09.12.1996

USAEine Ärztin für Verstorbene

Sie war 14, als sie zum erstenmal sah, wie ein Leichnam zur Feststellung der Todesursache geöffnet wurde. Während eines Schülerpraktikums hatte sie einen Botendienst in ein Krankenhaus in Indianapolis zu verrichten, als dort gerade ein soeben Verstorbener obduziert wurde.
"Da lag ein Mensch, der nichts mehr sagen konnte", erinnert sich Joye Carter, "aber sein Körper erzählte eine Geschichte." Wo andere sich fassungslos abgewandt hätten, blieb das Mädchen fasziniert stehen und schaute zu. Von klein auf hatte sie sich für die Geheimnisse der Medizin interessiert. Nun folgte sie der minutiösen Detektivarbeit der Ärzte mit angehaltenem Atem, und am Ende wußte sie: Sie wollte unbedingt ärztliche Leichenbeschauerin werden. So wurden die Toten ihr Leben.
Fortan nutzte sie jede Gelegenheit, Autopsien beizuwohnen. Daß manche ihren Berufswunsch für sonderbar hielten, ließ sie unbeeindruckt. Als einzige Schwarze ihrer Schule hatte sie sich längst damit abgefunden, eine Ausnahmerolle zu spielen.
Nach ihrem Medizinstudium spezialisierte sie sich auf forensische Pathologie und folgt seither dem hippokratischen Eid (" ... zu Nutz und Frommen der Kranken ...") in der ungewöhnlichen Funktion einer Ärztin für Verstorbene.
Mittlerweile ist Dr. Joye Maureen Carter 39 und gebietet über ein eigenes Totenreich. Als einzige Afroamerikanerin des Landes ist sie auf den Posten eines Chief Medical Examiner berufen worden, einer Art leitender Gerichtspathologin für einen ganzen Verwaltungsbezirk. Ihre Zuständigkeit umfaßt den osttexanischen Landkreis Harris County - und damit den Großraum von Houston, der viertgrößten Stadt in den USA, mit seinen rund 3,7 Millionen Einwohnern.
Jeden Morgen parkt sie ihren dunkelblauen Mercedes vor dem schmucklosen Backsteingebäude, in dem sie das Sagen hat und dem sie allein durch ihre Erscheinung ein wenig Glanz verleiht: Mit ihrem selbstbewußten Auftreten, ihrer damenhaften Frisur, den maßgeschneiderten Kostümen und edlen Schuhen könnte sie ebensogut Boß in einem Wirtschaftsunternehmen sein. Und genau so versteht sich Joye Carter auch: Als leitende Managerin eines Dienstleistungsbetriebs mit rund 70 Mitarbeitern, der verwertbare Erkenntnisse aus der Untersuchung von Leichen liefert.
Ihre Behörde tritt immer dann in Aktion, wenn in oder um Houston ein unbekannter Toter zu identifizieren, eine unbestimmte Todesursache zu definieren ist oder, ihre wichtigste Aufgabe, wenn Art und Ursache eines "nicht natürlichen" Todes zu analysieren sind. Wer in der texanischen Metropole durch Mord und Totschlag stirbt oder bei einem Unfall umkommt, wer verbrennt, ertrinkt, sich totsäuft oder den tödlichen Schuß gesetzt hat, dessen Leiche landet auf dem Weg zur letzten Ruhe zunächst im Erdgeschoß des sechsstöckigen Hauses am Rande des Texas Medical Center.
Die dort arbeiten, bewegen sich ständig in den Problemzonen der Zivilisation. Was das lokale Fernsehen als tägliche
Horrorshow präsentiert, reiht sich in den Katakomben der Pathologie zum Gruselkabinett eines seelenlosen Molochs auf. Tag für Tag karren Bestattungsunternehmer durch die Hintertür neue Opfer aus der endlosen Unstadt heran, die im Überfluß von Öldollars über sich hinaus gewuchert ist und deren erschütternde Gesichtslosigkeit ebenso deprimierend wie provozierend wirken kann.
Beim Medical Examiner von Harris County werden pro Jahr etwa 10 000 Fälle registriert, von rätselhaften Totgeburten, vergifteten Greisen und hingerichteten Mitgliedern von Jugendgangs bis hin zu Selbstmördern und Opfern von Sexualdelikten. Die Statistiken zeichnen ein Bild vom hilflosen Selbsthaß einer ebenso verrohten wie verunsicherten Gesellschaft und vom Ausmaß der alltäglichen Gewalt im waffenverliebten Westen.
Knapp 4000 Verstorbene müssen jährlich näher untersucht werden - oder anders gesagt: Etwa jeder tausendste Bewohner des Großraums Houston gerät innerhalb von zwölf Monaten auf die Autopsietische von Dr. Carter und Kollegen. Jeden Freitag, da ist die Lady eisern, greift sie selber zum Skalpell - zum Teil, weil sie ihr Handwerk nicht verlernen will, aber auch, weil sie sich in der Leichenkammer mitunter wohler fühlt als in der Chefetage.
Als sie dort Ende Juli einzog, mußte sie wieder einmal die üblichen Vorbehalte gegen ihr Geschlecht und noch mehr gegen ihre Rasse überwinden. Wie schon während ihrer 14 Jahre bei der Air Force, die sie als Majorin und stellvertretende Ausbildungsleiterin für Militärpathologen beendete, verwirrte sie ihre Kollegen vor allem durch das scheinbare Verleugnen ihrer Andersartigkeit.
"Die redet ja gar nicht wie eine Schwarze", hieß es hinter ihrem Rücken, als habe sie sich mit ihrem "weißen" Nordstaatenakzent unerlaubt aus dem Rahmen eines Regelwerks entfernt. Dabei hat Joye Carter Hautfarbe und Herkunft einfach nur zu ihrer Privatsache erklärt: Abends geht sie in afrikanischen Kleidern aus, mit Vorliebe liest sie die Lyrik schwarzer Autoren, und als mahnende Erinnerung an das Schicksal ihrer Vorfahren bewahrt sie alte Sklavenketten in ihrem Haus auf.
Kurz nach ihrer Ankunft teilte sie ihrer überwiegend weißen Mitarbeiterschaft wie zum Zeichen ihrer Entschlossenheit unter anderem die sofortige Abschaffung der Dienstwagen für den Privatgebrauch mit - ein Privileg, über das 23 Angestellte verfügt hatten. Es gab böse Proteste, aber die Neue blieb hart.
"Ich bin ehrlich und stark und reichlich intelligent", sagt sie über sich selbst. Ein paar Mitarbeiter verließen die Behörde. Andere zeigten sich beeindruckt von ihrem Führungsstil: "Offene Türen hat es bei uns vorher ebensowenig gegeben wie offene Worte", sagt John Brite, 63, genannt Big John. Aber noch mehr hat ihre Untergebenen überzeugt, daß die Dame aus der Chefetage auch im Erdgeschoß, an der Bahre, ihre Frau steht.
Frohgelaunt begrüßt sie den Assistenten, bereitet Kamera und Diktiergerät vor, liest den Bericht über den anstehenden Fall und mustert den noch bekleideten, über und über mit Schmutz beschmierten Verstorbenen, der mit geschlossenen Augen und hingestreckten Armen vor ihr auf der stählernen Bahre liegt. Der Helfer hat die flache Schale am Kopfende ein wenig angehoben und mit einem Holzknüppel abgestützt, damit am Fußende Waschwasser, Blut und andere Körperflüssigkeiten in das große Steinbecken fließen können. Ekel? Joye Carter scheint die Frage gar nicht zu verstehen. Warum sollte sie sich vor einem Toten ekeln?
Bevor die Pathologin zum ersten Schnitt ansetzt, befühlt sie den Körper beinahe so, wie eine Ärztin ihre Patienten zur Diagnose abtastet. Während ihres Studiums hat sie ihre klinische Pflicht an Hospitalbetten erfüllen müssen. "Ich konnte das Leiden der Kranken nicht ertragen", gesteht sie. Der Umgang mit Leichen falle ihr leichter, denn "wer hierherkommt, hat alles Leid schon hinter sich".
Mit ihren latexweiß umspannten Fingern nimmt sie die blassen Hände des Toten in die ihren und beschaut sie von allen Seiten. "Hände", erklärt sie, "sagen oft mehr über Menschen als Worte."
Der hier hat hart schuften müssen und Streß gehabt, erläutert sie und zeigt auf die Schwielen in den Handflächen, die rissige Haut auf der Innenseite der Finger und die abgenagten, schwarzen Fingernägel. Ein armer Chicano, der nur 28 geworden ist, bevor er am frühen Morgen auf dem Highway vor einen Kleinbus gelaufen ist und regelrecht zerschmettert wurde.
Unfall, Selbstmord oder gar Tötungsdelikt? "Wir dürfen nichts ausschließen", erklärt Carter. "Auch Autos sind Waffen, mit denen man jemanden umbringen kann." In diesem Fall spreche jedoch alles für einen Unfall: Da der Mann - laut Krankenakte - wiederholt durch Alkoholmißbrauch aufgefallen war, wird die Blutuntersuchung womöglich ein weiteres Indiz liefern. Ganz sicher kann sie allerdings nicht sein. Um die Familienehre oder eine Versicherungsprämie zu retten, versuchen nicht wenige Selbstmörder, ihren Suizid als Unfall zu tarnen.
Vor einiger Zeit lag hier ein älterer Mann mit Bauchschuß auf der Bahre - offenbar tragisch verunglückt beim Säubern seiner Gewehre. Als man ihn fand, lagen neben ihm mehrere Waffen und ölverschmiertes Reinigungsgerät. Die Obduktion ergab allerdings einen direkt auf die Bauchhaut aufgesetzten Kontaktschuß, erkennbar am Muster des Einschußloches, mit einer Schußbahn, die jeder Haltung beim normalen Hantieren mit Gewehren widerspricht: Der Schütze hatte das Mißgeschick inszeniert.
Mitunter gelingt es den Pathologen sogar, Morde aufzuklären. Doch das ist die Ausnahme. Der Alltag im Leben eines Medical Examiner hat nur wenig mit dem der forensischen Meisterdetektive aus der TV-Serie "Quincy" oder in den Romanen der Erfolgsautorin Patricia Cornwell zu tun, die reihenweise komplizierte Kriminalfälle lösen.
Manchmal verspürt Joye Carter Lust, selber Bücher zu schreiben über das Leben einer Gerichtspathologin, "wie es wirklich ist". Sie würde nicht haltmachen vor den Niederungen des Normalen, dem sie und ihre Kollegen tagtäglich ausgesetzt sind, vor den fatalen Folgen von Rassismus, Verarmung und häuslicher Gewalt, dem halbherzigen Kampf gegen die Aufrüstung mit immer perfiderem Werkzeug zum Töten und dem heuchlerischen Umgang mit der gefährlichsten Droge, dem Alkohol, unter dessen Einfluß mehr Menschen umkommen als durch alle anderen Rauschmittel zusammen.
Schon jetzt nutzt die Medizinerin ihr Expertenwissen, um gegen diese Übel zu Felde zu ziehen. Sie hält Vorträge in Gemeinden, Vereinen und vor Versammlungen von Politikern. Sie schildert ihnen ihre Arbeit und schreckt auch nicht davor zurück, Bilder von Opfern und Obduktionen zu zeigen. In Washington, wo sie vorher als Medical Examiner wirkte, hat sie sich als Gutachterin für die strengeren Waffengesetze der Clinton-Administration eingesetzt.
Wenn die Polizei in Houston Verkehrskontrollen durchführt, finden die Beamten in sieben bis acht von zehn Autos Schießgerät. Das ist auch völlig in Ordnung so nach den Gesetzen des Staates Texas, wo die Lobby der Waffenbesitzer schon bei geringfügigen Verschärfungen der Bestimmungen das große Geheul gegen die Beschränkung der Freiheit anstimmt, wo in der Regel straffrei davonkommt, wer ohne Vorwarnung einen Eindringling auf seinem Privatgrund erschießt.
"Das ist ein Dschungel da draußen", erklärt Sergeant Tom Ladd vom Morddezernat des Houston Police Department. "Wer im Dorf bleibt, ist sicher. Wer sich hinauswagt, wird zur Beute."
Daß "da draußen" Faustrecht herrscht und der Dschungel bis vor die eigene Haustür reichen kann, zeigt die Geschichte des Pharmaziestudenten Jefferson Todd, der als Fall 96-7450 des Medical Examiners von Harris County endete. Todd, 32, befand sich sozusagen in seinem Dorf, einer umzäunten und bewachten Wohnanlage für Mittelklasse-Weiße im Südwesten Houstons.
Wegen einer offenbar schamlos geräuschvollen Sexparty im Apartment über ihnen fanden er und seine Frau die ganze Nacht keinen Schlaf. Als Todd schließlich gegen sechs Uhr morgens mit einer Pistole in der Hand dem Störenfried die Meinung sagen will, muß er die Spielregeln in diesem Teil der Welt vergessen haben: Richte niemals deine Waffe gegen jemanden, lautet eines der Gebote, auf den du nicht auch schießen willst.
Ein paar Sekunden nachdem er an die Tür seines Nachbarn geklopft hat, liegt der Student, von fünf Kugeln getroffen, rücklings im Gang, den rechten Unterarm zur Decke gerichtet wie in flüchtiger Bewegung erstarrt. Aus fingerdicken Wunden sickert Blut auf den Beton.
Wenige Minuten später umringen Männer in Overalls, Uniformen und Anzügen die Leiche: Streifenpolizisten, Kriminalbeamte, Spurensicherer, jemand von der Staatsanwaltschaft und ein älterer Herr mit Kamera und Notizblock, der den Toten noch einmal von allen Seiten fotografiert und seine Beobachtungen auf einem Formular notiert. Es ist John Brite, der Senior-Ermittler aus Joye Carters Team.
Einige Stunden nach den tödlichen Schüssen liegen Todds sterbliche Überreste, eine Fußkarte der Polizei am rechten großen Zeh, zur Obduktion bereit. Zwei Polizisten schauen zu, wie der Pathologe den Leichnam Schicht für Schicht auseinandernimmt. Immer wieder steckt er eine dünne Stahlstange in die Einschußlöcher, um die Schußbahnen der Kugeln nachvollziehen zu können, bevor er die Projektile eins nach dem anderen aus dem Körper holt und sicherstellt.
Für das Grobe ist der Pathologieassistent zuständig. Emotionslos und kraftvoll wie ein Mechaniker öffnet er den Brustkorb mit einer übergroßen Zange und schneidet die Organe heraus. Dann zieht er die Kopfhaut, nachdem er sie von einem Ohr zum anderen durchtrennt hat, vom Schädel, den er anschließend mit einer elektrischen Säge öffnet. Es sind die Geräusche und Gerüche, die auch erfahrenen Augenzeugen immer wieder zu schaffen machen: das Knacken der Knochen, das klettverschlußartige Reißen beim Skalpieren, die Ausdünstungen der Inhalte von Darm, Galle und Blase.
Während der Arzt Proben für die toxikologische Untersuchung in Plastikröhrchen fallen läßt und fortwährend seinen Befund diktiert, spielen die Polizisten die tödliche Szene vor der Apartmenttür in allen möglichen Variationen durch. Der eine tut, als würde er schießen, "puhm - puhm - puhm", der andere, als würde er, "ah" und "oh", getroffen, weglaufen und zusammenbrechen. Anhand der Einschußwinkel versuchen die Beamten, sich die Reihenfolge der Schüsse auszumalen.
Am Ende stellt sich heraus, daß Todd regelrecht hingerichtet wurde. Mindestens drei Treffer waren mit Sicherheit tödlich. Der Schütze, ein 26jähriger Reserve-Hilfssheriff und offenbar paranoider Waffennarr, muß förmlich auf eine solche Gelegenheit gewartet haben. Neben der Tatwaffe, deren Magazin er leergefeuert hat, fanden sich noch vier geladene Pistolen auf dem Wohnzimmertisch und eine weitere im Schlafzimmer.
Es könnte sein, daß er seinen Job als Sheriffhelfer verlieren wird - weil er sich mit einem Kumpel und einem Callgirl und etlichen Flaschen Schnaps hat erwischen lassen. Wegen der tödlichen Schüsse wird er vermutlich nicht einmal vor Gericht gestellt werden. Nach den Wildwest-Gesetzen des Staates Texas darf jeder, auf den eine Waffe gerichtet wird, ungestraft in Notwehr das Feuer eröffnen. Todd hatte seine Pistole nicht einmal geladen. Das volle Magazin steckte noch in seiner Hosentasche, als man seine Leiche fand. Er wollte den anderen nur einschüchtern. Das hat ihn das Leben gekostet. In Texas heißt das: Todesursache Dummheit.
Doch weniger dieses alltägliche Töten im Großstadtsumpf ist es, was Joye Carter umtreibt. Wie fast überall in den USA sind auch in Houston die Zahlen für Mord und Totschlag deutlich rückläufig, von einem Hoch von 700 Fällen 1991 auf nunmehr knapp 400 jährlich. Es sind vielmehr die unspektakulären Todesfälle, die der ehrgeizigen Ärztin zu schaffen machen.
Wieviel Verzweiflung und Lebensüberdruß muß es in dieser Gegend geben, fragt sie sich etwa, daß die Zahl der Selbstmorde sogar die der Tötungsdelikte deutlich übersteigt? Jeden Tag holen die sechs Autopsieärzte Kugeln meist aus den Köpfen von Leuten, die ihr Krebsleiden oder ihre Einsamkeit nicht länger ertragen konnten oder denen der Job oder die Freundin abhanden gekommen sind.
Am schlimmsten aber sind die toten Kinder. Selbst für hartgesottene Leichenbeschauer gibt es kaum etwas Erschütternderes als die täglichen Lieferungen gestorbener Babys, manche gräulich angelaufen wie verwitterte Puppen, andere noch rosig, als würden sie nur schlafen auf den viel zu großen Bahren. Allein im September wies die Statistik von Harris County 54 Minderjährige aus, vom Frühchen bis zum 16jährigen, deren Todesursache zu klären war.
Als Schutzmechanismus gegen die Obszönität des widernatürlichen Todes halten sich viele Leichenbeschauer und Helfer an ihren Glauben. Big John, der in seinem früheren Leben als Polizist selber schon einen Menschen erschossen hat und zehn Jahre lang darüber nicht reden konnte, hat die Bibel als Kraftquelle wiederentdeckt. Joye Carter, die täglich betet, hat ihre Heimat in einer Baptistenkirche gefunden. Und weil ihr Herz für diejenigen schlägt, deren Herz nicht mehr schlägt, lautet ihr erstes Gebot: Wenn sie schon nicht die Lebenden schützen kann, dann wenigstens die Toten vor den Lebenden.
Anders als viele ihrer Kollegen verfährt sie mit den Verstorbenen, die manchmal noch warm sind, wenn sie in den Untersuchungssaal geschoben werden, nicht wie mit Gegenständen aus Fleisch und Knochen. Ob sie einer alten Frau zart über das leichenstarre Gesicht fährt, die zusammengekrampfte Faust eines erschossenen Jugendlichen umfaßt oder ein Baby so leichthändig anhebt, als dürfe sie es nicht wecken: Sie behandelt die aus dem Leben Geschiedenen wie empfindende Wesen - fast so, als ob sich der Tod dadurch verleugnen ließe.
Wenn sie dann mit sicheren Handgriffen das Messer führt, scheint sie die Welt um sich herum zu vergessen. Wo andere sich bisweilen ungeschlacht aufführen, um ihre Berührungsängste zu überwinden, wirkt Joye Carter beinahe zärtlich. Selbst die inneren Organe, die sie beschauen und in Scheiben schneiden muß, behandelt sie mit Respekt.
"Die Würde des Menschen endet nicht mit seinem Ableben", sagt sie. Als eine der ersten Neuerungen nach ihrem Amtsantritt verfügte sie, daß die Organe eines Obduzierten nicht mehr weggeworfen werden dürfen, sondern in den Körper zurückzulegen seien, bevor der Leichnam zur Bestattung freigegeben wird.
Als der Assistent den Rumpf des verunglückten Chicano mit schwungvollen Stichen zunäht, hat die Pathologin Maske und Handschuhe bereits abgestreift. Ein Lächeln liegt nun auf ihrem Gesicht, dem ein Anflug von schreckhafter Scheu eine verletzliche Schönheit verleiht. Es verliert sich rasch wieder, als sie in die Chefetage zurückkehrt, und weicht unterkühlter Geschäftigkeit.
"Ich bin lebendig", erklärt Joye Carter, "und solange ich lebendig bin, kann ich dazulernen." Wonach strebt eine ledige Karrierefrau, die schon mit 39 die höchste Stufe in der Laufbahn ärztlicher Leichenbeschauer erreicht hat? Ihr fiele eigentlich nur noch eine Aufgabe ein, die sie reizen könnte: Gesundheitsministerin in Washington. Das aber wäre ein Job für die Lebenden.
* Auf dem Weg zu einem afroamerikanischen Ball.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 50/1996
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