09.12.1996

Holocaust

Verliebt in eine tote Kobra

Henryk M. Broder über die unglaubliche Lebensgeschichte der Misha Defonseca

Von Broder, Henryk M.

Sie liebt Tiere über alles, über alles in der Welt. "Ich habe den Körper eines Menschen, aber meine Seele gehört den Tieren", sagt Misha Defonseca, 62, die mit ihrem Mann Maurice, fünf Katzen und dem Labrador-Mischling Kolia in einem geräumigen Haus in Millis bei Boston lebt.

Doch die Liebe zur treuen Kreatur ist damit noch nicht erschöpft. Überall in Mishas Haus stolpert man über Hunde, Katzen, Pferde, Kühe, Krokodile, Vögel, Affen, Bären, Enten, Gänse, Heuschrecken, Eulen, Fische - aus Stoff, Plüsch, Plastik, Holz, Porzellan und Ton. Misha hat die Bewohner ihres Zoos nicht gezählt, aber einige hundert dürften es schon sein. Prunkstück der Sammlung ist Parsifal, eine männliche Kobra von etwa zwei Meter Länge. Sie hat einen Ehrenplatz im Salon und schaut erhobenen Hauptes aus dem Fenster ins Grüne.

Parsifal ist zwar tot, aber echt, sie hat mal gelebt. Misha fand die Kobra zwischen Bananenstauden auf einem Schiff unterwegs nach Afrika und nahm sie mit nach Hause. Als Parsifal an Altersschwäche starb, wurde sie von einem Tierpräparator konserviert. Wenn Misha der toten Kobra liebevoll über den Kopf streicht und dabei "Chérie" flötet, erübrigt sich jede Nachfrage, ob sie den Satz, Tiere wären ihr viel lieber als Menschen, wirklich so gemeint hat.

Verläßt Misha ihre kleine Menagerie, um mit ihrem Chevrolet Monte Carlo zum Einkaufen oder auf die Post zu fahren, wird jede Fahrt zu einer Demonstration ihrer Tierliebe. Der zehn Jahre alte Wagen mit dem Autokennzeichen "Misha" ist mit Tierbildern vollgeklebt. Fast alles, was dreidimensional ihr Haus bevölkert, findet sich zweidimensional auf der Kühlerhaube, dem Kofferraum, dem Dach und den Türen wieder. Und zwischen den bunten Bildern sorgen Sticker für den letzten Rest von Klarheit: "Ich liebe Hunde!", "Ich kämpfe für Tiere!", "Ich bremse für Teddybären!". Rechts hinten unter der Stoßstange fällt ein Sticker aus dem tierischen Rahmen: "Yes, I am a movie star!"

Das könnte Misha in der Tat bald sein. Disney Television bereitet einen Film über ihr Leben vor, ihre Autobiographie "Misha - eine wahre Geschichte" wird derzeit international vermarktet. Sie könnte nicht nur ein Bestseller werden, sondern viele bekannte und wahre Abenteuergeschichten, von Kaspar Hauser bis Anne Frank, in den Schatten stellen.

Denn Misha, sagt Misha, ist eine Überlebende des Holocaust. Und ihre exzessive Tierliebe kommt daher, daß sie mit Hilfe von Tieren überlebt hat. Sie sei von einem Rudel Wölfen "adoptiert" worden und habe eine Weile mit den Tieren in polnischen Wäldern gelebt, sich an ihnen gewärmt, ihre Nahrung mit ihnen geteilt. Die Verbindung der beiden populären Topoi "Holocaust" und "Tierliebe" verspricht optimale Wirkung.

Wer jetzt schon an "Shoa-Business" denkt, der liegt mit seinem Verdacht vermutlich nicht völlig daneben. Der Historisierung und Ästhetisierung des Holocaust durch Akademiker und Künstler folgt nun dessen Fiktionalisierung durch Spätzünder, die auch ein wenig am Rad der Geschichte mitdrehen wollen. Wobei ganz gewiß der Gedanke eine Rolle spielt, daß der Holocaust als solcher so irre unglaublich war, daß es auf eine unglaublich irre Geschichte mehr oder weniger nicht ankommt.

Wir treffen Misha Defonseca im Sherborn Inn unweit von Millis. Sie kommt in Begleitung einer Vertreterin der Kanzlei, die ihre Rechte verwaltet, der Verlegerin, die das Buch in den USA herausbringt, und der Schriftstellerin, die das Buch geschrieben hat. "Zum erstenmal in meinem Leben bin ich ein Geist", sagt Vera Lee und verweist darauf, daß sie eine Anzahl "eigener Bücher" veröffentlicht hat, etwa über "die Herrschaft der Frauen" im Frankreich des 18. Jahrhunderts und über Aphrodisiaka.

Die Verlegerin Jane Daniel, die den Kleinverlag Mount Ivy Press in Boston betreibt, macht zwei Titel pro Jahr. Besonders stolz ist sie auf zwei Bestseller in ihrem Programm, ein Buch über Gigolos im Wandel der Zeiten und einen Ratgeber ("How to..."), wie man seine Ersparnisse katastrophensicher anlegt. Sie sagt: "Ich verlege alles, was ich verkaufen kann."

"Das Buch war meine Idee", sagt Jane Daniel mit dem Stolz einer Entdeckerin, die bei "Rudis Reste Rampe" ein echtes Fabergé-Ei gefunden hat. Und so ähnlich hat es sich wirklich abgespielt. 1993 starb "Jimmy", Mishas geliebter Terrier. Misha brachte 600 Fotos, die sie im Laufe der Jahre von Jimmy gemacht hatte, in einen Video-Laden, wo aus dem Berg von Schnappschüssen ein Video-Film über Jimmy, den Terrier, gemacht wurde.

Jane Daniel, die den Besitzer des Video-Ladens kannte, bekam ganz große Ohren, als sie die Geschichte von Misha und ihren Tieren hörte. Sie traf sich mit Misha im Sherborn Inn und schloß mit ihr einen Vertrag. Der Rest war verlegerische Routine. Ein Ghostwriter war schnell gefunden, im Frühjahr 1996 lag das Manuskript fertig auf dem Tisch.

Mishas Geschichte, von ihr selbst erzählt, hört sich so an: Sie wurde 1934 in Brüssel geboren, die Mutter habe Geruscha, der Vater Robert geheißen, er sei groß und blond und blauäugig gewesen. Es gab keine Geschwister, keine näheren oder entfernten Verwandten. An den Namen der Familie könne sie sich nicht erinnern. "Let me clarify this point", sagt Verlegerin Daniel. Mishas Eltern seien ständig umgezogen und hätten immer andere Namen benutzt. Es könnte sein, daß sie aus Rußland nach Belgien gekommen waren und keine Papiere hatten.

Misha nickt und fährt fort: Gleich nach der Besetzung Belgiens durch die Nazis - oder vielleicht unmittelbar davor - wurde sie von ihren Eltern bei einer Pflegefamilie untergebracht, wo sie den Namen Monique de Wael bekam. Eines Tages im Jahre 1940 waren ihre Eltern weg. Sie wurden, sagt Verlegerin Daniel, entweder von den Nazis abgeholt oder von der belgischen Polizei festgenommen und abgeschoben, man wisse es nicht so genau.

Die Pflegeeltern, erinnert sich Misha, seien nicht nett zu ihr gewesen, nur der alte Großvater Ernest habe ein Herz für die kleine Monique gehabt. Eines Tages schenkte er ihr einen kleinen, in Elfenbein gefaßten Kompaß. Ihre Eltern, erzählte er, seien irgendwo im Osten. Da nahm Monique den kleinen Kompaß und zog los, um ihre Eltern zu suchen. Das sei Ende 1940 oder Anfang 1941 gewesen. Zu jener Zeit war sie noch nicht einmal sieben Jahre alt.

Der kleine Kompaß, den Misha hervorholt, erweist sich als eine kleine weiße Muschel, in die ein winziger "Kompaß" vom Durchmesser eines Strohhalms hineingepreßt wurde. Die Nadel ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen, die Richtung, die sie anzeigt, noch weniger. Das Souvenir hat einen kleinen Ring und kann an einer Kette um den Hals getragen werden. Nichts weist darauf hin, wann und wo es hergestellt wurde.

Mit diesem Kompaß als einziger Orientierungshilfe habe sie, sagt Misha, zu Fuß ganz Deutschland durchquert, ohne von irgend jemand behelligt worden zu sein. Genauso leicht schaffte sie es, nachts die grüne Grenze nach Polen zu passieren. Sie ernährte sich von dem, was sie unterwegs fand oder stahl. "Sie wissen", greift Verlegerin Daniel erklärend ein, "die Polen sind katholisch, sie gehen sonntags zur Kirche. Auf dem Lande lassen die Bauern ihre Häuser offen, da konnte sich Misha mit manchem versorgen."

Unterwegs im Naziland wurde sie Zeuge furchtbarer Verbrechen. Von einem Versteck aus beobachtete sie, wie eine Gruppe jüdischer Kinder erschossen und vergraben wurde. Sie sah aus der Ferne ein stacheldrahtumzäuntes Konzentrationslager, das sie in einem weiten Bogen umging. Und sie schaffte es, in das Warschauer Ghetto zu kommen, getrieben von der Hoffnung, eine Spur von ihren Eltern zu finden.

Während Misha ihre Geschichte erzählt, übernimmt Verlegerin Daniel die Feinarbeit. "Das muß ganz kurz vor dem Beginn der Endlösung gewesen sein", sagt sie, um mögliche Zweifel zu zerstreuen, "sie war nicht auf der Liste der Ghetto-Einwohner und fiel deswegen nicht auf." Doch wie kam ein acht oder neun Jahre altes Kind in das Ghetto und wieder raus? "Ganz einfach, sie stieg durch ein Loch in der Mauer ein und kletterte über die Friedhofsmauer nach draußen."

Misha lächelt, als wären Fragen nach Einzelheiten, wie zum Beispiel die, woher sie überhaupt wußte, daß es das Warschauer Ghetto war, völlig bedeutungslos angesichts der Leistung, die sie vollbracht hat. Über den wichtigsten Teil ihrer Erinnerungen, die Zeit mit den Wölfen, mag sie nicht sprechen, es soll nicht zuviel aus dem Buch vorweggenommen werden. Sie hätten ihr das Leben gerettet, das soll fürs erste genügen.

In den Wäldern traf sie auch einen alten Juden, der sie beschwor, am Leben zu bleiben, um von ihrer Odyssee zu berichten. In welcher Sprache hat sie sich mit dem Mann unterhalten? Misha lächelt wieder ihr geheimnisvolles Lächeln. Über die Ukraine kam sie nach Rumänien, von dort nach Jugoslawien, schließlich nach Italien, wo die Amerikaner schon gelandet waren. Über Frankreich schlug sie sich nach Belgien durch, wo sie 1945 als Elfjährige ankam.

Sie wurde von einer katholischen Familie aufgenommen, holte die Schule nach, wurde Lehrerin und heiratete. Und so verzweifelt sie auf ihrer Wanderschaft nach ihren Eltern Ausschau gehalten hatte, sowenig unternahm sie nach dem Krieg, um sich Klarheit über deren Schicksal zu verschaffen. Sie stellte weder einen Suchantrag beim Roten Kreuz, noch wandte sie sich an eine der jüdischen Organisationen, die sich um elternlose Kinder kümmerten. Bis 1979 lebte sie in Brüssel, wo sie unter anderem als Telefonistin bei der Computerfirma Honeywell arbeitete.

Nachdem Unbekannte einen Davidstern an ihre Haustür geschmiert hatten, zog sie mit ihrem zweiten Mann Maurice, einem "Chief Executive Officer" bei Honeywell, in die Nähe von Amsterdam. Doch auch in Holland fühlte sie sich nicht sicher. 1985 wanderten Misha und Maurice Defonseca mit vier Katzen und einem Hund in die USA aus. Allein der Transport der Tiere habe 45 000 belgische Francs gekostet.

Einen Tag nachdem Maurice seine Green Card bekommen habe, sei er von Honeywell entlassen worden. Seitdem nennt er sich "International Management Consultant". Da er nicht viel zu tun hat, hilft er Misha im Haushalt und begleitet seine Frau, wenn sie vor Studenten oder Strafgefangenen über ihre Erlebnisse während des Krieges spricht. Warum sie nicht schon früher damit angefangen habe? Doch, als Schülerin habe sie ein paar Seiten aufgeschrieben, aber nachdem der Lehrer ihren Bericht verbrannt hatte, dachte sie, es sei klüger, fortan zu schweigen.

Es sei "inzwischen bekannt", wirft Verlegerin Daniel sachkundig ein, "daß Überlebende eine lange Zeit brauchen, um ihr Schweigen zu überwinden". Misha brauchte fast 50 Jahre, "um ihre ,kugelsichere Weste' abzulegen und sich zu öffnen".

Allerdings - auch in Amerika gibt es Menschen, die ihre Geschichte nicht hören möchten. Der Briefkasten vor dem Haus sei schon dreimal von Unbekannten zerstört worden, das letztemal mit einer Ladung Sprengstoff. Am liebsten würde Misha nach Arizona ziehen, wo es mehr Tiere als Einwohner gibt. Sie wird es vielleicht tun, wenn Buch und Film raus sind, um der Publicity zu entgehen. Denn jeder Rummel um ihre Person sei ihr zuwider. Sagt's und steigt in ihr unauffällig geschmücktes Auto mit dem unauffälligen Kennzeichen "Misha".

Fälschung oder nicht Fälschung, das ist hier die Frage. Bis auf den "Kompaß" liegt kein sachlicher Beweis vor. Und alle Zeugen, die Mishas Geschichte bestätigen könnten, sind entweder tot oder verschwunden. Von der Familie de Wael lebe niemand mehr, zu ihrem ersten Mann habe sie seit der Scheidung keinen Kontakt.

Er habe "Morris Levy" geheißen und sei ein "staatenloser Jude aus Izmir" gewesen. Dessen Vater habe ebenfalls "Morris" geheißen. Auch Mishas Sohn aus erster Ehe heißt "Morris". Großvater, Vater und Sohn tragen also alle denselben Vornamen, eine merkwürdige Kontinuität. Im Gegensatz zu christlichen Familien werden bei Juden, auch bei nicht gesetzestreuen, Kinder nie nach ihren Eltern, sondern nur nach verstorbenen Familienangehörigen genannt, um die Erinnerung an diese zu wahren. Mishas zweiter Mann heißt "Maurice", das sei doch praktisch, witzelt Verlegerin Daniel, so brauche sich Misha für alle ihre Männer nur einen Namen zu merken.

Israel Arbeiter, 1926 im polnischen Plozk geboren, hat den Krieg und eine Reihe von Konzentrationslagern überlebt. Er ist Vorsitzender der "American Association of Jewish Holocaust Survivors of Greater Boston", kennt Überlebende, die wie er in Lagern waren oder sich in den Wäldern versteckten. Eine Geschichte wie die von Misha Defonseca hat er noch nicht gehört. "Mind-boggling", sagt er leise, "unfaßbar".

Bevor er das Buch nicht gelesen habe, könne er kein Urteil abgeben, aber eine Sechsjährige, die zu Fuß Tausende von Kilometern durch Deutschland, Polen und die Ukraine zurücklegt ... Mit Wölfen zu leben wäre vermutlich einfacher gewesen, als eine Begegnung mit den deutschen Besatzern oder polnischen Bauern zu überleben. "Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn das Buch rauskommt, und es stellt sich als Fälschung heraus. Es wäre Wasser auf die Mühlen der Holocaust-Leugner und Revisionisten. Es gibt genug wahre Geschichten, die man erzählen muß."

"Misha - A True Story" soll im Frühjahr 1997 in den USA und im Laufe des Jahres auch in Deutschland als Buch erscheinen. Mit den Dreharbeiten zum Film soll noch in diesem Winter begonnen werden. Disney, sagt Verlegerin Daniel, rechnet mit einem "Super-Hit von der Art, wie es ,Schindlers Liste' für Spielberg war".

Mit Misha als Buch und Film wird ein neuer Komparativ auf den Markt der Non-fiction-Unterhaltung kommen. Denn, so eine Sprecherin von Disney Television: Es handelt sich um eine "außergewöhnlich wahre Geschichte".


DER SPIEGEL 50/1996
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