16.12.1996

ZeitgeschichteEin unfreiwilliger Comic

Neugierig betrachteten die Besucher des Museums für Deutsche Geschichte im Berliner Zeughaus Unter den Linden die jüngste Errungenschaft des ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates: den Handstaubsauger Purimix, eine sozialistische Weltneuheit. Als er im Oktober 1959, zum zehnten Jahrestag der Gründung der DDR, in einer stolzen Leistungsschau gezeigt wurde, war er ein Symbol des unaufhaltsamen Fortschritts zwischen Görlitz und dem Kap Arkona.
Man konnte mit ihm nicht nur Krümel saugen, sondern auch Kaffee mahlen und Kuchenteig rühren. Die technische Vielseitigkeit des Geräts entsprach, so die Botschaft, der allseitigen Entwicklung des sozialistischen Menschen.
37 Jahre später ist das rührende Wunder als Fotodokument der Zeitgeschichte wieder zu sehen - in einer Ausstellung des 1987 in der alten Bundesrepublik gegründeten Deutschen Historischen Museums, das seit der Wiedervereinigung 1990 im Berliner Zeughaus residiert. Titel der Rückschau: "Parteiauftrag: Ein neues Deutschland. Bilder, Rituale und Symbole der frühen DDR"*. Ironie der Geschichte: Fast alle der rund 700 Exponate stammen aus dem beinahe vergessenen Fundus des ehemaligen DDR-Museums.
Auf knapp 900 Quadratmetern entfal-
tet sich nun das Panorama der Jahre 1945
* Ausstellung im Berliner Zeughaus, Unter den Linden 2; vom 13. Dezember 1996 bis 11. März 1997. Der Katalog mit vielen Illustrationen, im Verlag Koehler & Amelang erschienen, hat 496 Seiten und kostet 58 Mark (im Buchhandel 98 Mark).
bis 1961, von den ersten Tagen der Sowjetzone bis zum Mauerbau. Dabei geht es nicht um die tatsächliche Frühgeschichte des DDR-Sozialismus, sondern um dessen ästhetische Inszenierung, nicht um den Alltag der Menschen, sondern um verordnete Leitbilder und Embleme der politischen Propaganda.
Von Anfang an, so zeigen Originalplakate, Banner, Abzeichen, Ölgemälde und Bronzebüsten, verfolgte die SED ein Ziel: den Aufbau eines politischen Gesamtkunstwerks, die Corporate Identity eines sozialistischen Deutschland.
Die Formensprache dieses offiziellen Staatsdesigns, das vom kleinsten Wimpel bis zur monumentalen Statue reichte, bediente sich dabei nicht nur aus dem brüderlichen Arsenal der ideenreichen Sowjetunion, was in Berlin auch alte Wochenschauen und Propagandafilme belegen: Wenige Jahre nach der Katastrophe des Nationalsozialismus entstanden im Auftrag der Abteilungen für Agitation und Propaganda beim ZK der SED Bildmotive und Ereignisdramaturgien, die der faschistischen Ästhetik äußerst nahe kamen, zuweilen gar wie Kopien der NS-Ikonographie wirkten.
Es war, als habe es die Reichsparteitage der NSDAP mit ihrer stählernen Gigantomanie, ihren endlosen Marschsäulen, monströsen Lichtdomen und verschmelzungssüchtigen Appellen an die Volksgemeinschaft nicht gegeben. Ungeniert inszenierten die Herren des neuen antifaschistischen Deutschland wiederum Massenaufmärsche, Pimpfenumzüge, Fackelkolonnen, heilige Gelöbnisse und Verpflichtungen wie weiland nach 1933.
Beim Deutschlandtreffen der Jugend 1950 etwa nahmen die Vorbeimärsche an hochaufragenden Tribünen kein Ende, versank die "Jugend der Welt" im Meer der Fahnen, als sie den Genossen Stalin hochleben ließ und am Mahnmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten "ihr Haupt in Dankbarkeit neigte".
Im Walter-Ulbricht-Stadion formten Tausende junger Volkskörper, wie ein alter Defa-Film anschaulich in Erinnerung ruft, ein wogendes Getreidefeld, durch das, purzelbaumschlagend, echte Traktoren, Sinnbilder der motorisierten Produktivität, auf dem Weg zur nächsten Rekordernte rollten.
Anfang und Ende der sozialistischen Utopie, Anfang und Ende der DDR aber war das Politbüro der SED. So steht der erste, 1949 aus edlem Holze gezimmerte Tisch, um den sich die Mächtigen versammelten, am Beginn des Rundgangs durch das Panoptikum einer großen Illusion.
Am Kopf des ovalen Originalmobiliars thronte der frühere Tischlergeselle Wilhelm Pieck, 1918 Mitbegründer der KPD, nun Staatspräsident der DDR. Daneben Ministerpräsident Otto Grotewohl, der 1946 die sozialdemokratische Hand zum Einheitsbund der SED gereicht hatte: Jetzt saß er, historische Symbolik zum Anfassen, am handgefertigten ausfahrbaren Katzentisch. Neben ihm der unscheinbare Stuhl des wahren Machthabers, das unvergeßliche Antlitz der Deutschen Demokratischen Republik, die ewig sächselnde Stimme der DDR: Walter Ulbricht.
Am Ausgang der nach Themen geordneten Vitrinenlandschaft voller Devotionalien der Friedensliebe und des Thälmannkults, der nationalen Einheitspropaganda und des nimmermüden Kampfes an der volkseigenen Arbeitsfront fängt sich der Blick in einem Tunnel, an dessen Ende die einzige naturalistische Eigeninszenierung der Ausstellung prangt: Mauer und Stacheldraht im Gegenlicht. Es hätte nicht dieser martialischen Nachstellung einer bösen Wirklichkeit bedurft, um die komische Tragik und die tragische Komik dieser Geschichte zu illustrieren, die sich in der lähmenden Farce verlor.
Die Ballung der Objekte selbst erzeugt eine Atmosphäre objektiver Ironie, die mit dem tiefen Pathos des realsozialistischen Großversuchs auf Kriegsfuß steht - in einem Spannungsverhältnis, das sich in lautem Lachen, ungläubigem Staunen, bei Zeitgenossen womöglich in schmerzhaften Gefühlsregungen äußert.
"Du sollst helfen, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen", hieß eines jener "Zehn Gebote der Sozialistischen Moral", die in den fünfziger Jahren zur Tat riefen. Aber auch: "Du sollst sauber und anständig leben und Deine Familie achten."
Nicht achten, sondern bekämpfen aber sollten die braven neuen sozialistischen Menschen die unanständige, reaktionäre und amerikahörige Adenauerregierung, den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, der das KZ knapp überlebt hatte, die Großkapitalisten und Kriegstreiber: "Weg mit dem Dreck!" tönt es vom Großplakat zwischen Besen und Kehrichtschaufel, als hätte es das Schmuddelbild vom jüdischen Ungeziefer nicht gerade eben noch gegeben.
"Von den Sowjetmenschen lernen heißt siegen lernen!" Ein roter Ozeandampfer durchpflügt die aufgewühlte See, treibt auf der Bugwelle den imperialistischen Abschaum vor sich her: "Aus dem Wege, Ihr Kriegsbrandstifter!" schallt es von Bord.
Die deutschnationalen Fanfaren der SED-Propaganda in den fünfziger Jahren gleichen bis aufs Wort jenen Parolen, die die Rechtsradikalen der neunziger Jahre, von Schönhuber bis Le Pen, verbreiten: "Korea den Koreanern, Deutschland den Deutschen!" fordert ein Kampfplakat aus dem Jahr 1950.
Die Kehrseite der Feindaufklärung war die Beschwörung der Heimatfront. Da sollte "jeder deutsche Patriot" beim Neuaufbau Berlins helfen und von dem überall herumgereichten Planübererfüllungshelden Hennecke lernen, um die "Kollektivförderung" im Bergbau zu steigern. Jede Kelle Mörtel war ein Dienst am Frieden, jede Nachhilfestunde Russisch eine weitere Festigung der unverbrüchlichen Freundschaft mit dem heldenhaften Brudervolk.
Kein Lebensbereich blieb vom Trommelfeuer der befohlenen Begeisterung verschont, die sich in immer neue Höhen zu schwingen hatte. Die maßlosen Lügen und Übertreibungen entsprachen einer Ästhetik modernistischer Naivität, die auch in der westdeutschen Auto- und Persil-Werbung jener Jahre auftaucht. Während sich die einfältigen Züge des Fortschrittskults im Westen jedoch wesentlich auf die Wirtschaft beschränkten und immerhin zu wirklicher Wohlstandsmehrung führten, blockierten sie im Osten noch die letzten Reste kritischer Selbstbeobachtung.
Im Westen wurde das Wirtschaftswunder zur besten Propaganda der Marktwirtschaft, im Osten änderten auch die frenetischsten Bekenntnisse - "Ich erfülle den Fünfjahresplan in einem Jahr" - nichts daran, daß bis 1961 mehr als drei Millionen Menschen das Gebiet der DDR verlassen hatten.
Das Scheitern des sozialistischen Aufbruchs war keine Frage einer mißglückten PR-Arbeit der staatlichen Agitprop-Agentur Dewag und der folgende Wechsel von deutschnationaler zu internationalistischer Rhetorik nicht die Ursache der weiteren Abschottung von der Realität, sei sie ökonomisch oder gesellschaftlich: Das ganze Konzept DDR im Rahmen der Ost-West-Konfrontation nach 1945 entsprach jener Erfindung einer Pseudogesellschaft, die Hannah Arendt für alle Formen des Totalitarismus ausgemacht hat.
Sie neigen zwangsläufig zum geradezu kafkaesken Ausschluß jeder handgreiflichen Logik, vor allem jeder nachprüfbaren Wirklichkeit des menschlichen Zusammenlebens. Als rigoros geschlossene Systeme simulieren sie eine Einheit von Partei, Staat und Volk, die keine Vermittlung mehr kennt außer den Mechanismen der Herrschaft und ihrer Propaganda. Individualität und soziale Intelligenz können sich allenfalls in Nischen behaupten.
Die Bildsprache dieses zugleich hochkomplizierten und äußerst simplen Systems ist stets eine Mischung aus Kitsch und Terror, spießiger Heile-Welt-Ästhetik und Drohgebärde, Harmonieversprechen und Ausgrenzungshysterie.
Am Ende des 20. Jahrhunderts wirkt die politische Semantik des Staatssozialismus nicht zufällig wie ein riesiger Comic, wie eine unfreiwillige Satire auf das geschichtsmächtige Bedürfnis nach visionärer Erlösung, totaler Herrschaft und williger Unterwerfung.
In einem kleinen Schaukasten, gegenüber der goldenen Losung auf samtrotem Grund - "Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift" -, stecken ein Dutzend DDR-Fähnchen in schnurgerader Ausrichtung. Wenn der Museumsbesucher den elektronischen Bewegungsmelder passiert, fangen sie an, im Kreis zu tanzen, ganz sachte - absurd wie das unaufhaltsame Fortschreiten der Menschheit.
* Ausstellung im Berliner Zeughaus, Unter den Linden 2; vom 13. Dezember 1996 bis 11. März 1997. Der Katalog mit vielen Illustrationen, im Verlag Koehler & Amelang erschienen, hat 496 Seiten und kostet 58 Mark (im Buchhandel 98 Mark).
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 51/1996
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