02.12.1996

Exorzismus„Verschwindet, raus im Namen Gottes!“

Klingenberg am Main, an einem Freitagvormittag. Zwei Dutzend katholische Pilger sind aus der Schweiz in die unterfränkische Kleinstadt gereist, um einen ganz besonderen Gottesdienst zu feiern.
An der katholischen Kirche, dem barocken Wahrzeichen des Ortes, fahren die Gläubigen vorbei. Ihr Bus hält an einem unscheinbaren Natursteingebäude, einer umgebauten Scheune direkt an der Hauptstraße.
Drinnen riecht es nach Weihrauch. Durch einen mit Heiligenbildern geschmückten Vorraum treten die Wallfahrer aus St. Gallen in das Halbdunkel einer kleinen Kapelle. Brennende Kerzen auf dem Altar beleuchten flackernd eine blutbefleckte Jesusfigur am Kreuz, eine weiße Marienstatue und ein geschnitztes Kind in der Krippe.
Die Pilger bekreuzigen sich, fallen auf die Knie. Während wenige Meter weiter Lastwagen vorbeidonnern, die in kurzen Abständen die Wände erzittern lassen, liest ein betagter Priester, der die Reise mitgemacht hat, die Messe nach dem alten katholischen Ritus.
Immer wieder blicken die Besucher ehrfürchtig hoch zur Wand, rechts neben den Altar. Dort hängt, neben zwei in Gold gerahmten Jesusbildern, das Foto eines hübschen jungen Mädchens mit halblangen brünetten Haaren, braunen Augen und einem fröhlichen Lächeln. So sah Anneliese Michel aus, als sie noch lebte.
Die Pädagogikstudentin ist seit über 20 Jahren tot. Sie starb am 1. Juli 1976 in ihrem Elternhaus in Klingenberg, das Gesicht mit Blutergüssen übersät, abgemagert bis aufs Skelett. Anneliese Michel, gerade 23 Jahre alt, war verhungert und verdurstet.
Zwei katholische Priester hatten zuvor fast ein Jahr lang mit Genehmigung des Bischofs von Würzburg versucht, dem Mädchen durch Gebete, Beschwörungen und Gesänge den Teufel auszutreiben. Die Theologen glaubten, die Studentin sei vom Leibhaftigen besessen. Eltern, Geschwister und Freunde glaubten das auch.
Die Schweizer Pilger sind noch heute von der Besessenheit überzeugt. Sie sind gekommen, um für die Tote zu beten: "Lieber Dreifaltiger Gott, im tiefster Demut bitten wir Dich, verherrliche Deine demütige Dienerin Anneliese, die unter dem Satan so große Qualen bis zum Tod erleiden mußte."
Vater und Mutter von Anneliese Michel waren strenggläubig. Neuerungen wie die Abschaffung der lateinischen Liturgie bei der Messe lehnten sie strikt ab.
Bei der Erziehung seiner vier Töchter ließ sich der Vater, ein alteingesessener
Schreinermeister, von streng religiösen Überzeugungen leiten: Tanzen galt als schwere Sünde, täglicher Kirchgang war Pflicht.
Anders als mit Besessenheit konnten sich die Eltern unheimliche Phänomene bei ihrer ältesten Tochter nicht erklären. Das stets gehorsame Mädchen, sanftmütig und fromm, schlug plötzlich mit dem Kopf gegen Wände, daß die Zähne splitterten, lief nackt durchs Haus, wälzte sich im Kohlenkeller, stieß lästerliche
Flüche aus. Nach Kirchenbesuchen klagte sie über erschreckende Erscheinungen: "20, 30 Teufel standen um mich herum, mit scheußlichen Fratzen."
Immer wenn die Priester in Annelieses Zimmer die katholischen Exorzismusgebete nach dem Rituale Romanum sprachen ("Hebe dich hinweg, du nichtsnutziger Drache") oder das Kreuz hochhielten, wand sich die junge Frau in furchtbaren Krämpfen. Ihr Gesicht verzerrte sich, oft beschimpfte sie den betenden Pfarrer als "Drecksau" oder "Schweinehund".
Mediziner diagnostizierten bei Anneliese Michel ein epileptisches Anfallsleiden und eine Psychose, ausgelöst durch Aggressionen gegen den Vater und eine gestörte sexuelle Entwicklung. Ein Würzburger Psychiater erklärte, die tiefgläubige Katholikin habe "die Rolle einer von Teufeln beherrschten Person wahrgenommen". Doch medizinischer Rat war bei Michels wenig gefragt.
Vater, Mutter und die beiden Priester wurden 1978 in Aschaffenburg wegen fahrlässiger Tötung zu jeweils sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, weil sie in den letzten Lebenswochen von Anneliese Michel keine Ärzte zu Hilfe riefen.
Die junge Frau konnte vor ihrem Tod tagelang nichts mehr essen und nichts mehr trinken. Die Angehörigen glaubten, der Teufel habe es ihr verboten.
Längst wird die Tote als Märtyrerin verehrt. "Sie wird noch heiliggesprochen", prophezeit eine Pilgerin andächtig, "vielleicht schon bald." "Ihr Leichnam ist nicht verwest", behauptet eine andere. "Die Bischöfe halten das nur geheim."
Tatsächlich wurden die Überreste der Studentin 1978 vor Hunderten von Neugierigen ausgegraben. Eine Nonne hatte geweissagt, die Tote sei unversehrt - der Klingenberger Bürgermeister und ein paar Friedhofsarbeiter überzeugten sich vom Gegenteil.
Zu Ehren der Tochter hat Vater Michel auf seinem Privatgrundstück die kleine Kapelle bauen und von einem auswärtigen Priester weihen lassen. Seit der Schreinermeister 1992 verstorben ist, werden Besucher von Annelieses alter und schwerkranker Mutter empfangen.
Im Bistum Würzburg, wo seit dem Tod von Anneliese Michel kein Exorzismus mehr genehmigt wurde, registrieren die Kirchenoberen mißtrauisch, daß die Klingenberger Privatkapelle in dieser glaubensarmen Zeit zum Ziel von Pilgern aus halb Europa geworden ist.
Besucher aus Belgien, Holland, Österreich, Italien und Deutschland wallfahren in Scharen hierher. Am nahe gelegenen Grab von Anneliese Michel, auf dem ein leuchtendes weißes Kreuz das Eindringen von Dämonen verhindern soll, beginnen viele zu weinen.
Auch die Schweizer sind tief beeindruckt. Nach der Messe lauschen sie atemlos der Hausfrau Thea Hein, die Pilgerinnen regelmäßig schauerliche Einzelheiten über Anneliese Michels Dämonen berichtet.
Die Frau aus einem Klingenberger Nachbarort will die Besessenheit als erste erkannt haben, bei einer Wallfahrt im italienischen San Damiano. Anneliese Michel habe einfach nicht an einer Heilandsfigur vorbeigehen können: "Sie ist im Trab weggerannt, mit ganz hohen Sprüngen."
Thea Hein war bei vielen Exorzismussitzungen dabei: "Niemand kann sich vorstellen, wie die Teufel geschrien haben. Häuserweit hat man''s gehört. Oft mußten wir der Anneliese den Mund zuhalten."
Ständig habe das Mädchen "beißenden Brandgeruch" verbreitet, "furchtbaren Höllengestank". Und machmal so gerast, daß zwei Männer sie festhalten oder fesseln mußten.
Mit dem Daumen zählt Thea Hein auf, welche Dämonen in Anneliese tobten: Luzifer, Judas, Nero, Kain, Hitler und ein sündhafter Priester namens Fleischmann. Hitler habe am wenigsten gesagt, immer nur "heil, heil, heil" gerufen.
Zur Demonstration spielt die Besessenheitsexpertin ein Tonband ab, das seinerzeit beim Exorzismus aufgenommen wurde. Entsetzt hören die Pilger jenes Grunzen, Brüllen, Stöhnen und Kichern, das vor 20 Jahren tagtäglich durch das Einfamilienhaus der Michels hallte.
Die Teufel sprachen unterfränkischen Dialekt: *___ *___Ich fahr'' nit aus, die anderen auch nit. *___Warum nicht? *___Weil wir nit rausmüsse, he, he. *___Wann werdet ihr ausfahren? *___Dauert noch ei'' Weilche.
Das tragische Schicksal, versichert Thea Hein, sei Anneliese vorherbestimmt gewesen: "Sie wurde verflucht, bevor sie geboren war, im Mutterleib verflucht." Die Frau, die den Fluch ausgestoßen haben soll, ist inzwischen tot.
Ewiger Verdammnis sei Anneliese Michel jedoch nicht anheimgefallen: "Die Jungfrau Maria hat sie gerettet." Auf deren ausdrückliche Bitte habe die junge Frau mit ihrem Tod ein Sühneopfer gebracht, "für das deutsche Vaterland, für die Jugend, für gefallene Priester".
Inzwischen gilt die Verstorbene als Wohltäterin im Himmel. In der Kapelle liegen Zettel mit Gebeten aus: "Anneliese, Du auserwählte Leidensblume, sei meine Fürsprecherin bei Gott und erflehe meine Gnade."
Angeblich bereits vollbrachte Wunder, dar-
* Aus der Danziger Marienkirche.
unter mehrere Heilungen, sind in einem Buch beschrieben, das die Pilger für 18 Mark in der Kapelle erwerben können. Darin schildert unter anderem ein Pater, wie Anneliese bei der Reparatur eines defekten Fotokopierers vom Typ U-BIX 200 RD geholfen hat. Nach drei Gebeten, so der Pater, "begann das Gerät wieder normal zu arbeiten. Danke liebe Anneliese".
Bevor sie zurückfahren, kaufen die meisten Wallfahrer Kerzen mit dem Bild der Toten, fünf Mark kostet das Wachslicht. Die Aufschrift lautet: "Anneliese Michel, bitte für uns."
Hansestadt Hamburg, ein Einfamilienhaus im Stadtteil Poppenbüttel. Beim pensionierten evangelischen Pastor Warner Bruns, 71, ist es so richtig heimelig. An den Wohnzimmerwänden hängen bemalte Teller und Kinderfotos, die altdeutschen Möbel wirken behaglich, die Tischdecke ist handgenäht.
Der Pfarrer, ein freundlicher älterer Herr mit weißen Haaren und milden Gesichtszügen, bittet Besucher auf das mit Kissen verzierte Sofa. Die Pastorenfrau, eine herzliche, bodenständige Norddeutsche, serviert Tee nach ostfriesischem Brauch: erst den Kandiszucker in die Tasse, dann den Tee darüber, zum Schluß die Sahne obenauf.
Spät abends, wenn sie im ersten Stock im Bett liegt, kommen öfter Gäste, die der Pastorenfrau unheimlich sind. Manchmal schreckt sie durch Schreie hoch, die von unten aus dem gemütlichen Wohnzimmer dringen.
"Es sind ganz arme, bedauernswerte Wesen", sagt der alte Pastor über seine späten Besucher. Unglückliche, die einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, ihre unsterbliche Seele an den Leibhaftigen verkauft hätten.
Mit biblischen Verheißungen versucht der Theologe, dem Teufel die Beute streitig zu machen. "Wir Christen nennen es Befreiungsdienst", erklärt er. "Es ist ein furchtbares Ringen."
Früher, als er noch Pfarrer im Stadtteil Eilbek war, kämpfte der Geistliche meist im dortigen Pfarrhaus gegen die höllischen Mächte. Gelegentlich fanden die Befreiungsdienste auch in der historischen Petrikirche am Alten Fischmarkt statt, mitten in der Hamburger City.
Im Wohnzimmer von Bruns suchen heute immer häufiger junge Leute mit schlechtem Gewissen Hilfe. "Satanisten", flüstert der Seelsorger, "die sich mit ihrem Blut dem Satan verschrieben haben." Die Gelübde würden bei schauerlichen schwarzen Messen geleistet, auf Friedhöfen oder nachts im Wald.
Die Hölle, da ist sich Bruns ganz sicher, revanchiere sich mit teuflischem Lohn: verderbliche Macht über andere Menschen, Zugang zu Drogen, ausschweifender, unnatürlicher Sex.
Solche Bindungen ans Böse, klagt der Pastor, könnten nur schwer gelöst werden: "Manche Besucher kriegen Erstickungsanfälle, wenn ich bete, andere fallen einfach zu Boden." Eine Frau habe bei der Anrufung Gottes blutige Striemen an Armen und Beinen bekommen, so, als würde sie ausgepeitscht.
Gelegentlich spreche aus Besessenen der Teufel selbst. "Ich bin Luzifer. Ich habe alle Trümpfe in der Hand. Ich quäle diese Person, sie gehört mir. Ich werde sie niemals loslassen, so wahr ich Luzifer heiße."
"Dagegen bin ich manchmal hilflos", räumt der pensionierte Pfarrer ein. Wenn Besessene, vor allem Satanisten, ohne Befreiung sein Haus verlassen, empfindet er das als schwere Niederlage: "Dann droht ewige Verdammnis."
Frankfurt am Main, Stadtteil Fechenheim, Salzschlirfer Straße 15. In dem gedrungenen Fabrikgebäude aus den sechziger Jahren wurden früher Porno-Heftchen gedruckt. Seit der Betrieb pleite ging, wird dort gesungen und gebetet.
Mitglieder der größten evangelischen Freikirche Frankfurts nutzen die vielen Räume als Kindergärten, Büros oder Andachtsstätten. Wo die riesigen Druckmaschinen montiert waren, stehen heute Stühle für 1000 Kirchenbesucher.
Die Übernahme der Porno-Druckerei empfinden die Freikirchler vom Christlichen Zentrum Frankfurt nur als winzigen Sieg des Guten über das Böse. Sie sind Anhänger der Pfingstbewegung, nehmen die biblischen Aussagen über den Heiligen Geist wörtlich: Sie glauben fest, daß Gesegnete die Zukunft prophezeien und in fremden Zungen reden können. Und sie glauben auch, daß viele moderne Menschen von den Kräften der Hölle beherrscht werden, ohne es zu wissen.
"Unsere Welt ist durch die Sünde in die Abhängigkeit des Teufels geraten", predigt Pastor Rudi Pinke, der 57jährige Kirchengründer. Der Pastor ist ein gelernter Bankkaufmann mit Erfahrungen als Wirtschaftsjournalist und Anlageberater. Nach einem Bekehrungserlebnis gab er seine Karriere auf und wurde Prediger.
Pinke, ein ehemaliger Katholik, hält die Gegenwart des Satans für "genauso real wie die reale Welt. Leider wird das von 98 Prozent der Bevölkerung nicht geglaubt".
Genügend Beweise glaubt Pastor Pinke schon in seinen sonntäglichen Gottesdiensten zu finden. Wenn dort zu Popmusik die Herrlichkeit Gottes gelobt wird, die Gläubigen ihre Arme gen Himmel strecken, laut jubeln, singen und frohlocken, kommt es immer wieder zu Zwischenfällen: Einzelne Kirchenbesucher können die Lobpreisungen nicht ertragen.
"Ich mußte einfach raus", erinnert sich Gemeindemitglied Petra. Die 27jährige Dekorateurin, moderner Kurzhaarschnitt, blonde Strähnen, enge Jeans, rannte bei den Jubelgesängen häufig schreiend weg.
"Mir haben die Ohren weh getan", berichtet Chris, 27. "Plötzlich wurde es dunkel." Mehr als zehnmal mußte man die Krankenschwester ohnmächtig aus dem Gottesdienst tragen.
"Ich spürte eine unheimliche Kraft", behauptet Anja, 29. Die schmächtige Sozialarbeiterin, keine 1,60 Meter groß, schlug beim Hallelujah mehrfach derart ungestüm um sich, daß sie jedesmal von mindestens fünf Männern gebändigt werden mußte.
Pastor Pinke erkannte in allen drei Fällen "Zusammenhänge, die 1996 von der Welt geleugnet werden": dämonische Besessenheit. Und er beschloß, "die Mächte der Hölle im Namen Gottes zu verjagen".
Für die Austreibungen mitten im Frankfurter Industriegebiet gibt es Regeln: Die Kandidaten werden in einem hellen, lichtdurchfluteten Raum auf Matratzen gebettet oder mit Kopfkissen auf den Fußboden gelegt und mit Öl gesalbt, zumeist im Gesicht.
Bevor mehrere Exorzisten gegen den Satan anbeten, sollen die Betroffenen ihre schlimmsten Verfehlungen bekennen. Denn Dämonen, glaubt Pastor Pinke, setzen sich meist im Gefolge finsterer Leidenschaften wie Sucht, Geldgier oder sexueller Ausschweifung in menschlichen Seelen fest: "Dann haben sie ein Recht, sich dort aufzuhalten."
Anja beichtete, ihre Mutter zu hassen. Die hatte zugelassen, daß Anja als Kind von ihrem Stiefvater sexuell mißbraucht wurde. Als Erwachsene brach Anja den Kontakt zur Mutter ab, sprach jahrelang kein Wort mit ihr.
"Der Haß saß wie mit Krallen in Anja drin", erinnert sich der Pastor, "die Dämonen auch." Deren Existenz glaubte der Prediger an "verdächtigen Symptomen" zu erkennen:
Die Sozialarbeiterin konnte den Namen Jesu nicht aussprechen. Und trotz größter Kraftanstrengung schaffte sie es nicht, den Satz zu schreiben: "Ich trenne mich vom Satan und allen seinen Werken." Wenn der Pastor, dessen Ehefrau und andere Gemeindemitglieder um ihre Befreiung flehten, fiel sie in Trance, hörte die Gebete nicht.
Erst nachdem die junge Frau ihrer Mutter einen Versöhnungsbrief geschickt hatte, sah der Pastor Chancen, die Dämonen endgültig zu vertreiben: Er legte Anja seine rechte Hand auf die Stirn, drückte ihr mit der linken ein Kreuz auf die Brust.
"Verschwindet im Namen Gottes", brüllte er. "Raus mit euch, raus! Ihr habt kein Recht mehr, die Anja zu peinigen." Die junge Frau fluchte, rülpste und wimmerte - und wurde dann ganz still.
"Dämonen fliehen meistens durch den Mund", behauptet Pastor Pinke. "Ich habe es oft erlebt." Mal weiche Satan durch Husten, mal durch Gähnen und durch gräßliche, tierhafte Laute. "Oft stinkt es dabei nach Schwefel."
Chris beispielsweise mußte sich übergeben. Nach dreitägigen Austreibungsversuchen quälten sie schmerzhafte Würgekrämpfe, immer wieder.
Zuvor, bei Gebeten oder Segnungen, fiel die Krankenschwester um, wand sich in Zuckungen. "Es war genau so, wie es in der Bibel steht", versichert Pinke. Dort sei beschrieben, wie ein Besessener von Teufeln geschüttelt, gerüttelt und zu Boden geworfen werde.
Laien, die nicht an Besessenheit glaubten, räumt Pinke ein, könnten solche Phänomene allerdings auch als epileptischen Anfall fehldeuten.
Auch bei Chris fanden die Exorzisten Spuren eines Familiendramas: lange unterdrückte, unsägliche Wut auf den Vater, einen Alkoholiker, der Frau und Kinder terrorisiert, bedroht und geprügelt hatte.
"Ich habe den Haß auf jeden Mann übertragen", sagt Chris, "auch auf meinen Ehemann." Erst jetzt, nach ihrer Befreiung, führe sie eine glückliche Ehe.
Bei Petra entdeckte Pastor Pinke "eine schlimme, unheilige Bindung an einen anderen Menschen": die enge Beziehung zu ihrer Zwillingsschwester. "Wir sind nicht zwei Personen", schilderte ihm Petra, "wir sind eins. Wir haben einen Geist."
Nach Überzeugung des Frankfurter Exorzisten war es ein böser Geist: Beide Mädchen begannen zu trinken, schluckten und rauchten Drogen, stürzten sich in zahlreiche flüchtige Liebesabenteuer. Beide mußten wegen Depressionen in psychiatrische Kliniken, beide versuchten, sich umzubringen.
"Der Teufel hatte größtes Interesse, daß die Schwestern verkettet blieben", berichtet der Pastor. Beim Ringen um Petras Seele, bei nächtelangen Sitzungen hätten die Exorzisten den scheußlichen Grund erkannt. Pinke: "Wir sahen plötzlich die beiden Embryos bildhaft vor uns, und es war noch etwas Böses, Dunkles im Mutterbauch."
Die Zwillinge, schlossen die Dämonenvertreiber, seien noch vor ihrer Geburt dem Teufel verschrieben worden, vermutlich von der eigenen Mutter.
Pastor Pinke kniete nieder und betete: "Ich bringe das Blut Jesu Christi, das jede Bindung löst und die stärkste Substanz im Universum ist, zwischen Petra und den Teufel. Und ich trenne die beiden Zwillingsschwestern im Namen Jesu."
Das Ausfahren der Dämonen will Petra erlebt haben "wie eine Geburt, so schmerzhaft, so erlösend". Sie schrie stundenlang - und empfand danach heftige Glücksgefühle: "Oh, es war wie Urlaub, Erholung, Segeln im Wind."
Ihrer Zwillingsschwester, die keine gläubige Christin ist und nach Überzeugung der Exorzisten noch wie eine Marionette an den Strippen des Teufels hängt, hat Petra nichts von ihrer Befreiung offenbart. Sie ist unschlüssig, wie sie beginnen soll: "Ich kann doch nicht sagen, hör mal zu, du bist vom Satan besessen."
Ich fahr'' nit aus, die anderen auch nit.
Warum nicht?
Weil wir nit rausmüsse, he, he.
Wann werdet ihr ausfahren?
Dauert noch ei'' Weilche.
* In einer Privatkapelle in Klingenberg. * Aus der Danziger Marienkirche.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 49/1996
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