16.12.1996

Reminiszenzen an den Überfluß

Lohnt es sich denn, darüber zu reden? Ist das Thema nicht längst erledigt? Ein zweitausendjähriger Streit scheint sich erschöpft zu haben. Es sieht ganz danach aus, als hätte der Luxus über seine Widersacher gesiegt. Flächendeckend bis zum Überdruß hat er die Fußgängerzonen und die Cash-and-Carry-Märkte erobert, wenigstens in der sogenannten westlichen Welt, zu der, aller Geographie zum Hohn, zwar Japan zählt, nicht aber Kuba. Selbst auf den Straßen von Moskau und in den Basaren von Manila macht er sich breit. Das klingt, angesichts der grassierenden Armut in Ost und West, zynisch. Doch auf Anbieter und Kunden des Überflusses hat diese Einrede noch nie Eindruck gemacht, und heutzutage verfängt sie weniger denn je. Wenn dann doch einmal vor einem Pariser Delikatessengeschäft eine Bombe explodiert, oder eine Gruppe von Wirrköpfen läßt in Berlin ihre Wut an einem Restaurant aus, wo man zu gut ißt für ihren Geschmack, so kann man in solchen ebenso brutalen wie müden Formen des Protestes schwerlich mehr sehen als Rückzugsgefechte, denen jede Massenbasis fehlt.
Diese Lage lädt zu einer Retrospektive ein. Der Affekt gegen alles, was Luxus heißt, hat ja eine lange und ehrwürdige Vergangenheit. Unabsehbar ist die Reihe der Philosophen und Gesetzgeber, der Prediger und Demagogen, die sich gegen Üppigkeit, Prunksucht und Verschwendung ausgesprochen haben. So wie der Gegenstand ihres Eifers haben sich im Lauf der Zeiten auch ihre Argumente verändert.
Schon die sprichwörtliche spartanische Erziehung hat, was ihre Motive und Methoden angeht, kaum etwas mit den Lehren der Kyniker gemein; und wieder ganz andere Ängste sind es, die zu den ebenso drakonischen wie erfolglosen Aufwands- und Luxusgesetzen der Römer führten. Alles, was nicht dem Seelenheil diente, wollte Savonarola dem Scheiterhaufen der Eitelkeiten überantworten; doch seine Absichten waren gewiß nicht identisch mit denen der klassischen Utopisten, die aus ihren diversen Sonnenstaaten ebenfalls, bei Androhung schwerster Strafen, alles verbannen wollten, was ihnen überflüssig vorkam. Und so fort.
Je mehr aber die rein religiösen und moralischen Gründe der Prediger an Boden verloren, desto klarer wurde die Kritik an den verschwenderischen Sitten der Reichen und der Mächtigen zu einem politischen Thema. Als die Aufklärung die Parole der Gleichheit auf die Tagesordnung setzte, war der Luxus, wie es schien, endgültig zum sozialen Skandal geworden. Ihn und alle, die ihm verfallen waren, auszurotten, das wurde nun zu einem Ziel, das sich die Revolutionäre auf die Fahnen schrieben.
Aus dem langen Streit klug zu werden, der sich so entzündete, ist nicht leicht. Doch gibt es einen Locus classicus, an dem sich seine wichtigsten Argumente dingfest machen lassen. Das ist die französische Luxus-Diskussion des 18. Jahrhunderts.
Damals schrieb der Abbé Coyer in einem berühmten Pamphlet: "Der Luxus gleicht insofern dem Feuer, als er ebensowohl wärmen als verzehren kann. Wenn er einerseits reiche Häuser zugrunde richtet, so hält er andererseits unsere Manufakturen am Leben. Er frißt das Vermögen des Verschwenders auf, aber er ernährt auch unsere Arbeiter ... Wollte man unsere Lyoner Seidenstoffe, unsere Goldbeschläge, unsere Juwelen mit dem Bann belegen, so sähe ich die Folgen kommen: Mit einem Schlag lägen Millionen Arme brach, und ebenso viele Stimmen erhöben sich, die nach Brot riefen."
Montesquieu in seinem "Vom Geist der Gesetze" faßt sich kürzer: "Ohne Luxus", sagt er, "geht es nicht. Wenn die Reichen nicht reichlich ausgeben, werden die Armen Hungers sterben." Und Voltaire reduziert das Problem auf ein Bonmot: "Das Überflüssige ist eine höchst notwendige Sache."
Solche Überlegungen sind bis in unser Jahrhundert hinein fortgeschrieben worden. In seinem Buch über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung (1912) konnte Werner Sombart die These vertreten, der Luxus habe den Kapitalismus erst gezeugt.
Das war immer schon die Ansicht des aufstrebenden Bürgertums. So heißt es in einem Konversationslexikon von 1815 mit entwaffnender Bonhomie: "In dieser Rücksicht wird der Luxus nicht nur höchst nützlich und notwendig, indem er den Zweck des Menschen, physischen Wohlstand erleichtert, sondern auch diesen Wohlstand unter die größtmögliche Menschenmasse verbreitet, und mithin der dem allgemeinen Nationalwohlstande nachtheiligen Vermögensungleichheit entgegenarbeitet."
Hier wird mit einem verblüffenden Griff der Spieß umgedreht. Der Apologet des Luxus beruft sich auf ebenjenes Gleichheitspostulat, das seine Kritiker gegen ihn ins Feld zu führen pflegten: "Die häufigen Klagen der Vornehmen und Reichen, über die Fortschritte und die Nachtheile des Luxus, scheinen also großentheils von einer menschenfeindlichen Empfindung, und von dem Stolze und Neide gegen die niedere Volksklasse entsprungen zu seyn, indem die höheren Stände sich an den, durch die Fortschritte der Industrie unverkennbar erweiterten Wohlstand der niederen Classen, noch nicht gewöhnen können."
Erstaunlich entschieden tritt dieser biedermeierliche Lexikon-Autor einer Kulturkritik entgegen, die uns bekannt vorkommt. Er begegnet ihr mit einem Verdacht, der bis heute nicht entkräftet ist.
Der ökonomischen Analyse der Luxus-Produktion kommt aber noch ein anderes Verdienst zu. Sie hat auch mit der urtümlichen Vorstellung aufgeräumt, als ginge es bei Angebot und Nachfrage, Produktion und Konsum um ein reines Nullsummenspiel und als ließe sich das Verlangen nach Gerechtigkeit durch bloße Umverteilung stillen. In der Abkehr von dieser fixen Idee war sich übrigens Karl Marx mit seinen bürgerlichen Gegnern durchaus einig, auch wenn die dümmeren unter seinen Anhängern das nie recht wahrhaben wollten. Im Bild einer Torte von fixer Größe, die es nur gleichmäßig aufzuteilen gelte, sind die materiellen Güter dieser Welt nicht zu fassen, auch wenn der Glaube an dieses Modell offenbar nicht auszurotten ist. Was immer man vom Luxus halten mag, seine Geschichte beweist jedenfalls das Gegenteil.
Das zeigt sich schon am permanenten Wandel seiner Erscheinungsformen. Der Begriff des Luxus ist ebenso relativ wie der der Armut. Es ist gar nicht so lange her, da waren Güter wie Zucker und Glas, Samt und Licht, Pfeffer und Spiegel in Europa einer kleinen Minderheit von Mächtigen und Vermögenden vorbehalten. Daß vieles von dem, was heute zum selbstverständlichen Standard eines Pflasterers oder einer Friseuse gehört, keinem Fürsten der Vergangenheit zur Verfügung stand, ist einer jener Gemeinplätze, über die man ins Grübeln kommen könnte, wenn man sie beim Wort nähme.
Aber auch die materialistischen Theorien erklären nicht alles. Sie haben die symbolische Macht des Luxus immer unterschätzt. Sie haben nicht gesehen, daß er ein treibendes Moment nicht nur der ökonomischen, sondern jeder Evolution darstellt. Den Biologen des 19. Jahrhunderts war aufgefallen, daß die Verschwendung nicht nur in der menschlichen Gesellschaft, sondern auch in der Natur eine überwältigende Rolle spielt. Der quantitative und qualitative Überschuß, der in der Natur herrscht, ist durch Nützlichkeitskalküle kaum restlos zu erklären. Die Theoretiker der Evolution tun sich schwer damit, das exorbitante Farbenspiel tropischer Schmetterlinge im darwinistischen Sinn zu deuten. ("Luxurieren" ist übrigens ein Begriff aus der biologischen Terminologie.) Rätselhaft sind auch die Stoßzähne des sibirischen Mammuts; denn sie haben nicht zum Überleben der Art beigetragen. So beißt sich die Wissenschaft am Luxus der Natur die Zähne aus.
Ob sich die verschwenderischen Neigungen des Menschen auf biologische Wurzeln zurückführen lassen - diese Frage muß nach alledem offenbleiben. Immerhin liegt es nahe, nach gesellschaftlichen Analogien zu den kostspieligen Launen der Natur zu suchen. Die modernen Ethnologen haben es daran nicht fehlen lassen. Ihr berühmtestes, wenn auch höchst umstrittenes Exempel ist der Potlatsch. Dabei handelt es sich um ein indianisches Ritual aus dem Nordwesten Amerikas. Konkurrierende Clans der Kwakiutl und anderer Stämme sollen dabei auf spektakuläre Weise ihre wertvollsten Ressourcen vernichtet haben. Als Gewinner solcher Wettkämpfe galt, wer am meisten verschwenden konnte.
Neuere Untersuchungen melden Zweifel am Realitätsgehalt dieses Brauches an. Aber selbst wenn sich zeigen sollte, daß der Potlatsch nur ein wissenschaftlicher Mythos ist, so ist der Fall damit noch lange nicht erledigt. Der Potlatsch stellt klar, daß jeder ostentative Konsum eine Demonstration der Macht ist, und er zeigt, daß die luxuriöse Verausgabung immer auf Zuschauer angewiesen ist, die sich von ihr beeindrucken lassen.
Georges Bataille war es, der die philosophische Deutung des Luxus auf die Spitze getrieben hat. Es kann kein Zufall sein, daß er bereits eine lange Karriere als Ethnologe hinter sich hatte, als er anfing, über den "Begriff der Verausgabung und Die Aufhebung der Ökonomie" nachzudenken. Er kam, wie es seine Art war, zu einer radikalen Schlußfolgerung:
"Die Geschichte des Lebens auf der Erde ist vor allem die Wirkung eines wahnwitzigen Überschwangs: Das beherrschende Ereignis ist die Entwicklung des Luxus, die Erzeugung immer kostspieligerer Lebensformen." Man braucht Batailles Metaphysik der Verschwendung nicht zu teilen, um ihm in einem Punkte recht zu geben: nämlich daß es, aller Armut zum Trotz, eine menschliche Gesellschaft, die ohne Luxus ausgekommen wäre, nie gegeben hat.
Man könnte sogar mit guten Gründen behaupten: Nie wurde weniger gespart als in Zeiten, zu denen Hungersnöte etwas ganz Gewöhnliches waren. Gerade traditionelle Gesellschaften, denen stets der Mangel drohte, haben auf ihren Festen eine aberwitzige Pracht entfaltet. Entscheidend waren dafür nicht der Narzißmus und der Größenwahn der Herrscher, sondern die Notwendigkeit der Repräsentation. Am besten läßt sich diese Neigung zum Exzeß an den höfischen Festen des Barock studieren. Für diese Orgien der Verschwendung war den Fürsten jeder Anlaß genug: eine Taufe, ein Geburts-, Namens- oder Todestag, ein Friedensschluß oder eine Eroberung. Selbst die Ehe mußte zumindest im symbolischen Sinn öffentlich vollzogen werden: So wurde das kaiserliche Beilager Leopold I. zu Wien ein ganzes Jahr lang gefeiert.
Daß die Entfaltung von Pracht und Luxus nur dem Vergnügen der Mächtigen gedient hätte, ist ein puritanisches Mißverständnis. Sie waren vielmehr verpflichtet, ja gezwungen, der Welt um jeden Preis, selbst um den des eigenen Ruins, ein exorbitantes Schauspiel zu bieten. Für die Kosten mußten sie, wie auch die kleineren Standesherren, Kredite aufnehmen, die sie und ihre Untertanen bis zur Existenzgefährdung belasteten. Und was das Vergnügen betrifft, so war den Teilnehmern an diesen Festen jeder Schritt durch die Etikette strengstens vorgeschrieben. Man muß sich das Ganze als eine unvermeidbare, entsetzliche Anstrengung vorstellen, die alle Beteiligten erschöpft zurückließ.
Und welche Rolle spielte bei diesen Verschwendungsritualen das Volk oder, modern gesprochen, das Publikum? Es hatte nicht nur die Zeche zu bezahlen; es hatte auch ein Recht darauf, zuzuschauen. Noch im Äthiopien Haile Selassies konnte der letzte Bettler die Teilnahme an den großen Festen des Herrschers einfordern. Die Armen hatten Anspruch darauf, als Zaungäste mit den Überresten der kaiserlichen Tafel abgespeist zu werden.
Diese Wechselwirkung hat die Zeiten des Absolutismus überlebt. Bis auf den heutigen Tag nimmt das Publikum, vermittelt durch die Massenpresse und das Fernsehen, an den Festen der "Prominenz" teil. Ob es um den Wiener Opernball geht oder um eine Oscar-Verleihung, die Hochzeit eines Spitzensportlers oder die Restbestände der Monarchien, immer sieht eine gierige Menge durchs Schlüsselloch der Medien zu.
Auch die solideren Formen des öffentlichen Luxus haben sich bis heute behaupten können. Nicht nur neue Opernhäuser, Kulturzentren und Museen zeugen von der Lust an der kollektiven Verausgabung. Auch die Wissenschaft errichtet sich monumentale Denkmäler. Eines davon ist der Large Hadron Collider, der derzeit in der Nähe von Genf gebaut wird, eine unterirdische High-Tech-Kathedrale von derart esoterischer Bestimmung, daß die Steuerzahler der beteiligten Länder kaum begreifen können, wozu sie da ist. Bau und Betrieb der Anlage werden vermutlich vier Milliarden Mark kosten.
Daß dieses Weltwunder greifbaren Nutzen abwerfen wird, daß es sich, betriebswirtschaftlich gesprochen, amortisiert, dafür würden nicht einmal die Forscher und Manager von Cern die Hand ins Feuer legen. Den Theologen der reinen Marktwirtschaft müßte das Projekt ebenso ein Dorn im Auge sein wie einst Neuschwanstein, das Phantasieschloß König Ludwig II. von Bayern, seiner Rechnungskammer. Es galt den Beamten als die Ausgeburt der "krankhaften Verschwendungssucht eines Paranoikers". Heute werden dort übrigens Jahr für Jahr sechs Millionen Mark als Eintrittsgelder eingenommen, ebensoviel, wie seinerzeit der ganze Bau gekostet hat; die Umwegrendite dieser Folie geht inzwischen zweifellos in die Milliarden.
Aber was an diesem Beispiel bemerkenswert ist, sind nicht die Zahlen. Es ist die Liebe, die dem königlichen Patienten, dem alle Volkstümlichkeit zeitlebens verhaßt war, damals wie heute entgegengebracht wird; ein Indiz dafür, daß der Luxus, und zwar gerade dann, wenn er alle Proportionen sprengt, keineswegs auf spontane Empörung stößt. Das ist auch heute so. Alle Jahre werden zu Weihnachten ganze Straßenzüge illuminiert. Paris pflegt jedesmal im November eine halbe Million Glühbirnen aufzuhängen. Das scheint niemanden zu stören, nicht einmal die Fürsprecher der Armen. Als Mitterrand sein pharaonisches Bauprogramm ins Werk setzte, tobte in der Banlieue der molekulare Bürgerkrieg. Den weißen Elefanten unserer Zivilisation begegnen Arbeitslose und Steuerzahler gleichermaßen mit staunenswerter Toleranz.
Überhaupt kommt man um die Feststellung nicht herum, daß es selten die Verdammten dieser Erde waren, welche die öffentliche Verschwendung gegeißelt haben, sondern eher ihre selbsternannten Anwälte. Radikale Intellektuelle vom Schlage eines Robespierre, eines Lenin, eines Mao Tse-tung oder Pol Pot sind es gewesen, also Advokaten, Gutsbesitzersöhne, Soziologen, die in der Askese den Gipfel der Tugend sahen und bereit waren, sie, wenn nötig, mit allen Mitteln des Terrors durchzusetzen. Unter den Armen, Entrechteten und Erniedrigten kann man lange nach Predigern der Enthaltsamkeit suchen.
Auf eher harmlose Weise hat sich das auch in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gezeigt. Schon in ihrer Pubertät, in den ersten Jahren des Wirtschaftswunders, wollten die Massen nicht auf die Warnungen der Intellektuellen vor dem Kühlschrank und dem Auto hören, die damals noch als Luxusgüter galten. Später stieß auch die Studentenbewegung auf taube Ohren, als sie versuchte, die Leute vor der drohenden Gefahr des Konsumterrors zu schützen. Und als die DDR ihrem verdienten Ende entgegenging, mußten tugendhafte Schriftsteller ohnmächtig mitansehen, wie Millionen wehrlos den diabolischen Versuchungen des Überflusses in Gestalt exotischer Südfrüchte erlagen.
Das alles legt den Verdacht nahe, als wäre die Abneigung gegen alle Formen von Luxus, auch die bescheidensten, eher den Skrupeln und dem Selbsthaß seiner Kritiker zuzuschreiben als dem Ressentiment derer, die keinen Teil an ihm haben.
So wäre also alles im Lot, jeder Skrupel hinfällig, der Luxus rehabilitiert, seine Zukunftsperspektive glänzend? Auf diese Idee könnte nur ein Schwachkopf verfallen.
Denn neben dem kollektiven hat sich längst ein demokratischer, privater, alltäglicher, von allen Ritualen losgelöster, sozusagen kleinteiliger, um nicht zu sagen: schäbiger Luxus durchgesetzt. Der "durch die Fortschritte der Industrie unverkennbar erweiterte Wohlstand der niederen Classen" hat es möglich gemacht. Fern sei uns die "hämische und menschenfeindliche Empfindung", die ihnen diese Früchte mißgönnt! Auch die dünkelhafte Medisance, mit der die Figur des Aufsteigers gern bedacht wird, sollten wir uns schenken. Als Nouveaux riches haben schließlich alle einmal angefangen, die sich an diesem Spiel beteiligen.
In den Jahren des Booms hat der private Luxus, kaum bemerkt von seinen alten Feinden, eine unerwartete und fatale Wendung genommen. Er hat sich zu Tode gesiegt. In seiner hergebrachten Form jedenfalls ist er der Entropie erlegen, jener Gesetzmäßigkeit, die zum Ausgleich der Extreme, zur Gleichförmigkeit und zur Indifferenz führt. In allen früheren Gesellschaften galten Verschwendung und Überfluß als seltene Ausnahme. Gerade der Tatsache, daß er gegen alle Normen des Alltags verstieß, verdankte der Luxus seinen Eclat und sein Prestige.
Die Massenproduktion hat ihm zugleich seinen größten Triumph und seinen Untergang bereitet. Eine riesige Industrie, die noch in der Rezession phantastische Wachstumsraten erreicht, lebt von seinen Zerfallsprodukten. Emblematisch für diese Entwicklung ist die Tendenz zum Markenartikel. Die Namen der Hersteller sind zu einem universellen Code geworden. Das Etikett vertritt den Gegenstand. Das geht so weit, daß die Kundschaft ihren Körper den Lieferanten als Werbefläche zur Verfügung stellt.
"Luxus ist nicht das Gegenteil von Armut, sondern von Vulgarität." Mit diesen Worten hat Coco Chanel der Industrie, deren Pionierin sie war, das Urteil gesprochen. Duty Free Shop und Shopping Mall heißen die Leichenschauhäuser des Luxus. Das Unheimliche an ihnen ist, daß sie sich wie in einem Horrorfilm vermehren. Die Überschwemmung durch das Immergleiche tritt mit der Behauptung auf, sie vertrete das Exklusive, und die Beliebigkeit drängt sich mit dem albernen Anspruch vor, es handle sich um ein "Must".
Im Rückblick zeigt sich, daß es mit dem Luxus schon immer eine ästhetisch dubiose Bewandtnis hatte. Jede Art der Prachtentfaltung neigt zum Überladenen: zuviel Gold, zuviel Glanz, zuviel Dekor, zuviel Aufdringlichkeit. Nur Staub und Verschleiß, Patina und Abnutzung mildern die Nähe so vieler Erbstücke zum Kitsch und machen die Geschmacklosigkeit des guten Geschmacks erträglich. In den Schrekkenskabinetten der Souvenir- und Stilmöbel-Geschäfte begegnet sie dem Betrachter mit der Wucht eines Faustschlags.
Daß dem privaten Luxus auch der neidische Zuschauer abhanden gekommen ist, kann nicht wundernehmen. Wo es nichts mehr zu sehen gibt, wendet sich der Voyeur achselzuckend ab. Auch wird es wohl kein Zufall sein, daß es vor allem Zuhälter, Gangster und Drogenbarone sind, die den größten Wert darauf legen, sich mit exklusiver Scheiße zu schmücken. Nirgendwo wird der Kampf um das Etikett, den Markennamen auf den Klamotten blutiger ausgetragen als im Ghetto.
So fragt es sich, ob der private Luxus überhaupt noch eine Zukunft hat. Ich hoffe und fürchte: ja. Wenn es nämlich wahr ist, daß das Streben nach der Differenz zum Mechanismus der Evolution gehört und daß die Lust an der Verschwendung in der Triebstruktur wurzelt, dann kann der Luxus nie ganz und gar verschwinden, und die Frage ist nur, welche Gestalt er auf der Flucht vor seinem eigenen Schatten annehmen wird. Alles, was sich dazu sagen läßt, können nur Vermutungen sein.
Ich vermute also, daß es ganz andere Prioritäten sein werden, um die es bei künftigen Verteilungskämpfen geht. Knapp, selten, teuer und begehrenswert sind im Zeichen des wuchernden Konsums nicht schnelle Automobile und goldene Armbanduhren, Champagnerkisten und Parfüms, Dinge, die an jeder Straßenecke zu haben sind, sondern elementare Lebensvoraussetzungen wie Ruhe, gutes Wasser und genügend Platz.
Merkwürdige Verkehrung einer Logik der Wünsche: Der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen, von dem zu befürchten ist, daß es nur noch den Wenigsten zu Gebote stehen wird. Das, worauf es ankommt, hat kein Duty Free Shop zu bieten:
1. Die Zeit. Sie ist das wichtigste aller Luxusgüter. Bizarrerweise sind es gerade die Funktionseliten, die über ihre eigene Lebenszeit am wenigsten frei verfügen können. Das ist nicht in erster Linie eine quantitative Frage, obwohl viele Angehörige dieser Schicht bis zu 80 Stunden in der Woche arbeiten; viel eher sind es ihre vielfältigen Abhängigkeiten, die sie versklaven. Man erwartet von ihnen, daß sie jederzeit erreichbar sind und auf Abruf bereitstehen. Im übrigen sind sie an Terminkalender gebunden, die auf Jahre hinaus in die Zukunft reichen.
Aber auch andere Berufstätige sind an Regelungen gebunden, die ihre Zeitsouveränität auf ein Minimum beschränken. Arbeiter hängen von Maschinenlaufzeiten, Hausfrauen von Ladenschlußzeiten, Eltern von den Verfügungen der Schule ab, und fast alle sind auf Pendelfahrten zu den Spitzenverkehrszeiten angewiesen. Unter solchen Bedingungen lebt luxuriös, wer stets Zeit hat, aber nur für das,
womit er sich beschäftigen will, und wer selber darüber entscheiden kann, was er mit seiner Zeit tut, wieviel er tut, wann und wo er es tut.
2. Die Aufmerksamkeit. Auch sie ist ein knappes Gut, um dessen Verteilung sämtliche Medien erbittert kämpfen. Im Gerangel
von Geld und Politik, Sport und Kunst, Technik und Werbung bleibt wenig von ihr übrig. Nur wer sich diesen Zumutungen entzieht und das Rauschen der Kanäle abschaltet, kann selbst darüber entscheiden, was Aufmerksamkeit verdient und was nicht. Unter dem Trommelfeuer arbiträrer Informationen nehmen unsere sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten ab; sie wachsen mit der Reduktion auf das und nur das, was wir selber sehen, hören, fühlen und wissen wollen. Auch darin kann man ein Moment von Luxus sehen.
3. Der Raum. Was für die Ökonomie der Zeit der Terminkalender, ist für die des Raumes der Stau. Im übertragenen Sinn ist er allgegenwärtig. Steigende Mieten, Wohnungsnot, überfüllte Verkehrsmittel, Gedrängel in den Fußgängerzonen, Freibädern, Diskotheken, Touristenzonen zeigen eine Verdichtung der Lebensverhältnisse an, die an Freiheitsberaubung grenzt. Wer sich dieser Käfighaltung entziehen kann, lebt luxuriös. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich aus dem Warenberg freizuschaufeln. Meist ist die ohnehin viel zu kleine Wohnung mit Möbeln, Geräten, Nippes und Klamotten verbarrikadiert. Was fehlt, ist jener Überfluß an Platz, der die freie Bewegung überhaupt erst möglich macht. Heute wirkt ein Zimmer luxuriös, wenn es leer ist.
4. Die Ruhe. Auch sie ist ein Grundbedürfnis, das immer schwerer zu stillen ist. Wer den allgegenwärtigen Krach vermeiden will, muß einen hohen Aufwand treiben. Wohnungen kosten in der Regel um so mehr, je ruhiger sie sind; Restaurants, die ihren Gästen nicht mit Gedudel in den Ohren liegen, fordern dafür, daß sie auf diese Belästigung verzichten, höhere Preise. Der tobende Verkehr, das Heulen der Sirenen, das Knattern der Hubschrauber, die dröhnende Stereoanlage des Nachbarn, die monatelang wummernden Straßenfeste - Luxus genießt, wer sich alledem entziehen kann.
5. Die Umwelt. Daß man die Luft atmen und das Wasser trinken kann, daß es nicht qualmt und nicht stinkt, ist bekanntermaßen keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, an dem immer weniger Menschen teilhaben. Wer sie nicht selbst erzeugt, muß Lebensmittel, die nicht vergiftet sind, teuer bezahlen. Den Risiken für Leib und Leben am Arbeitsplatz, im Verkehr und im gemeingefährlichen Freizeitrummel aus dem Weg zu gehen dürfte den meisten schwerfallen. Auch in dieser Hinsicht sind es die Möglichkeiten des Rückzugs, die immer knapper werden.
6. Die Sicherheit. Sie ist wahrscheinlich das prekärste aller Luxusgüter. In dem Maß, in dem der Staat sie nicht mehr garantieren kann, steigt die private Nachfrage und treibt die Preise in die Höhe. Leibwächter, Sicherheitsdienste, Alarmanlagen - alles, was Sicherheit verspricht, gehört heute schon zum Lebenszuschnitt der Privilegierten, und die Branche kann auch in Zukunft mit hohen Wachstumsraten rechnen. Wer sich in den Vierteln der Reichen umsieht, der ahnt bereits, daß der Luxus der Zukunft kein reines Vergnügen verspricht. Wie in der Vergangenheit wird er nicht nur Freiheiten, sondern auch Zwänge mit sich führen. Denn der Privilegierte, der sich in Sicherheit bringen will, schließt nicht nur die andern aus; er schließt sich selber ein.
Alles in allem laufen diese Mutmaßungen auf eine Kehrtwendung hinaus, die reich an Ironien ist. Wenn sie etwas für sich haben, dann liegt die Zukunft des Luxus nicht wie bisher in der Vermehrung, sondern in der Verminderung, nicht in der Anhäufung, sondern in der Vermeidung. Der Überfluß tritt in ein neues Stadium ein, indem er sich negiert. Die Antwort auf das Paradox wäre dann ein weiteres Paradox: Minimalismus und Verzicht könnten sich als ebenso selten, aufwendig und begehrt erweisen wie einst die ostentative Verschwendung.
Seine repräsentative Rolle würde der Luxus damit allerdings endgültig einbüßen. Seine Privatisierung wäre perfekt. Er bräuchte keine Zuschauer mehr, er schlösse sie aus. Seine Logik bestünde gerade darin, sich unsichtbar zu machen. Mit einem derartigen Rückzug aus der Wirklichkeit bliebe der Luxus jedoch seinem Ursprung treu; denn mit dem Realitätsprinzip lag er von jeher im Streit. Vielleicht ist er ja nie etwas anderes gewesen als ein Fluchtversuch vor der Mühsal und der Monotonie des Lebens.
Neuartig und verwirrend ist eine andere Frage, die sich bei solchen Aussichten stellt. Es ist nämlich keineswegs klar, wer in Zukunft eigentlich zu den Nutznießern des Luxus zählen wird. Die herkömmlichen Parameter wie gesellschaftliche Position, Einkommen und Vermögen werden dabei nicht immer den Ausschlag geben. Vieles von dem, was hier zur Debatte steht, wird sich ein Manager, ein Spitzensportler, ein Bankier oder ein hochgestellter Politiker einfach nicht leisten können. Genügend Raum und ein gewisses Maß an Sicherheit können sich solche Leute kaufen. Aber sie haben keine Zeit und keine Ruhe.
Umgekehrt können Arbeitslose, Alte und Flüchtlinge, die zusammen in naher Zukunft die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen werden, in der Regel beliebig über ihre Zeit verfügen, aber es wäre der blanke Hohn, darin ein Privileg zu sehen. Zusammengepfercht in engen Unterkünften, ohne Geld und Sicherheit, werden viele mit ihrer leeren Zeit nichts anfangen können. Es ist schwer zu sagen, wie sich die knappen Güter der Zukunft verteilen werden, aber eines ist klar: Wer davon nur eines hat, der hat nichts davon. Von Gerechtigkeit wird bei alledem ebensowenig die Rede sein können wie in der Vergangenheit. Wenigstens in dieser Beziehung wird der Luxus auch in Zukunft bleiben, was er immer war: ein hartnäckiger Widersacher der Gleichheit.
* Links: Wohnhaus in der Schweiz; Mitte: Schwimmerin in Kalifornien; rechts: Filmschauspielerin Sharon Stone mit Bodyguards beim Einkaufsbummel in Paris. * Japanischer Zen-Mönch.
Von Hans Magnus Enzensberger

DER SPIEGEL 51/1996
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