04.03.2013

KARRIERENVorzugsweise weiblich

Nach seinem Abgang bei RWE war es ruhig geworden um Jürgen Großmann. Nun drängt es den Ex-Chef zurück in die erste Liga der Konzerne.
Es war ein Auftritt ganz nach dem Geschmack von Jürgen Großmann, 61. An der rechten Seite die blonde Filmschauspielerin Veronica Ferres, zur Linken der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger. So empfing der deutsche Selfmade-Milliardär beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos internationale Politiker und Manager zu seinem traditionellen Hummeressen. Bester Laune, berichten Teilnehmer, sei Großmann gewesen. Und als Gastgeber des Abends stand er im Mittelpunkt des Interesses.
Das war nicht oft so in den vergangenen Monaten. Seit Großmann im Frühsommer letzten Jahres seinen Chefsessel bei RWE in Essen räumen musste, ist es still geworden um den wortgewaltigen Manager. In Berlin, wo Großmann früher gerngesehener Gast bei Verbänden und Ministerien war, taucht er nur noch selten auf. Ex-Kollegen aus großen Konzernen halten Distanz.
Mit dem letzten Dinosaurier der Energiebranche, wie Großmann wegen seiner unkritischen Haltung zur Atomtechnologie und seiner Zweifel am Klimawandel genannt wurde, wollen die meisten früheren Freunde aus Politik und Wirtschaft plötzlich nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Zu barsch und undiplomatisch erschienen ihnen sein damaliger Umgang mit der Bundesregierung und seine Art, Unternehmen zu kontrollieren und zu führen.
Der Bedeutungsverlust macht Großmann offenbar zu schaffen, es drängt ihn zurück auf die große Bühne. Seit Wochen arbeitet er deshalb an seinem Wiederaufstieg in die Deutschland AG. Zwei einflussreiche Aufsichtsratsposten hatte er im Visier: einen bei Deutschlands größtem Bergbaukonzern RAG, den anderen beim bald börsennotierten Essener Chemieriesen Evonik. Den Anspruch auf die Posten leitete Großmann aus seiner Funktion als Vorsitzender des Kuratoriums der RAG-Stiftung ab. Die hält an beiden Unternehmen die Mehrheit, ist mit vielen Milliarden Euro ausgestattet und dürfte als Großinvestor demnächst eine wichtige Rolle in der deutschen und nordrhein-westfälischen Industriepolitik spielen.
Die Aufgabe scheint wie geschaffen für Großmann. Das Problem ist nur: Als Vorsitzender des Kuratoriums hat er in der Stiftung wenig zu sagen. Deren Chef ist der machtbewusste Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller. Und der ließ in den vergangenen Monaten keine Zweifel daran aufkommen, wie die Aufgaben zwischen ihm und dem ehemaligen Stromboss aus Essen verteilt sind.
Mit der Statistenrolle jedoch wollte sich der ehemalige RWE-Chef offenbar nicht abfinden. In einem Schreiben an Müller verlangte Großmann, ihn bei einer Neubesetzung des Aufsichtsrats in den beiden Firmen gebührend zu berücksichtigen. Ton und Formulierung des Schreibens wurden allerdings nicht nur in der Stiftung, sondern auch bei den beteiligten Unternehmen als "eher dreist" (ein Insider) empfunden. Entsprechend kühl fiel die Reaktion aus.
Evonik-Chef Klaus Engel teilte mit, dass es in seinem Chemiekonzern einen unabhängigen Nominierungsausschuss gebe, der sich mit solchen Fragen beschäftige. Müller und seine Vorstandskollegen in der Stiftung ließen sogar ein Rechtsgutachten anfertigen, um sicherzustellen, dass Großmann aus seiner Funktion im Stiftungskuratorium auch wirklich keine Ansprüche auf einen Aufsichtsratsposten ableiten kann. Das Ergebnis war aus ihrer Sicht eindeutig. Einen Rechtsanspruch gebe es nicht, stellten die Gutachter fest. Und so winkte auch Müller endgültig ab.
Trotzdem, so Großmann auf Nachfrage, bleibe zu diskutieren, ob die Kontrolle der Unternehmen nur durch den Vorstand der Stiftung oder auch durch das Kuratorium wahrgenommen werden sollte. Für ihn ist die Absage unangenehm, denn auch bei anderen wichtigen Konzernen, wie seinem ehemaligen Arbeitgeber RWE oder dem Autobauer Daimler, ist er bislang nicht im Kontrollgremium vertreten. Im Fall von RWE ist ein Wechsel vom Chefsessel in den Aufsichtsrat satzungsmäßig für eine gewisse Periode ausgeschlossen. Bei anderen Dax-Unternehmen hat sich das Anforderungsprofil für solche Posten gewaltig verändert. Gesucht würden hochqualifizierte und international erfahrene Kräfte, vorzugsweise weiblich, heißt es in den Personalabteilungen. In dieses Schema passt Großmann nicht mehr hinein. Er habe sich, sagt Großmann, für solche Posten auch gar nicht ins Spiel gebracht.
Tatsächlich hat der Manager seine Bemühungen ein Stück weit verlagert. Nun will er Europa retten. Der Kontinent stecke in einer "tiefgreifenden Krise", heißt es in einem Konzeptpapier, das er an hochrangige Manager verschickt hat.
Um das zu ändern, so Großmann, bedürfe es einer völlig neuen "Plattform", einer Institution ähnlich dem legendären Club of Rome, wo "große Persönlichkeiten" zusammenkamen, eine "große Idee" entwickelten und sie dann auch mit "großer Schlagkraft" vermarkteten. Dafür, so Großmann, bitte er um finanzielle und personelle Unterstützung.
Großmann scheint es wirklich ernst zu meinen mit diesem Anliegen. Ob der Manager jedoch genügend Persönlichkeiten für seine neue Idee begeistern kann, ist offen. Für manchen Ex-Kollegen klingt der Plan bislang noch wie eine Stellenausschreibung in eigener Sache.
Von Frank Dohmen

DER SPIEGEL 10/2013
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