichtsforschung gehörte. Das Rätsel ist gelöst, der historische Krimi, der so viele Phantasien freisetzte, erweist sich als ein Märchen aus der deutschen Romantik: das Auftauchen aus dem Nirgendwo, das unsägliche Leiden und Sterben des Wildlings Kaspar Hauser - und die unendlichen Fragen nach seinem Geblüt.
Vor 168 Jahren fand er sich plötzlich ein, ein junger Mann, des Sprechens kaum kundig und verwahrlost - sensationelles Thema für die Salons, die sich nach den Lehren des französischen Philosophen Rousseau an einem Wesen ergötzten, welches außerhalb der Gesellschaft aufgewachsen war, und mehr noch: Zu jeglicher Spekulation bot er Anhaltspunkte, er sei in Wirklichkeit ein vertauschter Prinz, und im Palast in Karlsruhe sei emsig gemeuchelt, Hauser selbst jedenfalls fünfeinhalb Jahre nach seinem Erscheinen ermordet worden.
Nun ist der Mythos entzaubert - das anrührende, sehr gefühlsträchtige, sehr deutsche Mysterium um einen Nobody, der zur Klasse der Herrschenden gehört haben könnte.
Kaspar Hauser, zum "Kind von Europa" ernannt und vom unzivilisierten Bruder Einfalt zum Mittelpunkt der Interessen und Intrigen einer von loderndem Fürstenhaß erfüllten Zeit avanciert, blieb bis jetzt Objekt einer kaum faßbaren Faszination, die alle Facetten zwischen schwärmerischer Verehrung und wütender Verachtung einschloß.
Sie brachte selbst einen so kritischen Geist wie Kurt Tucholsky dazu, "Kaspar Hauser" zu einem seiner Pseudonyme zu wählen, unter denen er in der Weltbühne der Weimarer Republik Spießertum, Nationalismus und Militarismus der Deutschen geißelte.
Der Begründer des modernen Strafrechts, Anselm von Feuerbach, bayerischer Staatsrat und Gerichtspräsident, wurde der eifrigste Förderer des Findlings zu dessen Lebzeiten. Er wähnte nach eingehenden Untersuchungen in dem verwirrten Knaben das beklagenswerte Opfer einer "allergreulichsten" Untat höchster Kreise.
Insgeheim informierte Feuerbach seine oberste Autorität, das bayerische Königshaus, er halte Kaspar Hauser für den verschwörerisch vertauschten Erbprinzen des Großherzoglichen Hauses Baden - das war jene Familie, die den letzten Reichskanzler des deutschen Kaisers stellte, Prinz Max von Baden, und der immerhin wollte die Gebeine Kaspar Hausers in der Familiengruft zu Pforzheim beisetzen lassen.
An seiner Verwandtschaft mit dem Findelkind von Nürnberg haben seit Feuerbach "Hauserianer" aller Schattierungen festgehalten, die Version steht auch im Lexikon, obwohl der Brockhaus von 1899 den Kaspar Hauser noch als "wahrscheinlichen Betrüger" eingestuft hatte.
Die Mär, sie war zu schön. Der russische Großfürst Nikolai Michailowitsch aus der Familie des Zaren, ein anerkannter Historiker, legte um die Jahrhundertwende ein umfangreiches Dossier über Kaspar Hauser an. Nach lebenslangen Recherchen war er davon überzeugt, der Findling sei ein Baden-Prinz und damit auch sein eigener Verwandter gewesen, denn der Russe Nikolai hatte die badische Prinzessin Cäcilie zur Mutter.
Der Schriftsteller Jakob Wassermann verdichtete die Erbprinzen-These zu seinem 1908 erschienenen Erfolgsroman "Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens", für Golo Mann "der schönste Krimi aller Zeiten", bei dessen Lektüre er habe weinen müssen. Rolf Hochhuth, der das Wassermann-Buch "herzlähmend" fand, verglich Hausers Schicksal und Faszination gar mit dem Leidensweg der nach jahrelangem Durchhalten in engem Versteck aus Amsterdam in den KZ-Tod verschleppten Anne Frank.
Noch zu Lebzeiten von Esoterikern zum "Großen atlantischen Eingeweihten" erhoben, von Mystikern als Bote von einem fremden Stern ausgegeben - eines war er, und das läßt sich erstmals beweisen, mit Sicherheit nicht: Kaspar Hauser war nicht der Erbprinz von Baden.
Was allen Mutmaßungen, Thesen und Indizien stets gefehlt hatte, waren schlüssige Beweise. Die konnte es nach menschlichem Ermessen nach all der Zeit auch nicht mehr geben, also durfte nach Herzenslust weiter geforscht und weiter spekuliert werden - bis jetzt. Denn nun erst bot die Wissenschaft eine Chance, unbeeinflußt von allen widerstreitenden Interessen, echten oder gefälschten Akten und Zeugenaussagen, das Jahrhundertgeheimnis zweifelsfrei zu enthüllen. Dieses Mittel hat die Stadt Ansbach mit ihrem Oberbürgermeister Ralf Felber in Zusammenarbeit mit SPIEGEL und SPIEGEL TV genutzt.
Im Frühjahr dieses Jahres wurden der in Ansbach aufbewahrten blutbefleckten Kleidung des erdolchten Findlings von Experten die Proben entnommen.
Spuren dieser Erbmasse DNS, die ausschließlich eine Mutter an ihre Kinder weitergeben kann, wurden verglichen mit Genen von weiblichen Nachkommen in direkter Linie der Großherzogin Stéphanie von Baden, einer Adoptivtochter des Kaisers Napoleon. Die soll leibliche Mutter Kaspar Hausers gewesen sein.
"Die Blutspuren können von keinem Sohn der Stéphanie stammen", urteilt John Bark vom Dienst für Forensische Forschung des britischen Innenministeriums in Birmingham. Dieses zweite vom SPIEGEL beauftragte weltrenommierte Institut hat per DNS-Analyse bereits die Echtheit der bei Jekaterinburg gefundenen Gebeine der von den Bolschewiken massakrierten Zarenfamilie verifiziert und die angebliche Zarentochter Anastassija, alias Anna Anderson, als Schwindlerin entlarvt.
Ende einer Legende. Sieben Jahrzehnte lang hatte sich der Saarbrücker Professor Hermann Pies gemüht, den Fall Hauser anhand noch vorhandener Akten aufzuarbeiten. Der Erbe seines Lebenswerkes und Verfasser mehrerer Bücher über Hauser, Johannes Mayer, kam mit seinem Koautor Peter Tradowsky 1984 in seinem Buch "Kind von Europa" zu dem Schluß, daß die Ermordung Kaspar Hausers schlüssiger Beweis seiner fürstlichen Abstammung sei.
"Prinz von Baden" ohne Fragezeichen nannte die Hamburger Studienrätin Ulrike Leonhardt ihre Biographie des geheimnisvollen Menschenkindes, ein "gelungenes Buch", so nicht nur der SPIEGEL. Die Süddeutsche Zeitung befand: "Sie scheint das Geheimnis um Kaspar Hauser endgültig gelüftet zu haben."
Die Zeit hatte "keinen Zweifel mehr an der Täterschaft des Hauses Baden" nach Erscheinen des Sachbuches "Der Kriminalfall Kaspar Hauser" von Ferdinand Mehle, der 1994 befand: "An Hausers badischem Prinzentum kann heute nicht mehr gezweifelt werden, zu erdrückend sind die Beweise. In einer beispiellosen detektivischen Kleinarbeit, die sich über mehr als 100 Jahre hinzog, wurde das Rätsel gelöst."
Sie haben sich alle geirrt.
Warum aber, wenn denn Hauser bloß ein gerissener Gauner oder sonst irgendein namenloser Niemand gewesen wäre, hatten sich schon zu seinen Lebzeiten und erst recht nach seinem Tode die Fürsten halb Europas so auffallend für den mysteriösen Waisen interessiert?
Deutsche und französische Kaiser wie russische Zaren, die Königshäuser in England und Schweden, der Hof zu Wien, vor allem aber die deutschen Fürstenfamilien hielten offenbar eine schlimme Schandtat, begangen von ihresgleichen, für durchaus denkbar. Mitglieder des badischen Hofes selbst ließen systematisch Dokumente verschwinden oder vernichten, insgesamt verwehrte die Sippschaft aus Karlsruhe bis in unsere Tage Einblick in ihre Hausarchive.
Ein Badener Herzog verlor über der Affäre den Verstand. Bayernkönig Ludwig I. hatte mit 10 000 Gulden die bis dahin höchste Belohnung der deutschen Kriminalgeschichte für die Klärung von Hausers Tod ausgelobt.
Er war so fest von der Täterschaft des badischen Hofes überzeugt, daß er seine geheime Polizei mit der Überwachung der Badener beauftragte. Vor direkten Aktionen scheute er dann wieder zurück, da jetzt, "wo die liberale Zersetzung die deutschen Throne gefährdet, den badischen Herrscher disqualifizieren, das hieße die Festigkeit aller deutschen Dynastien in Frage zu stellen".
Ein breites Publikum überzeugte der 1993 gedrehte Film "Kaspar Hauser" von Peter Sehr, die vierte deutsche Verfilmung des dramatischen Stoffes. Darsteller André Eisermann: "In allen Menschen steckt etwas von Kaspar Hauser."
Vielen galt das Kinostück als Aufklärung einer Staatsaffäre um kriminelle höfische Ränke nach einem über zwei Menschenalter währenden historischen Indizienprozeß. So sieht es zumindest die Phalanx der Hauser-Verehrer, die bis heute in Nürnberg und Ansbach nach Zeugnissen des beklagenswerten Kindes suchen, "eines Menschen, geschlagen und getötet, ohne zu wissen, warum und wofür", so eine Informationsschrift aus dem Markgrafenmuseum von Ansbach.
"Auf den Spuren Kaspar Hausers" wandeln Tausende Besucher durch die mittelfränkische Regierungshauptstadt, vom Museum zum früheren Appellationsgericht, an dem der erstaunlich gelehrige Jüngling als Schreiber tätig war, zu einem Denkmal, das jenen Platz markiert, wo er am 14. Dezember 1833 die tödliche Stichwunde erhielt.
Nach einer Stärkung in der Gaststätte "Kaspar Hauser" oder mit Kaspar-Hauser-Torte, vielleicht dem Kauf einer kunstvollen Hauser-Puppe, -Silbermünze oder gar eines T-Shirts mit dem Porträt des Frühverblichenen, pilgern sie zum Grabstein auf dem St.-Johannis-Friedhof mit der güldenen Inschrift auf lateinisch: "Hier ruht Kaspar Hauser, das Rätsel seiner Zeit, unbekannt seine Herkunft, dunkel sein Tod 1833" (siehe Titelbild).
Obschon der Deutschen allerliebster Märchenprinz nun von komplizierten Chemikalien und leistungsstarken Computern entzaubert ist, wabert das Mysterium Kaspar Hauser, das durch all die Generationen solch leidenschaftliche Anteilnahme weckte, wohl doch noch weiter: Jetzt ist entschlüsselt, wer Hauser nicht war. So sensationell, wegweisend diese Erkenntnis ist, sagt sie doch noch nicht, wer dieser Kaspar wirklich war.
Und so ist auch die bizarre Geschichte noch nicht abgeschlossen, von der die Biographin Leonhardt behauptet, "es gab nie etwas Ähnliches, und es wird auch nie wieder etwas Ähnliches geben" - jenes Drama, das am 26. Mai 1828 mit einem starken Auftritt des Hauptdarstellers in der altfränkischen Biedermeier-Idylle begann und sich "zu einer der größten Rätselfragen der neueren Geschichte auswuchs", so ein Hauser-Autor.
Gegen fünf Uhr nachmittags fiel zwei Bürgern am Unschlittplatz zu Nürnberg eine Gestalt auf, die vom nahen Bärleinhuterberg auf unsicheren Beinen wie ein Betrunkener heruntergestolpert kam. Sie sprachen den Burschen an, aber der schien sie nicht zu verstehen. Er wiederholte nur immer denselben Satz: "Ä sechtene Reutä möcht i wähn wie mei Vottä wähn is" - also ein solcher Reiter wolle er werden, wie sein Vater gewesen sei.
Dazu wies er einen Brief mit der Aufschrift "An Tit. Hl. Wohlgebohner Rittmeister bey der 4ten Esgataron bey 6ten Schwolische Regiment in Nierberg" vor. Die Schwolischen, das waren die Dragoner, die "Chevaulégers". Also wurde der kauzige Fremdling, der kaum zu gehen vermochte, zum Rittmeister von Wessenig gebracht, der die Vierte Eskadron der 6. Chevaulégers befehligte.
Der Brief, den er dabeihatte, war in ungelenkem und fehlerhaftem Deutsch geschrieben, aber gut lesbar "Von der Bäiernschen Gränz" adressiert. Er besagte, daß der Knabe, der seinem König "getreu dienen möchte", dem anonymen Absender "gelegt" worden sei. Der habe ihn "Zeit 1812 Keinen Schrit weit aus dem Haus gelaßen", wolle ihn aber nun vom Halse haben. Der Bub wisse nicht, wo er gewesen sei - und "wen Sie im nicht Kalten so müßen Sie im abschlagen oder in Raufang auf henggen".
Dem Schreiben war noch ein Blatt Papier in anderer Schrift beigelegt, von der Graphologen später sagten, sie sei nur verstellt, stamme aber von derselben Person. Dieser sogenannte Mägdlein-Zettel hatte folgenden Wortlaut: *___Das Kind ist schon getauft sie Heist Kasper in Schreib name ____misen sie im selber geben das Kind möchten Sie auf Zihen sein ____Vater ist ein Schwolische gewesen wen er 17 Jahre alt ist so ____schicken sie im nach Nirnberg zu 6ten Schwolische Begiment da ____ist auch sein Vater gewesen ich bitte um die erzikung bis 17 ____Jahre gebohren ist er im 30 Aperil 1812 im Jaher ich bin ein ____armes Mägdlein ich kan das Kind nicht ernehren sein Vater ist ____gestorben.
Der Bub wies jede Nahrung mit Gebärden des Abscheus zurück, bis jemand Brot und Wasser brachte. Das nahm er offenbar heißhungrig zu sich. Sein späterer großer Gönner Feuerbach befand in dem Standardwerk "KASPAR HAUSER - Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen": "Sein ganzes Wesen und Benehmen zeigte an ihm ein kaum zwei- bis dreijähriges Kind in einem Jünglingskörper." Als dem Jungen eine Feder mit Tinte und Papier hingelegt wurde, schrieb der kindische Fremdling freilich in festen Zügen den Namen "Kaspar Hauser".
Der merkwürdige Delinquent kam in den Gefängnisturm "Luginsland" auf der Nürnberger Burg. Obwohl das unbekannte Wesen zu den zwei Kindern des Gefängniswärters Hiltel schnell Zutrauen zeigte und die Hausfrau nach dem Beispiel der beiden "Mutter" nannte, war kaum Vernünftiges aus ihm herauszubringen.
Stadtgerichtsarzt Dr. Preu untersuchte den Zugereisten und fand ihn "weder verrückt noch blödsinng": *___Er ist wie ein halbwilder Mensch in Wäldern erzogen worden, ist ____zur ordentlichen Kost nicht zu bequemen, sondern lebt bloß von ____schwarzem Brot und Wasser. Doch ist der geimpft, wie man am ____rechten Arm deutlich sieht.
Preus Stellvertreter Dr. Osterhausen stellte auch körperliche Abnormitäten vor allem an Becken und Beinen fest, aus denen er folgerte, der Findling müsse "viele Jahre hindurch ununterbrochen in sitzender Stellung zugebracht haben".
Die Kunde von diesem Sonderling auf dem Turm lockte scharenweise Neugierige an, die das geistig und körperlich ungelenke Menschenkind wie ein wildes Tier im Zoo bestaunten, ihn zu füttern und zu necken suchten, was den Burschen zunehmend verängstigte.
Der Nürnberger Bürgermeister Jakob Friedrich Binder erließ eine amtliche "Bekanntmachung" über dieses "Opfer unmenschlicher Behandlung, das immer ganz allein eingesperrt war und niemand anders sah und hörte als das Ungeheuer, das ihm seine einzige Nahrung reichte", über ein Wesen, das "die höchste Unschuld der Natur" verkörpere.
Der Aufruf traf genau den gefühlsschwangeren romantischen Zeitgeist und erregte ungeheures Aufsehen in allen deutschen Landen. Alsbald meldeten sich vorgebliche Erzeuger dieses Wunderwesens, die freilich als Schwindler entlarvt wurden. Und dann kam ein anonymer Hinweis aus Baden, Kaspar Hauser sei der 1812 geborene und angeblich bald nach der Geburt verstorbene, in Wahrheit aber vertauschte Sohn des Großherzogs Karl und seiner Gattin Stéphanie.
Der Präsident des Appellationsgerichts zu Ansbach, Anselm Ritter von Feuerbach, nahm das Corpus delicti daraufhin selbst in Augenschein. Der scheue junge Mann faszinierte ihn vom ersten Augenblick an als ein Fall, "dergleichen in Jahrtausenden vielleicht noch nicht ein einziges Mal vorgekommen". Er befreite ihn aus dem Polizeigewahrsam und übergab ihn der Obhut des Nürnberger Professors Georg Friedrich Daumer, eines Dichters und Okkultisten, der später den ersten deutschen Tierschutzverein gründete. Er träumte von einer neuen Religion und sah in Kaspar Hauser, "so rein wie das Licht", quasi ein gottgesandtes Medium.
Daumer lehrte seinen Schützling Schach und Malen, ermunterte ihn, aus Erinnerungsfetzen und Träumen soviel wie möglich aufzuschreiben. Er gewöhnte ihn auch an normale Kost.
Nach Methoden des damals populären Homöopathen Hahnemann unternahmen Daumer und Dr. Preu mannigfaltige medizinische und magnetische Experimente mit dem zahmen Wilden, bei dem sie "bis zum Somnambulismus gesteigerte hohe Empfindlichkeit seiner Sinne", Bläschenbildung, Krätzansteckung durch Anhauch, Anfälle von Besinnungslosigkeit, Schwere des Kopfes und Gedrücktheit des Geistes, Reizung durch Gerüche und Metalle und weitere Leiden feststellten, die sodann mit Brechwurz, Kieselsäure und Schwefel behandelt wurden.
Auf Bärlappsporen reagierte der Patient in einer Weise, die Autoren des 19. Jahrhunderts bewog, dies "mit Rücksicht auf das Anstandsgefühl der Leser in lateinischer Sprache wiederzugeben": Er bekam sieben Tage lang jeden Morgen Erektionen, worüber er sich, da er damit nichts anzufangen wußte, bei seinem Erzieher bitter beklagte.
Das erste Unheil traf den illustren Sonderling anderthalb Jahre nach seiner Menschwerdung. Am 17. Oktober 1829 wurde Kaspar im Keller des Daumerschen Domizils mit einer schweren Kopfverletzung aufgefunden. Er sei, berichtete er, von einem schwarzgekleideten Mann mit einer Hiebwaffe angefallen worden. Bayernkönig Ludwig setzte eine Belohnung von 500 Gulden für die Ergreifung des Attentäters aus und stellte sogar zwei Polizisten ab, die Hauser fortan auf Schritt und Tritt begleiteten.
Der zum Vormund Hausers bestellte Gerichtsassessor Gottlieb Freiherr von Tucher brachte ihn beim Kaufmann Johann Christian Biberach unter. Dort stellten sich jedoch Konflikte ein, die, wie Tucher in einem Brief an Feuerbach argwöhnte, an der Ehefrau des Hausherrn lagen, "die an einer krankhaften Überreizung durch zu heftigen Geschlechtstrieb leidet".
Tucher nahm sein Mündel ins eigene Haus. Im fernen Berlin erschien eine Abhandlung über "Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger. Dargestellt von dem Polizeirath Merker". Der hatte Hauser zwar nie gesehen, kam aber aufgrund des vorliegenden Materials zu der für ihn zwingenden Folgerung, die Vergangenheit des Findlings könne so, wie dargestellt, nicht gewesen sein.
In Paris kam ein Morgenrock à la Kaspar Hauser in Mode. In Nürnberg glaubte ein durchreisender preußischer Offizier entdeckt zu haben, daß Kaspar ungarische und polnische Wortbrocken verstand, Anlaß für neue Gerüchte um Hauser als ungarischen Adelssproß.
Schon am Tag der Verletzung des Jungen war in Nürnberg ein englischer Lord namens Philip Henry 4. Earl of Stanhope aufgefallen, der sich eingehend nach Hausers Befinden erkundigte.
Der Earl, ein Neffe des Britenpremiers William Pitt, war beim Hochadel quer durch Europa wohlbekannt. Er dinierte mit dem Wiener Kanzler Metternich, kundschaftete für seine Regierung sizilianische Wirren aus - und verkehrte als häufiger Gast auch am Badischen Hof. Er stiftete bereits nach fünf Tagen die Summe von 500 Gulden "zum Besten von Caspar Hauser", überhäufte den entzückten Waisenknaben mit Aufmerksamkeiten und Geschenken.
Der korrekte Beamte Tucher sprach von "unvernünftigster Affenliebe", Lehrer Daumer alterierte sich über "die Liebkosungen, welche der Graf dem Findling sogar öffentlich erwies", und "wie sich der Graf von Hauser küssen und streicheln ließ". Hauser, vom Nürnberger Magistrat, der damit 200 Gulden pro Jahr sparte, dem Lord zur Obhut übergeben, übersiedelte nach Ansbach.
Feuerbach widmete seine berühmte Hauser-Studie über das "Verbrechen am Seelenleben" arglos "Euer Herrlichkeit", dem Lord Stanhope. Der Jurist gelangte in einem geheimen "Memoire" an die bayerischen Majestäten zu dem Schluß: *___Kaspar Hauser ist das eheliche Kind fürstlicher Eltern, welches ____hinweggeschafft worden ist, um Andern, denen er im Wege stand, ____die Sukzession zu eröffnen ... *___Was die Frage betrifft, in welche hohe Familie Kaspar gehören ____möge ... - die Feder sträubt sich, diesen Gedanken ____niederzuschreiben - das Haus Baden.
Hintergrund solcher Spekulationen: Markgraf Karl-Friedrich, ein aufgeklärter Absolutist aus dem tausendjährigen Geschlecht der Zähringer, vom gleichen Stamm wie die Habsburger, hatte ab 1738 Baden 73 Jahre lang regiert. Unter seiner Herrschaft wuchs sein Völkchen von 90 000 auf eine Million Einwohner, das Land wurde Großherzogtum. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er eine Hofdame, die auch noch sein Patenkind war. Die 40 Jahre jüngere Luise Geyer von Geyersberg, eine Schönheit, galt trotz späterer Beförderung zur Gräfin Hochberg keinesfalls als standesgemäß.
Kinder aus dieser morganatischen Ehe erhielten daher nicht den Rang von badischen Prinzen, sondern blieben Grafen von Hochberg. Hoffnungen auf die Thronfolge konnten sie sich nur dann ausrechnen, wenn es keine männlichen Nachkommen aus Karl-Friedrichs erster Ehe mehr gab - aus welcher der Großherzog aber noch drei Söhne hatte.
Der erste, der Erbprinz, fiel in Stockholm einem Unfall zum Opfer. Die ehrgeizige Gräfin Hochberg, die ihrem betagten Gatten noch vier Söhne und vier Töchter schenkte, kämpfte um das Thronfolgerecht ihrer Sprößlinge. Sie bemühte sogar Napoleon, der für seine Neuordnung Europas an Baden höchst interessiert war, aber dann lieber dem Sohn des Erbprinzen eine Ehefrau zuteilte: Stéphanie de Beauharnais aus der Familie seiner Gattin Joséphine.
Während Napoleon gerade in Rußland seinen Krieg verlor, gebar Stéphanie 1812 den badischen Thronerben, einen ungewöhnlich kräftigen Knaben, der jedoch nach gut zwei Wochen starb. Sogleich kamen Spekulationen auf, bei Hof gehe es nicht mit rechten Dingen zu.
Der französische Gesandte forderte eine Obduktion, an der auch ein französischer Arzt teilnahm. Dabei wurde kein Gift gefunden, sondern die hofamtliche "Stickfluß"-Diagnose - Gehirnblutung mit Erstickungsanfällen - als Folge der Zangengeburt bestätigt.
Aber auch der zweite Sohn von Karl und Stéphanie, 1816 geboren, starb bereits nach einem Jahr - "an den Folgen eines sehr beschwerlichen Zahnausbruches", so die Mitteilung des Hofes. Diesmal gab es keine Obduktion - Napoleon hatte als Verbannter in St. Helena keinen Einfluß mehr auf badische Belange.
Der erbfolgeberechtigte kinderlose Onkel Friedrich verblich, und bald darauf segnete auch noch Stéphanies Ehemann Karl selbst im Alter von 32 Jahren das Zeitliche. Binnen sechs Jahren waren also vier Zähringer Thronberechtigte ins Grab gesunken, kaum jemand mochte noch an Zufall glauben. Dies um so weniger, als Karl im Sterbebett äußerte, er und seine Söhne seien vergiftet worden. 1830 war es dann soweit. Da bestieg nach dem Aussterben aller männlichen Zähringer der älteste Sohn der Gräfin Hochberg, Leopold, den badischen Thron.
Da war aber auch längst schon das Phänomen Kaspar Hauser landauf, landab in aller Munde und auch das fürderhin wuchernde Gerücht, der Findling von Nürnberg sei in Wahrheit der erstgeborene Sohn der Großherzogin Stéphanie, den die intrigante Gräfin Hochberg im Kindbett mit dem sterbenden Säugling eines Bediensteten vertauscht habe.
Womöglich glaubten badische Thronerben aus der Nebenlinie auch daran. Sophie, die schwedische Gattin des ersten Hochberger Herrschers Leopold, spürte eine Woche lang in Ansbach dem Ärgernis Kaspar Hauser nach, den Lokalzeitungen schon einen Zähringerprinzen nannten. Ihr Mann starb 1852 angeblich "delirierend und das Bild Kaspar Hausers in den Händen". Sein Nachfolger Ludwig II. hatte Halluzinationen, Kaspar Hauser fordere den Thron von ihm, und verfiel darüber dem Wahnsinn.
Kurz nach vier Uhr nachmittags am 14. Dezember 1833 sahen Ansbacher Bürger Kaspar Hauser wie von Sinnen aus dem Hofgarten stürzen und nach Hause laufen. Dort packte er den Lehrer Meyer, seinen Hauswirt, und zerrte ihn auf die Straße in Richtung Garten, zusammenhanglos stammelte der junge Mann etwas von "Mann", "Messer", "gestochen" und einem "Beutel", den man finden müsse. Meyer bemerkte eine blutende Wunde an der Brust, schimpfte etwas vom "dümmsten Streich" und schleppte ihn nach Hause.
Einer Gerichtskommission bedeutete Hauser, ein großer schwarzgekleideter Mann habe ihm zunächst einen Beutel überreicht und ihn dann niedergestochen.
Die Polizei fand am Tatort den Beutel aus lila Samt, in dem ein Zettel steckte. Darauf stand in Spiegelschrift: *___Abzugeben. Hauser wird es euch ganz genau erzählen können, wie ____ich aussehe und wo her ich bin. Den Hauser die Mühe zu ____ersparen, will ich es euch selber sagen, woher ich komme---Ich ____komme von von---der Baierischen Gränze--Am Fluße----Ich will ____euch sogar noch den Namen sagen: M. L. Ö.
Am Abend des 17. Dezember 1833 verschied Kaspar Hauser. Über das Resultat der Obduktion, die auch ein mangelhaft entwickeltes Hirn ergab, konnten sich die Ärzte nicht einigen. Einer hielt eine Selbstverletzung für möglich. Drei attestierten, es handle sich bei dem Stich mit einem Stilett um einen Stoß von fremder Hand.
Zahlreiche Ansbacher geleiteten den, so die Grabreden, "meuchlings Ermordeten" zum Johannis-Friedhof. Bayernkönig Ludwig setzte für die Ergreifung der Täter die damals ungeheure Summe von 10 000 Gulden aus.
Sein Innenminister Fürst von Öttingen-Wallerstein ordnete an, "alles aufzubieten, um dieses scheußliche Attentat ans Licht zu bringen". Und: "Die Ansicht, als habe sich Hauser selbst getödtet, ist nicht nur falsch, sondern lächerlich."
Später fand ein Gärtner im Schloßgarten die mögliche Tatwaffe, einen zweischneidigen Dolch. Das Ansbacher Gericht stellte nach Jahresfrist die Kriminaluntersuchung als "aussichts- und resultatlos" ein, so wie vorher schon die Nürnberger Behörden ihre Ermittlungen wegen "widerrechtlicher Gefangenhaltung und Mordversuch" im Hauser-Fall.
Im Registraturschrank des Kreisgerichts verblieb die Habe des Toten: *___Hausers Anzug vom 14. Dezember 1833 (Hemd und Unterhosen, beide ____mit vertrocknetem Blut, seidene Weste und Kravatte, Cylinderhut ____und Stiefel, schwarzes Beinkleid, brauner Rock), der Beutel mit ____dem Zettel, Geldbeutel mit dem Bleistift, Schreibhefte etc.
Ebendiese Asservate boten mehr als anderthalb Jahrhunderte später die Möglichkeit, dem Rätsel Kaspar Hauser auf die Spur zu kommen. Denn nach Hausers Tod war die Kontroverse um seine Identität mit kaum vorstellbarer Bitterkeit und Schlagetot-Argumenten von beiden Seiten entbrannt.
"Die Sache Hausers ist zur Sache Deutschlands geworden", schrieb ein Antonius von der Linde in vier Bänden über die "neugeschichtliche Legende", in denen er die "Offenbarungen Sancti Caspari" der "Hauserbande" zu "zermalmen" suchte. Linde: "Wie ist es denn zugegangen, daß dieser Bursche nicht allein die Tageslitteratur, sondern zuletzt gekrönte Häupter und ihre diplomatische Vertretung jahrelang beschäftigt hat?"
Hausers Lobbyisten blieben solchem Tonfall nichts schuldig. Sie machten neben staatsverbrecherischen Machenschaften des Hauses Baden vor allem einen Schurken in dem Stück aus - den zwielichtigen Lord Stanhope, der sich sogleich nach Hausers Tod von dessen liebevollem Ziehvater zum Propagandisten der Betrüger-These wandelte, von seinem Mündel Kaspar angeblich "schmerzlich enttäuscht".
Auf über 2000 Bücher und 15 000 Broschüren, Artikel, Gedichte und Lieder wuchs die Kaspar-Hauser-Literatur an, ohne daß jene Frage eines fränkischen Bänkelsängers aus dem Todesjahr je beantwortet werden konnte, die da lautete: "Könntet, Leute, ihr doch sagen, wer dieses Kind, wer Kaspar Hauser war?"
Als der SPIEGEL daranging, dem Jahrhunderträtsel auf die Spur zu kommen, verfolgte er neben der DNS-Forschung nach dem genetischen Fingerabdruck des Toten auch bislang unbekannte Hinweise in Archiven - und wurde mehrfach fündig.
In Moskau fand sich ein Briefwechsel des von Hausers badischer Herkunft überzeugten Großfürsten Nikolai Michailowitsch mit dem Direktor des Generallandesarchivs Karlsruhe, Obser, der seine persönliche Meinung äußerte, "daß an die Identität des Nürnberger Findlings mit einem Sohn des Gr. Karl nicht im entferntesten gedacht werden kann".
Daß nicht nur der bayerische König und sogar Franzosenkaiser Napoleon III. Hauser für den wahren badischen Erbprinz hielten, geht aus einer Beschwerde der Britenkönigin Viktoria hervor, der Vater ihres Schwiegersohnes, der spätere Preußenkönig und Deutsche Kaiser Wilhelm, verbinde seine Tochter Luise - Gattin des Großherzogs Friedrich - mit einer Familie, die allgemein eines von ihr begangenen Mordes bezichtigt werde.
Und auch im Hause Baden selbst dauerte die Hauser-Manie bis zum kriegsbedingten Abdanken der Dynastie fort, wie der SPIEGEL im Generallandesarchiv Karlsruhe eruieren konnte, wo noch etliche Regalmeter ungeordneter Akten des Fürstenhauses lagern.
So beklagte sich Großherzog Friedrich I. in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts intern darüber, "daß die Verbindung der Geschichte des unglücklichen Caspar Hauser mit dem Gr. Badischen Hause zu den schlimmsten Erfindungen gehört".
Und an seinen "lieben Staatsminister": *___Die Thatsache aber, dass dieser erste Sohn des Großherzogs in ____seiner Gegenwart und in den Armen der Großmutter dieses Prinzen ____starb, welche ihn seit seiner Erkrankung nicht verließ, ____schließt alle diese verbrecherischen Kombinationen aus, welche ____an dieses traurige Ereignis geknüpft wurden und noch immer ____damit verbunden werden wollen.
Die Herzogin Marie von Hamilton, Tochter Stéphanies und somit gerüchteweise Schwester Kaspar Hausers, schrieb im Brief an jenen Friedrich, daß der "unglückliche K. H. ermordet wurde", aber "unmöglich ist es ja doch zu erforschen, wer dieser Unglückliche war".
Dann klagte sie: "... diese unglückliche Pressefreiheit, die in meinen Augen noch alle Throne stürzen wird, kann ja doch nicht zum Schweigen gebracht werden."
Über hundert Jahre später bewies die verdammte Presse, daß jener ominöse K. H. gar nicht Maries Bruder sein konnte. Bei dem DNS-Test ging es darum, die aus Kaspar Hausers blutbefleckter Unterhose gewonnenen genetischen Informationen zu vergleichen mit weiblichem Erbmaterial, das in direkter Linie von der angeblichen Kaspar-Mutter Stéphanie stammte. Und Erben leben noch: Stéphanie hatte neben den beiden verstorbenen Söhnen drei Töchter, die standesgemäß unter die Haube kamen: Luise heiratete ins schwedische Königshaus Wasa ein, Josephine wurde verehelichte Hohenzollerin, und Briefschreiberin Marie kam bei den Hamiltons in England unter.
Der Münchner Historiker Willi Korte, Finder des Domschatzes von Quedlinburg, durch Recherchen im Fall Anastassija einschlägig vorgebildet, fand im Auftrag des SPIEGEL zwei geeignete weibliche Nachkommen, die bereit waren, sich Blut abzapfen zu lassen.
Die eine, Nachfahrin in vierter Generation der ins Hohenzollern-Geschlecht eingeheirateten Josephine, ist Stephanie von Zallinger-Stillendorf, 67, in Bozen, die, an der Hauser-Geschichte selbst sehr interessiert, sogleich zur Kooperation bereit war. Die zweite, Nachfahrin der Briefschreiberin Marie von Hamilton, gab unter notarieller Aufsicht Blut ab, möchte aber nicht in der Öffentlichkeit genannt werden.
Beider Blut wurde den Wissenschaftlern in München und Birmingham übergeben. Während die sich an ihre monatelange Puzzlearbeit machten, schlugen im Frankenland die Wogen hoch. Ansbacher Bürger sorgten sich um die Anziehungskraft ihrer Stadt, wenn Kaspar Hauser entmystifiziert würde.
York Langenstein, Leiter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, nahm behördlichen Anstoß an einer Prüfung von Hausers leinernem Beinkleid und verlangte vom Ansbacher Oberbürgermeister Felber dringlich, "auf die mit einer substantiellen Beschädigung des Kleidungsstücks verbundene Untersuchung zu verzichten". Ihm war diese ganze Art von historischer Wahrheitsfindung zuwider: *___Jenseits der realen Person hat sich über nun nahezu zwei ____Jahrhunderte ein - wenn man so will - "Kaspar-Hauser-Mythos" ____entwickelt. So wird mit der bevorstehenden Untersuchung auch ____der Verlust dieser "Aura" zu beklagen sein.
Bild assistierte mit der Schlagzeile "Blut nicht vom Prinzen, sondern vom Ochsen?" Eine Ansbacherin, 83, habe als Schülerin in den zwanziger Jahren gesehen, so schrieb die Fränkische Landeszeitung, wie der Hausmeister des Museums aus einem Kännchen mit roter Flüssigkeit "ein paar Tröpfle auf die Kleidung Kaspar Hausers schüttete"; er müsse das Gewand von Zeit zu Zeit mit Rinderblut naß machen, "damit es eindrucksvoller aussieht".
Das Kleidungsstück, auf das sich die genetische Beweisführung stützt, blieb nach der Tat am 14. Dezember 1833 in der Registratur des Gerichts eingeschlossen und wurde 1888 dem Historischen Verein zu Ansbach übergeben, der sie bis 1926 in versperrten Schränken des Schlosses verwahrte.
Im Herbst jenes Jahres wurden die Hauser-Devotionalien erstmals öffentlich gezeigt, auch auf der Berliner Polizeiausstellung. Während des Krieges ausgelagert, liegen die Stücke seit 1961 im Markgrafenmuseum. Die mit den Initialen C und H bestickte Textilie ist gebleichtes Leinen der Art und im Schnitt jener Zeit. Das Blut - kein Ochsenblut - auf der Unterhose war "älter als jedes andere, mit dem wir je gearbeitet haben", so John Bark aus Birmingham, und der hatte schon mit den Zaren-Relikten zu tun.
Es war, so der Bericht des Instituts, sogar so alt, daß beim serologischen Test keinerlei Proteine mehr extrahiert werden konnten. Die DNS-Analyse erbrachte aufgrund "extrem empfindlicher" Technik auf einer Vergleichsstrecke von 782 Basen 560 solcher Basen aus dem vom Stoff extrahierten Blut eines "männlichen kaukasischen", also europäischen Menschen. Die beiden lebenden Blutspenderinnen gaben auf der gleichen Strecke 781 beziehungsweise 760 bestätigte Basen her.
Die Basensequenz des Materials vom blutbefleckten Stoff zeigte auf der zur Verfügung stehenden Vergleichsstrecke sieben Unterschiede.
Fazit des von dieser Arbeit "faszinierten" Wissenschaftlers Bark, das er vor jedem Gericht auf seinen Eid nehmen würde: "Das Blut stammt nicht von einem Sohn der Stéphanie de Beauharnais."
Die Münchner Wissenschaftler wiederum hatten aus dem Stoff noch mehr Basen (700) extrahieren können und neun Unterschiede zum Blut der beiden Frauen gefunden, deren DNS-Merkmale hundertprozentig übereinstimmten.
Fazit des Biochemikers Weichhold: "Somit können die beiden Vergleichspersonen nicht über die weibliche Linie mit dem Mann verwandt sein, von dem die sogenannte Blutspur ,Kaspar Hauser'' stammt."
Die Münchner haben mit dieser Analyse, bei der für sie selbst allerneueste Methoden angewendet wurden, nach Meinung ihres Chefs Eisenmenger in der DNS-Technik einen Quantensprung nach vorn gemacht. Mit dem Test sind sie sozusagen auf diesem Gebiet in die erste Liga aufgestiegen, zu der ein halbes Dutzend Institute weltweit zählen.
Wer aber war nun wirklich Kaspar Hauser, diese "Mahnung an das Gewissen der Menschheit" (so Biograph Tradowsky), nachdem die badische Prinzen-These in sich zusammenfällt?
Es gibt aberwitzige Spekulationen - ein illegitimer Sohn Napoleons, Urenkel der Kaiserin Maria Theresia, weggesperrter Bayernprinz, Sprößling einer polnischen Gräfin und eines napoleonischen Marschalls. Eine Spur führt in die Tiroler Bergwelt. Diese Fährte entbehrt zwar jeden fürstlichen Glanzes, gründet sich aber auf einer Reihe von banalen Fakten.
Das Verdienst an diesem Indiz gebührt dem Karlsruher Neurologen und Facharzt für Psychiatrie Dr. Günter Hesse, der eine langjährige Einkerkerung Hausers in engem, dunklem Verlies anhand des überlieferten Zustandsbildes für ausgeschlossen hält: "Totaler Quatsch."
Hingegen stimmen alle von Ärzten und Laien geschilderten Mißbildungen und Leiden, auch das vorliegende Obduktionsergebnis "hundertprozentig" mit einer erst neuerdings näher erforschten Erbkrankheit überein, die sich vor allem in Tirol über viele Generationen nachweisen läßt. Für diese "Epidermolysis bullosa", ein Hautleiden mit Muskel- und Hirnanomalien, die sich auch in epileptischen Anfällen äußern, ist Hauser dem Arzt nach allen vorhandenen Dokumenten geradezu ein Paradeexemplar.
Tirol war um die Zeit von Hausers Geburt von Bayern besetzt. Unter diesen Besatzern befand sich auch das 6. Chevaulégers-Regiment, jene mundartlich "Schwolischen", zu dem Unbekannte den ungehobelten Findling geschickt haben könnten, weil bei diesen Reitern sein Vater gedient habe.
In Tirol war unter bayerischem Regime auch die allgemeine Impfpflicht gegen Pocken eingeführt worden. Die Impfnarben sind daher keineswegs Zeugnis hoher Abkunft. Hesse fand in Innsbrucker Impflisten sogar einen unehelichen Kaspar aus passender Zeit. Nachrecherchen des SPIEGEL ergaben jedoch, daß dieser Kaspar auch in Tirol gestorben ist.
Ein tatsächlicher Kaspar Hauser ist im Tirolerland aber sogar in Stein gehauen überliefert: Er fiel als Angehöriger der Schützenkompanie "Viertl Reit" im Abwehrkampf gegen die bayerischen Eindringlinge 1809 nahe Kufstein und ist auf dem Kriegerdenkmal seines Heimatortes Reith bei Kitzbühel verewigt.
Dieser ledige Bauernsohn hat keine bekannten Nachkommen hinterlassen. Wohl aber gibt es in seiner Umgebung mindestens ein 1811 geborenes nachweisbares Besatzerkind.
Durchaus denkbar, daß die verärgerten Gebirgler einen "depperten Bankert" (Hesse), der aufgrund seiner Krankheit für nichts Vernünftiges zu gebrauchen war, bei seinen Erzeugern ablieferten - über die "Bäiernsche Gränz", wie der Begleitbrief lautete.
Und ganz plausibel, daß sie sich dabei einen bösen Scherz leisteten: Sie versahen den Ausgestoßenen mit dem Namen eines ihrer im Kampf gegen die Besatzer gefallenen Freiheitshelden.
So wurde der Name des Freiheitskämpfers Kaspar Hauser zum Symbol für die grausame Unterdrückung eines Menschenkindes durch die aristokratische Herrschaft. Auch wenn die ganze Geschichte nicht stimmte.
Das Kind ist schon getauft sie Heist Kasper in Schreib name
misen sie im selber geben das Kind möchten Sie auf Zihen sein Vater
ist ein Schwolische gewesen wen er 17 Jahre alt ist so schicken sie
im nach Nirnberg zu 6ten Schwolische Begiment da ist auch sein
Vater gewesen ich bitte um die erzikung bis 17 Jahre gebohren ist
er im 30 Aperil 1812 im Jaher ich bin ein armes Mägdlein ich kan
das Kind nicht ernehren sein Vater ist gestorben.
Er ist wie ein halbwilder Mensch in Wäldern erzogen worden, ist
zur ordentlichen Kost nicht zu bequemen, sondern lebt bloß von
schwarzem Brot und Wasser. Doch ist der geimpft, wie man am rechten
Arm deutlich sieht.
Kaspar Hauser ist das eheliche Kind fürstlicher Eltern, welches
hinweggeschafft worden ist, um Andern, denen er im Wege stand, die
Sukzession zu eröffnen ...
Was die Frage betrifft, in welche hohe Familie Kaspar gehören
möge ... - die Feder sträubt sich, diesen Gedanken niederzuschreiben
- das Haus Baden.
Abzugeben. Hauser wird es euch ganz genau erzählen können, wie
ich aussehe und wo her ich bin. Den Hauser die Mühe zu ersparen,
will ich es euch selber sagen, woher ich komme---Ich komme von
von---der Baierischen Gränze--Am Fluße----Ich will euch sogar noch
den Namen sagen: M. L. Ö.
Hausers Anzug vom 14. Dezember 1833 (Hemd und Unterhosen, beide
mit vertrocknetem Blut, seidene Weste und Kravatte, Cylinderhut und
Stiefel, schwarzes Beinkleid, brauner Rock), der Beutel mit dem
Zettel, Geldbeutel mit dem Bleistift, Schreibhefte etc.
Die Thatsache aber, dass dieser erste Sohn des Großherzogs in
seiner Gegenwart und in den Armen der Großmutter dieses Prinzen
starb, welche ihn seit seiner Erkrankung nicht verließ, schließt
alle diese verbrecherischen Kombinationen aus, welche an dieses
traurige Ereignis geknüpft wurden und noch immer damit verbunden
werden wollen.
Jenseits der realen Person hat sich über nun nahezu zwei
Jahrhunderte ein - wenn man so will - "Kaspar-Hauser-Mythos"
entwickelt. So wird mit der bevorstehenden Untersuchung auch der
Verlust dieser "Aura" zu beklagen sein.
* Bei der Blutentnahme für den DNS-Test. * Von links: Restauratorin Worch, Museumsdirektor Bürger, Oberbürgermeister Felber; von rechts: Historiker Korte, DNS-Experte Bark, DNS-Experte Weichhold, im Februar dieses Jahres. * Oben: André Eisermann (1993); unten: Bruno S. (1974).

DER SPIEGEL 48/1996
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